10 Gründe, warum wir gestern einen der besten Schauspieler überhaupt verloren haben…

Honorable Mention: Twister

Der erste Film überhaupt, in dem mir Philip Seymour Hoffman als Schauspieler bewusst aufgefallen ist. Eigentlich verteidige ich Twister immer ganz gerne, ist eben ein klassischer 90’s Actionflick, ohne große Besonderheiten, ohne viel Tamtam, dafür aber mit reichlich Action und Unterhaltungspotential. Im Grund genommen durchschnittlich: Durchschnittliche Story, durchschnittliche Schauspieler, durchschnittliche Pointen… aber dann ist da dieser eine Wirbelwind, diese exzentrische Nebenfigur, dieser durchgeknallte Tornadojäger, der allen anderen die Show stiehlt. Dustin, ein Monster von einem Mann, eine quietschige, überdrehte, laute Erscheinung, einer, der dir direkt ein Lächeln auf das Gesicht zaubert und bei dessen ersten Auftreten du bereits ahnst, dass der dahinter stehende Schauspieler eigentlich viel zu gut für diesen mittelmäßigen Film ist.

10. The Big Lebowski


Coens Action/Thriller/Comedy-Bastard hat zahllose große Schauspieler: Natürlich Jeff Bridges als den Dude, aber auch John Goodman als den überdrehten Walter, Steve Buscemi als den kränkelnden Donny, Julianne Moore als die mehr als beängstigende Maude… und doch, trotz kleiner Rolle kann sich Hoffman in diesem exzellenten Cast wunderbar behaupten: Fast schon zurückhaltend im Vergleich zu den anderen überzeichneten Figuren spielt er den Assistenten des großen Lebowski mit herrlicher Süffisanz, mit der nötigen Portion Hysterie und vor allem mit unfassbar viel Spielfreude.

9. Almost Famous


Nicht cool? Oh doch Philip, du bist es. Gerade in diesem Film. Wie deine Präsenz erneut einer kleinen Nebenrolle derart viel abgeklärte Coolness und Rock N Roll verleiht, das ist schon mehr als beeindruckend. The finest attitude of the whole Cast und in einer einzigen Person bereits die gesamte Bandbreite des journalistischen Rock-Lifestyles vereint.

8. Boogie Nights


Hoffman brilliert als uncooler Mensch unter lauter coolen Menschen… wie ein Fremdkörper, der seine Fremdheit hinter schrillem Auftreten zu verbergen weiß, stolpert er über Pornosets und die großen Partys der High Society der Sexindustrie. Ja, das ist auf den ersten Blick vor allem belustigend, schräg, skurril… wird aber mit jeder Sehminute berührender und trauriger, bis man diesen Anti-Paradiesvogel Scotty einfach nur noch in den Arm nehmen und fest drücken will.

7. Magnolia


In dem übervollen, zwischen den verschiedensten Stimmungsbildern oszillierenden Episoden-Drama stellt Philip Seymour Hoffman einen einzigartigen Ruhepol dar. Trotz begrenzter Leinwandszeit lässt er seine Rolle sowohl Symbol als auch Mensch werden: Auf der einen Seite der Guy next door, ein einfacher Pfleger, der seinen Job gut machen und dabei geliebt werden will, auf der anderen Seite fast schon eine metaphysische Erscheinung, ein Engel unter all den verlorenen Seelen, einer der bis zum Ende bleibt, den Menschen zuhört, sich radikal zurücknimmt, um ein Stück Güte in einem trostlosen Szenario zu retten. Selten war Subtilität derart beeindruckend wie in dieser kleinen Rolle.

6. Happiness


Auf der Suche nach Glück, sexueller und romantischer Erfüllung, pendelt Hoffmans Allen stets zwischen pervers wirkendem Stalker und bemitleidenswertem Einzelgänger, der sich nichts mehr wünscht, als wenigstens auch einmal vom Glück geküsst zu werden… und geht dabei bis zur pornografischen Schmerzgrenze. Nicht nur, indem er diesen hoffnungslosen, verlorenen Charakter physisch in einer beängstigenden Masturbationsszene entkleidet, sondern auch indem er ihn seelisch bis hinunter in die tiefsten Abgründe entblättert. Es ist so leicht, mit einer solchen Figur dem Zuschauer Angst einzujagen, sie plausibel zu machen und ihr all die Empathie zukommen zu lassen, das ihr zusteht, geht jedoch über jede darstellerische Kür hinaus und bewegt sich in Regionen eines künstlerischen Humanismus, den nur die wenigsten Schauspieler erreichen.

