Nach dem Festival Auftritt in Berlin: Kleine Retrospektive über Blur

Wir haben ja schon ewig lange keine Retrospektive mehr gestartet und nachdem wir schon Radiohead, Oasis und R.E.M einen Rückblick gegönnt haben, kommt nun eine weitere große Band in unsere Hall Of Fame. Blur waren wohl neben Oasis DAS Britpop-Phänomen der 90er Jahre und wo sich die Gallaghers doch immer eher wertkonservativ gaben, konnten sich Graham Coxon und Damon Albarn immer wieder für neue Einflüsse begeistern, die sie gerade in ihren Spätwerken konsequent verarbeiteten. Auch wenn die Band immer als typisch britisch galt, so waren es doch stets Lo-Fi-Einflüsse von amerikanischen Bands wie Pavement, die den besonderen Sound von Blur ausmachten.

Seymour
(1989)

Die beiden Freunde Graham Coxon und Damon Albarn gehen nach London auf das Goldsmith College, wo sie Alex James und David Rowntree treffen und die Band Seymour, bennant nach einem Roman von JD Salinger, gründen. Ihr Sound übernimmt den damaligen dance-orientierten Rock von Bands wie Stone Roses oder den Happy Mondays, aber auch angesagten amerikanischen Underground-Bands wie The Pixies, Sonic Youth und Dinosaur Jr.. Aus dieser Session entstehen die Songs Dizzy , Shimmer  und “Did you know you do nothing for me tell me tell me”, die schon früh die punkig-nihilistische Seite Blurs andeuten, aber noch nicht viel mit den später subtileren Songs von Modern Life Is Rubbish oder Parklife zu tun haben. Graham Coxon geht später auf seinen Solo-Werken wieder zurück zu diesen noisigen Wurzeln.

Leisure
(Food Records, 26.09.1991)

Die Plattenfirma und wohl auch auch die Band sind nicht wirklich glücklich mit dem Namen Seymour und so nennen sich die Jungs in Blur um. Der erste verträumte Single “She’so hig’h”, heute ein Blur-Klassiker,  chartet erst einmal gemächlich und landet auf Platz 48, was für einen absoluten Newcomer sicherlich nicht schlecht ist, aber erst dem wesentlich dynamischeren There´s No Other Way gelangt der Sprung in die UK-Top Ten. Man merkt den Songs, vor allem solchen wie Bad Day, noch den Einfluss von Madchester an, aber auch schluffiger amerikanischer Slacker-Sound wie Repetition oder Wear me Down lässt sich auf Leisure ausmachen. Ein gutes Album, das Blur in die angesagten Londoner Indie-Clubs brachte, aber auf dem die Vorbilder noch zu überdeutlich zu hören sind.

Modern Life is Rubbish

(Food Records, 10.05.1993)

Mit der neuen Single Popscene im Gepäck versuchen Blur auch in Amerika Fuß zu fassen, aber schon während der Tour plagt die Mitglieder starkes Heimweh, so dass an neuen Songs gearbeitet wird, die typisch britisch wirken und ein Gegengewicht zu dem damaligen sehr populären Grunge der amerikanischen Bands bilden sollen. Doch anstatt damit in der Heimat offene Türen einzurennen, hat auch das Königreich der Sound von Nirvana und Soundgarden infiziert; das Album führt ein stiefmütterliches Dasein in den Regalen und wirft zum Ärger des Labels auch keinen Hit ab. Aus kommerzieller Hinsicht damals ein Flop, aber später wird klar dass Blur mit diesem eigenen Sound einer der Bands sind, die den Britpop-Hype und Cool Britannia vorweg nehmen.


Parklife
(Food Records,25.04.1994)

Am 06.04.passiert etwas was man vielleicht irgendwann erwartet hat, was aber doch die gesamte Musikwelt tief erschüttert. Kurt Cobain, Sänger der Band Nirvana und bis dahin Ikone der Generation X, begeht Selbstmord und die Grunge Jugend verliert einen ihrer wichtigsten Ikonen. Doch in Wirklichkeit sind sowohl Presse als auch Fans immer mehr angeödet von dauerunzufriedenen Slackern, die von Isolation und Weltschmerz singen. Im Jahr 1994 kommen immer mehr britische Newcomer wie Oasis nach oben und veröffentlichen praktisch im Monatstakt herausragende Alben, was auch den Briten langsam auffällt und Alben wie Parklife und Defintely Maybe, viele Jahre das schnellstverkaufte Debüt-Album aller Zeiten, nach ganz oben befördern. Es tut sich was im Königreich und auch bei Blur, die ihren Sound wieder eingängiger und juveniler als auf Modern Life Is Rubbish gestalten. Fröhlich wirkende Songs wie Girls & Boys charten nach weit oben und trotzdem bauen Blur einen zynischen Unterton in die Lyrics ein. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Blur aber nicht mehr länger eine Indie-Band sondern gelten neben ihren langjährigen Hauptkonkurrenten Oasis als Band der Stunde.

