Hörenswertes Herbst 2012 III: Rival Sons, Godspeed You! Black Emperor, Max Richter, Brockdorff Klang Labor, Dreamscape

Herbst… und Sonne! Zumindest hier in Berlin. Und dennoch das Bedürfnis nach wohltuenden, wärmenden, angenehmen Klängen. Naja, wenn ich diesen musikalischen Schnell-Check überblicke, bleibt von Lagerfeuer-Romantik nicht viel übrig. Godspeed You! Black Emperor bereiten uns stattdessen mit ihrem Comeback auf den nahenden Weltuntergang vor, die Rival Sons reiten retroaktiv rockend in den Sonnenuntergang und Max Richter zerfleddert gleich alle vier Jahreszeiten so, dass kaum noch an einen gemütlichen Herbst-Abend zu denken ist. Immerhin lädt das  Brockdorff Klang Labor zu entspannten und selbstironischen deutschen Electro-Pop-Eskapaden ein… und ja: Kaum gekannt, fast vergessen, wieder aufgetaucht, sind sie doch noch zu hören: Die schmeichelnden, warmherzigen und zugleich traurigen Shoegaze-Klänge der frühen 90er Jahre, die perfekt zum aktuellen Herbst passen. Trotz ihres immensen Alters sind Dreamscape die große Entdeckung dieses Hörenwertes-Checks: Verträumt, verliebt, verloren und dabei einfach wunderschön. Alles wird gut.

Godspeed You! Black Emperor – Allelujah! Don’t Bend. Ascend.

(Cargo, 19.10.2012)

Eigentlich müsste ich jetzt Google für die Einleitung benutzen. War es der 21.12.? Ich glaube ja. Egal, auf jeden Fall soll dieses Jahr noch die Welt untergehen… und wenn es einen passenden Vorboten dafür gibt, dann sind das weder Froschregen noch blutende Flüsse sondern es ist die Veröffentlichung eines neuen GY!BE-Albums nach mittlerweile gut zehnjähriger Pause. Und natürlich darf jetzt ernicht der Hinweis fehlen, dass die Kanadier sich in den letzten Jahren in anderen Projekten prächtig ausgetobt haben und dass dem traditionellen Postrock mittlerweile ohnehin seit zehn Jahren der Tod prognostiziert wird. An dieser Stelle kann man jedoch locker auf die Frage verzichten, ob GY!BE dem angestaubten Genre neues Leben einhauchen können, haben doch Bands 65daysofstatic oder eben auch das Godspeed-Folgeprojekt A silver Mt. Zion beeindruckend unter Beweis gestellt, dass die ganze Nische keineswegs und nach wie vor verdammt vital sein kann. Kümmern wir uns stattdessen lieber um die Musik, und diese ist im Falle der 2012er Godspeed tatsächlich – allerdings im besten Sinne des Wortes – konservativ und traditionell.

Der Punk-Einschlag von A Silver Mt. Zion hat auf Allelujah! ebenso wenig einen Niederschlag gefunden, wie die elektronischen Projekte aus dem Montreal-Umfeld. Stattdessen nähern sich GY!BE in ihrem infernalischen Instrumental-Sound dem Metal so weit an, so weit es eben geht, ohne dass das Postrock-Label verloren geht. Die beiden epischen Zwanzigminüter, die den Rahmen des apokalyptischen Trips bilden, sind gottverlassener Spannungsaufbau in seiner schönsten Form. War der letzte Godspeed-Output – das vollkommen unterschätzte Yanqui U.X.O. – noch die maximale Postrock-Annäherung an Pop-Strukturen, so ist in diesem düsteren Soundkosmos davon nichts mehr zu spüren. Die Gitarren sägen und graben sich monoton und stelzern tief hinein in die Gehirnwindungen der Hörer, der Himmel verdunkelt sich, die Wolkendecke bricht auf… und ja, es ist wohl tatsächlich unmöglich eine GY!BE-Rezension zu schreiben, ohne das Wörtchen apokalyptisch zu benutzen. Es tut auch schlicht und einfach wieder gut, sich durch das kompositorische Godspeed-Gefühlschaos jagen zu lassen: Zerrissenheit, Bewegung, Stillstand, Schönheit, Verzweiflung… und eine permanente Anspannung. So und nicht anders soll es sein. Lanciert werden die düsteren und angriffslustigen Post-Rock / Post-Metal-Eruptionen von zwei tonnenschweren Doom-Kaleidoskopen, die trotz ihrer ungewöhnlichen Trägheit perfekt mit den Großkompositionen harmonisieren. Alles wie gehabt… und dennoch wieder verdammt groß. Godspeed You! Black Emperor veröffentlichen ein neues Album und der Weltuntergang kann kommen.

