Improvisation No.1

Okay, ich werde an dieser Stelle nicht viel rumlamentieren, dass ich im Moment zu wenig zum Bloggen komme. Ich habe in der Euphorie der beiden letzten Prüfungen (beide übrigens ordentlich gemeistert) ja schon erwähnt, dass es jetzt an die Magisterarbeit geht, die ich Anfang September abzugeben habe… und naja… die beansprucht im Moment doch etwas mehr von meiner Zeit als erwartet. Es ist irgendwie immer so, dass ich, sobald ich ein Thema gefunden habe, das mich brennend interessiert, mich in dieses derart reinfresse, dass ich links und rechts alles liegen lasse. Aber ein Ende ist abzusehen, über 70 Seiten habe ich mittlerweile schon geschrieben und abgesehen davon, dass ich den gesamten ersten Teil noch einmal ordentlich umbasteln muss, bin ich doch sehr zufrieden mit dem bisherigen Ergebnis. Ach scheiße, ich wollte ja gerade nicht lamentieren. Also Schluss mit dem Geplänkel! Sinn dieses Posts ist es, euch mit ein bisschen Stuff zu versorgen, der in letzten Zeit in meinem rss-Reader, in meinen Favoriten, in meinem Geist hängen geblieben ist.

Wer Interesse daran hat, womit ich mich akademisch herumschlage, dem kann ich quasi zum Einstieg Heinrich von Kleists 1805/1806 entstandenes Essay Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden ans Herz legen. In diesem setzt setzt sich Kleist mit einer epistemologischen Strategie auseinander, die nicht – wie in der Aufklärung präferiert – im Meditieren und Reflektieren besteht, sondern in einer expressiven Darlegung der eigenen, unfertigen Überlegungen zum Zuge kommt. Dabei geht er sogar so weit, dass er den spontan geäußerten, nicht zu Ende gedachten Gedankenfragmenten eine Kraft zuschreibt, die Tatsachen schaffen und sogar Geschichte schreiben kann. Ergänzend dazu sei noch Kleists 1810 in den Berliner Abendblättern veröffentlichte Paradoxe Von der Überlegung empfohlen, in der die Tat vor der Reflexion als stärker denn die reflektierte, wohl überlegte Tat dargestellt wird, und damit dürfte schon ungefähr ein Bild davon entstehen, wie das Thema meiner Magisterarbeit aussieht: Das Motiv der Improvisation im Spätwerk Heinrich von Kleists. Neben den beiden genannten Aufsätzen stürze ich mich dafür noch auf das berühmte Essay Über das Marionettentheater sowie das immer lesenswerte, kryptische Drama Prinz Friedrich von Homburg. Zu klären ist anhand dieser Texte, inwiefern Kleist Motive der Improvisation seiner Zeit in seinem Werk verarbeitet, aber auch, wie er über diese hinausgeht, indem er bereits moderne (Stichwort: Nietzsche) und postmoderne Motive der Improvisation antizipiert. Neben der Literatur des 19. Jahrhunderts sind meine Wegbegleiter also ein ganzer Haufen poststrukturalistischer Kulturwissenschaftler, die sich mit der Improvisation als Phänomen auseinandersetzen. Empfohlen seien an dieser Stelle ad hoc Edgar Landgraf (Improvisation as art), Gary Peters (The Philosophy of improvisation) und Gabriele Brandstetter (die nicht nur eine hervorragende Kleist-Forscherin sondern ebenso eine grandiose Interdisziplinaristin ist)

Und damit genug von dem akademischen Zeugs! Ich habe eine Menge Fundstücke versprochen und hier kommen sie:

Die Kollisionsabfrage (immer, immer, immer lesenswert!) verlinkt auf den Mehrspieler #018 von Wolf Speer und Dave, der sich mit Wahnsinn in Film und Spiel auseinandersetzt. Der 20minüter basiert auf einer Kurzfassung die im Rahmen der ZDFkultur-Sendung Mindfuck mit allen Mitteln entstanden ist. Beide Videos sind unbedingt sehenswert, und zumindest den nicht durch Depublikation gefährdeten Youtube-Film will ich dann auch gleich mal hier unten reintackern.

Im Tagesspiegel berichtet Bodo Mrozek davon, wie US-Serien unsere Fernsehgewohnheiten verändern. Lesenswerter Artikel, der mich daran erinnert dass….. JAAA, nicht mehr lange und es gibt endlich wieder neues Breaking Bad Material zu genießen. Ab ersten August werden die letzten 8 Episoden der großartigen Comedy/Tragedy/Crime-Serie ausgestrahlt und ich kann es kaum noch erwarten, mich auf einen letzten Tanz mit Heisenberg einzulassen.

Wo wir gerade bei Drogen sind… Dorkly hat ein paar sehr schicke Infografiken veröffentlicht, in der jüngere Videospiele mit Drogen assoziiert werden. Minecraft als chilliges Mariuana, World of Warcraft als aufputschendes Kokain und Pokemon als lästiges Nikotin, dessen Abhängigkeit man seit der Jugend mit sich herumträgt. Und wenn ich im Nebenzimmer sehe, wie meine Freundin Temple Run bis zum Erbrechen zockt und damit mein Handy blockiert, kann ich die Assoziation dieses Endless-Games mit Crack auch nur unterstreichen. Well Done.

Alle weiteren Videogames as Drugs Grafiken gibt es bei Dorkly.

