Hörenswertes, Januar 2014: Sunn O))) & Ulver, Blank Realm, A Silver Mt. Zion, Xiu Xiu, Dum Dum Girls, Billie Joe and Norah Jones

Das Jahr 2014 startet groß… richtig groß. Bereits der Januar kann es locker fast im Alleingang mit 2013 aufnehmen und ich komme gerade gar nicht hinterher beim Reinhören in die ganzen fantastischen Alben, die hier durch den Stream rauschen. Und fuck ja, ich weiß, es ist schon Februar… und dann hat sich hierher auch noch mit Billie Joe und Norah Jones ein 2013er Output verirrt. Der hat mir den letzten Monat allerdings – trotz ein wenig zu braver Befriedung des Everly Brothers Klassikers “Songs our Daddy taught us” – mehr als einmal versüßt hat. Ansonsten gibt es in diesem Hörenswert-Artikel allerdings nichts aus der 13er Dose: Stattdessen neue Postrock-Highlights der Silver Mt. Zion, düstere Drone-Reisen in der Sunn O))) & Ulver Kollaboration, konfusen Retro Indie/Psychedelic-Rock von Blank Realm, Anti-Pop von Xiu Xiu und Pro-Pop von den Dum Dum Girls.

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – Fuck Off Get Free We Pour Light On Everything

(Constellation, 17.01.2014)

Puh… um ehrlich zu sein, ist meine erste Frage bei einem neuen Zionisten-Alben erst einmal “Und welche Bandnamen-Variation darf es heute sein?”. Ehrlich ich habe den Überblick verloren. Mal wird aus einem einfachen unbestimmten Artikel ein verschnörkeltes “Thee”, mal mit, mal ohne orchestrale Erweiterung, und im schlimmsten Fall darf dann auch noch eine Tralala-Band vorbeischauen. Während sowohl Band- als auch Albennamen immer noch für Verwirrung sorgen, weiß ich mittlerweile wenigstens, worauf ich mich bei neuen Kompositionen der Montrealer musikalisch freuen darf: The fucking best Postrock Experience since Godspeed You! Black Emperor! Und das ist auch 2014 wieder der Fall! Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, mich in Superlative zu steigern: Die fantastischen Arrangements der ausufernden Postrock-Hymnen? Die gekonnte Mischung zwischen apokalyptischem Pathos und schnoddrigem Augenzwinkern? Die Dichte? Die Gewalt, mit der die Soundkollagen auf den Hörer einbrechen? Oder doch die Experimentierfreude und der überbordernde Eklektizismus, der A silver Mt. Zion auszeichnet?

Wieder einmal gelingt es den Kanadiern das Genre “Postrock” nicht als Eingrenzung sondern als Aneinanderreihung grenzenloser Uferüberschreitungen zu begreifen: Da wird munter in elegischem Prog gebadet, da wird auch mal die pathetische Metal-Keule hervorgekramt… und natürlich lauert wie immer der Punk hinter jeder Ecke. Dass das Orchestra schon immer die Punk-Kapelle unter den Postrockern waren, ist ja nichts neues, dieses Mal schleudern sie dem Hörer passenderweise gleich ein “Fuck Off!” entgegen, nicht nur titeltechnisch sondern auch musikalisch, zeigen keine Angst vor subversiven Folk-Dekonstruktionen, fast schon sentimentalen Ruhe-Interruptionen und verzweifelten, selbstverletzenden Soundeskapaden. In seiner Gänze schlittert das Album dann zwischen Punk, Prog, Post, Psychedelic und Klassik hin und her, dass es eine wahre Freude ist. Wie immer für den Einstieg nicht unanstrengend und zugleich als musikalischer Gesamtkosmos höchst stimulierend, befreiend und einfach nur mitreißend. Auch 2014 gilt: Meilenweit von der Postrock-Konkurrenz entfernt, nach wie vor in einer eigenen Liga spielend und bereits im Januar ein heißer Anwärter auf mein persönliches Album des Jahres.

Billie Joe and Norah – Foreverly

(Warner, 22.11.2013)

