Hörenswertes Herbst 2013: Travis, Nine Inch Nails, MGMT, Moderat,The Field,Casper, Darkside

Somme, Sonne, Kaktus ist leider vorbei. Schlecht für das Gemüt, schlecht für das Immunsystem, gut für die Musikliebhaber. Der Herbst gehört schon traditionell zu den Monaten mit einer enormen Veröffentlichungswelle an interessanten Alben, auch wenn aus purer Faulheit ein paar Alben aus dem Spätsommer reingerutscht sind, aber mal ganz ehrlich: Travis waren doch schon immer eine Herbst-Band, der grummelige Industrial von NIN was für verregnete Scheißtage, MGMT haben schon lange die Schnauze voll von ihren Party-Hits und Moderat waren ja schon immer eher die Melancholiker unter den Berliner Elektronikern. Bei all dem Anflug von Schwermut hat sich Casper zum Glück für den Aufbruch entschieden und geht mir großen Elan seinen Weg als Freidenker weiter.

Travis – Where you stand

(Rough Trade,16.08.2013)

Kann man Travis für irgendwas böse sein? Nein,es geht einfach nicht. Diese Band ist fleischgewordene Nettigkeit, man möchte jeden der Bandmitglieder als besten Freund  und bestimmt kann man Sänger Fran Haley um 3 Uhr nachts anrufen und er wird mit seiner milden Stimme einen Satz sagen, den man genau zu diesem Zeitpunkt gebraucht hat. Die Band, die Noel Gallagher schon früh zu einer seiner Lieblingsbands erkor, bringt also eine Menge Sympathiepunkte mit und wohl deshalb hält man ihnen auch nach nicht wirklich guten Alben  der letzten Jahre die Treue. Das neue Album, so schallt aus den Musik-Blogs, soll auch gar nicht so übel sein, ja sogar das beste seit The Invisible Band, mit dem für mich ehrlich gesagt langsam die nachlassende Dringlichkeit bei den Schotten begann. Hört man sich die ersten Songs des neuen Albums an muss man irgendwie zwangsläufig an diese Zeit, also Anfang der 00er Jahre, denken, als Coldplay noch schüchtern um die Ecke schauten und die Kings of Convience mit dem Album “Quiet is The New Loud “das Motto für Bands vorgaben, die mit ruhigem Folk-Rock den Soundtrack für die erste Bude in einer Großstadt vorgaben. Schüchtern wie am ersten Schulball geben sich Travis auf Where You Stand und tatsächlich wirkt das Album wie der wahre Nachfolger zu dem poppig-sonnigen The Invisible Band, leider auch was dessen stellenweise herausklingende Belanglosigkeit angeht. Weltklasse sind Travis also auch auf dem Album nicht mehr, aber trotzdem hat man kein schlechtes Gefühl bei dem Werk, eher streicht es an einem vorbei, hinterlässt einen wohlig warmes Gefühl und ist bis nächstes Jahr im Sommer wieder vergessen. Winter is coming soon…

Nine Inch Nails – Hesitation Marks

(Universal, 30.08.2013)

Das komplette Kontrastprogramm zu Travis dürften wohl Trent Reznors Nine Inch Nails sein. Nachdem er seiner Hauptband vor Jahren wegen leichter Ermüdungserscheinungen eine Auszeit gegönnt hatte und sich in diversen Projekten, allen voran natürlich die oscar-prämierte Arbeit für The Social Network, ausgetobt hat, ist der Meister der düsteren Länge wieder zurück. Die düsteren und ruhigen Ambientsounds aus dem Score für Finchers Film sind verschwunden und es begrüßt einen der altbekannte Stilmix aus EBM-Tanzbarkeit, Industrial-Härte und Alternative-Rock. Der Mann weiß, was seine Trademarks sind und was die Fans wünschen, eigentlich die beste Voraussetzung für eine müde Auftragsarbeit. Aber Hesitation Marks ist mal wieder treibender Industrial-Pop geworden, die perfekte Produktion ist man ja bei Reznor eh gewöhnt. Man hätte sicherlich nach der Pause mehr Experimente erwarten können, aber wo so was endet hat die erbärmliche Zusammenarbeit zwischen Korn und Skrillex bewiesen, von den ehemaligen Mitstreitern von Filter sowie Marylin Manson ganz zu schweigen. Die beste Wertarbeit in Sachen Industrial kommt halt immer noch aus dem Hause Reznor und damit steht er auch nach mehr als 20 Jahren immer noch alleine auf weiter Flur.

MGMT – MGMT

(Sony, 13.09.2013)

Was waren doch Kids und Time To Pretend für großartige Hymnen. Wohl nicht nach dem Geschmack von Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser, die schon mit dem letzten Album alles getan haben um einen weiteren Hit zu vermeiden und sich ganz der Kunst hinzugeben. Ein ziemlich ehrenwerter Ansatz in Zeiten von Hyper-Pop oder dem konservativen Hit-Album von Daft Punk. Das selbstbetitelte Album von MGMT klingt dagegen eher nach 60er Jahren, Drogen und Trips durch den Weltraum. Das ist bestimmt für Freunde von Psychedelic Rock interessant und gerade Fans der ersten Stunde werden sich freuen, von einer jungen Band den Sound ihrer Jugend so frisch präsentiert zu bekommen, nur leider sind neben Hits auch gute Songwritings Mangelware. Die Verbeugung vor Pink Floyds Piper Of The Gates of Down ist überdeutlich, das Genie aber mehrere Universen entfernt. Es wäre Zeit das jemand MGMT wieder auf den Boden der Tatsachen holt und vielleicht klappt es ja doch noch mit einem Übersong anstatt mit zusammenhanglosem Austoben im Psychedelic-Baukasten der Vorbilder.

