Kleiner philosophischer Exkurs: Edmund Husserl – Cartesianische Meditationen

Ich mache es schon wieder: Ich missbrauche das Blog hier für meine Prüfungsvorbereitungen. Jetzt aber wirklich zum letzten Mal, vorerst… versprochen. In zwei Wochen habe ich meine schriftliche und mündliche Abschlussprüfung in Philosophie, danach schreibe ich noch meine Magisterarbeit fertig und dann folgt vermutlich erst einmal die große Leere. Naja, das ist vielleicht ein bisschen zu viel Pathos, aber eine gute Überleitung zu meinem ersten Prüfungsthema in Philosophie: Husserls Cartesianische Meditationen (1931), in denen der Godfather der Phänomenologie versucht, die Philosophie ganz allgemein zu einer Wissenschaft aus absoluter Begründung zurückzuführen. Ich werde in diesem Artikel versuchen, Husserls sehr kompakte und zugleich sehr komplexen Gedankengänge nachzuzeichnen, um anschließend – sozusagen als Fingerübung – ein wenig philosophische Kritik an seinem phänomenologischen Weg zu üben. Tatsächlich soll das Ganze dann auch für Leute interessant sein, die so gut wie kein philosophisches Vorwissen mitbringen, denn wenn sich ein Text für den Einstieg in den Fachbereich der Philosophie eignet, dann ist es – vielleicht noch neben Heideggers Was ist Metaphysik (1929) – dann ist es der hier niedergeschriebene Inhalt von Husserls Vorlesungsreihe in Frankreich…

…Das liegt einfach an dem Faktum, dass Husserl hier nicht einfach nur eine große metaphysische Theorie entwirft, sondern dass er versucht zum Ursprung des Philosophierens schlechthin zu kommen, eine im besten Sinne des Wortes “naive Philosophie” zu entwerfen, die die Grundlagen der Erkenntnis aufdecken und anhand dieser weiter operieren soll. Als Rahmen dafür dienen ihm insgesamt fünf Meditationen, die aufeinander aufbauend von der subjektiven Erkenntnis zu einer Begründung für das menschliche Miteinander und die objektive Wirklichkeit führen sollen. Das Pferd von vorne aufzäumen ist also das erklärte Ziel, vom Beginn an zu philosophieren, dabei vorurteilsfrei sein und sich auf wenige Axiome begrenzen, um ein stabiles philosophisches Gedankengebäude errichten zu können: Erst damit ist es nach Husserl möglich, Philosophie tatsächlich als autonome Wissenschaft zu betreiben, die sich von den Naturwissenschaften, den Kultur- und Sozialwissenschaften und insbesondere der Psychologie deutlich abgrenzt und diesen zugleich als Fundament dienen kann. Philosophie als erste Wissenschaft, als Metawissenschaft, als Fundamentalwissenschaft, als Weg zu einer absoluten Erkenntnis.

