Er war nie wirklich fort – Wider “Er ist wieder da”

Wie einige von Euch vielleicht schon mitbekamen wird Timur Vermes Bestseller “Er ist wieder da” nun auch verfilmt. Bin ich der Einzige, dem das nicht gefällt?

Um es vorab zu sagen: Nein, ich habe das Buch nicht gelesen! Das hier soll aber auch keine Literaturkritik sein, mich stört etwas anderes. Also noch mal von vorn: Auch ich habe mal über Hitlerwitze gelacht. Damals als ich so zwölf, vierzehn war. Anfang dieses Jahres (oder so) stieß ich dann bei Freunden auf dieses markante Cover von Vermes Buch. Ich war direkt davon genervt. “Lies es doch erstmal!”, hieß es von Seiten meiner Freunde. Ein neurotisches Fragezeichen war meine Antwort. Warum sollte ich etwas lesen, bei dem der Titel schon signalisiert, dass da lediglich mit jener schwachsinnigen und pubertären Haltung kokettiert wird, die nur deshalb über Hitler lacht, weil alles was mit dieser Figur zusammenhängt einfach abnorm, maßlos unmenschlich ist und das Lachen darüber dann einen besonderen Reiz des Grotesken verheißt. Es wird nicht darüber gelacht weil irgendwas daran lustig wäre, sondern weil man nicht darüber lachen darf bzw. dürfe. Es ist ein Lachen hinter vorgehaltener Hand.

Das ist durchaus legitim, weil Witz oft genauso funktioniert. Man denke nur an den Holocaust-Überlebenden, der vor ein paar Jahren mit seinen Enkeln in Auschwitz zu Gloria Gaynors “I will survive” tanzt. Im Zusammenhang mit Gaynors Text wird das ganze aber zu einem Statement des (unerschütterlichen) Mensch-Seins. Es ist nicht per se falsch über Hitler zu lachen. Diese Komik hat eine lange Tradition. Sie begann in den Zwanziger Jahren in der satirischen Wochenzeitung “Simplicissimus”, geht über Charlie Chaplins “Der große Diktator” bis hin zu Serdar Somuncus Vorlesungen von “Mein Kampf”. Allen diesen komischen Perspektiven gemein ist, dass sich dahinter ein Humanismus, ein Glaube an das Menschliche, an das Mit- und Zwischenmenschliche verbirgt. Ihr Aufzeigen des Grotesken, Falschen und Lächerlichen verweist auf das “Wie-es-eigentlich-sein-sollte”. Genau in diesem Spannungsgefälle entsteht Witz. In diesem Sinne sind diese Beispiele vor allem eines: aufklärerisch. Das Einzige worüber “Er ist wieder da” aufklärt ist die Besessenheit von Hitler. Liest man sich auf Wikipedia die Inhaltsangabe durch, scheint Vermes diese zwar zu persiflieren, das offensichtliche Problem ist nur, dass er sie auch bedient.

Ich fühl mich zurückversetzt in die Neunziger Jahre, in die Zeit der Guido-Knopp-Reportagen. Hitlers Helfer, Hitler Frauen, Hitlers Krieger, blablabla. DAS war keine Geschichtsaufarbeitung, keine Erinnerungskultur! Es war das Gegenteil davon. Anstatt historisch aufzuarbeiten WIE es zur Nationalsozialistischen Diktatur kam, wie sie  (und dass sie) hätte verhindert werden können, wie es zum Zweiten Weltkrieg und wie es zum Holocaust kam, anstatt diese aufklärerische Arbeit zu leisten wird schlichtweg der Nimbus des Führerkults insgeheim wiederholt. Keine Rede von den Verstrickungen des deutschen Volkes in dieser Geschichte, keine Rede von dem verbreiteten Antisemitismus, vom Versagen des Parlamentarismus. Nein, komplexe historische Problematiken wurden zusammengeschrumpft auf die Person Hitler. Manch eine mag sich gefragt haben ob das jetzt das Vierte Reich ist, wird man doch das Gefühl nicht los, dass hier dem Motto “Ein Volk, ein Reich, ein Führer” entsprochen wurde. Es gibt dafür einen Namen: Menschen nennen es Geschichtsklitterung.

