Dramatik des 19. Jahrhunderts: Georg Büchner

So. Georg Büchner also. Alles was ich in vorangehenden Artikeln für das 18. und 19. Jahrhundert festgestellt habe, die Diskrepanz zwischen Theaterbetrieb und den großen Dramen, die Diskrepanz zwischen zeitgenössischer und späterer Rezeption, die Verdammung der großen Dramen zu Lesedramen etc… gilt für Georg Büchner (1813 – 1837) in extremem Maße. Es existiert nur eine geringe Zahl überlieferter Werke von ihm, er war Zeit seines Lebens ein literarischer Außenseiter, war ganz ähnlich wie Kleist seiner Zeit weit voraus und starb in jungen Jahren. Gleichsam spielt er eine ungemein große Rolle in der späteren und heutigen Rezeption der damaligen Zeit: Zahllose literaturwissenschaftliche Werke beschäftigen sich mit seinem Oeuvre, seinem Leben, seinem Schaffen und er wird vollkommen zurecht als Meister der deutschen Literatur gefeiert und mit den Größen des Sturm und Drang und der Klassik auf eine Stufe gestellt. Gleich mehrere Gründe, sich mit dem Vormärz-Dramatiker und Getriebenen ausführlicher zu beschäftigen.

Georg Büchner kam als erstes von sechs Kindern eines Distriktarztes auf die Welt. Während er ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Mutter hatte – die ihn auch zu Hause unterrichtete und womöglich an Schiller heranführte, der einen großen Einfluss auf sein Schaffen haben sollte – war das Verhältnis zu seinem Vater eher problematisch. Trotzdem begann er im Alter von 18 Jahren im Jahr 1831 Medizin und Anatomie in Straßburg zu studieren. In dieser Zeit begann er auch – bewegt von der französischen Juli-Revolution und dem Aufstand der unterdrückten Polen – sich mit Geschichte und Politik auseinander zu setzen. Da maximal drei Jahre Auslandsstudium erlaubt waren wechselte er 1833 zur Universität Gießen und kam dort auch in Kontakt mit oppositionellen Kreisen. Unter diesen Einflüssen entstand auch seine – von Friedrich Ludwig Weidig überarbeitete – politisch oppositionelle Flugschrift Der Hessische Landbote (1834) mit dem berühmten Zitat “Friede den Hütten! Krieg den Palästen”. Seine Verbindung zu dem Flugblatt wurde schnell entlarvt, sein Zimmer wurde durchsucht, er wurde verhört (aber nicht festgenommen) und schrieb in Folge das Drama Dantons Tod (1835), das er mit der Bitte nach Veröffentlichung (auch um Geld für eine Flucht zu haben) an den Jungdeutschen Karl Gutzkow sendete:

Dantons Tod spielt im Frankreich der Jakobinerherrschaft im Jahre 1794. Der Konflikt zwischen aggressiven Jakobinern unter Führung von Robespierre und den Cordeliers, zu denen Georges Danton zählt, befindet sich auf einem Höhepunkt. Danton und Robespierre stehen sich mit ihren verschiedenen Ansichten über Revolution und Republik verstritten gegenüber. Während Danton als gut verdienender Revolutionsgewinner den körperlichen Genüssen nachgeht und sich eine liberale Republik wünscht, in der nicht permanent guillotiniert wird, glaubt Robespierre an die wichtige Verbindung von Tugend und Schrecken. Die Revolutionäre sollen enthaltsam und tugendhaft nahezu asketisch leben und nicht so dekadent wie die lebenslustigen Dantonisten. Obwohl eine Verhaftung und Hinrichtung Dantons immer wahrscheinlicher wird, will dieser nicht fliehen, sowohl aus Trägheit als auch Glaube an die Revolution als auch Glaube daran, dass die Robespierristen es nicht wagen würden, ihn hinzurichten. Schließlich wird er aber verhaftet und vor das Revolutionstribunal geführt. Nach einer großen Rede von ihm kippt die Stimmung des Volkes zuerst zu Gunsten der Dantonisten, wird aber schnell wieder – nach der Aufdeckung eines angeblichen Komplotts Dantons mit den Royalisten – auf Robespierres Linie gebracht. Danton wird zum Tode verurteilt, seine Frau Julie vergiftet sich und er und sein Freund Camille werden hingerichtet. Dessen Frau ruft am Schafott “Es lebe der König” um sich verhaften und hinrichten zu lassen, um so im Tod mit ihrem Geliebten vereint zu sein.