I. Meditation

Und genau mit dieser Grundproblematik steigt Husserl dann auch in seine erste Meditation ein; die Frage: Was kann als normatives Ideal, als voraussetzungsloser Grund am Beginn einer jeden Erkenntnis stehen. Die Existenz einer objektiven Welt und Wirklichkeit schließt Husserl dabei konsequent aus, denn wie können wir überhaupt behaupten, dass die Welt, so wie wir sie wahrnehmen wirklich existiert? Jeder, der Filme wie Matrix oder eXistenz gesehen hat oder das Gehirn-im-Tank Problem kennt, wird dies erst einmal plausibel finden. Die Existenz einer objektiven Wirklichkeit, einer Welt ist keinesfalls evident, könnte sich doch alles um mich herum schlicht um einen Traum, eine Illusion handeln. Evidenz ist das wesentliche Stichwort, das Husserl dabei für die Kategorisierung einer Erkenntnis benutzt: Alle Urteile müssen aus einer Evidenz entstehen, einer Offensichtlichkeit, an der es nichts zu rütteln gibt. Und als Grund dieser Evidenzen kann nur eine apodiktische Evidenz dienen, das heißt eine Erkenntnis die keinen einzigen Widerspruch zulässt. Ein analytischer Philosoph oder auch ein Mathematiker würde dies vermutlich Axiom nennen und dabei z.B. “a = a” als eine solche apodiktische Evidenz anführen. Husserl kommt aber weder aus der analytischen Philosophie, noch der Logik oder Mathematik. Für ihn ist die einzige, apodiktische, unwiderrufliche Evidenz die des Cogito (=Ich erlebe), ein Begriff, mit dem er auf Descartes – und dessen Cartesianismus – zurückgreift und dessen Prinzipien für seine Phänomenologie fruchtbar macht. Das Cogito (oder Ego cogito) ist für Husserl der Zustand reinen Erlebens, die reine Wahrnehmung, die nur aus Anschauungen (=Cogitationes) besteht. Das Wahrnehmen und Denken lässt sich nicht in Zweifel ziehen, weil dieser Zweifel selbst bereits die Existenz von etwas Wahrnehmendem, also einem Cogito, beweist. Das “Ich denke” bzw. “Ich nehme wahr” ist damit – als apodiktisch evident – der Ursprung einer jeden Erkenntnis.

Husserl sagt nun, um aus diesem Ursprung weitere Erkenntnisse zu gewinnen, müssen wir zu diesem Ursprung zurückführen. Wir müssen uns als Philosophierende quasi selbst in die Rolle dieses vorurteilslosen Ego, dieses rein Anschauenden, begeben. Das Verfahren, das wir hierzu benutzen ist die phänomenologische Reduktion. In der Phänomenologischen Reduktion werden wir zu einem reinen, anschauenden Ego, das erst einmal nur wahrnimmt, was es wahrnimmt. Oder um es mit Husserls Terminologie zu sagen: Das Cogito (Ich nehme wahr) als Summe der Cogitationes (Wahrnehmungen). Um dies zu erreichen müssen wir alles Vorwissen, das wir über die reale Welt, über Logik, Mathematik, Sein und Werden haben außer Kraft setzen. Wir schließen die Existenz von all dem aus, um uns bloß der Wahrnehmung bzw. Anschauung bzw. den Cogitationes widmen zu können. Dieses Ausschließen, außer Kraft setzen oder Einklammern bezeichnet Husserl als Epoché, als das Außergeltungsetzen aller Stellungnahmen zu Welt und Ich. Erst dann sind wir beim reinen Ich angelangt, beim reinen Erleben, das das Fundament aller Erkenntnis ist.

In diesem Kontext – als kleiner Diskurs – wird dann auch der Titel von Husserls Werk nachvollziehbar: “Meditation” als Nachsinnen, als Nachdenken, “cartesianisch”, weil sie eben zurückführt auf die bloße Anschauung des Ichs, auf die bloße Selbstgewissheit aus der alle weitere Erkenntnis geschöpft werden kann. Das Cogito ergo sum, das viel zitierte “Ich denke, also bin ich” von René Descartes. Dieses Transzendentale Ego (=Ego als absolute Bedingung der Erkenntnis) ist aber erst einmal die einzige Leihgabe die Husserl von Descartes nimmt. Mit dessen weiteren Schlussfolgerungen geht Husserl hart ins Gericht, insbesondere mit den metaphysischen Ergebnissen Descartes (die auch als Gottesbeweis fungieren). Stattdessen will Husserl das Cogito lieber weiter genauer untersuchen, um daraus weitere Erkenntnisse ableiten zu können.

