Die 80er Jahre: Die besten New-Wave-Alben des Jahrzehnts I

Ich war leider in den 80ern eher damit beschäftigt, in die Hose zu machen oder mich von einer mies gelaunten Grundschullehrerin drangsalieren zu lassen, als mich der Popmusik dieses Jahrzehnts zu widmen. Auch später als meine musikalische Sozialisation begann, hat diese Zeit eher wenig Einfluss auf mich gehabt und eigentlich gab es auch Anfang der 90er kaum was Uncooleres als den Giganto-Hairspray-Metal und die steril klinische Jazz-Musik der vergangenen Dekade. Erst Ende der 90er haben wir begonnen, auch die unfassbar innovativen Seiten dieser Zeit zu sehen. New Wave, das sich an die Nouvealle Vague anlehnt, war zumindest in seinen Anfängen eine kunterbunte Mischung, gemischt mit viel Pioniergeist und unbändiger Lust am Experimentieren. Also all das, was das aktuelle Musikjahr 2013 nicht anzubieten hatte. Also ein sehr guter Augenblick, in die Zeit des Aufbruchs zu schauen. Blondie waren damals nicht nur wegen der Frontfrau on top, Modern English dachten den Pop-Weg von Joy Division weiter, Altered Images hatten Charme und Hits, Tears For Fears übertrafen sich mit The Hurting und The Art auf Noise und schufen ein einflussreiches Album, von dem Künstler wie Chemical Brothers bis Skrillex beinflusst wurden. Viel Spaß mit den wahren Instagram-Sounds!

Modern English – After The Show

(4 AD, 04.05.1982)

Das Kult-Label 4Ad und John Peel bringe ich mal hier gleich als erstes ins Spiel, damit klar ist das Modern English verdammt heißer Scheiß gewesen sein müssen. Jap, das ist höchst anspruchsvoller New Wave, der weniger schrill und verspielt als manch andere Genre-Kollege daher kommt und zeigt wie Joy Division geklungen hätten, wenn sie den Weg von Love Will Tear Us Apart weiter gegangen wären, ohne dabei an Drive und Präzision zu verlieren. Der Song I Melt With You stand Pate für den gleichnamigen 2011-Arthouse Film von Mark Pellington (Arlington Road, Musikvideo zu U2 “One”)

Blondie – Autoamerican

(Chrysalis, November 1980)

Bei Blondie denkt man am ehesten an eine gealterte Dame am Mikro und den nervigen Song Maria. Dass die Band mal zu den aufregendsten und innovativsten Bands der New Wave Szene gehörte, bleibt dabei vergessen. Auch wenn Autoamerican praktisch eher den Ausstieg der Band aus dem Underground markiert, ist das Album perfekt produziert und präsentiert Blondie auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Mag das auch glatter als die forschen Anfangs-Alben der New Yorker sein, hat man hier ein zeitlose Pop-Album geschaffen, das an Filmscores der 50er erinnert. Wer übrigens Cool-Credit für das Album braucht: Die überaus coolen Kollegen von Dangerous Minds haben hier einen schönen Artikel zu dem Album geschrieben, in dem es als “Lost Classic” bezeichnet wird. Ja, nun wisst ihr dann bescheid und könnte es dank uns coolen Bloggern endlich auch für euch entdecken.

Altered Images  – Pinky Blue

(Epic, 14.05.1982)

Die Band Texas kennt man noch von ihren netten Radio-Hits, die Vorgänger-Band Altered Images des Gitarristen HH wohl keiner. Nur kurzlebig war der Erfolg der schottischen Band, die interessanten Electro-Pop und Post-Punk zu einer sehr schmissigen Melange zusammen würfelte und damit in nicht allzu langen Bandgeschichte zahlreiche Hits in die Uk-Charts plazieren konnte. Die niedliche Stimme von GG bleibt Geschmacksache, aber unterstreicht den charmanten Charakter der Band. An der Stelle sei auch auf den schönen Film Comfort & Joy hingewiesen, in dem die Sängerin die Rolle der Charlotte spielt.