Georges Danton

Ganz ähnlich wie Grillparzer und Grabbe arbeitet Büchner in Dantons Tod mit einem historischen Fatalismus, dem das Individuum gegenübergestellt wird. Ganz ähnlich wie die anderen beiden großen Dramatiker sieht auch Büchner das Individuum im Verlauf der Geschichte gefährdet. Und doch geht er um einiges weiter als diese beiden Autoren. Neben dem klaren historischen Fundament arbeitet er mit erfundenen Figuren, weder die Frau Dantons Julie, noch die Frau Camilles Lucille ist einer historischen Wirklichkeit entstanden. Darüber hinaus lässt Büchner seine Charaktere nicht einfach an der Geschichte verzweifeln oder gegen diese auflehnen sondern er fragmentiert sie regelrecht durch den historischen Verlauf. Am prägnantesten geschieht dies in der Person des Dantons: Rücksichtsloser Genussmensch, Epikureer, Hedonist, lebensmüde und resigniert, dann leidenschaftlicher Demagoge, pathetischer Freund, pathetisch Liebender, engagierter Politiker… entworfen wird hier weniger ein psychologisch geradliniges Profil als viel mehr ein fragmentarisches Kaleidoskop des Menschen als solchen. Ebenso bleibt die Frage nach Handeln und nicht Handeln der Protagonisten nicht nur folgenlos für den historischen Verlauf, die Figuren zerschellen selbst auch an dieser Frage. So ist Robespierre in seiner Verweigerung gegen die Genüsse des Lebens nicht einfach nur ein puristischer Despot sondern wird geradezu zerfleischt von seiner eigenen Enthaltsamkeit. Durch Danton wird diese pathologisiert, Robespierre mit einem Eunuchen verglichen.

Maximilien de Robespierre

Aber die Dekosntruktion Büchners hört an dieser Stelle nicht auf. Auch die Genusssucht Dantons wird als Utopie entlarvt und mit der Realität, dem Hunger des Volkes konfrontiert. Ein betrunkener Bürger wirft seiner Frau und seiner Tochter Hurerei vor, das Volk friert, leidet und in der nächsten Szene ergibt sich Danton dennoch seinen weltlichen Genüssen. Ebenso wie Robespierre in seinem Terrorismus zum Despoten wird, wird Danton zum Terroristen, da er nicht die Bedürfnisse des einfachen Volkes wahrnehmen kann. Die Revolution frisst ihre Kinder, aus dem tugendhaften, revolutionären Robespierre wird ein grausamer Herrscher, aus dem liberalen, libertären Danton wird ein egomanischer Genussmensch. Das Volk selbst wird dabei sowohl in seinen Lastern als auch in der Suche nach Tugend als wankelmütig, unfähig zu einer klaren politischen Handlung entlarvt. Worauf es anspringt ist Demagogie, es wechselt nach Laune von Robespierres Seite zu den Dantonisten und wieder zurück, sein Hunger wird nicht durch Brot sondern die Guillotine gestillt. Was dabei entsteht ist eine bittere, zynische Aufklärungsdialektik, in der die Revolution selbst wieder zum Terror führt, in der der Sieg über die Despotie eine neue Despotie entstehen lässt. Danton resigniert vor diesem Geschichtsfatalismus, wird träge und lebensmüde, Robespierre flieht in paranoide Tugend-Demagogie, die ihn kaum noch von seinen früheren Feinden unterscheidet.

Sansculottes

Dabei ist es nicht nur die Psyche, die daran leidet sondern auch und in großem Maße der Körper des Menschen. Gerade das ist ein besonderes Moment, das Büchner zu einem modernen Dramatiker werden lässt. Ganz ähnlich wie die Stürmer und Dränger – von deren Postulaten er stark beeinflusst ist – wird die Persönlichkeit auch immer wieder in ihrer Körperlichkeit thematisiert. Wo Goethe im Götz jedoch den Kerl über seine Unvollkommenheit triumphieren ließ, wo Schiller eine Entelechie des unvollkommenen Menschen in Maria Stuart entwarf, wo Lenz die körperliche Selbstverletzung zum Spiegelbild sozialer Missstände werden ließ, bleibt bei Büchner die nackte physische Natur des Menschen zurück: Es wird gehurt, gefressen, gevögelt, der Mensch ist des Menschen Tier und das alles ohne allegorischen Subtext ohne entelechische Auflösung. Damit wird die fatalistische Geschichtsschreibung immer auch zur pathologischen Geschichtsschreibung, in der der Mensch von sich selbst entfremdet ist, sowohl körperlich als auch geistigen Schaden nimmt. Mit dieser kreatürlichen Körperlichkeit des Menschen – die von Gutzkow für den Druck radikal zensiert wurde – hängt auch die Entlarvung der Theatralität des Historischen auseinander. Immer wieder ist von den Robespierristen vom erhabenen Drama der Revolution die Rede, die vom lasterhaften Danton persifliert werden würde, während Camille und Danton sich gemeinsam über das Theater lustig machen, dass nur eine hölzerne Kopie des Lebens wäre. Hier prangert Büchner nicht einfach nur das historische Drama des Vormärz an, dass in seiner akribischen Sinnstiftungssuche durch die Historie versagen muss, sondern persifliert ebenso die Theatralität mit der das historische und auch zeitgenössische Leben verklärt wird. Der Mensch versucht sich sein eigenes Drama außerhalb der Bühne zu schaffen, um der Sinnlosigkeit des Lebens zu entgehen.