II. Meditation

Was können wir also mit diesem transzendentalen Ego nun anfangen?, ist die Frage, die sich Husserl zu Beginn der zweiten Meditation stellt. Hier gilt es ihm erst einmal so etwas wie Selbstauslegung zu betreiben, oder (um es mit seinen Worten zu sagen) das Reich der Transzendentalen Selbsterfahrung zu durchwandern. Als erstes kommt er dabei zu den Cogitata (=Bewusstseinsinhalten), die das Cogito in sich trägt. Als was ich vernehme, befindet sich in meiner Wahrnehmung. Ein ebenso banaler wie einleuchtender Gedanke. Wenn ich einen Baum sehe, habe ich das Bild Baum in mir (nicht den Baum selbst, so weit sind wir noch nicht). Diese Abbildung, diese wahrgenommene Entität ist ein Cogitatum, das ich als Cogito dank meiner Cogitationes (=Wahrnehmungsakte) in mir trage. Husserl kommt diesbezüglich auch auf seine beiden – schon in früheren Schriften etablierten – Begriffe der Noesis (=Die Art der Wahrnehmung) und Noema (=Der Sinn des Wahrgenommenen) zurück. Die Noesis ist die Ansschauungsweise einer Sache, Husserl nennt es in diesem Zusammenhang auch noetische Richtung. Das ist die Art wie ich ein Cogitatum vernehme, in dem Moment, in dem ich es vernehme. Dazu gehören nicht nur sinnliche Wahrnehmungen (wie Erblicken, Riechen, Fühlen etc.) sondern auch geistige Wahrnehmungen wie Erinnern. Dieser Punkt ist wichtig, um nicht dem Irrtum zu unterlegen, Husserl wäre ein Sensualist. Wahrnehmen, vernehmen ist bei ihm nie der körperliche Vorgang einer sinnlichen Wahrnehmung sondern die Anschauung als solche. Mein Körper ist – vorerst – wie alles andere außerhalb des Egos durch die transzendentale Reduktion außer Kraft gesetzt, eingeklammert. Die Wahrnehmung ist nur das, was das Ego in sich wahrnimmt. Die Noema wiederum ist der Gegenstand selbst, wie er in meiner Wahrnehmung auftaucht, wie er mit Sinn angefüllt wird. Jeder Wahrnehmungsakt besitzt also eine noetische und eine noematische Richtung: Die noetische einfach durch das Passieren des Vernehmens, in dem Moment, in dem es passiert; die noematische dadurch, dass etwas in meinem Ego als etwas, als Cogitatum enthalten ist.

Diese noetisch/noematische Doppelstruktur ist deshalb wichtig, weil Husserl an dieser eine synthetische Leistung des Cogito deutlich machen kann. Ein vernommener Gegenstand ist immer ein Identitätspol, er ist nicht nur ein aktueller Bewusstseinsakt, zugleich ist er auch angefüllt mit Potentialitäten, Erinnerungen etc… Wenn ich ein Tastatur wahrnehme, ist sie nicht einfach nur ein Bewusstseinsakt, zugleich weiß ich auch, dass ich an dieser Tastatur gleich schreiben werde, an ihr schon mal geschrieben habe, oder ich weiß, dass IHRE SHIFT-TASTE KLEMMT: Damit tritt sie sowohl als Noesis als auch Noema in mir auf. Dieser Prozess wird von Husserl als Apperzeption (=Mitdenken bzw. Hinzuwahrnehmen) bezeichnet. Und genau diese Apperzeption, die in jedem Cogito vorhanden ist, ist elementar wichtig für die folgende Evidenz, die des Zeitbewusstseins. Ein Cogito vernimmt nicht nur im Moment, nimmt nicht nur noetisch wahr, sondern ebenso noematisch. Und durch dieses zusätzliche Noema trägt das Cogito ein Zeitbewusstsein in sich. Denn es gibt ein davor, ein danach, das im Identitätspol des Cogitum (=des vernommenen Gegenstandes) stets apperzepiert (=mitgedacht) ist.

