Bernhard Waldenfels und die Phänomenologie des Fremden

Zu einem kleinen Nachtrag zu meiner Vorbereitung auf die Philosophie-Abschlussprüfung fühle ich mich dann doch noch verpflichtet. Wie ich in dem Artikel über Edmund Husserls Cartesianische Meditationen bereits angekündigt – und bis jetzt noch nicht eingelöst – habe, wollte ich noch ein wenig Kritik an Husserls phänomenologischem Weg vom transzendentalen Ego zu einer intersubjektiven Monadengemeinschaft und der damit verbundenen Begründung einer objektiven Welt üben. Diese Kritik möchte ich mit Hilfe eines weitaus jüngeren Phänomenologen wahrnehmen: Der 1934 geborene Philosoph Bernhard Waldenfels hat sich insbesondere in den 90er Jahren durch seine Studien zu einer Phänomenologie des Fremden in der phänomenologischen – und ganz allgemein philosophischen – Szene einen Namen gemacht. In diesen untersucht er das Wechselspiel von Eigenheit und Fremdheit, die verschiedenen Arten wie das Fremde in Ordnungen und vor allem außerhalb von Ordnungen auftritt und wie der Mensch auf das Fremde als Phänomen reagiert. Gerade seine Charakterisierungen des Fremden bieten sich geradezu an, um sich kritisch mit Husserls “Egologie” auseinanderzusetzen, auch wenn Waldenfels bis heute zwar ein kritischer und dennoch begeisterter Rezipient des Godfather of Phenomenology ist.

Ich möchte mich in meiner Darstellung des enorm umfangreichen Werkes Waldenfels’ besonders auf die Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden (2006) sowie den ersten Band seiner zentralen Studien, die Topographie des Fremden (1997) konzentrieren. Für einen kompletten Überblick über Waldenfels’ Werk, das nicht bei der klassischen Phänomenologie halt macht, sondern ebenso die französische Schule nach Husserl einschließt und nebenbei Harken über die Systemtheorie nach Niklas Luhmann und den Poststrukturalismus schlägt, ist ein kompakter Blog-Eintrag einfach zu kurz und in seinen Möglichkeiten zu limitiert. Stattdessen möchte ich bereits an dieser Stelle eine dicke Empfehlung für das Werk von Bernhard Waldenfels aussprechen. Für den Einstieg eignet sich insbesondere Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden (2006), das seine zentralen Gedanken auch für philosophische Laien verständlich, pointiert zusammenfasst. Für einen größeren Überblick empfehlen sich der Stachel des Fremden (1990) sowie die Studien zur Phänomenologie des Fremden (1997 – 1999), seine Einführung in die Phänomenologie (1992) ist auch äußerst lesenswert, bietet sie doch auf kleinstem Raum einen übersichtlichen historischen Abriss dieser philosophischen Strömung und nebenbei einen guten Überblick über die “Lehrer” von Waldenfels selbst. Für mich sollen an dieser Stelle nur drei Charakterisierungen des Fremden nach Waldenfels wichtig sein: 1) Die interne Fremdheit als persönliches Entfremdungsphänomen. 2) Die externe Fremdheit und ihr Bezug zum Eigenen. 3) Das Fremde als Hyperphänomen

Bernhard Waldenfels charakterisiert das Fremde als ein Grenzphänomen: Ganz egal, ob es eine Fremdheit betrifft, die sich in mir selbst befindet oder diese Fremdheit ein außer mir bedeutet, scheint sie immer von irgendeinem Außerhalb, von einem Nicht-Ich zu kommen. Dennoch lässt das Fremde keineswegs eine absolut scharfe Trennung zu: Das Ich ist ebenso vom Fremden durchzogen, wie wir Spuren von uns selbst in Erfahrungen des Fremden ausmachen können. Damit fungiert das Fremde nicht einfach als ein Außerhalb einer Ordnung im Kontakt mit dieser Ordnung, viel mehr stellt es als Phänomen diese meine Ordnung und damit auch ganz allgemein jede denkbare Ordnung in Frage. Waldenfels spricht in diesem Zusammenhang auch von einer radikalen Kontingenz, einer gewissen Zufälligkeit oder Willkür, die sowohl der Ordnungsstiftung als auch Grenzziehung zum Außerordentlichen permanent in Frage stellt.

