Der echte René und der neoliberale Supermarkt

„Eigentlich lag das doch auf der Hand. Warum niemand früher auf diese Idee gekommen ist weiß ich auch nicht. Das Einzige was ich unterschätzte war das exponentielle Wachstum. Ich hab mich zwar mit der Berechnung der Schwere dunkler Materie befasst, aber dieses exponentielle Wachstum, das ja auch eher für Ökonomen und dergleichen interessant ist, also das hatte ich schlichtweg nicht auf dem Schirm.“

René, der davon lebt für Politiker und alle anderen, die es sich leisten können, Doktorarbeiten zu schreiben, hat selbst nur zwei Doktortitel, in theoretischer Physik und in Philosophie. Als ich René kennenlernte lernte ich nicht ihn kennen, sondern das was von ihm sichtbar war und das war ein elektrischer Rollstuhl auf dem ein Pad-PC angebracht war. Erst lernte ich also noch nicht mal seine Stimme kennen, sondern die  Propositionen produzierende Membran eines Lautsprechers. Sie dominierte jeden Philosophiekurs und lässt sich, weil sie unentwegt war, nicht anders beschreiben als entwegt. Immer fuhr auf dem Campus dieser Rollstuhl umher, gelegentlich ein „Entschuldigung?!“ emittierend. Später erzählte mir der echte René, dass er in Unis nur rumhing um Verwirrung zu stiften.

Irgendwann einmal, als ich nach der Uni durch den Park Sanssouci lief, um mich zu zerstreuen, stieß ich auf den Rollstuhl, der vor einem Strauch stand, dessen Zweige gegen den Wind ankämpften. Ich überwand mich und beschloss das absonderliche Automobil, oder das Laptop oder die Kamera anzusprechen. „Ein Moment bitte! Ich studiere die Bewegung der Zweige. Siehst du den da rechts, der macht ganz andere Bewegungen als der Rest. Das ist interessant. Frangula Alnus. Mach mir doch bitte ein paar von seinen Steinfrüchten ab und lege sie in den Beutel, der hinter dem Stuhl hängt. Ich will sie nachher kosten.“ Ich tat ihm den Gefallen und zu meiner Verwunderung fand ich in dem besagten Beutel einigen Kram, den er scheinbar auflesen ließ. Ich konnte nicht anders als erst einmal zu fragen ob es ihn gibt. „Das ist eine wirklich interessante Frage!“ scheint er irgendwo, dort wo er wirklich war, geschmunzelt zu haben.

Bald sollte ich herausfinden weshalb nicht er selbst, sondern die Sonde seiner selbst, wie er es nannte, in der Uni und generell draußen war, während er selbst an sein zu Hause gefesselt blieb. Da wir beide nach Berlin mussten begleitete ich sein Abbild an diesem Tag nur bis zu dem Haus, in dem er wohnte und drückte noch den Fahrstuhlknopf. Der Grund seines nur mechanisch-digitalen Anwesens, wäre ihm nicht peinlich, da ihm dergleichen Gefühle als zu lächerlich erschienen, sondern vielmehr wolle er niemanden verschrecken. Er wolle mit mir noch eine Versuchsreihe zu Ende führen und dann entscheiden ob ich bereit sei ihn zu sehen. Er tat damit nicht Unrecht. Ich hab mich auf nichts vorbereitet und ganz besonders nicht darauf. Bei unseren Treffen erzählte er mir nach und nach seine Geschichte.