III. Meditation

Die dritte Meditation ist im Gegensatz zu den anderen eine weitaus kürzere, fast schon so etwas wie ein Interludium, dessen Schlussfolgerungen aber von immenser Bedeutung für die weiteren Schritte sind (in denen dann die Erkenntnisse Schlag auf Schlag folgen). Husserl untersucht hier die Problematik von Wahrheit und Wirklichkeit anhand der Evidenzen. Dabei kann das transzendentale Ego Cogita mit Hilfe der Vernunft mit den Prädikaten seiend oder nicht-seiend belegen. Hierbei geht es – um das noch mal mit aller Deutlichkeit zu sagen – nicht um ein reales im Raum Existieren (dazu kommen wir später) sondern um den gegenständlichen Sinn eines Cogitatum. Dieser gegenständliche Sinn eines Cogitatum ist das direkte Ergebnis eines Noema, also der Erschließung des Gegenstands in seiner Bestimmung innerhalb des Cogito. Die erste Evidenz eines Cogitatum ist (wie in den vorherigen Meditationen erläutert) die eines unmittelbar anschaulich gegebenen, also quasi die Evidenz, die aus einer noetischen Richtung erfolgt. Wenn ich diese Konfettibüchse jetzt, genau in diesem Moment sehe ist sie mir unmittelbar anschaulich gegeben, sie ist mir – wie Husserl sagen würde – originaliter (=unmittelbar in der Anschauung) gegeben. Sie ist jetzt, in diesem Moment in der Anschauung vorhanden. Mit diesem “originaliter gegeben” bereitet Husserl die später wichtige Unterscheidung von original und originaliter vor. Um das kurz vorwegzunehmen: Originaliter ist alles unmittelbar in der bloßen Anschuung gegebene, während original gegeben nur das ist, was ich als Bewusstseinsinhalt in meiner Wahrnehmung habe. Aber dazu später mehr: Wichtig ist erst einmal nur der Begriff des originaliter (=unmittelbar) Gegebenen. Das Vermeinen eines Gegenstandes ist nach Husserl nun eine unendlich wiederholbare Kette von Evidenzen: Ein Objekt ist mir originaliter gegeben, ich schaue weg und wieder hin, und es ist mir wieder originaliter gegeben, ich schaue länger hin und dabei ist es mir wieder und wieder originaliter gegeben. Vielleicht ändere ich (qua meines Zeitbewusstseins) meine Meinung zu dem Objekt, erlange neue Erkenntnisse über es, gewinne dadurch also neue Evidenzen zu diesem Objekt, und so trifft Evidenz auf Evidenz, einer unendlich wiederholbarer Vorgang aus Evidenzen, aus potentiellen und tatsächlichen Erfahrungshorizonten, in dem zu jeder Zeit die Evidenz als Ergebnis steht: die Selbstgegebenheit einer Sache als Korrelat aus ständigen originaliter gegebenen Evidenzen.

Dies bezeichnet Husserl als transzendentale Konstitution von Evidenzen und wirft nun vollkommen zurecht in den Raum, dass es einer Theorie bedarf, die diese Evidenzen nicht nur als konstitutiv für die eigene Wahrnehmung sondern ebenso als konstitutiv für die Wirklichkeit und die Wahrnehmung der Menschen untereinander werden lässt. Und genau diese Forderung versucht er in den letzten beiden Meditationen einzulösen.

IV. Meditation

Dazu geht er vorerst wieder zum Ego zurück, untersucht dieses Mal das Ego aber nicht nur als Cogito sondern anhand der daraus erwachsenen Evidenzen als konstitutives (=bestimmtes) Ego. Nach Husserl gewinnt das Ich mit jedem Wahrnehmungsakt eine neue Einheit, also durch alles originaliter gegebene, durch alle Cogitationes kommen neue Evidenzen hinzu. Diesen Vorgang bezeichnet er als Aktive Genesis, womit er das Ich als Substrat (=Unterbau) von Ich-Einheiten bezeichnet, die sich in dem ständigen Vermeinen permanent erneuern. Damit ist das Ich Träger von Wahrnehmungen, das sich durch seine ständige Genesis als “stehendes und bleibendes” Ich bezeichnen kann: Obwohl sich ständig Wahrnehmungsakte wiederholen, obwohl ich immer neue Evidenzen gewinne, bleibt doch dieser eine Kern, dieser eine Urgrund, dieses eine Substrat Ego immer evident. Dieses Substrat Ego, einerseits permanent neu vermeinend, andererseits strukturell gleich bleibend, bezeichnet Husserl mit dem Begriff der Monade (=Einheit bestehend aus Vielheiten): Diesen eigentlich metaphysischen Begriff hat er Leibniz entnommen und quasi-wissenschaftlich entschlackt. Für Husserl ist eine Monade eine Einheit, die aus vielen Einzelheiten besteht. Das Ich als dynamische und zugleich statische Entität, als Seiendes und sich Entwickelndes. Husserl nennt es auch das Eidetische Ego (=das wesenhafte Ich), bzw. den Eidos Ego, wobei Eidos Wesen bedeutet, und eidetisch wesenhaft meint. Dies ist nach ihm keineswegs das faktisch empirische oder psychologische Ego sondern viel mehr das Fundament aller Möglichkeitsabwandlungen, aller Wahrnehmungen und originaliteren Gegebenheiten, das wir gefunden haben, indem wir Evidenz als unendlich wiederholbare Kette von Evidenzen erfahren haben. Die Zeit steht an dieser Stelle wieder Pate für diese universelle Form aller egologischen Genesis.

