Ausstellung in Berlin: BIOS – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur

So, jetzt muss ich doch noch ein paar Worte zur Ausstellung BIOS verlieren, die derzeit im Georg-Kolbe-Museum in Berlin zu sehen ist. Um ehrlich zu sein war ich schon am Eröffnungstag, am 26. August da, weniger ob des feuilletonistischen Eifers als viel mehr aus Zufall. Mein Bruder, der für ein paar Tage in Berlin zu Besuch war, wollte unbedingt noch etwas Beeindruckendes sehen und die Ankündigung des Museums versprach einen ganz guten Querschnitt aus meiner kulturellen Leidenschaft und seinem medizinischen Interesse. Der Tagestipp in irgendeinem Berliner Stadtmagazin gab schließlich den entscheidenden Ausschlag und was soll ich sagen? Es hat sich wirklich, wirklich, wirklich gelohnt. Die Ausstellung hat in ihrer Gesamtheit einen großen Eindruck bei mir hinterlassen und bevor ich groß ins Fabulieren komme, schicke ich gleich vorweg: Leute, wenn ihr irgendwie die Möglichkeit dazu habt, geht dahin! Es lohnt sich für jeden, der Interesse an aktueller Plastik, Anthropologie und wissenschaftlicher Kunst hat… aber auch für jeden, der mal wieder eine kleine, kulturell legitimierte Geisterbahnfahrt erleben möchte.

Allein die Begrüßung hat es bereits in sich. Im Vorraum der Ausstellung erwartet den Besucher die beeindruckende, berührende und zugleich verstörende Skulptur The Comforter (2010) von Patricia Piccini. Ein kleines, etwas schräg sitzendes Mädchen, dass ein Baby im Arm hält. Erst beim zweiten Blick wird dem Rezipienten gewahr, dass mit dieser fast menschlich scheinenden Plastik etwas ganz und gar nicht stimmt. Über und über mit Haaren bedeckt, offensichtlich durch einen Gendefekt verursacht, bricht die Schönheit des Mädchens auf und offenbart etwas Kreatürliches, mit dem dennoch weiterhin der anmutige, fast sentimentale Ton der Skulptur konkurriert. Aber auch das Wesen in ihrem Arm, entpuppt sich auf den zweiten Blick keinesfalls als niedliches Baby sondern als anamorphes Geschöpf, das scheinbar nur aus Fingern, Zehen und einem verstörend lieblich geöffneten Mund besteht. Damit wird das Leben in dieser Skulptur nicht nur abgebildet sondern in all seiner verstörenden Schönheit und ästhetischen Absurdität offenbar. Wo hört die künstlische/künstlerische Skulptur auf, wo beginnt das Organische und Lebendige? Eine Frage, die nicht zuletzt Dank der Zusammensetzung des Wesens aus Silikon, Stahl aber auch menschlichem und tierischem Haar unbeantwortet bleiben muss.

Ganz ähnlich spielt auch die linkerhand zu findende Installation mit der Frage nach Leben, Kunst und Wissenschaft. Das Objekt unter dem Titel Who came First (2011) von Brad Downey ist ein Ei, das sich in einer Tiefkühltruhe befindet. Erst durch den provokanten Titel und die stoffliche Zusammensetzung wird das Objekt zum Kunstwerk. Tatsächlich besteht dieses Ei nämlich aus menschlichem Sperma, das Downey über Monate hinweg gesammelt hat. Nur in einer Tiefkühltruhe kann es überleben, konfrontiert mit der Außentemperatur würde es innerhalb kürzester Zeit zu glibbrigem Gelee verfallen, seine nahezu perfekte Form verlieren. Natürlich spielt Downey hier auf gekonnt augenzwinkernde Weise mit den Dispositionen der Geschlechter: Ein eigentlich dem weiblichen zugeordnetes Geschlechtsmerkmal, hergestellt aus der männlichen Befruchtungsflüssigkeit. Die Formung des Objekts hebt die Kategorien auf und hält das Problem von Sex und Gender gleichzeitig aufrecht. Was ist gemeint mit der Frage, wer zuerst gekommen ist? Ein Rekurs auf das traditionelle Henne-Ei-Problem der Philosophie? Ein ironischer Kommentar zum menschlichen Orgasmus? Oder doch die Frage nach dem Kunstwerk selbst? Haben wir es hier mit einem femininen Werk zu tun, weil eben ein Ei in seiner vollendeten Form abgebildet ist? Oder mit einem maskulinen, da der Grundstoff die männliche Form des Lebens per se ist?