James Rolfe (Ihr wisst schon, der Angry Video Game Nerd) ist gerade dabei seine (ähmmm) legendäre SNIX-Reihe auf Cinemassacre zu veröffentlichen. Okay, im Grunde genommen ist das alles ziemlicher Trash, aber es ist schon verdammt cool zu sehen, wie eine – was man mittlerweile ohne Übertreibung sagen kann – Internet-Film-Ikone ihre ersten Videoproduktions-Schritte machte. Gerade der erste SNIX (1993) ist mittlerweile stolze 20 Jahre alt und erinnert mich mit seiner verwackelten Kamera, den kruden Perspektiven und den kindlichen Laiendarstellern (die auch gerne mal direkt in die Kamera schauen) an meine ersten Homevideo-Drehversuche. Ein gutes Stück Nostalgie spielt da also schon mit, und genauer betrachtet ist der Film auch nicht mehr als Crap… aber es ist Crap von historischer Bedeutung.

Apropos Crap… In seiner jüngsten AVGN-Episode hat James Rolfe doch tatsächlich Lloyd Kaufman von Troma zu Gast. Die Review zu den Toxic Crusader Games auf NES, Game Boy und Mega Drive gehört zwar mit Sicherheit nicht zu den besten Nerd-Episoden, aber It’s fucking Lloyd Kaufman! Held zahlloser trashiger B-Movie, Meister des Troma-Wahnsinns und faszinierende, abscheuliche Ausgeburt der Filmgeschichte. Allein dafür lohnt es sich reinzuschauen. Und wenn ich schon mal dabei bin, die Video Reviewer abzuarbeiten (ja, ich weiß, dass diese hier in letzter Zeit ziemlich oft abgefeiert werden), haue ich an der Stelle noch schnell die letzten beiden Videos vom Nostalgia Critic und Nostalgia Chick rein. Es gibt einmal die Top11 South Park Episodes und einmal die Top10 Videoclips der 90er Jahre. Viel Spaß!


So ganz komme ich aus dem akademischen Viertel jedoch noch nicht raus. Wenn man sich wie ich derzeit mit viel kulturwissenschaftlichen Blabla auseinandersetz (sorry liebe Poststrukturalisten, Dekonstruktivisten und Postphänomenologen), tut es ganz gut sich als Kontrastprogramm etwas hard coded Science zu gönnen. Quasi essentiell die Tage – an denen der BR sich erdreistet übelsten Homöopathie-Schund ins Abendprogramm zu packen – ist das hervorragende APA-Dossier Heiße Luft mit Quanten (via GWUP), das sich auf vielfältige Weise mit Para- und Pseudowissenschaften auseinandersetzt. Als Ergänzung dazu passt dann auch wunderbar der Vortrag von Gerd Gigerenzer Illusion der Gewissheit (via Psiram), der Probleme der Statistik auch für Laien wie mich höchst plausibel und mit verblüffenden Ergebnissen abarbeitet. Wie leicht sich die eigene, persönliche Wahrnehmung täuschen lässt – und warum man sich nicht unbedingt immer auf die vermeintlich so sichere Intuition verlassen sollte, lässt sich zusätzlich vielleicht noch ganz gut mit dem unteren Video (via Nerdcore) exemplifizieren. “None of the effects are computer generated. All the trickery took place literally in front of the camera.” Okayyyy:

Eine weitere Möglichkeit von zu viel kulturwissenschaftlichem Akademikertum abzulenken, ist natürlich schlicht der Weg nach draußen, insbesondere Dank des Frühlings, der nach diesem elend langen Winter endlich mit voller Kraft hereingebrochen ist und mit herrlichem Sonnenschein geradezu dazu auffordert den Arsch hochzukriegen und sich an die frische Luft zu begeben. So habe ich dann auch letzte Woche das Geochaching für mich entdeckt. Erst einmal ein kleiner, gemütlicher Testlauf, ein Cache in der Nähe, an einer Kirche… weder besonders schwer zu finden noch besonders abenteuerlich zu erreichen… Aber, verdammt, hat das Spaß gemacht! Allein das Gefühl, einen kleinen verborgenen Schatz herauszuholen und sich in dessen Logbuch zu verewigen. Es ist einfach eine wunderbare, kleine und kontrollierte Befriedigung urmenschlicher Bedürfnisse: Suchen, Jagen, Sammeln… und sich dabei noch ein wenig wie das Mitglied einer erlauchten, geheimen Gesellschaft vorkommen.

Und um diese Improvisation damit zu einem Abschluss zu bringen (den ich gerade irgendwie nicht finden kann): Am Montag geht die re:publica wieder los und ich werde auch wieder mit dabei sein. Und wie die letzten Jahre auch im kompletten Arbeitsmodus: Für dctp drehen wir wieder zusammen mit Philip Interviews mit jedem, der uns vor die Linse kommt. Falls ihr also auch vor Ort seid und einen größeren Bereich mit dctp Logo, mehreren Kameras, Computern und einem Kerl in schwarzer Mütze, der angestrengt hinter diesen Computern sitzt und live schneidet, seht, dann werde mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ich dieser Kerl sein. Während der Interviews nicht ansprechbar, aber davor, danach und dazwischen auf jeden Fall… und natürlich freue ich mich auch über jeden Leser und Kollegen, der vorbeischaut, um kurz hallo zu sagen. In dem Sinne…


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