Bow Wow Wow – See Jungle! See Jungle! Go Join Your Gang, Yeah. City All Over! Go Ape Crazy

(One Way, 1981)

Ob Punk oder New Wave, der umtriebige Manager Malcom McLaren hatte überall seine Finger im Spiel und nachdem er mit den Sex Pistols erfolgreich Punk in den Mainstream bugsiert hatte, hatte er auch für die aufkommen New Wave Szene ein neues Projekt im Kopf. Wie schon bei den Sex Pistols setzte er auf eine Mischung aus hippen Zeitgeist und Schock-Wirkung. Die gerade 15 jährige Sängerin Annabella Lwin posierte nackt auf dem Album-Cover, was gerade im prüden England einen heftigen Eklat auslöste. Die Musik von Bow Wow Wow selbst sprengt die Grenzen mit einer Mischung aus Punk, Afro-Beat und anderen Einflüssen aus der Weltmusik. Ein eindrucksvolles Dokument des Verspieltheit und Expermimentiergeist der Anfangstage des New Wave.

Adam & The Ants – Kings Of The Wild Frontier

(Rockfield, 1980)

Und auch hier war Malcom McLaren ganz vorne dabei. Eigentlich aus der Punk-Szene entsprungen und dort mäßig erfolgreich nahm McLaren Adam unter seine Fittiche und nahm in als Rhythmus Band für die kontroverse New Wave Band Bow Wow Wow auf. Adam Ant holte die Afrika-Beats dieses Projektes auch in seine Solo-Karriere mit und verband sie mit dem gerade zu Ende gehenden Glam-Rock der 70er. Ein Album das mal wieder die kindische Freude des New Wave unterstreicht und fast schon als infantil durchgeht. Ein knallbuntes Vergnügen zwischen Weirdo-Pop, Westen, Punk, Africa-Beat und Weirdo-Pathos. Nicht unbedingt zeitlos, aber genau so hat wohl 1981 geklungen: Mutig, konsequent und etwas durchgeknallt.

Tears For Fears – The Hurting

(Mercury, 07.03.1983)

Wie so viele Bands der 80er waren die Tears Of Fears in den 90ern ein Synonym für eine öde und in die Jahre gekommen 80erJahre-Kapelle, die irgendeinen doofen Radio-Hit und sonst nicht mehr zu bieten hatte. Sicherlich dürfte Shout mit seinen gefühlt tausend Cover-Versionen den Bekanntsheit-Grad ganz allein für sich beanspruchen, aber gerade Alben wie The Hurting zeigen eigen eine erfrischend neue Band, die den schrägen Art-Pop von Yoko Ono als Einfluss nahm und ein für New Wave überraschend melancholisches Album damit zauberte, das sich um Verlust, Schmerz und Trauer dreht. Am bekanntesten dürfte Mad World sein, das in der Cover-Version von Gary JUles und seinem Einsatz in dem Kult-Film Donnie Darko noch einmal zu spätem Ruhm kam. The Hurting ist eines der intelligentesten und besten Alben der New Wave-Phase und allgemein ein herausragendes Pop-Album, das sich auch Arcade Fire-Fans gerne mal genauer anhören sollten.

The Art of Noise – (Who`s Afraid Of) The Art of Noise

(ZTT, 10.06.1984)

Trevor Horn hat wohl Anfang der 80er so ziemlich alles produziert, was einen großen Einfluss auf die Pop-Musik hatte. Angefangen von seinem Projekt Buggles, über ABC bis hin zu The Art of Noise. Die Band selber gab keine Fotos von sich preis und lenkte damit den Focus ganz allein auf die Musik, wie es später Daft Punk und Gorillaz ebenso tun sollten. In der eher poppigen Ausrichtung vieler New Wave Bands klingen The Art of Noise eher wie eine Industrial Band, bei der man sich direkt an Nine Inch Nails erinnert fühlt, nicht zuletzt auch weil sie genauso konsequent Samples verwendet. Das hier ist tatsächlich New Wave und muss 1984 wie vom anderen Planeten geklungen haben, auch wenn sicherlich Kraftwerk den Ruf als Pioniere des Electro Pop schon weg und mit Trans Europa Express einen großen Einfluss auf diesen Klassiker des innovativen 80er Jahre Pop hatten. Wer also meint The Prodigy und die Chemical Brothers  oder später Skrillex und Justice hätten den Techno-Rock erfunden darf sich hier mal verwundert die Augen reiben und sich davon überzeugen, was für ein großer Erfindergeist in dem lange verkannten Jahrzehnt herrschte.

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