Rival Sons – Head Down

(Soulfood, 14.09.2012)

Yes! Der Preis für den unverschämtesten Retro-Trip dieses Jahres gebührt nicht Wolfmother sondern den Rival Sons, die mit Head Down ihr mittlerweile drittes Album hinlegen. Und was ist das für ein schamlos eklektisches Blues, Alternative und Rock N Roll Brett. Da wird munter zitiert, was die Rock N Roll Geschichte hergibt: Angefangen bei schnörkellos poppigem 50er und 60er Jahre Rock der Kinks und Beatles, über bluesige Prog-Reminiszenzen à la Led Zeppelin bis hin zum Garage Rock der frühen 00er Jahre. Dabei hat Head Down keinerlei Berührungsängste mit dem Staub einstiger Rock-Größen. Wozu auch, was damals im Radio funktioniert hat, kann heute wohl kaum schlechter sein, oder? Und so reiht sich Rock-Hit an Rock-Hit, nie zu seicht, nie zu böse und dabei verdammt lebendig, Lebenskräfte weckend, inklusive großer Gesten und viel bluesiger Spielfreude. Dass das jetzt doch ein wenig zu dreist geguttenbergt ist? Geschenkt. Head Down macht einfach verdammt viel Spaß, schafft gekonnt den Spagat zwischen pathetischen Rock-Hymnen, bluesigen Balladen und sägenden Krachern und zaubert dabei immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Bleibt nicht viel zu sagen, außer: ROCK N ROLL!!!

Max Richter – Recomposed – Vivaldi: The Four Seasons

(Universal, 31.08.2012)

Wer hat eigentlich behauptet, dass Remixing nur mit Populärmusik funktioniert? Dass die Pop-Faschisten Unrecht haben, hat die Recomposed-Reihe schon einige Male unter Beweis gestellt… aber definitiv nie so überzeugend wie in diesem Fall. Max Richter begnügt sich nicht damit, digitale Aufnahmen Vivaldis einmal durch den Mixer zu drehen, sondern krallt sich sein Orchester und lässt den wilden Ritt durch die vier Jahreszeiten gleich komplett neu aufnehmen. Und das klingt dann tatsächlich majestätisch, aber eben in dem Sinne majestätisch, dass das ganze Königreich einmal auf den Kopf gestellt und von innen nach außen gekehrt wird. Die Strukture Vivaldis werden auseinander genommen, neu arrangiert und kehren dabei besonders ihre düsteren Seiten hervor. Die kitschige Romantik-Note des Urstoffes wird über einen minimalistischen Grund geschliffen, wo in den früheren Jahreszeiten das Leben tobte, steigt Richter tief hinab in verborgene Subtexte und Abgründe und kehrt eine beinahe existenzielle Verzweiflung hervor. Und wie erhaben wirken dann dazu die plötzlich einbrechenden Momente in denen man Vivaldis Ästhetik wiedererkennt, befreit von jedem Pomp, in pure Schönheit transferiert. Dabei offenbart Richter trotz allen dekonstruktiven Spürsinns eine Menge Respekt für die Vorlage, so sehr er auch transferiert und Vivaldi neue Seiten abgewinnt, so sehr zeigt er doch Liebe und Hingabe für den großen Komponisten. Das Ergebnis ist ein beinahe erschütterndes Wechselbad der Gefühle, zwischen rasender Zerschleißung, Entblätterung, Verrohung und einer himmelhochjauchzenden Erhebung des eigentlichen Materials. So nackt und gleichzeitig so dissoziiert, so lebendig und gleichzeitig so verzweifelt, sich selbst verletzend klangen die vier Jahreszeiten schon lange nicht mehr. Ein Remix-Projekt, das sein Material ernst nimmt, dessen beste und verstecktesten Seiten hervorkehrt und bei purer Erhabenheit ankommt. Groß!