Neben dieser Aktiven Genesis sieht Husserl zusätzlich die Passive Genesis: Während die Aktive Genesis, wie zuvor erläutert, durch Wahrnehmungsakte Evidenzen schafft und damit das eidetische Ego (=das Wesen des Ichs) konstituiert, treten bei der Passiven Genesis dem Ego fertige Dinge entgegen. Sie ist damit die Voraussetzung für jede Aktive Genesis, denn jeder sinnstiftende Vermeinungsakt schöpft aus dem Sinn vorangehender Vermeinungsakte. Die passive Genesis ist quasi das Emporkommen bestimmter Noema (=Vermeinter Dinge), die ich bereits in mir trage, während die aktive Genesis die Erzeugung eines Noema durch einen noetischen Akt darstellt. Das Prinzip, das der passiven Genesis zu Grunde liegt, bezeichnet Husserl als Assoziation (=Verknüpfung). In der passiven Genesis werden neue Erfahrungen mit vorangehenden Evidenzen quasi verknüpft. Oder um Husserl in diesem Punkt zu zitieren “Alles bekannte verweist auf ein ursprüngliches Kennenlernen; was wir unbekannt nennen hat doch die Strukturform der Bekanntheit, die Form Gegenstand, des näheren die Form Raumding, Kulturobjekt, Werkzeug, usw.” (IV, §38)

Mit dieser Erkenntnis gelangt Husserl schließlich zum Problem des transzendentalen Idealismus. Als erstes stellt er fest, dass die Phänomenologie mit den vorausgegangenen Überlegungen ohne Zweifel als transzendentale Erkenntnistheorie bezeichnet werden kann, da mit ihr sowohl die statische als auch dynamische Konstitution von Gegenständlichkeiten im Bewusstsein erklärt werden: Es wird mittels der noetisch/noematischen Doppelstruktur einer Wahrnehmung erklärt, wie diese im Cogito (als Fundament) Gegenstände erzeugt. Mit der aktiven und passiven Genesis wird erklärt, wie das Ich sich sowohl aus momentanen Bewusstseinsakten als auch apperzipierten Gegebenheiten zusammensetzt, wie jede Ausweisung von Wahrheit ein Charakter im Cogitatum (=vermeinten Gegenstand) meines Cogitos (=des Vermeinenden) existiert. Husserl verweist damit auf Probleme der traditionellen Erkenntnistheorie, die letzten Endes Aussagen über die prinzipielle Möglichkeit der Erkenntnis treffen möchte. Damit kommt sie fast zwangsläufig zu dem großen cartesianischen Problem, der Frage, wie die Evidenz mehr beanspruchen kann, als ein Bewusstseinscharakter in mir zu sein. Gerade die Reaktion auf frühere seiner Schriften warf Husserl oft vor, bloßen Solipsismus zu betreiben, d.h. eine Philosophie, die nur das eigene Bewusstsein stützen würde und keine Aussage über die Welt treffen könnte. Husserl sei im Prinzip mit seiner Philosophie nicht weiter als das Ich gekommen, und die radikale Frage “Woher weiß ich, dass außer mir überhaupt existiert” sei damit nicht beantwortbar. Husserl bezeichnet dieses Problem als widersinnig: So wie man sich als Mensch apperzipiere, habe man ebenso eine Raumwelt apperzipiert, also durch das “In-mir” konstituiere sich quasi zwingend logisch ebenfalls ein “Außer-mir”. Wesensmäßig gehöre beides zwingend zusammen, zudem würde durch den Eidos (=das Wesen) des Ego jedes Vermeinte einmal in seiner noetisch/noematischen Doppelstruktur, einmal in seiner Entstehung durch aktive und passive Genesis zu etwas Realem, weil in dieser Leistung Konstituiertem. Der Sein-Sinn würde quasi durch die Anschauung gegeben, wodurch die Frage nach einer realen Existenz von etwas Wahrgenommenen nichts als eine Scheinfrage wäre. Etwas ist, dadurch, dass ich es wahrnehme, etwas hat dadurch Sinn, dass ich ihm Sinn gebe und damit besitzt auch die Welt in meinem Cogito als Cogitatum einen Sinn, existiert also im Sinne des transzendentalen Idealismus. Sein ist Wirklichkeit und die Frage nach einem Sein außerhalb des Ego verkennt die Evidenz des Seins durch das Vermeinen des Ego selbst, dank der Apperzeption und der Grundstruktur des eigenen Vermeinens.