5. Glaubensfrage


Glaubensfrage lebt voll und ganz vom Zweikampf zweier großer Schauspieler: Meryl Streep gegen Philip Seymour Hoffman, in einem Kampf zwischen Tradition und Moderne, Vorurteilen und berechtigtem Zweifel, in einem Kampf um Macht und Deutungshoheit im engen System des Katholizismus. Dabei inszeniert Hoffman seinen Priester mit einer atemberaubenden Ambivalenz: Reformerisch, aufbrausend, engagiert, aber auch suspekt, dubios und immer auf der Kippe zum Tyrannen, der seine Machtposition ausnutzt. Das Gegen- und Zusammenspiel mit Streep hebt dieses, sich (zurecht) voll und ganz auf seine Schauspieler verlassende Drama in tragische Dimensionen, die die Leinwand zur Bühne werden lassen und eine direkte Konfrontation erzeugen, wie man sie im Kino leider viel zu selten zu sehen bekommt.

4. Owing Mahoney


Woran erkennt man große Schauspieler am besten? Wenn sie auch in mittelmäßigen Filmen glänzen. Owing Mahoney geht im Grund genommen mit nichts über solides TV-Film Niveau hinaus… außer mit der darstellerischen Kraft Hoffmans. Als manischer Glücksspieler liefert Hoffman hier eine beängstigend verzweifelte Leistung ab, die die Verlorenheit des Süchtigen in jeder einzelnen kleinen Geste, in jeder Pore der Haut spürbar werden lässt. Trotz durchschnittlicher Inszenierung wird man als Zuschauer voll und ganz in die Lebenswelt des Protagonisten hineingezogen. Und das liegt in diesem Fall tatsächlich nur an einem, dem ihn verkörpernden Darsteller.

3. The Master


Nein… nicht Paul Thomas Andersons Meisterstück… dafür aber das von Philip Seymour Hoffman: Cholerisch, besessen, verführerisch, verdammt dämonisch… aber auch zärtlich, verständnisvoll, neugierig. Nein, es ist kaum fassbar, wie viele Facetten, Hoffman in nur einem einzigen Charakter anlegen kann, wie er wie ein Berserker darstellerisch wütet, wie er alles gibt, um das Publikum abzustoßen, mitzureißen, um den Finger zu wickeln und letzten Endes ratlos ob des Gesehenen zurückzulassen.

2. Capote


Philip Seymour Hoffman isn’t playing Truman Capote. He is Truman Capote!

1. Synecdoche New York

In einem irren, surrealen, absurden Geflecht stellt Philip Seymour Hoffman das Epizentrum dar… Mehr noch, er allein ist wahrscheinlich der Grund, warum es so leicht fällt, sich auf die abstruse Gedankenwelt von Charlie Kaufman über zwei Stunden einzulassen. Denn trotz aller postmodernen Dekonstruktion, trotz aller Ironie, trotz allem Symbolismus schafft er es seinem Protagonisten so etwas wie Menschlichkeit zu geben, mehr noch, es gelingt ihm in einem langsamen, schleichenden Zerfallsprozess die Essenz des Menschlichen in einer Figur zu Verkörpern: Leben und Sterben, Fallen und wieder aufstehen, sich der Absurdität und Hoffnungslosigkeit des Lebens bewusst werden und dennoch weiter kämpfen. Der von ihm dargestellte Codan ist der glückliche Sisyphos, der sich gegen den Selbstmord entscheidet, der weiter seinen Stein den Berg hinaufschiebt um ihn anschließend herabrollen zu sehen, der sich nicht beirren lässt in seiner Vision, der sich nicht beirren lässt, auch wenn die Welt um ihn herum immer verrückter zu werden scheint. Eine fantastische 120minütige Leistung an den Grenzen des Humanismus, an den Grenzen der Kunst, an den Grenzen der künstlerischen Selbstaufgabe. Wahrscheinlich war dieses synekdochische Meisterwerk Kaufmans in der Tat nur mit einem Darsteller möglich… in Hoffman ward er gefunden.

Ein Kommentar zu “10 Gründe, warum wir gestern einen der besten Schauspieler überhaupt verloren haben…

  1. Interessante Auswahl… danke für die Hinweise auf »Happiness« und »Owning Mahoney«. Wie ihm wohl eine richtig zornige, böse Rolle zu Gesicht gestanden wäre? Rollen, wie sie Jack Nicholson oder Clive Owen gespielt haben? Die Chuzpe eines Gust Avrakotos in »Der Krieg des Charlie Wilson« oder die Larmoyanz eines Andy Hanson in »Before the devil knows you’re dead« jedenfalls gingen ihm sichtbar leicht von der Hand.

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