Brockdorff Klang Labor – Die Fälschung der Welt

(ZickZack, 05.10.2012)

Und jetzt schreiben wir zehnmal an die Tafel “Es gibt Hoffnung für den deutschsprachigen Electro-Pop!”… meinetwegen auch mit der Ergänzung “so lange es Bands wie das Brockdorff Klang Labor gibt”. Mit viel Verve und Eprit zaubern die Leipziger eine gesunde Mischung aus avantgardistischen Klangspielereien, ironisch metatextuellem und nochmal ironisch gebrochenem Agitpop und gut gelaunter Electro-Musik. Dabei wird dankenswerter Weise auf allzu verschnörkelte Ausbrüche und Schockeffekte verzichtet. Trotz ordentlich expressionistischer Schlagseite steht immer der Song im Mittelpunkt der verspielten, augenzwinkernden Brockdorff-Kompositionen. Das Klang Labor nimmt sich genau so ernst, wie sich eine Band nehmen muss, um mitreißende Hymnen zu schreiben. Und sie nehmen sich gleichzeitig wenig genug ernst, wie sich eine postpostpostmoderne Kapelle nehmen muss, um auch dem gelangweilten Hipster-Studentenein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Und so werden große Pop-Gerüste aufgebaut, so wird in 90er Jahre Dance-Nostalgie getaumelt, so wird die Realität beschworen und wieder abgewählt, bis zu dem Punkt, an dem Desorientierung zum zwingenden Konzept wird: “Wollen wir spielen Schätzchen?” – “Oh, ja” möchte man diesen verzückenden – nie zu prätentiösen – intellektuellen Elektronik-Schlagern entgegenrufen, um anschließend im manischen Tanz ganz sachte den Boden unter den Füßen zu verlieren. So hat guter deutscher Pop auszusehen: Referenzenbewusst und doch eigenständig, eigenständig und dennoch selbstbewusst, selbstbewusst aber nie selbstgefällig, rührend aber nie zu niedlich… und dabei immer den Spaß in den Vordergrund stellend. Mehr davon!

Dreamscape – La-Di-Da Recordings

(Kranky, 02.11.2012)

Zwei Gefühlsregungen bewirkt der Herbst bei mir: Zum einen werde ich depressiv oder zumindest lethargisch, zum anderen werde ich ungemein kuschelig, anhänglich, liebesbedürftig… zumindest etwas in der Art. Dreamscape sorgen diesen Herbst dafür, dass beide Bedürfnisse würdevoll bedient werden. Schon bei den ersten Klängen kann eigentlich nur der Gedanke aufkommen “Das ist zu schön, um aktuell zu sein”. Denn früher war ja alles besser, und so. Tatsächlich handelt es sich bei La-Di-Da-Recordings um Aufnahmen einer goldenen Shoegaze-Epoche, den frühen 90er Jahren, die von der Geschichte unfairerweise hinfort gespült wurden. Dank Kranky kommen wir nun in den Genuss dieser wunderbar romantischen, düsteren und zugleich attraktiven Dream Pop Perlen, die es locker mit jedem Album der Cocteau Twins oder My Bloody Valentine aufnehmen können. Zwischen tragisch-stilverliebtem Gruftie Pop im Stile von The Cure, diversifiziertem Post Punk und traumhaftem Postrock spielen sich die kleinen Meisterwerke direkt in das Herz ihrer Hörer, besitzen Liebe ebenso wie Sex-Appeal, Selbstverlorenheit ebenso wie eine standfeste Zeitlosigkeit. Ja, schlicht schön könnte man dazu sagen und doch passiert da gleichzeitig noch so viel mehr: Dichte atmosphärische Sounds, spirituelle Abgehobenheit, dunkle Urgründe, nahezu körperliche Verführung… und am Schluss landet man immer wieder bei mitreißender Emotionalität. Es kann wohl nur für die Musik sprechen, wenn sie so zeitlos klingt, dass sie auch heute noch, gute zwanzig Jahre nach ihrer Produktion, funktioniert und trotz nostalgischem Charme auch immer ganz dicht am Zeitgeist wirkt. Gerade im Hinblick darauf wie schlecht manche Alben der früheren 90er Jahre gealtert sind, erweist sich dieser Sound zwischen London und Twin Peaks als ganz besonderer Schatz, dem man nur ein großes Publikum und damit späte Gerechtigkeit wünschen kann. Unbedingt anhören!


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