Hörenswertes Sommer 2013 II: Disclosure, Boards of Canada, Beady Eye, Editors, Deafheaven, Kanye West

Uff, das wird ein Sommer! Ich könnte momentan eigentlich wöchentlich einen Hörenswertes-Artikel raushauen und würde immer noch hinterher hinken. Wem bei Boards of Canada nicht gerade das Wasser im Mund zusammen läuft, der benötigt entweder dringend musikalische Nachhilfe oder hat ganz einfach einer der wichtigsten elektronischen Acts der letzten 10 Jahre verpasst. Das Oasis-Nachfolge Projekt Beady Eye bemüht sich derweil noch um solche Wichtigkeit. So, genug Einleitungs-blabla getippt, das geht ja alles von eurer und meiner Zeit ab…

Disclosure – Settle

(Island / Universal, 31.05.2013)

Mit 9.1 Punkten bewegt sich das zweite Album von Disclosure auf Album des Jahres-Kurs beim Indie-Zentralorgan Pitchfork. Ich für meinen Teil erkenne in dem Album nichts, was es nicht schon Ende der 90er in Sachen Dance gegeben hätte, aber dieses Jahrzehnt scheint ja momentan ernsthaft angesagt zu sein und dass es sich bei Settle um eine treibende Produktion handelt, muss auch nicht weiter diskutiert werden. Mag der Hype auch noch so groß sein, die Beats sitzen wie ein Schweizer Uhrwerk und man kann sich bildlich vorstellen wie die beiden Jungs von Disclosure im Trockeneis-Nebel plus effektiv eingesetzter Light-Show die Menge in den Flow bringen. Wenn das ganze auch noch ohne nervige Filter, sondern stattdessen britisch elegant vorgetragen wird, ist das alles mehr als in Ordnung. Gutes Album und die dringend benötige Alternative zu dem nervigen Proll-Brostep aus Amerika.

Boards of Canada – Tomorrow’s Harvest

(Warp, 07.06.2013)

Meist erwartet wird ja mittlerweile so ziemlich alles, was in der Blogosspähre für ein paar Minuten einen Buzz erzeugt. Boards of Canada mit ihrem epochalen Musik has The Rights To Children gelten hingegen nicht umsonst als Legenden und haben uns ewig auf ihre neues Album warten lassen. Wie zu erwarten baut sich das Album auch erstmal gemächlich auf und inszeniert langsam unser Kopfkino von einer surrealen Landschaft, so dass in Kritiken die Musik teilweise mit düsteren Sci-Fi-80er Jahre-Filmenwie Blade Runner verglichen wurde. Und tatsächlich erinnert einiges von diesem Sound an die frühen noch guten Werke von Vangelis, den hier manche leider eher durch grausige Scores zu schlechten Kino-Filmen kennen. BOC schaffen es dessen trancigen Trademarks in ihren verträumten Loops einfließen zu lassen und wie schon beim Vorgänger wünschte ich mir dazu irgendwann den passenden Film zu sehen. Einfach wieder großartig und nehmt euch von mir aus auch 10 Jahre Zeit bis zum nächsten Album, so lange solche kleinen Meisterwerke heraus kommen!

Beady Eye – Be

(Columbia / Sony, 07.06.2013)

Dass ich Oasis heiß und innig liebe kann man hier an meiner Oasis-Retrospektive sehen. Ich würde mich trotzdem auch als kritischen Fan sehen und bin der Meinung, dass nach Heathen Chemistry nicht mehr allzu viel bei den Britpop-Legenden ging. Doch zum Glück für die Gallaghers wuchs eine neue Generation heran, die Oasis für sich entdeckte und gute Verkaufszahlen und volle Hallen garantierte. Nach einem handfesten Streit beim Rock en Seine-Festival kam es trotzdem zum Split und diesmal sogar zum endgültigen. Während Noel Gallagher mit seinen High Flyin Birds ein sehr ordentliches Solo-Debut vorgelegt hat, hat es Brüderchen Liam nur auf ein eher durchschnittliches Debüt geschafft, konnte aber dafür immerhin den Rest von Oasis um sich rekrutieren und mit der Verpflichtung von Dave Sitek, eigentlich Mitglied bei den hippen TV on the Radio jemanden gewinnen, der eigentlich so gar nicht in den doch eher wertkonservativen Stil der Band passt. Was sich höchstspannend anhört ist es leider nicht wirklich, denn anstatt mutiges Experiment oder Weitentwicklung erwarten einen mal wieder 3 gute Songs, schlechte Lyrics und ein belangloser Rest, der nicht nervt, aber auch kaum Eindruck hinterlässt. Immerhin positiv ist der Trend zur Reduzierung, wo bei Noel doch manchmal zu viel Bombast im Spiel ist. Es wäre interessant, diesen Weg wieder zusammen mit der ehemaligen Hauptband zu sehen, doch leider deutet momentan nicht viel darauf hin.

