Hörenswertes Herbst 2012: The XX, Animal Collective,The Hirsch Effekt, Grizzly Bear, Muse

Die Blätter fallen,

fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten …

(Rainer Maria Rilke)

The XX – Coexist

(Indigo,14.08.2012)

Zeitgeist hatten die Smashing Pumpkins ihr vorletztes Album genannt, ohne diesen auch nur im geringsten zu treffen. The XX hingegen sind eine dieser Bands, die urplötzlich aus dem Nichts auftauchten und  mit ihrem einen bis dahin kaum gekannten Mix aus spartanischem Post-Punk, düsterem Electro und R´n B neue Klangwelten erzeugten, die nach innerer Leere und trotzdem seltsam lasziv klangen. Wo das Debüt jedoch etwas zu steril klang, introvertiert war und zuweilen an seiner Lethargie erstickte, ist Coexist organischer ausgefallen. In die Eiseskälte dringt tatsächlich etwas wie Wärme und fast stellt man sich vor, wie der hauseigenen Sängerin ab und zu ein kleines Lächeln übers Gesicht huscht. Die Momente der Annäherungen werden aber stets von den düsteren Klängen von Jamie aufgehalten, der hier wohl Portishead in Sachen geisterhafter Atmosphäre Konkurrenz machen möchte und dies auch schafft. The XX sind mit Coexist endgültig die Kultband todtrauriger Existenzialisten geworden.

Tags:Stylisches Loft mit Blick auf die leere des Londoner Bankenviertel, einsame Taxi-Fahrt durch die Nacht, ICE-Fahrt im Spätherbst, Ausblick von Greenwich auf London City  im Winter

Animal Collective – Centipede Hz

(Domino, 31.08.2012)

Wenn die Musik sämtliche Grenzen sprengt und kaum erfahrbar oder fassbar ist, müssen mal wieder irgendwelche Vergleiche her, die eher so klingen als ob der Rezensent auf Drogen war und nicht der musikalische Urheber. Animal Collective lassen aber eine feste Kategorie nicht zu. Auf den ersten Eindruck kaum zusammen passende Beats und Rhythmen laufen synchron, bis man erst beim zweiten Anlauf merkt, dass die meisten Songs ein grundsolides Folk-Gerüst haben, was mit großer Experimentierlust an bisher kaum gekannten Sounds ordentlich gepimpt wurde, die mal nach Talking Heads und Sekunden später nach Beach Boys klingen. Die interessanteste und vielleicht sogar neben Radiohead wichtigste Band der 00er Jahre bleibt also auch in diesem Jahrzehnt ein genreprägendes Kollektiv von mutigen Soundforschern.

Tags:Wirres VHS-Tape, Röhrenfernseher zeigt überlagernde Geisterbilder,Auto-Scooter im Vollrausch

The Hirsch Effekt – Holon : anamnesis

(Cargo, 31.08.2012)

Soundforschung, Teil 2. The Hirsch Effekt kommen aber im Gegensatz zu Animal Collective nicht aus der elektronischen Ecke, sondern klingen wie ein perfektionistischer Mathcore-Musical. Ihr merkt, dieser Hörenswertes-Artikel ist diesmal nichts für Pop-Liebhaber, sondern Menschen die sich auch gerne mal am Stück mit Musik auseinander setzen und erleben möchten, wie eine Band sich nicht zwischen Tourette-Ausbrüchen und kontrollierter Analyse, Klassik und Hardcore, Post-Rock und Prog-Rock entscheiden will oder kann. The Hirsch Effekt sind also damit die komplette Antithese gegenüber der grauenhaften Formelhaftigkeit des deutschen Pop-Rock.

Tags:Ballett-Ästhetik, kurz bevor es zu unbeschreiblichen Splatter-Szenen kommt; monumentales Musical in 45 Akten und 700 Kostuümwechseln; Orkan, der Regen an die Fenster peitscht

Grizzly Bear – Shields

(Rough Trade,14.09.2012)

Wann checken wir Deutschen eigentlich, was wir da mit Krautrock los getreten haben? Warum orientieren sich so viele junge Bands aus dem Ausland an einer der interessantesten Genres der 70er, während so ein Zustand wie Jennifer Rostock große Charts-Erfolge feiert oder man so tut als ob die Deutschen plötzlich den Soul erfunden hätten? Anyway, Grizzly Bear sind trotz ihrer Verspultheit und ihres Non-Konformismus zumindest in den Staaten schon seit dem Debüt Veackimist ein großes Ding, und wenn Shields nicht alles zu einem der besten Alben der letzten Jahre hat weiß ich auch nicht mehr weiter. Krautock und Psychedelica sind eigentlich was für ein luprenreines Indie-Album, aber wie es Grizzly Bear trotzdem schaffen daraus Deluxe Pop zu formen ist der verdammte Wahnsinn. Ein absolutes Must-Have.

Tags:Film im Vintage-Style, verdrogte Kaleidoskop-Szenen in einem 70er Jahre Film,abgerissene US-Flagge in der Wüste

Balmorhea – Stranger

(Cargo,05.09.2012)

Jaja, Postrock und so. Das ist sicherlich nicht mehr der heißeste Scheiß und trotzdem gibt es immer noch genug Perlen, die aus der versponnenen Laut-Leise Dynamik wunderbare Songs zum Träumen raus holen. Balmorea waren schon immer eher so etwas wie die melodienverliebte Fraktion und keine Grenzgänger an der Nähe zum Metal oder Hardcore wie Envy. Balmorea sind zudem nie Erneuerer des Genre und so ist auch hier alles dabei, was der Postrock-Freund liebt: Streicher, Klavier und feinstes E-Gitarrenspiel. Das hat man so schon sehr oft, vielleicht zu oft gehört, aber wenn man es halt perfekt beherrscht und daraus zeitlose schöne Sachen wie “Masollan” entstehen ist das ein ganz runde Sache. Wird man sicherlich in dem ein oder anderen charmanten Indie-Film hören oder sich gleich seinen eigenen dazu basteln.

Tags:Schottische Küste, Irland, mit dem Wohnwagen an einem milden Tag einsam durch die Einsamkeit

Muse – The 2nd Law

(Warner, 28.09.2012)

Falls sie es noch nicht wussten: Muse sind eine Band, die für ihre Giga-Musical-Bombast-Show auch ab und zu mal ein Album raus bringen (müssen). Aber wen interessiert das eigentlich, wenn Laserblitze durch das Stadionrund zucken und die Bandmitglieder wahrscheinlich demnächst mit weißen Elefanten auf die Bühne reiten, während im Hintergrund überdimensionale Puppen ein riesiges Porträt der Band malen? Dazu tragen Artisten des Cirque du Soleil Andrew Lloyd Webber auf einen Sänfte herein und der Sänger Matt Bellamy mutiert noch an Ort und Stelle zum selbstverliebtesten Schwachmaten des ganzen Universums. Eine Show für die ganze Familie, Tiere und Außerirdische! Ein visuelles Meisterwerk! Das größte Musical der Welt! Ach so, und die Musik? Wie immer scheiße.

Tags:König der Löwen, Jesus Christ Superstar, Jahrmarkt,”Musik”, Scooter, Napoleon rotiert im Grab und bekommt Minderwertigkeitskomplexe

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