„Ich war an einem Punkt angelangt an dem alles einfach zu viel war. Die Uni und das Denken, in denen ich nicht die Leistungen erbrachte die ich erbringen wollte. Die Arbeit, bei der zu wenig Geld rauskam. Meine Produktivität und Disziplin, welche, mit anderen verglichen,  nicht gut genug war. Und dann war da Hegel, den ich verstehen wollte und nicht nur, so wie andere, mit seinen Aussagen spielen, neu anordnen um eine gute Note zu erhalten, nein ich wollte wissen. In meinen Gedanken ging es also recht unordentlich zu, oder um es anders zu sagen: der Grad der Entropie stieg an. Und die einzige Möglichkeit, so dachte ich, dieser psychischen Entropie entgegen zu wirken, war es meine physische Hardware zu beschleunigen, um sozusagen meine Gedanken einzuholen. So begann ich zunächst Eiweißpulver, gelöst in Milchshakes zu konsumieren, womit ich auch ganz gut zurechtkam.“

Die erhöhte Sauerstoffzufuhr und der effizientere Stoffwechsel, der die Überwindung der Bluthirnschranke vereinfachte, ließ René viel näher bei seinen Gedanken bleiben, ohne sich von Irrelevantem ablenken zu lassen. „Für Schopenhauer, Nietzsche, Einstein und Stephen Hawking war das ausreichend, Hegel jedoch blieb mir verschlossen. Es bedurfte dazu etwas Wirkungsvolleres. Nachdem ich zum ersten Mal Anabolika probierte war ich von der Wirkung sofort beeindruckt. Jetzt kann ich sagen, dass nicht eigentlich mein Denken begrenzt war, sondern meine Sprache, die, wie ich schnell begriff, der Geist selbst war. Ich verstand nun. Nach Hegel, folgte Derrida, Zizek, Lacan, ein Teufelskreis. Und dann begannen diese Kopfschmerzen, deren Ursache natürlich auf der Hand lag, zu was sie schließlich führten jedoch nicht. Ich konnte auch nicht mehr aufhören. Es war zwar nicht so, dass ich die Substanz benötigte, aber ich war abhängig geworden von der Frage, was hinter Etwas steckt. Dieses Vakuum der Frage, dieses Nichts, von dem wie von einem Vakuum eine Energie ausgeht, war es, was meinen Geist wie ein Magnet anzog, ihn einforderte um von ihm zu erfahren was es ist, oder besser gesagt um vom Geist zu Etwas zu werden. Hinzu kamen natürlich auch die Verlockungen des Geldes, da ich begann diese Doktorarbeiten zu schreiben, die ziemlich gut bezahlt wurden und für mich anfangs eine nette Herausforderung waren. Doch das hat sich dann auch ins Gegenteil verkehrt, da zunehmend erkennbar wurde, dass mich niemand mehr verstand.“

Nach einer kurzen Hochphase, in der René all das gelang, was er zuvor an sich bemängelte, folgte ein zu Hoch. Auch bemerkte er physische Veränderungen an sich. Anabole Substanzen stimulieren im Zellekern die RNA-Synthese, was zu erhöhtem Muskelwachstum führt. Bei René jedoch, der sich nur in geistigen Belangen übte, bildete sich kein Muskelgewebe, sondern es entwickelte sich ein exponentielles Wachstum neuronaler Nervenzellen und ein sich verdichtendes synaptisches Netz. Seine Kopfschmerzen waren nichts anderes als sein, auf den Schädelknochen Druck ausübende, Gehirn.