Es war einmal im Jahre 1958 ein Album der Everly Brothers, das auf den wundervollen Titel “Songs our Daddy taught us” getauft wurde und ganz im Gegensatz zu den Rock N Roll Trends der damaligen Zeit voll und ganz auf verschrobenen, minimalistischen Folk setzte, mit dem die Zeitgenossen wenig, die kommenden Generationen dafür umso mehr anfangen konnten. Es waren einst der Billie Joe von den Pop-Punkern Green Day und die Contempary-Jazz Bestsellerin Norah Jones, die beschlossen dem einst verkannten Kleinod ein Denkmal zu setzen… Und Foreverly ward geboren. So viel zu den märchenhaften Eckdaten; was an Foreverly dann tatsächlich überrascht, wie wenig die Verpoppung durch Joe und Jones dem Klassiker anhaben kann. Ob uns Foreverly lehrt, dass dieser Folk-Klassiker schon immer Pop war? Ob es uns lehrt, dass gute Songs gute Songs sind, ganz gleich ob im Folk oder Pop-Gewandt? Oder ob es uns lehrt, dass eine Pop-Generalüberholung durchaus Sinn machen kann? Eigentlich ist das in diesem Fall nicht so wichtig. Natürlich sind die alten Stücke hier glattgebügelt, natürlich fehlt der Charme des zusammen- und gegeneinander arbeitenden Stimmpaares der Brüder; dafür bietet Foreverly aber wundervollen, lässigen Country-Pop mit viel Folk-Charme und gechilltem Americana-Pathos. Mag nicht ans Original herankommen, dieses aber einer neuen Hörerschicht auf ganz neue Art nahe bringen. Und dafür hat es durch und durch seine Existenzberechtigung. Schöne Musik für schöne Stunden.

Blank Realm – Grassed Inn

(Fire, 17.01.2014)

Ebenfalls nostalgisch, aber alles andere als glattgebügelt kommt der Lo-Fi Indie Rock von Blank Realm auf Grassed In daher. Hinter kleinspurigen Schrammelgitarren, unbeeindruckten Rock-Zerkratzungen und Lazy Soundsnippets verbergen sich charmant unaufgeregte “Less is more”-Ohrwürmer, die gar nicht erst versuchen, zu verbergen, dass sie gerne im samtigen Untergrund der 60er und 70er Jahre baden, zusammen mit den Rock N Roll Zombies durch die Nacht streifen und dabei die Ärsche der akustischen Jugend der späten 80er treten. Die Zeitreise durch drei bis vier Jahrzehnte Rock/Psychedelic/Noise und Indie-Geschichte gelingt, nicht zuletzt auch deswegen, weil Blank Realm es sich ganz bequem machen im Sessel ihrer Vorbilder und gar nicht erst versuchen mehr zu sein als astreiner, ordentlich zerschretterter Rock mit Lazy Days Attitüde. Bei so viel Relaxtheit kann das Emotionale, vielleicht auch das avantgardistische Moment hin und wieder etwas ins Hintertreffen geraten, aber während das geschieht, wippen wir schon allzu zufrieden mit unseren Köpfen und schaukeln im Marihuana-Sound der charismatischen Australier. Notiz für später: Nachsehen, wie man das Kiffer-Pendant zum Volksmusik-Schunkeln nennen könnte. Notiz für noch später: Weed-Umnebelung abschütteln und wieder im Hier und Jetzt ankommen.

Dum Dum Girls – Too True

(Cargo, 31.01.2014)

Fuck! Pop! Mit “Only in Dreams” haben mich die Dum Dum Girls anno 2011 komplett verzaubert, um den Finger gewickelt und mit zahllosen Ohrwürmern zurückgelassen. Diese garstig glänzende Mischung aus Postpunk, Shoegaze, Pop und Pop und Pop war einfach zu groß, um mich kalt zu lassen. Und anno 2014? Noch mehr Pop, noch mehr Glanz und leider ein bisschen weniger Garstigkeit. Ohrwürmer haben die amerikanischen Dream Popperinnen auch in diesem Winter wieder im Gepäck, verlassen sich dabei aber vielleicht doch ein bisschen zu sehr auf ihre bezaubernden Melodien, auf ihre Affinität zum eingängigen, harmonisierten Sound, auf den Spaß am schillernden Pop zum Sonnenaufgang. Das macht wegen der nach wie vor erkennbaren Spielfreude und den eben doch wieder verdammt verführerischen Songs eine Menge Spaß, geht aber oft in der softrockigen Ü30-Portionierung ein wenig in die Knie. Ja, doch… Unterwältigung trifft es hin und wieder schon ein wenig. Andererseits braucht es manchmal einen Sound für lange Autofahrten, einen Sound, der nicht wehtut, der auch mal im Hintergrund verschwinden und wieder lächelnd auftauchen darf. Das haben die Dum Dum Girls nach wie vor drauf und dafür sind sie 2014 auch bestens geeignet.

