Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag liebe Grimms Kinder- und Hausmärchen…

…zum stolzen 200. Geburtstag. Wie Millionen anderer Kinder meiner, früherer und späterer Generationen bin ich natürlich auch mit den Geschichten von Rapunzel, Hänsel und Gretel, dem Froschkönig und zahllosen anderen Märchengestalten groß geworden. Meine Mutter hat sie mir vorgelesen, ich habe sie auf Kassette gehört, ihnen im Kindergarten gelauscht und schließlich – als ich alt genug war – auch selbst gelesen und genossen. Ich habe in späteren Jahren begierig skurrile, psychoanalytische, postmoderne, selbstreferenzielle und dekonstruktivistische Interpretationen der klassischen Stoffe verschlungen (von denen die feministische Deutung des Rotkäppchens als Klitoris am stärksten hängengeblieben ist) und verstehe nach wie vor nicht, warum ich mich im Germanistik-Studium nicht folgerichtig intensiver mit den gesammelten Geschichten auseinandergesetzt habe, hätte dies doch die ideale Gelegenheit dazu geboten. Und dennoch, trotz dieser jahrelangen großartigen Begleitung, gilt meine stärkste Erinnerung ausgerechnet der langweiligsten Geschichte, die in dem Bändchen zu finden ist.

Genau genommen ist Der goldene Schlüssel (1815) nicht in der ersten Auflage vorhanden sondern gehört zu den späteren Ergänzungen. Meine persönliche Geschichte dahinter ist im Grunde ziemlich trivial: Aus irgendeinem unerfindlichen Grund wurde uns ausgerechnet diese Geschichte von meiner Grundschullehrerin unzählige Male vorgelesen. Die ganze Klasse war total scharf darauf. Meine Lehrerin – Frau Raab – holte das Buch hervor, “Na, welches Märchen soll ich euch heute vorlesen?” und geschlossen wurde ihr von der gesamten Klasse erwidert: “Der goldene Schlüssel, der goldene Schlüssel!” Ehrlich, ich habe das nie verstanden. Beweist doch gerade diese Geschichte, dass sich Märchen auch einfach mal durch ein Maximum an Fantasielosigkeit auszeichnen können. Null Dramaturgie, absolut keine Spannungskurve und eine vollkommen öde Konklusion. Die Mehrheit meiner Klassenkameraden sah das anders und so wurde uns diese Geschichte immer und immer wieder vorgelesen, bis ich sie – im wahrsten Sinne des Wortes – auswendig konnte. Schade, dass ich an dieses stupide Märchen immer als erstes denken muss, wenn mir die Geschichten der Grimms in den Sinn kommen, bieten diese doch so ansonsten oft so wundervolle, fantastische, düstere und tiefgründige Erzählungen… Erzählungen, die so viel besser sind als dieser langweilige Zehnzeiler.

Anyway, wenn ich das schon so sehr mit mir rumtrage, dann will ich es auch teilen. Vielleicht kann mir ja jemand anderes sagen, was an diesem kurzen Text so genial sein soll, oder warum so viele Kinder darauf abfahren konnten. Wenn ihr die Antwort wisst, haut sie in die Comments. Ich suche derweil weiter nach spannendem und interessanten Material, das mit Grimms Kinder- und Hausmärchen (1812) zusammenhängt.

Der goldene Schlüssel

Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, mußte ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammen gesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen, sondern sich erst Feuer anmachen und ein Bischen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen goldnen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müßte auch das Schloß dazu seyn, grub weiter und fand ein eisernes Kästchen; ei, dachte er, wenn der Schlüssel nur paßt, denn es waren gewiß wunderbare und köstliche Sachen darin. Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich fand er doch noch ein ganz kleines, und probirte, und der Schlüssel paßte gerad, da drehte er ihn einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen hat, dann werden wir sehen, was darin liegt.

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