Moderat – II

(Rough Trade, 02.08.2013)

Berliner Techno hat sich zwar weltweit einen guten Ruf erarbeitet, aber in letzter Zeit wurde es dann doch langweilig, innovativ eh nur noch sehr selten. Der Einstieg in das Moderat Album klingt auch erstmal vertraut nach den Minimal-Klängen, die einem in Friedrichshain entgegen wummern und lässt erstmal just another Album aus der Hauptstadt vermuten. Das unverschämt soulige und wirklich großartige Stück “Bad Kingdom” holt einen zum Glück wohlwollend ab und gerne hätte es davon mehr sein können, da es auf dem Album ein wenig zu routiniert weiter geht. Es sind die Songs mit Vocal-Einsatz die hier den Unterschied machen und hätte man diese Richtung konsequent eingeschlagen wäre es dann letztendlich mehr als “nur” ein weiteres gutes Album, dessen elektronische Seite doch zu sattsam bekannt sein dürfte um, mittlerweile doch ein paar Jährchen nach dem Minimal-Hype, noch heraus zu ragen.

The Field

(Kompakt, 27.09.2013)

Mit der Meckerei geht es auch gleich weiter. So absolut großartig das Album von 2009 auch war und man bei jedem Album von Axel Willner das gleiche Kopfkino von dem pulsierenden Leben im Sommer hat, es ist doch mittlerweile kaum noch eine Veränderung oder Weiterentwicklung bei The Field zu erkennen. Zusammen mit dem Album bildet es mittlerweile einen nicht endenden Endlos-Loop der einen anfangs direkt gefangen nimmt und zu dem man sich augenblicklich irgendwo in einen Park mit geschlossenen Augen legen möchte. Wenn man allerdings dabei nach einiger Zeit wegpennt oder plötzlich Lust auf  Krawall-Sound von The Prodigy bekommt, kann man nicht gerade als gelungen bezeichnen. Nur der Shoegaze-Sound von “20 Seconds of Affection” lässt einen aufhorchen, ansonsten klingt das alles zu sehr nach Laptop-Arbeit mit den immer gleichen Soundspuren. Das Projekt steht kurz vor der Beliebigkeit und muss sich dringend wieder anstrengen.

Casper – Hinterland

(Sony, 27.09.2013)

In den Staaten öffnen sich ja schon Dickschiffe des Games für Genre-fremde Einflüsse, nun hat auch Casper diesen mehr als löblichen Trend ,um sich endgültig freizuschwimmen. Für so ein Wagnis braucht man auch die richtigen Gefährten. Wo sich Jay-Z und Konsorten allerdings dann eher den hittigen Indie-Stars zuwenden hat sich er sich die Hilfe von Konstantin Gropper geholt, der mit seinem Projekt Get Well Soon eher für kunstvollen Indie-Pop steht und sich wahrscheinlich auch nicht vorgestellt hat mal einem Künstler unter die Arme zu greifen, der bei Facebook auffallend oft von Mädchen als süß bezeichnet wird. Casper, das man muss ihm zugute halten, bestimmt selber auch nicht. Ein brutales Hardcore-Album hätte vielleicht ein paar Girlies verscheucht, authentisch wäre es nicht gewesen und das emotionale Widerspiegeln seiner Gefühle war schon zu Underground Tagen bei “Hin zur Sonne” sein Alleinstellungsmerkmal unter den ganzen Testeron-Rappern von Selfmade Records, auch wenn sein ehemaliger Label-Kollege Kollegah die besseren Punchlines kickt. Seinen noch nicht erwachsenen Fans wird dieses ambitionierte Werk nicht gefallen, wahrscheinlich werden sie dieses Album sogar enttäuscht in die Ecke legen und dann doch mit diesem Stück Musik erwachsen werden.

Darkside – Psychic

Ich habe es ja bereits erwähnt und die buntgefiederten Leuchtvögel pfeifen es ja bereits von den Pyramiden: Psychedelic und sein teutonischer Kumpel Krautrock sind wieder so etwas von präsent und auch Nicolas Jaar, sonst in Sachen kammermusikalischer Beats unterwegs, hat sich mit dem Gitarrist Dave Harrington ein Projekt namens Darkside ausgedacht, dass schon nach einigen Tönen Erinnerungen an die legendäre Zusammenarbeit von King Chrimson Chef Robert Fripp und Ambient-Ikone Brian Eno wach werden lässt. Das hier ist die ganze große Can-Schule und absoluter Genuss für alle Freunde ätherischer Klänge, wenn man sich mal wieder mit den Kopfhörer vollkommen in eine andere Welt transferieren möchte. Auch Pop kommt hier in Form des wirklichen schönen Heart und der angenehmen Trip Hop-Blues-Nummer Paper Trails nicht zu kurz und ist vielleicht der Song den sich MGMT auf ihrer ziellosen Soundsuche gewünscht hätten. Ganz ganz großes Album, was den Frust über so manche Enttäuschung in diesem doch eher mauen Musikjahr vergessen macht!

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