Auch in der restlichen Ausstellungen kreisen die Objekte, Installationen und Skulpturen um die Frage, was das Leben ausmacht. Das ist dann mitunter ganz und gar großartig geglückt, wenn zum Beispiel in Mark Dions Sea Life (2012) Kinderspielzeug, Tierspielzeug und Sexspielzeug in Reagenzgläsern nebeneinander angeordnet wird und der Rezipient nicht nur unfähig ist, die einzelnen Toy-Arten auseinander zu halten sondern diese zudem wie Unterwasser-Kreaturen anmuten. Das ist dann mitunter aber auch schon fast zu wissenschaftlich, zu spröde, um überhaupt noch genuine, ästhetische Reize zu erzeugen, so zum Beispiel einige der organischen Sammlungen, die durchaus auch einem Biologie-Projekt der Oberstufe (oder einer verwahrlosten WG) entsprungen sein könnten. Die Manna-Maschine II (2008) von Thomas Feuerstein begeistert dennoch als beinahe bedrohliche Algen-Installation, in der sich das Leben seinen Weg bahnt, durch diverse Schläuche stoisch an den Augen des Betrachters vorbeizieht und dabei Mutation über Mutation bildet. Auf jeden Fall verdammt lustig ist die Bio-Wurstwolke (2007) von True Greenfort, der die Wurstwolke (1969) von Diether Roth quasi als Bio-Produkt neu erfindet und in der Betrachtung des Gammelns von vermeintlich hochwertiger Nahrung einen ironischen Kommentar zum Bio- und Öko-Wahn unserer Wohlstandsgesellschaft abliefert.

Spannender als die Kunstwerke aus lebenden Materialien sind dann aber doch die vermeintlich toten Stoffe, denen die Künstler dennoch mit grotesken Maßnahmen Leben einhauchen. Tatsächlich oszilliert BIOS auf ganz eigenartige, einzigartige Weise zwischen verschmitztem, dekonstruktivistischem Humor, gediegenem Grusel – bis zum realen Horror – und auch kreatürlicher Tragik. Für den Horror sorgen noch nicht einmal so sehr die teilweise an H.R. Giger erinnernden, deformierten Plastiken sondern die ungleich unheimlichere Installation Von der Dunkelheit ins Licht (2010) von Günter Weseler. Dieser hat mehrere Flokati-Plüschkissen (whatever) an einer Wand angeordnet und lässt sie mittels mechanischer Hilfe “atmen”. Es ist einschüchternd, gewaltig, beängstigend, wie diese einfachen Felle plötzlich lebendig, ja trotz ihrer statischen Position fast unkontrollierbar scheinen. Eine Minute Betrachtung genügt für alptraumhafte Gedanken für den Rest der Nacht. Ohnehin spielt die Ausstellung geschickt mit Phänomenen wie dem Uncanny Valley und der generellen Angst des Menschen, das Leben selbst sowohl in die eine als auch die andere Richtung hinterfragen zu müssen. Für die Tragik dagegen sorgt die letzte, beeindruckende Plastik Untitled (2011) von David Zink Yi , die einen gestrandeten Tintenfisch darstellt, der komplett von seiner ausgelaufenen Tinte umgeben ist. Diese berührende Momentaufnahme des Todes beansprucht einen gesamten Raum für sich und schließt die Ausstellung auf grandiose Weise ab.

Also wie gesagt, nochmal der Aufruf: Geht da hin Leute. Es lohnt sich. Zumindest ein ein wenig robuster Magen ist allerdings schon Voraussetzung. Denn wenn zeitgenössische Künstler mit der Frage nach dem Leben, nach der Künstlichkeit, nach der Künstlichkeit des Lebens und der Lebendigkeit der Kunst spielen, dann dürfen auch Blut, Schweiß und Tränen erwartet werden. Tatsächlich haben mich persönlich die Plastiken aus “totem” Material mehr beeindruckt als die wirklich lebendigen Objekte, weswegen diese in meinem Resumee einen etwas breiteren Platz eingenommen haben. Schimmel, Blut und farbige Pisse gibt es aber auch genug zu sehen, ebenso abstrakte Körper, getrocknete deformierte Frösche etc… der Clou waren allerdings eben gerade die toten Kunstwerke, die dennoch schlicht in der Beobachtung begonnen haben zu leben. Bis in den November hinein läuft die Ausstellung, die Eintrittspreise sind überschaubar, und wens vor der postpostpostmodernen Plastik- und Installationskunst zu sehr ekelt, der kann immer noch ins Untergeschoss fliehen, wo es klassische Skulpturen von Georg Kolbe zu genießen gibt. Ich habe mich in BIOS jedenfalls sehr gut unterhalten, angeregt und zum Nachdenken gebracht gefühlt. Und mehr kann von einer guten Ausstellung wirklich nicht erwartet werden. Ganz dicke Empfehlung für alle empfindsamen Kunstfreunde, Wissenschafts-Ästheten und Freakshow-Liebhaber.


BIOS – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur

26. August – 11. November 2012 im Georg-Kolbe-Museum
Sensburger Allee 25, Berlin-Charlottenburg
Öffnungszeiten: Di–So 10–17 Uhr
Eintritt: 5,-/3,-€


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