Ein bissiger satirischer Angriff, den er in der Komödie Leonce und Lena (1836) zu einem Höhepunkt treibt: Das Drama um einen melancholischen Prinzen, der der Zwangsverheiratung entflieht, unterwegs seiner zukünftigen Braut begegnet (ohne zu wissen, dass diese es ist) und in sich verliebt, ist nicht nur eine spöttische Auseinandersetzung mit der provinziellen Kleinstaaterei des deutschen Bundes sondern ebenso eine Entlarvung der hohlen Theatralität des weltschmerzenden, übersättigten Lebens. Hier wird alles zu Unwissenheit und Maskerade, die eigentliche Komödie dekonstruiert sich selbst, wenn am Ende die falsche richtige (oder richtige falsche) Hochzeit gleich zweimal gespielt wird, wenn das Stück seine eigene Fortsetzung antizipiert und das Schicksal als nette Fügung verlacht wird. Gerade mit dieser Entkategorisierung der Gattung ist Büchner dann auch gar nicht so weit von Jakob Michael Reinhold Lenz entfernt, dem er mit der Novelle Lenz (1835) ein tragisch realistisches Denkmal setzt.

Einen Schlusspunkt unter die zentralen Topoi Theatralität des Lebens, Geschichtsfatalismus, Körperlichkeit und Fragmentierung des Individuums unter seinen Lebensumständen setzt Büchner schließlich mit seiner nur in Fragmenten erhaltenen Tragödie Woyzeck (1837), dass er wegen seines frühen Todes an Typhus nicht fertig stellen konnte:

Woyzeck behandelt in fragmentarischen Szenen das Leben des tatsächlich existenten Soldaten Johann Christian Woyzeck, der 1824 wegen dem Mord an seiner Geliebten hingerichtet wurde. Der Protagonist ist in Büchners Drama im Gegensatz zu der realen Vorlage kein Bettler und Geächteter sondern steht noch im soldatischen Dienst. Allerdings verdient er zusätzlich Geld, indem er sich einem Doktor als Versuchskaninchen zur Verfügung stellt, macht Laufburschenarbeiten für einen Hauptmann, der ihn permanent demütigt und händet dieses Geld immer wieder seiner Freundin aus. Zerrissen zwischen Schein und Sein wird er immer wieder von Fieberattacken befallen, ist abwesend, grüblerisch und brennt aus Eifersucht, als er mitbekommt, dass seine Geliebte Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat,  eine Affäre mit dem Tambourmajor beginnt. Er halluziniert von einer inneren Stimme, die ihm befiehlt Marie zu töten. Nachdem er sich ein Messer gekauft hat, ersticht er sie und taucht selbst in einen See, in dem er die Tatwaffe entsorgt hat.

Woyzeck-Fragment

Die Pathologie der Gesellschaft, der physische und psychische Verfall durch historische Umstände, die Fragmentierung des Individuums und die fatalistische Konsequenz des Verbrechens… In Woyzeck kulminieren noch einmal alle Topoi der Büchner’schen Dramatik. Dabei entwirft Büchner nicht nur das psychopathologische Profil eines einzelnen Protagonisten sondern gleich das einer ganzen Zeit. Bezeichnend hierfür ist eine ziemlich klare Trennung in Charaktere und Typen. Während Woyzeck seine Freundin sowie sein Soldatenfreund (alle drei Vertreter einer niedrigen gesellschaftlichen Schicht) Namen und auch ein mal mehr mal weniger differenziertes Profil bekommen, bleiben für die restlichen hierarchisch höher gestellten Protagonisten nur Typenbezeichnungen wie Doktor oder Hauptmann. Damit befindet sich Woyzeck zwischen beiden Polen, ist Charakterdrama ebenso wie Typendrama. Die Pathologie des einzelnen wird psychologisch exakt ergründet, der Niedergang eines Menschen wird nicht einfach nur als groteske Fabel inszeniert sondern ebenso als persönliche Apokalypse, deren Ursprung und Ausformung schmerzhaft naturalistisch untersucht wird. Gleichzeitig wird Woyzeck in der Pathologisierung der Gesellschaft zur Fabel: Die Typen aus Militär und Medizin werden zu allgemeinen, unmenschlichen Tätern, zu Parabeln auf allgemein soziale Missstände.

Büchner ist eben auch ein proto-moderner Dramatiker, da er sowohl Momente des Naturalismus als auch der literarischen Moderne nach 1900 antipiert: Er diagnostiziert, psychologisiert, pathologisiert und er parabolisiert, entlarvt Absurditäten und groteske Spielarten des Lebens. Menschlich exakt und dennoch über das Menschliche hinausgehend. Ein Sonderstatus, der umso prägnanter und beeindruckender wird, wenn man sich anschaut wie die Dramatik der Folgezeit aussah. Büchner überlebt nicht nur seine Zeitgenossen sondern auch so ziemlich alles, was nach 1848 an Dramatik in Deutschland stattfindet, bis hin zum Naturalismus, der beinahe vollkommen in seiner pathologischen Tradition steht. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg: 50 Jahre der dramatischen Entbehrung liegen vor uns, bevor das dramatisch merkwürdig indifferente 19. Jahrhundert vom Naturalismus und der literarischen Moderne erlöst wird. Um diese 50 Jahre soll es im nächsten Artikel gehen…

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