Editors – The Weight Of Your Love

(Rough Trade, 28.05.2013)

Ich habe gerade nicht im Kopf wie oft Love und Weight im Editors-Kosmos vorkommt, aber gefühlt jeder zweite Song beschäftigt sich mit diesen Themen bei der Londoner Band, die im Post-Punk Hype der 00er Jahre nach oben gespült wurde und doch mit dem letzten Album eher auf zwiegespaltene Reaktionen stieß, da die Gitarren mehr in den Hintergrund rückten und dafür verstärkter Einsatz an Vintage-Synthies dem ein oder anderen Fan der ersten Stunde eher sauer aufstießen. Für das neue Album scheinen wohl Depeche Mode in ihrer Faith and Devotion Phase Pate gestanden zu haben, denn Countryske Klänge beginnen das Album, bis sich Sänger Tom Smith an Dave Gahans Sehnsüchtigkeit versucht und das glücklicherweise auch ganz gut hin bekommt. Man muss es nicht schön reden, die Editors sind und waren Kopisten, aber eben auch sehr gute Kopisten, und eigentlich ist das Album hier so etwas wie eine einzige Verbeugung vor Bands wie U2 in ihrer Achtung -Baby-Phase. Depeche Mode und Simple Minds. Gitarren sind in der ersten Hälfte des Albums kaum zu finden, dafür schwingt sich der Pathos in bisher ungeahnte Höhen. Wie Maximo Park und andere Bands der Klasse von 2005 schaffen es auch die Editors einfach nicht mehr das punkig Ungestüme ihrer Debüt-Alben auf die Nachfolger zu übernehmen und verlieren sich zunehmend in Bombast-Produktion.

Deafhaven -Sunbather

(Indigo,05.07.2013)

Stell dir vor, norwegische Hippies kommen in ein Umerziehungslager mit lauter Metallern und du bist bei Deafhaven angelangt. Das Cover lässt auf fröhlichen Sommerpop schließen und Songs wie “Dream House” auf einen weitere Beach House-Nachahmer, der Schock der einen bereits zum Einstieg begrüßt, dürfte nicht ohne sein. Grindcore/Death Metal-Gekeife im Dialog mit Post-Rock ist nur der Anfang eines interessanten Albums, das über verträumte Songs voller Ruhe bis hin zum emotionalen Ausbruch einiges zu bieten hat, aber auch Offenheit in Sachen Musikverständnis erwartet. Ein Stilmix aus dem Graubereich der sämtlicher härtere Subgenres, dem es irgendwie gelingt, so etwas wie Leichtigkeit in die düstere Ecke in diesen Graubereich zu bringen und damit die Tür weit für weitere spannende Projekte öffnet.

Kanye West – Yeezus

(Def Jam, 18.07.2013)

Kanye provoziert  polarisiert und ist damit auch Jahre nach dem eher konservativen Debüt College Dropout jemand, der das Rap Game weiter in Bewegung hält. Nicht alles was der vermeintliche Größenwahnsinnige anfasst wird zu Gold, aber was der Gute da in seinem neuesten Streich für den Pop-Zirkus vorbereitet hat, muss erstmal verdaut werden. Mag er auch ein gewöhnlicher oder sogar lausiger Rapper sein, aber das ist hier eines der gewagtesten Mainstream-Alben des Jahres und das muss sich jemand mit so seinem Standing auch erstmal leisten. Industrial-Beats, Midi-Sounds, Düster-Samples und Club-Sounds werden auf diesem teils hysterischen Album zu einem wahnwitzigen Sperrfeuer auf die Sinne und können damit einfach nur absolute Abneigung oder Verehrung hervor rufen. Ich empfinde es als eines der wichtigsten Alben dieses Jahres, denn was West hier macht, ist immer mehr eine Vision von Post-Hip Hop und seine eigene Version von Pop, in dem er sich ja schon immer mehr zuhause fühlte als auf der Straße, wo er eh nie herkam. Da darf man auch mal selbst eher abgeschmackte Samples von den Chemical Brothers in seinen Entwurf einbringen, aber hey die 90er sind gerade angesagt und die Brüder DIE Beat-Visionäre ihrer Generation gewesen. Abzug gibt es für Auto-Tune Einsatz und die auf Dauer etwas gewisse Eintönigkeit, die am Ende viel von der Spannung der ersten Hälfte nimmt. Doch wir reden hier über 2013 und da reicht so etwas für einen Platz im vorderen Bereich.

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