Wie zeigt sich diese Kontingenz nun in Form der internen oder intrapersonalen Fremdheit, also der Fremdheit, die in mir selbst stattfindet, die stets Teil von mir ist? Waldenfels findet für dieses Phänomen hervorragende Bilder, die nicht nur auf einer metaphorischen Ebene sondern darüber hinaus auch als ganz praktische Alltagsbeispiele funktionieren: Ich erlebe das Fremde von mir, in mir bereits als konstitutiv für mich selbst. Dieses Fremdeln des Eigenen, dieser Verlust der Kontrolle beginnt schon in der eigenen Wahrnehmung, die nach Waldenfels mir selbst meine eigene Passivität bewusst werden lässt. Bevor ich etwas wahrnehme, also einen aktiven Akt der Wahrnehmung als Ego vornehme, muss mir etwas erscheinen. Krasser noch, ich nehme nicht einfach als handelndes Subjekt etwas wahr, viel mehr überkommen mich Eindrücke, manchmal überrennen sie mich sogar, mindestens aber erscheinen sie mir von einem Außerhalb. Dem “Ich” im Nominativ, dem handelnden, aktiv wahrnehmenden Ego geht also immer das Ich im Dativ und Akkusativ voraus. In diesem Modell ist das Ich nicht mehr Akteur, nicht mehr Handelnder, sondern ein Patiens, ein Erleidender. Diese Spur des Fremden in mir selbst zieht sich zurück bis zu meiner Geburt: Ich werde geboren, ich werde in die Welt geworfen: Der erste Akt meines Lebens fußt nicht auf einer freien Entscheidung und selbständigen Handlung sondern ist etwas von Außen mir Oktroyiertes. Aber auch ich selbst als mich definierende Person bin von Beginn an von einer fremden Zuschreibung bestimmt: Mein Name ist nicht einer, den ich mir selbst gegeben habe, sondern er wurde mir ebenso von außen übergestülpt. Das, womit ich mich selbst identifiziere, ist mir von Fremden, von Anderen gegeben, ein Grundstein meiner Individualität ist fremdbestimmt. Dieses Gefühl der eigenen Fremdheit hat das Potential ein Subjekt zu zerreißen. “Das Fremde beginnt im eigenen Haus”, ist eine der Phrasen, mit denen Waldenfels dieses Gefühl der intrapersonalen Fremdheit auf den Punkt bringt. Noch prägnanter, das Zitat von Rimbaud: “J’est un autre”, bei dem sich das Ich durch die Kombination von Personalpronomen in der ersten Person und Verb in der dritten Person Singular bereits vollständig von sich selbst entfernt hat.

Auch sich von der internen Fremdheit weg zur externen Fremdheit hinbewegend entdeckt Waldenfels eine enge Verbindung von Eigenem und Fremden. An unterschiedlichen Stellen in seinen Werken ist immer wieder davon die Rede, dass die Bestimmung eines Fremden als Fremdes (im phänomenologischen Sinne) ein Eigenes bereits voraussetzt. Ich kann etwas nur als “anders” oder eben als “fremd” bezeichnen, wenn ich es von dem trenne, was mir bekannt ist. Ich kann etwas nur von mir abgrenzen, indem ich mich selbst mit mir identifiziere. Diese erst einmal trivial wirkende Erkenntnis bekommt eine beinahe unheimliche Note, wenn wir den entgegengesetzten Fall betrachten, und auch auf diesen geht Waldenfels an verschiedenen Stellen in seinen Werken ein: Ich kann mich selbst als mich nur identifizieren, wenn ich etwas habe, wovon ich mich abgrenzen kann: Also etwas anderes, etwas Fremdes. So wie eine Bestimmung des Ichs das Fremde voraussetzt, setzt eine Bestimmung des Fremden das Ich voraus. Ich und Fremdes bedingen sich gegenseitig in einem genetischen Doppelverhältnis, das scheinbar weder Anfang noch Ende kennt. Das Ich kann sich nicht ohne das Fremde konstituieren, so wie sich das Fremde nicht ohne das Ich konstituieren kann. Eine merkwürdige, endlos scheinende Kreisbewegung, in der das eine das andere so wie das andere das eine voraussetzt… ein Vorgang, der die Transzendentalität und die apodiktische Evidenz des Ego grundsätzlich in Frage stellen kann.