The Great Escape

(Food Records, 11.05.1995)

Aus heutiger Sicht äußern sich alle Beteiligten negativ über den sogenannten “Battle Of Britain”, den die britische Musikpresse initierte und der zu allerlei Gehässigkeiten zwischen Blur und Oasis führte. Während Oasis als Vertreter der Arbeiterklasse galten wurde Blur zunehmend das Image der intellektuellen Charming Boys aufgezwängt, die spöttisch auf den Lad aus Manchester hinunter blicken. So nervig dieser Battle auch gewesen sein mag, er führte zu großem Interesse an den Bands außerhalb von England und brachte die Britpop-Welle endgültig in die Welt hinaus. Von diesem Hype profitierten allerdings in erster Linie Oasis, deren Album-Klassiker Morning Glory sich weltweit millionenfach verkaufte, während The Great Escape vergleichsweise weitaus weniger Alben absetzte und heute trotzt hervorragender Songs wie The Universal, dem ultimativen Britpop-Song überhaupt, auch von den Bandmitlgliedern negativ betrachtet wird. Albarn wünschte sich sogar eine zeitlang jedem Käufer des Albums seine Geld zurück zu geben, was dann doch übertrieben ist. Es ist ein großartiges Britpop-Album, das aber gegen das stärkste und noch großartigere Britpop-Album des Jahrzents antreten musste.

Blur

(Food Records, 10.02.1997)

Ein Jahr später, veränderte Vorzeichen: Oasis überspannen den Bogen mit dem opulente-größenwahnsinnigen “Be Here Now” und bekommen noch im selben Jahr richtunsweisende Konkurrenz in Form von O.K. Computer von Radiohead, das im Gegensatz zu den eher rückwärts gewandten Britpop wie ein Neuanfang in der britischen Rock-Szene gefeiert wird und Blurs schroffer Abkehr vom dem einst gefeierten und mitbegründeten Genre. Statt Beatles-Sound orientiert sich die Band wieder wie an ihren Anfangstagen, an dem Punk und Noise der amerikanischen Vorbilder, was in den Song M.O.R. und natürlich dem Klassiker Song 2 zu hören ist, der Blur auf einmal zur Konsens-Band macht, was gerade dem interegen Graham Coxon sauer aufstösst. Überhaupt ist es vor allem der Gitarrist, der wieder vermehrt der Band seinen Stempel aufdrückt, den Lo-Fi Anteil an Blur erhöht und sich dabei an Pavement orientiert. Das Artwork, die Musik und die wütenden Texte markieren einen Wendepunkt im Image von Blur, die bis dahin eher als verträumt-niedichliche Brit-Pop-Jungs wahr genommen wurden und nun als Reinkarnation als Alternative Band auch in den Staaten den Durchbruch feiern.

 13

(Food , 15.03.1999)

Wie es sich anfühlt, wenn alles zusammen bricht und keine Konventionen mehr etwas zusammen halten, hört man auf 13, dem wohl mutigsten und anspruchsvollsten Werk der Briten. Auf 66 Minuten reibt sich die Band gegeneinander und alles andere auf. Albarn kommt als gebrochener Mann aus dem Ende seiner langjährigen Beziehung zu Elastica-Frontfrau Justin Frischman zurück und auch der Rest schlägt sich mit allerhand Problemen rum. Diese Mischung führt glücklicherweise nicht zu einem kreativen Verfall sondern einem großem Farnal der Blurschen Experimentiertfreudigkeit, die noch einen Schritt weiter geht als das selbstbetitelte Album, sich allerdings teilweise etwas zu gewollt, von dem Pop-Wurzeln entfernen möchte. Wieder einmal führt Coxon das Lenkrad, während Albarn doch nicht so ganz aus seiner Haut kann und mit der Gospel-Nummer Tender als auch der traurigen Abschieds-Song No Distance Left To Run noch zwei schöne Songs abseits von Wut im Bauch auf das Album kommen. Dass sich Albarn nebenbei schon mit seinem Gorillaz-Projekt beschäftigt, lässt schon zukünftige Entscheidungen erahnen.

Think Tank

(Parlophone, 05.05.2003)

Aus. Ende. Schluss. Graham Coxon verlässt Blur endgültig und somit kann Damon Albarn seiner Vision von Melodien und Beats wieder weiter verfolgen, was den Lo-Fi Charakter der Vorgänger durch missglückte Big Beat Experimente wie “Crazy Beat” und neue innovative Elemente wie afrikanische Foklore in dem todtraurigen “Out Of Time” ersetzt. Auch steht das Album Think Tank unter dem Eindruck des zweiten Irak-Kriegs der USA, dem die Band sehr kritisch und ablehnend gegenüber steht. Überhaupt ist das Album eher introvertiert und nach jugendlicher Frühphase und der aufwühlenden Lo-Fi Phase das etwas unspektakuläre Ende der großen englischen Band. Seit 2011 haben sich die über Jahre auseinander gelebten Bandmitglieder wieder angenähert und es kommt wieder vereinzelt zu umjubelten Festival-Auftritten. Ob noch ein Album folgen wird, ist immer noch unklar, da sämtliche Bandmitglieder mit eigenen Projekten, Familie oder Hobby beschäftigt sind.

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