Full Nerd Jacket: Miss-Universum

Bilderrätsel: Wo findet am kommenden Wochenende die Wahl zur “Miss Universe” statt? Richtig, in Moskau! Konsequent konsequent würde Lenz jetzt sagen. Warum?

Wir erinnern uns: Im zweiten Jahrtausend DES HERREN, in irgendeinem Jahrhundert DES HERREN, in irgendeinem Jahr DES HERREN, in blablabla Monat DES HERREN, blablabla Tag DES HERREN, am 21. Februar 2012 betet eine Band in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau ein “Punk-Gebet”. Die Band heißt “Pussy Riot” und das Gebet geht so (via Der Tagesspiegel):

Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin Verjage Putin, Verjage Putin

Schwarze Kutte, goldene Epauletten

Alle Gemeindemitglieder kriechen zur Verbeugung

Das Phantom der Freiheit ist im Himmel

Homosexuelle werden in Ketten nach Sibirien geschickt.

Der KGB-Chef, ihr oberster Heiliger,

Er wirft die Demonstranten in Scharen ins Gefängnis.

Um den Höchsten nicht zu beleidigen, Müssen Frauen gebären und lieben.

Scheiße, Scheiße, Gottesscheiße Scheiße, Scheiße, Gottesscheiße

Mutter Gottes, Jungfrau, werde Feministin

Werde Feministin, werde Feministin

Kirchlicher Lobgesang an die verfaulten Führer

Der Kreuzzug der schwarzen Limousinen

In die Schule kommt zu dir der Prediger

Geh zum Unterricht – bring ihm Geld!

Der Patriarch Gundjajew (weltlicher Name von Patriarch Kirill) glaubt an Putin

Besser sollte er, der Hund, an Gott glauben

Der Gürtel der seligen Jungfrau ersetzt keine Demonstrationen

Bei den Protesten ist die Jungfrau Maria mit uns!

Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin Verjage Putin, Verjage Putin.

Daraufhin werden drei Mädels von Pussy Riot (Maria Alekhina, Jekaterina Stanislawowna und Nadeschda Tolokonnikowa) wegen “Rowdytums aus religiösem Hass”, zu zwei Jahren Straflager verurteilt.

Originalfoto: Igor Mukhin; gefunden bei WikiCommons; CC-BY-SA-3.0; editiert by myself

Zurück zur Misswahl. In einem Spiegelartikel wurde berichtet, dass im Zuge der Miss-Universe-Wahl ein Kostümwettbewerb stattfand. Strukturalistisch betrachtet ließe sich ein Kostümfest definieren als: Menschen ziehen sich Zeichen an, legen sich eine alternative Kleidungs-Semiotik zu, also: sie verkleiden sich. Irgendwie muss das dann in einen Wettbewerb EINGEORDNET werden, weil es sonst ja unsinnig und so gar nicht systemimmanent wäre, wenn sich Menschen vor einem Publikum einfach so etwas an- oder ausziehen. (<3 Femen) Nein, die an der Veranstaltung teilnehmenden Körper sind in einem System eingeschrieben, oder (vielleicht) treffender: sie sind die Tafel, auf der sich das neoliberalistisch-kapitalistische System einschreibt. Das wohl bezeichnendste Kostüm sitzt an der amtierenden Miss USA (Foto: siehe Spiegelartikel). Sie trägt eine Art Transformer-Verkleidung, die durch ihren Anschein von Apparatur viel besser als die anderen Kostüme auf das Gefangensein in jenem System verweist.

Zurück zu Pussy Riot, zurück Nadeschda Tolokonnikowa. Dieses “Transformer-Kostüm” ist nicht so sehr das What-the-fuck-des-Tages, als das es verkauft wurde, sondern viel mehr Sinnbild für die Situation Nadeschdas. Auf Informationen der Nachrichtenseite Buzzfeed beruhend, berichtete der Spiegel vor kurzem, dass Nadeschda wohl in ein anderes Gefängnis verlegt wurde, als Reaktion der Obrigkeit auf Tolokonnikowas fortlaufender Kritik an den Umständen ihres Gefangenseins. Darüberhinaus hat ihr Mann und ihre Familie seit dem 21. Oktober 2013 jeglichen Kontakt zu ihr verloren! “No one knows anything, there’s no proof she’s alive, we don’t know the state of her health. Is she sick? Has she been beaten?” sagte ihr Vater gegenüber Buzzfeed. Das ist lupenreine, abartige Willkür.

In dem besagten Kostüm scheint Miss USA gefangen und dies Gefangensein steht im kontextuellen Zusammenhang mit der Gefangenschaft Nadeschdas, die gerade von der russischen Gefängnisapparatur, die für eine patriarchale Gesellschaftsmechanik steht, verschluckt wird. Nadeschdas Kostüm ist das Gefängnis, in welchem ihre menschliche Eigentlichkeit verborgen ist.  In diesem Zusammenhang (innerhalb dieses Missuniversums) erscheint Moskau als Ort der Miss-Universum-Wahl als konsequentes (und ach-so-notwendiges) i-Tüpfelchen des Ideals (Derrida) einer Schwanzokratie:

Also ich würde Putin ja ein Friedensnobelpreis dafür geben…

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