Die 90er Jahre: Die besten Indie-Alben des Jahrzehnts III

Mit reichlich Verzögerung nun der dritte Teil der besten Indie-Alben des Jahrzehnts. Über das epochale Meisterwerk von Neutral Milk Hotel braucht man wohl kaum zu diskutieren, die Magnetic Fields widmeten dem Thema Liebe gleich 69 Love Songs,dEUS sahen Gott, Mercury Rev einen verwunschen Traum und Stereloab auf Emperor Tomato Ketchup zum Glück keine Tomaten auf den Augen.

Neutral Milk Hotel – In The Aereoplane Over The Sea

(Merge,1998)

Das Album, das angeblich jeder in den 90er gekannt oder gekauft hat. Doch erst Jahre später, in den 00er Jahren, bekam das epochale Meisterwerk seine verdiente Aufmerksamkeit und ist immer noch ein Folk-Monolith ohne vergleichbare Konkurrenz auf Augenhöhe. In kryptischen Texten beschäftigt sich das Album unter anderem mit dem Schicksal der Anne Frank und weiteren schweren Tragödien,vorgetragen von Mangums klagender Stimme, die zeitweise an den Weltschmerz von Kurt Cobain erinnert. Mit krachenden E-Gitarren wäre das Album bestimmt ein großer kommerzieller Erfolg in der Grunge-Ära geworden, aber experimenteller Folk war in der Zeit derSpät-90er nicht gefragt und so entging bis zur Wiederveröffentlichung 2005 vielen das Album, das viele heute populären Folk-Bands als wichtigen Einfluss nennen. Auf eine neue LP wird man leider noch warten müssen, da sich das scheue Genie Jeff Mangum aus der Öffentlichkeit zurück gezogen hat und noch auf einen richtigen Moment für neue Klänge wartet, genau wie die nach wie vor  immer größer werdene Fanschar.

The Magnetic Fields – 69 Love Songs

(Merge, 1999)

Doppel- und Dreifachalben sind ja eigentlich irgendwelchen größenwahnsinnigen Künstlern vorbehalten, deren Millionen-Etat  und Ego Platz für derlei Epen zulässt. Die Magnetic Fields schufen 1999 gleich ein Dreifach-Konzeptalbum, das sich auf 69 Love Songs mit dem Thema Liebe beschäftigte oder wie es Sänger Merrit so schön unklar sagt “69 Love Songs is not remotely an album about love. It’s an album about love songs, which are very far away from anything to do with love”. Mit intimem Synthie-Einsatz und trunkenem Folk erinnert es an eine dunkle Bar, in der gebrochene Charaktere am Tresen sitzen und traurigen Liedern von der Bühne lauschen. Schwermut, Zynismus und Melancholie klangen selten so schmerzhaft und hoffnungsvoll zur gleichen Zeit.

dEUS – The Ideal Crash

(Island, 1999)

Die Beatles der 90er wurden dEUS mal genannt. Vielleicht etwas übertrieben, aber eine Zeit lang war Brüssel so etwas wie das gelobte Land des anspruchsvollen Indie-Pop und Deus seine Vorzeigeband. Wo manche der befreundeten Bands manchmal zu viel Input zuließen und dabei den roten Faden verloren, ist “The Ideal Crash” ein rundherum gelungenes und homogenes Werk. Mit einer ganz eigenen Mischung, die mal freigeistig dem Jazz Tribut zollte, aber dann unerwartet prägnante Pop-Melodien aufbaut und Electro-Rhytmen zulässt, waren dEUS ganz weit vorne mit dabei und durften sich in einem Atemzug mit Radiohead nennen, die mit OK Computer sicherlich dann und wann Pate standen, aber nie so lässig so etwas Geniales wie Instant Street erschufen, das sich von einem verträumten Folk-Song in einen Krautrock-Wahnsinn zum Schluss steigert. In solchen Momenten, die auf dem Album nicht selten anzutreffen sind, ist der größenwahnsinnige Bandname (=Gott) durchaus angebracht.

Mercury Rev – Deserter’s Songs

(V2,1998)

Wie eine Stimme in einem verwunschenen Wald klingt die Stimme von Jonathan Donahue, der Traumlandschaften und allerlei andere entrückte Dinge besingt. Dieses Album macht Einen Glauben, dass die Guten gewinnen und man jederzeit einfach aus der Tür hinaus geht um sich irgendwo draußen neu zu entdecken. Wer diesen psychedelischen Pop-Trip mitmacht wird sicherlich um ein paar Erfahrungen reicher und Deserter’s Songs nie wieder aus den Augen verlieren.

Stereolab – Emperor Tomato Ketchup

(Elektra,1996)

Verträumt geht es auch weiter mit Stereolab, die auf “Emperor Tomato Ketchup” ein Spannungsfeld zwischen Easy Listening, Post-Punk, Krautrock, Funk, Electronica und Dub aufbauen. Hört man sich dieses Album heute an, bemerkt man kaum seine annähernd 20 Jahre, die es mittlerweile auf dem Buckel hat. Ein erfrischendes Album, dem man immer noch gerne zuhört und bei dessen Genuss man irgendwie an einen Sommerurlaub in Frankreich denken muss.Ein zeitloses Meisterwerk, dass seiner Zeit weit voraus war und geradezuvor jugendlicher Experimentierlust übersprudelt. Wahrscheinlich haben Stereolab damals Künstler unterschiedlicher Stilrichtungen nachhaltig beeinflussen und sollten dies immer noch tun können. Wer also im Begriff ist eine Band zu gründen, darf sich hier aus Tausenden von Soundideen seine Inspiration nehmen und sehen wie man diese in großartige Pop-Melodien transformiert.

 

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