Die 80er Jahre: Die besten Thriller des Jahrzehnts III

Wir werden international in unserer dritten 80er Thriller-Retrospektive. War der letzte Artikel noch von amerikanischen Genre-Beiträgen geprägt, beweisen nun Frankreich, Japan und Australien, dass auch sie ihr Publikum in Atem halten können. Mit Todesstille demonstriert Phillip Noyce eindringlich, wie viel sich aus einer minimalistischen Disposition und den richtigen Spannungsmomenten herausholen lässt, mit seinem Alterswerk Auf Liebe und Tod verbeugt sich François Truffaut mit einem Augenzwinkern vor dem Film Noir und den Krimis der Nouvelle Vague, während der ebenfalls aus Frankreich stammende Le Prix du Danger weit Richtung Zukunft weist und als besserer Running Man unter Beweis stellt, wie sich eine Science Fiction Dystopie realistisch und zeitnah, gegenwärtig erzählen lässt. Und dann gibt es natürlich noch Takeshi Kitano mit Violent Cop, der bereits in den 80ern wusste, wie sich Crime, Drama und abartige Komik perfekt kombinieren lassen. Ergänzt wird das Quartett durch den amerikanischen Romance-Krimi The Big Easy, der sich mit Charme und einer tollen Geschichte ins Herz seines Publikums spielt. Nach dem Klick gehts los…

The Big Easy – Der große Leichtsinn [Jim McBride]

(USA 1987)

Korruption war in den 80ern ein im Genre gern gesehener Topos. Auch war es nicht unüblich, die Korrupten selbst zu den Protagonisten zu machen und ihren Werde- bzw. besser gesagt Niedergang in Thrillerform mitzuverfolgen. Ungewöhnlich an The Big Easy ist, dass er einen korrupten Cop nicht nur zum Helden seiner Handlung macht, sondern statt eines Niedergangs konsequent die Möglichkeiten einer Moralität hinter dem Amoralischen auslotet und dabei nicht nur einfach eine Wandlung forciert sondern darüber hinaus eine konsequent plausible Charakterzeichnung aufbaut. Dabei bleibt der Hybrid aus Krimi und Liebesfilm stets charmant und konzentriert sich voll und ganz auf seine ebenso realistische wie mitreißende und nicht selten einfach nur unterhaltsame Geschichte. Ein toller Spagat zwischen Spannung, Drama, Erotik, Style und raffiniert subtilem Humor. Oder wie Gene Siskel sagte: Der perfekte New Orleans Film.

Todesstille [Phillip Noyce]

(Australien 1989)

Weniger charmant, weniger humorvoll, dafür aber umso bedrückender und spannender ist der australische Genre-Beitrag gegen Ende der Dekade. Todesstille lebt voll und ganz von seiner klaustrophobischen Grundstimmung und dem allmählichen Anziehen der Daumenschrauben, bis der Zuschauer voll und ganz von der düsteren Handlung in Beschlag genommen wird. Thrill ist hier tatsächlich noch wörtlich zu nehmen, als brutaler Schauer, der sein Publikum früh erfasst, nicht mehr loslässt und mit dem es ihn schließlich bis zum Ende der spannungsgeladenen Geschichte foltert. Gerade die Beschräänkung des Handlungsortes auf ein einfaches Segelboot und die Beschränkung der Protagonisten auf drei Personen sorgen dafür, dass der Horrortrip voll und ganz seine immersive Spannung entfalten kann. Einer der effektivsten Thriller, die die 80er Jahre hervorgebracht haben.

Auf Liebe und Tod [François Truffaut]

(Frankreich 1983)

Zurück zum Charme und Augenzwinkern… Beides ist bei Nouvelle Vague Altmeister Francois Truffaut praktisch vorprogrammiert. Auch mit Auf Liebe und Tod präsentiert sich dieser als großer, sympathischer Humanist des Genres: Anhand einer klassischen Who-dunnit-Handlung entwickelt Truffaut ein raffiniertes Spiel um Verdächtigungen, Vertrauen und vor allem traditionelle Film Noir Ermittlungen, die – umso charmanter – nicht von einem Mann sondern primär von einer Frau vorgenommen werden. Diese darf dann auch, ohne jemals ihren Humor, ihren Instinkt und ihre Schlagfertigkeit zu verlieren, durch zahllose Zitate und Reminiszenzen dem Handwerk eines Noir-Detektiven der alten Schule nachgehen, sich in zwielichtigen Milieus herumtreiben und mit “Homme Fatales” in Kontakt kommen. Eine raffinierte Neuaufstellung des Genres und ein letztes wundervolles Lebenszeichen des Großmeisters.

Kopfjagd – Preis der Angst [Yves Boisset]

(Frankreich, Jugoslawien 1983)

Das Genre als Leinwand der Medienkritik: Le Prix du Danger, hierzulande als Kopfgeld oder Preis der Angst bekannt ist der perfekte Kontrapunkt zum simplen Actioneer Running Man, aber auch zur satirischen Dystopie Das Millionenspiel aus Deutschland. Wie in den beiden Science Fiction Kontraparts geht es auch hier um eine tödliche Spielshow, um den Kampf um das eigene Leben vor einem Millionenpublikum. Boisset hält sich dabei aber nicht mit stupiden Action-Gimmicks auf, sondern inszeniert einen furiosen Thriller, in dem die gesellschafts- und medienkritischen Töne peu à peu an Stärke gewinnen, bis der Reißer schließlich zum tragischen Abgesang auf die Macht der Unterhaltungsmedien wird. Dabei findet der Preis der Angst weitaus besser als das Millionenspiel die richtige Mischung aus Spannung, Action und kritischen Zwischentönen, verliert sich nicht in satirischen Spitzen und bleibt so stets plausibel und mitreißend. Wie der – ebenfalls empfehlenswerte – deutsche Film basiert dieser Thriller auf der amerikanischen Kurzgeschichte The Prize of Peril von Robert Sheckley.

Violent Cop [Takeshi Kitano]

(Japan 1989)

Takeshi Kitano ist ein Meister darin, die Grenzen zwischen gut und böse aufzulösen… am konsequentesten ist er darin immer, sobald er in einer ersten Bewegung sämtlichen Charakteren – ganz gleich ob Protagonist oder Antagonist – die Menschlichkeit raubt, nur um dann sukzessive zu entlarven, wie menschlich doch die fortan praktizierte Unmenschlichkeit ist. Ja, das ist ganz schön deprimierend, und diesbezüglich macht auch Violent Cop keine Ausnahme. Statt eines glatten Helden oder eines 08/15 Antihelden porträtiert Kitano hier einen gewaltbereiten, brutalen, bis zur Lüge und zum Mord gehenden Polizisten, der sich dem Milieu, gegen das er ermittelt, perfekt angepasst hat. Auch der Rest des Casts ist sorgsam damit beschäftigt, die dunkelsten Seiten des Menschen hervorzukehren: Korruption, Mord, Vergewaltigung… und doch ist zwischen den verstörend rohen, verstörend von elektronischer Musik angepeitschten, verstörend zynisch kalten Bildern immer ein Schuss Ironie, ein kleines – wenn auch perverses – Augenzwinkern zu vernehmen. Violent Cop ist ein spezieller Thriller, ein unmenschlicher, grausamer Thriller, aber auch eine Karikatur, ein überspitztes Meisterwerk des Abseitigen, Abartigen, unglanzvoll menschlich allzu Menschlichen.


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