Können wir an dieser Stelle aufhören?, fragt sich Husserl und kommt (Oh Überraschung!) zu dem Schluss, dass dennoch eine wesentliche Frage offen ist. Denn selbst wenn Raum als Apperzeption im Vermeinen evident ist, bleibt doch die Frage, ob ich ein solus ipse (=einzig existierendes) Subjekt im Raum (bzw. mit Raum als Cogitatum in mir) bin oder ob ich nicht mit den gewonnenen Erkenntnissen auch die Existenz von anderen Egos mit eigenen Cogitos nachweisen kann. Dieser Frage widmet sich Husserl in der fünften und letzten Meditation.

V. Meditation

Das Problem umreißt Husserl selbst mit dem Begriff der Intersubjektivität (=Zwischenmenschlichkeit) und drei Aufgaben sind es die er sich und damit der Phänomenologie dabei stellt: Als erstes soll mit dem Verdacht aufgeräumt werden, das Ego könnte ein solus ipse sein. Als zweites soll anhand dieser Ausräumung die Objektivität der Welt begründet werden. Und als drittes will er von der Immanenz des Ego (also dem Sein der Wahrnehmung in mir selbst) zu einer immanenten Transzendenz des Alter Ego (also dem Sein der Wahrnehmung im Anderen) gelangen. Dies kann nur dadurch gelingen das er die Fremderfahrung als apriorischen (von vorne herein gegebenen) Tatbestand im Alter Ego (=im Anderen) nachweist. Dazu führt er eine weitere Epoché durch, die er selbst als eigentümliche Art thematischer Epoché bezeichnet. Auch hier gilt es wieder erst einmal etwas auszuschließen, und zwar die Wahrnehmung des Anderen, die noch nicht evident ist. Hierfür spricht Husserl von einer primordialen Sphäre des Eigenen (=einer ersten Ebene, in der sich alles befindet, was dem Ego gehört). Ist das vermeintliche Fakt einer Fremdwahrnehmung, also einer Wahrnehmung anderer Egos, außer Kraft gesetzt, gehört das Bewusstsein von Fremden erst einmal zu der mir eigenen Sphäre, ist also quasi selbst ein Cogitatum in meiner Wahrnehmung. An dieser Stelle kommt die Unterscheidung von original und originaliter wieder zum Tragen:

Originaliter gegeben ist jede momentane Wahrnehmung, jedes aktuelle Vermeinen als selbstbewusste Ich-Leistung, original gegeben sind alle Bewusstseinsweisen und Inhalte (wenn man so will die Noema in der Vermeinensstruktur). Was zum Beispiel originaliter gegeben ist, ist die Tastatur, auf der ich gerade schreibe, während ich auf ihr schreibe. Original gegeben sind die Erinnerungen an andere, ältere Tastaturen oder das Wissen, was mit dieser Tastatur nicht stimmt (Z:B: EIN KLEMMEN DER SHIFT-TASTE), die ich in meinem Wahrnehmungsakt dieser Tastatur apperzipieren kann. Das Ego besitzt also immer Selbsteigenes, nimmt originaliter wahr und apperzipiert dazu originales Wissen. Husserl behauptet nun, es gebe etwas ureigenst gegebenes, das immer sowohl originaliter als auch original gegeben ist, da sein originaler Sinn stets direkt in der originaliteren Gegebenheit konstituiert wird: Und das ist mein Leib. Mein Leib ist mir immer sowohl originaliter gegeben, weil ich ihn permanent wahrnehme, indem ich durch ihn wahrnehme und zugleich ist er mir original gegeben, da ich ihn in seiner Wahrnehmungsleistung stetig zu bestimmen, also mit Sinn zu erfüllen weiß. Im Gegensatz zu diesem mir eigenen Leib stehen fremde Egos in anderen Leibern, die mir nicht in dieser primordialen Form gegeben sind, da mir ihre originale Wahrnehmung selbst nur originaliter, indirekt vermittelt wird (=indem sie mir von ihrer eigenen Wahrnehmung berichten). Was das Ego nun laut Husserl macht, ist per Anaologon in diesen fremden Leibern etwas zu sehen: Das Alter Ego. Das Alter Ego ist für mich das Analogon zu meinem Ego, quasi die Widerspiegelung meiner eigenen Wahrnehmung in anderen Leibern (analog zu meinem), denen ich damit eine eigene Wahrnehmung und ein eigenes cogito zuschreiben kann. Es geschieht dadurch eine verweltlichende Apperzeption: Ich trage die Welt als Cogitata in mir und apperzipiere zugleich, dass in dieser Welt Alter Egos ähnliche (oder analoge) Cogitata in sich tragen, die mir im Gegensatz zu meinen nur originaliter, niemals original gegeben sind. Dabei entsteht so etwas wie eine intersubjektive Leistung einer Monadengemeinschaft (durch die Analogiebildung sehe ich die anderen Menschenleiber ebenso als Monaden wie mein eigenes verweltlichtes Ich), durch die eine objektive Welt konstituiert wird.

Das klingt jetzt erst einmal wahrscheinlich happig: Der grundsätzliche Husserl’sche Gedanke dahinter ist, dass ich als Monade (=Einheit von Vielheiten) in meinem Vermeinen von Welt andere Monaden (die anderen Menschen) vermeine und einen Unterschied zwischen deren Erfahrung (=der Fremderfahrung) und meiner eigenen Erfahrung feststelle, da meine Erfahrung mir originaliter UND original (sowohl einströmend als auch mit Sinn erfüllt) gegeben ist, während die Wahrnehmung der Anderen nur originaliter (in dem Moment, in dem sie sie mitteilen) zu mir kommt. Und durch diese Monadengemeinschaft entsteht so etwas wie eine objektive Welt. Vereinfacht könnte man auch sagen: “Die Welt ist so, wie wir sie uns gegenseitig erklären.”. Wichtig an diesem Punkt ist, dass das Ego cogito als Fundament der gesamten Erkenntnis unangegriffen bleibt, das wir ohne Probleme von der objektiven Welt über die Alter Egos und das Mir eigene zurück zum ursprünglichen Cogito finden.