Darauf komme ich gleich noch einmal zurück, aber zuerst die dritte Charakterisierung des Fremden nach Waldenfels, die für meine Husserl-Kritik wichtig ist. Nach Waldenfels ist das Fremde ein Hyperphänomen, das sich zeigt, indem es sich entzieht. Das Fremde hat die merkwürdige Eigenschaft, dass wir es nie ganz zu fassen bekommen können, weil sein Charakteristikum eben die “Unfassbarkeit” ist. Wir können uns dem Fremden vielleicht annähern, ganz entschlüsseln – in einem phänomenologischen Prozess – können wir es aber nicht. Denn, sobald wir das Fremde mit einer Sinnhaftigkeit erfasst haben, verliert es seinen Status als Fremdes. Eine Erkenntnis des Fremden schließt eine Erkenntnis des Fremden als Fremdes aus, da sich das Fremde in seinem Eidos, also in seiner Wesenhaftigkeit, mit der Erkenntnis auflösen würde. Was bekannt ist, ist nicht mehr fremd, was fremd ist, kann und darf nie bekannt sein. Der Versuch dies trotzdem zu tun, ist immer nur als Antwort möglich, die denkbar ungünstigste Antwort ist die Aneignung, d.h. etwas zu mir zu nehmen, was nicht bei mir ist. Mit einer Aneignung habe ich das Fremde zwar gegriffen, in dem Moment, in dem ich es habe, ist es aber nichts Fremdes mehr und hat damit seinen Wert für eine Erkenntnis als Fremdes verloren.

Und mit diesen drei Aspekten, bzw. Facetten – die interne Fremdheit, die externe Fremdheit im Bezug zum Eigenen und das Fremde als Hyperphänomen – möchte ich zurück zu Edmund Husserls Cartesianischen Meditationen kommen. Wie bereits im letzten Artikel umschrieben, nutzt Husserl die Fremdwahrnehmung (=die Wahrnehmung der Anderen), um vom transzendentalen Ich zur Vorstellung einer objektiven Welt zu gelangen. Das Prinzip, das er dazu nutzt, ist das der analogischen Apperzeption: Ich sehe andere Leiber und schreibe ihnen per Analogie das zu, was ich an meinem eigenen Leib erfahre, also eine Wahrnehmung. Ich mitvergegenwärtige eine Erfahrung der Anderen und kann ihnen damit – analog zu meinem Ego – ein Alter Ego zuschreiben. Damit kann ich erkennen, dass es neben mir noch andere wahrnehmende Subjekte gibt. Mit dieser Bewegung macht Husserl genau das, was Waldenfels als Aneignung bezeichnet. Ich erschließe mir in dieser Bewegung nicht die Fremdwahrnehmung als Fremdwahrnehmung, viel mehr schreibe ich ihr einfach ein analoges Verhalten zu meiner Wahrnehmung zu. Die Wahrnehmung der Anderen wird zum Spiegel meiner eigenen Wahrnehmung, der andere Mensch wird zum Spiegel meiner Selbst, das Du wird zum Ich und ich habe brutalst möglich jedes Fremde daraus getilgt. In dieser Bewegung verharre ich in der Selbstauslegung, jede Vorstellung des Fremden, des Anderen ist nichts weiter als eine Vorstellung von mir selbst. Und damit kann ich freilich auch keine weiteren Aussagen über die objektive Wirklichkeit treffen. Erkenntnis bleibt radikale Ich-Erkenntnis, und das, was Husserl unbedingt wollte, hat nicht stattgefunden: Die Cartesianischen Meditationen betreiben weiter eine Form von – wenn auch sehr gewitztem – Solipsismus.