“Er ist wieder da” will natürlich nicht historisch aufarbeiten. Hitler erscheint in diesem Roman nur noch als bloßer Clown. Dennoch schlägt die Fokussierung auf ihn in die gleiche Kerbe wie die Guido-Knopp-Reportagen. Unter dem Deckmantel der Satire wird hier lediglich die oben schon angesprochene pubertäre Hitler-Witzemacherei bedient. Eine Kritik dieser, als auch das Aufzeigen oder Andeuten eines “Eigentlich-Sein-Sollens”, wie sie zum Beispiel in Somuncus Auseinandersetzung mit diesem Thema entstehen (wie es typisch für seine gesellschaftskritischen Arbeiten ist), geht Vermes Buch anscheinend völlig ab. Hätte ich in irgendeinem Feuilleton auch nur die Spur einer solchen Auseinandersetzung bemerkt, hätte ich das Buch vielleicht sogar gelesen. Doch allein schon dieser Buchtitel hat mich derart angewidert, dass mir schnell klar war, dass es sich um nichts Anderes als einen oberflächlichen Klamauk handelt. “Er ist wieder da”. Dieses plump-raffende und boulevardeske darin. Dazu diese bekannte, mittlerweile ikonografische Frisur.

Vermes Buch und vor allem dessen Erfolg zeigt vor allem dreierlei Dinge. Erstens: Eine wirklich fragwürdige Geisteshaltung gegenüber einem Initiator eines Massenmordens. Zweitens: Ein weit verbreitetes pubertär-zurückgebliebenes Verständnis von Komik. Drittens und was am schlimmsten ist: Hitler ist zu einer Marke geworden und Vermes Roman ist Teil ihres Sellouts.

4 Kommentare zu “Er war nie wirklich fort – Wider “Er ist wieder da”

  1. Tut mir leid, aber in diesem Falle hätte ein Lesen des Buches deiner Deutung des dort enthaltenen Humores wirklich gut getan. Es handelt sich um eines der wenigen (wenn nicht das einzige) Buch, in dem der Humor nicht durch Hitler-Persiflage oder gar “Hitler als Clown” erzeugt wird, sondern ein ziemlich realistisches Bild von Hitlers Denk- und Handelsweise in einer unrealistischen/grotesken Situation gemalt wird.

    Ich halte das Buch für ziemlich genial, dennoch: Verfilmbar finde ich den Humor nicht – oder schwer, mal sehen was daraus wird. Ich schätze: Klamauk. Und das wäre dann wirklich schade um das gute Buch.

  2. Hmmm… ich habe das Buch zwar auch nicht ganz gelesen, habe aber nach so ungefähr einem Drittel aufgehört, unter anderem gerade weil mich die Hitler-Travestie von Vermes ziemlich genervt hat. Da waren imho doch die meisten Klischees versammelt, die man so aus den “lustigen” Hitler-Darstellungen der letzten Jahrzehnte kennt.

    Und Marcus geht es in seinem Text ja weniger um die mögliche (nicht)Qualität des Buches, als viel eher um die fragwürdige humoreske Verarbeitung Hitlers in zahllosen Clownerien, die mit simpelster Ikonographie arbeiten und sich nicht wirklich mit dessen Rolle in der Geschichte (und vor allem damit zusammenhängend der Rolle der Deutschen im Dritten Reich) auseinandersetzen. And he’s got a point there.