tl;dr…

…einfach um den Gesamtkomplex der Cartesianischen Methoden und deren Weg noch einmal auf den Punkt zu bringen: Am Anfang steht das Cogito (=das vermeinende Ich) als apodiktische (=unzweifelhafte) Evidenz. Um mit diesem anfangen zu können nehme ich mittels Epoché (=Außerkrafztsetzen aller Vorkenntnisse). eine transzendentale Reduktion vor (=gehe zum Ursprung der Erkenntnis zurück) und lande damit beim transzendentalen Ego als Ursprung der Erkenntnis. In diesem rein anschauenden Ego kann ich einmal die Cogitationes (=Vermeinungseinheiten) und das Cogitatum (=das Vermeinte) erkennen und unterscheiden, ebenso die Noesis (=die direkte Anschauung einer Sache) und das Noema (=die Sache als angeschautes selbst). Durch diesen Unterschied werde ich mir eines Zeitbewusstseins bewusst, das ich als transzendentales Ego in mir trage. Aus diesem Zeitbewusstsein heraus erkenne ich ebenso, dass mir Dinge sowohl originaliter (=unmittelbar angeschaut) und original (=als Sinneinheit) gegeben sein können, dieses Ich als Summe aus den direkten Anschauungen und den originalen Sinneinheiten bezeichne ich als Monade, als Einheit, die die Vielfalt der Anschauungen in sich trägt. Diese Dynamik wird begleitet von der aktiven Genesis (=Ich erzeuge Dinge als mit Sinn gefüllt) und der passiven Genesis (=die Dinge erscheinen mir bereits als mit Sinn gefüllt). Damit trage ich die Dinge wie sie mir erscheinen, die Phänomene original als ihre dingliche Sinnhaftigkeit in mir, ebenso wie ich einen Raum apperzipiere, in dem sie mir direkt originaliter erscheinen. In diesem Raum nehme ich auch Fremdwahrnehmungen wahr, die mir aber im Gegensatz zu meinen eigenen Wahrnehmungen nur originaliter, nie original erscheinen. Während mir mein eigener Leib original gegeben ist, sind mir die fremd wahrnehmenden Leiber nur originaliter gegeben. Per Analogon kann ich aber nun diesen auch ein vermeinendes Ego zuschreiben, ein Alter Ego. Das daraus resultierende Prinzip des gegenseitigen Austauschs originaler Wahrnehmungen ist die Intersubjektivität. Und anhand dieser können alle Egos als intersubjektive Monadengemeinschaft Wirklichkeit konstituieren.

Also…

…das selbst das tl;dr too long to read ist, beweist die Kompaktheit und gleichzeitige Komplexität von Husserls Gedankengang. Jepp, es ist ganz schön schwer – gerade für Philosophie-Neulinge, sich da reinzufuchsen. Die Phänomenologie als philosophische Disziplin ist aber unendlich wertvoll, gerade wenn es einem Philosophierenden darum geht, von Grund auf zu denken, quasi den Ursprung der Erkenntnis aufzudecken. Es gäbe einiges an Husserls Gedankengängen kritisch zu hinterfragen, einige offene Stellen, als System einer transzendentalen Erkenntnislehre, die bei 0 beginnt, axiomatisch vorgeht, gehört sie aber zum essentiellen Rüstzeug eines jeden Philosophen, gerade wenn er keine Lust auf metaphysischen Spekulationismus hat. Ich kann es wirklich nur empfehlen, sich da reinzulesen, sich selbst mit Husserls Thesen auseinanderzusetzen, gerade weil meine rudimentäre Rekapitulation nicht im geringsten die ganze Genialität seiner Gedankengänge fassen kann. Und daher soll am Schluss dieses Artikels auch dem an dieser Stelle nur rudimentär Ausgelegten das letzte Wort gebühren:

Der notwendige Weg zu einer im höchsten Sinne letztbegründeten Erkenntnis oder, was einerlei ist, einer philosophischen ist der einer universellen Selbsterkenntnis, zunächst einer monadischen und dann intermonadischen. Wir können auch sagen: Eine radikale und universelle Fortführung Cartesianischer Meditationen oder, was dasselbe, einer universalen Selbsterkenntnis ist Philosophie selbst und umspannt alle selbstverantwortliche, echte Wissenschaft. (…) Positive Wissenschaft ist Wissenschaft in der Weltverlorenheit. Man muss erst die Welt durch Epoché verlieren, um sie in universaler Selbstbesinnung wiederzugewinnen.

So true, so true!

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