Das ist umso tragischer, da Husserl sich gerade in den vierten Meditationen diesem Problem bewusst zu sein scheint: In der Erweiterung der Phänomenologie durch die Monadologie des Ichs entwirft Husserl eine dynamische Charakterisierung des Ichs, das nicht einfach nur als statische Entität wahrnimmt, sondern sich auch entwickelt, eine Geschichte hat und sich durch seine Wahrnehmungsakte selbst konstituiert. An dieser Stelle hätte Husserl die Transzendentalität des Ego oder Cogito noch einmal generell in Frage stellen können: Denn so wie das Ich in einer aktiven Genesis Vorstellungen in sich erzeugt, erzeugt es auch eine Vorstellung von sich selbst. Diese Erzeugung der Vorstellung von sich selbst muss aber zwangsläufig einhergehen mit der Vorstellung eines anderen, eines außerhalb. Denn – um damit auf Waldenfels’ Vorstellung einer externen Fremdheit zu rekurrieren – Ich kann mich nur definieren, indem ich anderes definiere, ich kann anderes nur definieren, indem ich mich selbst definiere. Damit wäre diese Genesis des Ichs in Verbindung mit der Genesis des Anderen an den Anfang gestellt. Diese Genesis wäre das eigentlich Transzendentale in diesem phänomenologischen Weg. Eine weitere Epochée müsste das Ich ausklammern um die Erzeugung von Ich und “Nicht-Ich” an den Anfang der Erkenntnis als apodiktische Evidenz zu stellen.

Genau mit diesem Anfang ließe sich dann nämlich auch eine Vorstellung von objektiver Welt rechtfertigen. Wenn “ich” als Cogito durch die Genesis zusammen mit dem “Nicht-Ich” entstehe, kann ich bereits in dieser Erkenntnis von einem Außer-Mir ausgehen. Der phänomenologische Weg braucht nicht mehr den Umweg über Welt als Cogitatum als Noema in meiner Vorstellung, um zur objektiven Welt zu gelangen, da mit der Konstitution des Ichs Welt als außerhalb des Ichs mitkonstituiert ist. Und, um ein letztes Mal auf Waldenfels zu rekurrieren, wenn ich feststelle, dass ich in diesem Außerhalb zuerst nur als Patiens, als Passiv, als Vermeinter vorkomme, muss ich in ihr auch ein anderes Vermeinen als mein eigenes Vermeinen voraussetzen. Und dieses andere Vermeinen wiederum ist eben die Fremdwahrnehmung. Mit dieser einfachen Bewegung, die Genesis des Ichs als transzendental, als apodiktisch evident an den Anfang der phänomenologischen Reduktion zu setzen, gelingt es dem Meditierenden, die Gefahr des Solipsismus von vorneherein auszuschließen. Das Fremde von Bernhard Waldenfels versöhnt sich mit dem Ich von Edmund Husserl: Dieses hat zwar seine Transzendentalität verloren, damit aber das gewonnen, was essentiell für die Phänomenologie als philosophische Disziplin ist: Einen Weg zu einer Erkenntnistheorie, die auf absoluter wissenschaftlicher Begründung fußt und dennoch Aussagen über die Welt außerhalb von sich selbst treffen kann…. When you’re strange… When you’re strange… When you’re strange…


Ein Kommentar zu “Bernhard Waldenfels und die Phänomenologie des Fremden

  1. Grüße an Bernhard Waldenfels In Erinnerung an uralte Zeiten.
    Liebe Grüße Julia

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>