Sunn O))) & Ulver – Terrestrials

(Southern Lord, 07.02.2014)

Zwei Bands, drei Songs, 30 Minuten Stärken-Mixtur… ein wenig wirkt Terrestrials so, als würden sich Sunn O))) und Ulver in einer Reanimation des großartigen “In The Fishtank”-Prinzips versuchen, indem sie eine gemeinsame EP, irgendwo zwischen Demo, Experiment und epischer Breite veröffentlichen. In diesem Fall geht das Split-Prinzip auf: Das beste aus Avantgarde-Metal, Experimental-Rock, Doom, Drone und allen schwarzen Slow-Spielarten zusammen- und in atmosphärische Breite zu überführen, ist aber auch eine durchaus dankbare Aufgabe. So streifen die Genre-Größen auf ihrem gemeinsamen Weg klassische Drone-Szenarien, tangieren hier und da postmoderne Black-Metal-Auswüchse und verschwinden schließlich als Einzelkünstler vollkommen in einem epischen, dunkel-ambientösen Soundteppich. Abtauchen ist hier auch für den Zuhörer Pflicht, der jederzeit mit der Frage konfrontiert wird, ab welchem Punkt ein zu viel an Eingängigkeit die atmosphärische Reise zerstören könnte, bzw. ab wann ein zu wenig an Musikalischem den Trip zum langsamen Sterben verurteilt.

Gott sei Dank legen Sunn O))) und Ulver während der gemeinsamen Fahrt nicht nur eine Menge Spielfreude an den Tag (oder an die Nacht) sondern auch eine gewisse Lust zum Experimentieren über die Genre-Grenzen hinaus. Western Horn wird so zum mäandernden Staubfänger, mit dem auch Fantomas-Hörer ihre Freude haben; und das abschließende Eternal Return tingelt zu sexy Düster-Jazz und 80’s Score, indem es wunderbar elegant zwischen Twin Peaks und Bohren & der Club of Gore oszilliert. Hier darf dann sogar Kristoffer Rygg seine gewaltigen, beeindruckenden Stimmbänder tanzen lassen, was allerdings fast schon wie eine störende Interruption in den sonst rein instrumentalen, rein atmosphärischen Soundgefilden wirkt. Gerade der Abschluss der EP ist beinahe zu viel Song, zu viel Cave, zu viel Goth-Träumerei. Sei es drum. Terrestrials ist eine verdammt starke, verdammt betörende und unheimlich wohltuende Drone-Kollaboration, die ich mir – nach der viel zu kurzen Spielzeit – sehr gerne auf Albenlänge wünschen würde.

Xiu Xiu – Angel guts: red classroom

(Rough Trade, 31.01.2014)

Die Suche nach dem perfekten Song ist DAS Leitmotiv der Pop-Musik. Bei Jamie Stewart alias Xiu Xiu geht diese Suche immer einher mit dem Ausloten der Möglichkeiten, wie man den perfekten Song am effektivsten zerstörenden könnte. Diesbezüglich bewegt sich Angel guts in bester Tradition seiner Vorgänger. Mehr noch… Jamie Stewart scheint sich so manchen – zumindest für seine Verhältnisse – fast schon klassischen Pop-Duktus der letzten Alben nicht ganz verziehen zu haben, und so packt er in den roten Klassenraum eine ganze Schippe neuer Experimental-Destruktionen und verstörender Avantgarde-Spielereien. Die Eingängigkeit, die “Dear God, I hate myself” und “Always” fast schon anschmiegsam werden ließ, wird hier ordentlich zurückgeschraubt und Stewart generiert Songs, die direkt aus der Art-Pop-Hölle zu kommen scheinen. Ja, 2014 soll die Tanzbarkeit wieder wehtun, der Rhythmus nur kurzfristig in Sicherheit wiegen, das Pop-Gerüst eingerissen und der Hörer davon erschlagen werden. Pop ist zwar nach wie vor präsent, wird aber unter einer ganzen Armada an Störgeräuschen begraben, selbst die Disco-Anleihen sind immer dem Dauerfeuer von Stewarts Wahn ausgesetzt und so muss hier zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder das ANTI im Anti-Pop großgeschrieben werden.

Leider findet Stewart damit jedoch nicht zum betörend minimalistischen Understatement seiner Klassiker zurück. Stattdessen ist alles voll, ausufernd, eruptiv… mitunter leider auch überladen. Das weiß man in vielen dunklen Experimental-Momenten zu schätzen, manchmal kann die Großflächigkeit dieses epischen Anti-Mixes auch stressen, oft wünscht man sich etwas mehr Pop oder zumindest etwas mehr Zurückhaltung… eins von beidem. Die Versöhnung von charmanter Eingängigkeit und selbstzerstörerischem Experiment ist Stewart auf den letzten Alben – ebenso wie auf den früheren Alben – dann doch um einiges besser gelungen. Für Freunde der Xiu Xiu’schen Dunkelheit und Extravaganz ist Angel Guts dank seiner Vielschichtigkeit und seines überbordernden Wahns dennoch mehr als empfehlenswert.


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