„Zunächst machte ich also Fortschritte in meinen Reflexionen und Überlegungen. Sehr schnell jedoch erreichten diese ein Komplexitätsgrad, der meiner menschlichen Umwelt unsinnig vorgekommen sein muss, während wiederum mir die Schlüsse meiner Zeitraumgenossen voreilig, unüberlegt ja einfach als falsch erschienen. Kommunikation, die ohnehin nur (weiter) besteht weil sie nicht stattfindet, weil ein Verstehen immer das Ende einer Kommunikation bedeutet, wurde in meinem Fall unmöglich unmöglich, weil mir einfach niemand mehr folgen konnte. Es hätte mehr als nur ein Leben bedurft um jemanden mein Denken verständlich zu machen. Ich zog mich zurück und gab mich unter nie enden wollenden Kopfschmerzen ganz meinem Geist hin. Alltägliche Dinge wurden zunehmend schwerer zu bewältigen, weil ich mich bei den kleinsten Entscheidungen, die ich zu treffen hatte, stets in Gedankenketten verlor. Nicht ich dachte mehr, sondern ich wurde gedacht. Die Erledigung eines Einkaufs zum Beispiel wurde zu einer mehrstündigen tour de force. Was sollte ich kaufen und warum? Und dann die ganzen Stoffe in den Lebensmitteln. Die Zukunft stach in mich hinein. Wozu würde der Konsum von dieser oder jener synthetischen Zutat, oder diesem oder jenem Konservierungsstoff führen? Zu welchem Nahrungsmittelkonzern gehörte das Produkt? Warum sollte ich gerade diesen unterstützen, wenn er doch aus Gründen einer effizienten Rationalisierung nichts Gutes produzieren kann? Oder sollte ich gerade von diesem kaufen, denn wenn niemand mehr von ihm kauft, würde er aufhören zu produzieren, was bedeutete das Menschen, die für zu wenig Geld seine Produkte hervorbringen letztendlich arbeitslos würden und der Konzern nur noch mit Devisenhandel und Nahrungsmittelspekulation für die Rendite sorgen würde. Wenn ich dieses Produkt nicht kaufe, dann verwandelt sich der Konzern durch die Entlassung seiner Mitarbeiter in ein noch unmenschlicheres Monster, auf der Jagd nach Firmenanteilen anderer Konzerne, die wiederum aus Gründen einer effizienteren Rationalisierung Mitarbeiter entlassen müssen um konkurrenzfähig zu bleiben und Anteile anderer Konzerne zu kaufen, falls die eigene Rendite nicht so ausfällt wie erwünscht. Ich muss dieses Produkt kaufen, wenn ich die Welt nicht noch schlechter machen will, aber daneben steht ein sehr ähnliches Produkt von dem ich das gleiche sagen könnte. Sowas oder sowas ähnliches muss ich gedacht haben als ich vor diesem mit Kartoffelchips gefüllten Regal stand und es passierte. Mein Schädelknochen brach an der Pfeilnaht auf. Das exponentielle Wachstum meiner Neuronen war nicht länger aufzuhalten.“

Nach diesem Ereignis verließ René die Wohnung nicht mehr. Er unterzog sich einer lebensnotwendigen Operation, bei der seine Schädelknochen durch ein elastisches Material ausgetauscht wurden. Auf seinem Hals, gestützt von einem Metallgestell, wie es üblicherweise bei einer Fraktur des Rückgrates zum Einsatz kommt, saß nun ein monströser, überdimensionierter Kopf.

„Heute nehme ich keine anabolen Substanzen mehr zu mir. Es ist auch nicht nötig, ich bedarf ihrer nicht mehr. Nach der Operation musste ich vieles, nun ja so zu sagen neu lernen. Ich hatte mich ja verloren, war ganz Geist geworden. Die Instanz, die der liebe Freud Ich nannte, war bei mir fast gänzlich aufgelöst, hatte sich verführen lassen vom Logozentrismus. Es ist schwer zu beschreiben weil dem etwas Unmenschliches anhaftet. Ich bin zwar etwas Menschlichem aufgesessen, dem Streben nach Wissen, geriet darüber aber in eine unmenschliche, verrückte Falte des Geistes, die eigentlich nur das Denken überwachen sollte und nicht dazu gedacht ist, sich darin aufzuhalten. Sie ist zwar, als das eigentlich Geistige, als unvernünftige Vernunft, als irrationale Ratio in uns, unseren Ausdruck mehr oder weniger ordnend, wir aber sind nur außer uns Mensch. Und in diesem Außen sind wir nun mal dazu verdammt diesen Stein auf dem Berg zum stehen zu bringen, was uns natürlich nicht gelingt. Dennoch hat Camus Recht: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>