  3. Obwohl ich das Buch auch nicht besonders großartig fand, fehlt mir hier sowohl im Artikel als auch in den Kommentaren ein wichtiger Aspekt. Man kann sich darüber streiten, ob Vermes diesen ironischen “Hitlerkult” lediglich bedient oder ihn auch ausstellt. Allerdings glaube ich, dass eine Kritik, die Vermes’ Buch lediglich auf eine der beiden Modi reduziert, zu kurz greift. Einerseits kokettiert er ganz bestimmt mit dieser Modeerscheinung (was es im besten Falle ist) und spricht ein Publikum an, das sich liebend gerne die Hipster-Hitler-Strips anschaut. Andererseits geht das Buch etwas weiter. Hitler wird bei Vermes ja zu einem Komiker, den alle so komisch finden, ohne dass Hitler auch nur begreift, dass man ihm nicht aus den Gründen applaudiert, die ihm wichtig erscheinen. (Im Übrigen war Hitler Begriffsstutzigkeit m.E. der größte Schwachpunkt des Buches. Bis zum Schluss kapiert er nicht, dass die Leute seine Inhalte “komisch” finden.) Der Anklang, den die Hitler-Witze zur Zeit finden, wird damit teilweise ausgestellt und da entfaltet das Buch m.E. seine größte Wirkung. Wir, als Lesenden, wissen sehr genau, wie ernst es Hitler meint mit dem, was er sagt – gleichzeitig überzeugen die Reaktionen der Gesellschaft und vor allem des Fernseh- und Internetpublikums. Da wird es (ein bisschen) unheimlich.
    Ich will Dir nicht unbedingt raten, das Buch zu lesen, denn es gibt durchaus lesenswertere Bücher. Allerdings steckt doch mehr darin als nur eine blöde Hitler-Travestie, die lediglich einen weiteren blöden Witz in die Sammlungen reihen möchte.
    (Zum Thema Geschichte: Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der historischen Wirklichkeit fehlt, das stimmt. Allerdings soll der Fokus auch mehr auf die, gemäß Vermes, nicht unwahrscheinlichen Möglichkeiten eines zweiten Aufstiegs einer Hitler-Figur in der heutigen Zeit gelegt werden. Entschuldige die Substantivitis im letzten Satz. Naja…)

  4. Als ich Anfang dieses Jahres auf das Buch stieß, wusste ich nicht, dass es so ein Erfolg werden wird, geschweige denn dass es verfilmt werden wird. Gerade letzteres stößt mir bitter auf.

    Alles was ich zum Buch in Erfahrung bringen konnte, ohne es lesen zu müssen, zeigt durchaus dass Vermes die Hitler-Witzerei aufs Korn nimmt. Diese Problematik scheint ihm bewusst zu sein.

    Ganz ehrlich: was mich stört ist dieser billige Erfolg und dass aus dem einen finanziellen Erfolg, dem Buch, nun noch ein zweiter gemacht werden soll, mit dem Film zum Buch. Die Marke Hitler.
    Außerdem befürchte ich, dass den meisten Menschen, die darüber lachen, Vermes womögliche Kritik an der Hitler-Witzerei abgeht.
    Oft denke ich auch, dass die meisten Menschen Serdar Somuncu nur gut oder lustig finden „weil er so krass is“. A la „hahaha er hat schwule Türken-Juden-Neger gesagt hahaha“. Somuncus, im Grunde, humanistische Botschaft kommt oft gar nicht an, glaube ich. Und so sehe ich das auch mit Vermes Buch. Ich befürchte es wird oft nur gekauft und gelesen wegen einer mittlerweile sehr fein, fast unsichtbar gewordenen Unerhörtheit.

    Dem Publikum wird hier kein Spiegel vorgehalten, wie es z. B. Schlingensief getan hätte, sondern seine (dem Publikum) Sensations-Witz-Geilheit wird bedient. Für eine schlingensiefsche Spiegelung ist es viel zu glatt, zu weiß, zu konform, zu wenig gestört, zu wenig störend, zu wenig gebrochen, zu wenig erbrochen, ja auch zu wenig Hass, es ist zu lieb, davon zeugen schon die Verkaufszahlen. Es ist keine Kunst, sondern ein Produkt.

    Um noch mal auf die gastrale (oder so) Metaphorik vom Anfang zurückzukommen. „Er ist wieder da“ ist Teil eines immer noch andauernden Hitler-Sodbrennens (zumindest für mich) zu dem auch die Guido-Knopp-Reportagen gehören. Mich brennt das in der Speiseröhre. Schlingensief, Somuncu oder auch Thomas Bernhard waren und sind die Kur dagegen, weil ihnen das genauso brannte und sie sich in der Auseinandersetzung Linderung dagegen verschafften.

    Vermes Buch wird mir keine Linderung verschaffen, weil es eben keine Kunst ist, weil es nicht durch seine Gedärme ging, sondern sich darstellt wie eine vermarktbare fixe Idee a la „Was wäre wenn…“. Daher werde ich es auch nicht lesen.

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