Parameter Moderner Literatur I – Äußere Parameter

Die literarische Moderne fasziniert mich. Ich finde, dass wir bis so ungefähr jetzt auch eigentlich mit einem modernen Bewusstsein in der Welt rumgetingelt sind, weil ich die Postmoderne für eine Weiterführung der Moderne mit anderen Mitteln halte. Die Postmoderne ist in der Moderne bereits enthalten. Jetzt entern wir gerade in das Informationszeitalter hinein, also in eine Welt in der Informationen den neuen, nie versiegenden Rohstoff darstellen. Aber das sind andere Themen, auf die ich an anderer Stelle zurückkommen werde. Was ich mit modernem Bewusstsein meine, will ich hier darzustellen versuchen und aufzeigen wie man dieses im modernen Erzählen und im modernen Roman wiederfindet. Wenn man davon weiß, ist es nämlich ein besonderes Vergnügen frühere Literatur zu lesen und darin moderne Strukturen und Topoi zu entdecken. Wie zum Beispiel bei Kleist und Büchner, auf die ich dann später, in anderen Texten eingehen werde.

Der Begriff „modern“ ist ein alter. Er stammt vom spätlateinischen Begriff modernus ab, welcher gegenwärtig und neu bedeutete und sich polemisch von antiquus (alt, altertümlich) absetzte. Lange Zeit wurde der Begriff verwendet im Innovatives zu beschreiben und um auf künstlerische Originalität zu verweisen. 1886 wurde auf einer Veranstaltung des naturalistischen Vereins „Durch!“ das Adjektiv modern zum Substantiv „Die Moderne“, ohne das es eine spezifische literarische Moderne überhaupt gab. Dennoch wurde es im Folgenden zum Schlagwort urbaner, avantgardistischer Kunstbewegungen, die den Naturalismus und poetischen Realismus ablehnten zu Gunsten ästhetizistischer Kunstauffassungen. Das ist die große Zeit der kulturellen „Ismen“. Neben Kunst-Ismen wie Impressionismus, Futurismus oder Kubismus, gab es auch welterklärerische und vor allem ideologische Ismen wie Zionismus, Kommunismus, bis hin zu unsinnigen und paradoxen Konstruktionen wie Nationalsozialismus (20 Jahre später). In dieser Ismenvielfalt kommt schon eine spezifisch moderne Bewusstseinshaltung zum Ausdruck, auf die ich jetzt näher eingehe.

Was das moderne Bewusstsein vor allem auszeichnet ist das Gefühl der Krise, der Angst und Unsicherheit. In der Kulturgeschichte gab es bis dahin schon 2 große Erschütterungen des menschlichen Selbstbewusstseins bzw.  seines Sendungsbewusstseins. 1. Die kopernikanische Wende: Nikolaus Kopernikus zeigte uns 1543, dass nicht die Erde Mittelpunkt des Universums ist, sondern unsere Sonne ist Mittelpunkt unseres Sonnensystems und die Erde umkreist diese. Damals ein Affront gegen die Macht der Kirche, für die nicht nur die Erde Mittelpunkt des Universums, sondern auch der Mensch die „Krone der Schöpfung“ war. 2. Darwins Evolutionstheorie wonach der Mensch eben nicht Krone der Schöpfung ist sondern von Primaten abstammt. Im Zeitraum zwischen 1880 und 1900 herum wird das menschliche Sendungsbewusstsein nochmals tiefgehend erschüttert. Was war passiert?

Nun, zunächst war Nietzsche passiert. Mit seiner Kritik an der damaligen Kultur, Moral und Religion sah er sich zwar in der Tradition der Aufklärung, aber vor allem als deren Überwinder, als deren Gipfel. Mit seinen Analysen ist er gewissermaßen Geburtshelfer der Moderne. So konstatiert er z.B. „es fehlt die übergreifende Einheit in der Vielheit des Geschehens“ (Kritische Studienausgabe 13 Nachgelassene Fragmente 1887-1889). Dieser Satz ist eine gewissermaßen schon säkularisierte Fortführung seines weitaus polemischeren Satzes „Gott ist tot.“ , in letzterem bezieht er sich immerhin noch auf etwas namens Gott, wenn auch negierend. Kurzerhand beendet Nietzsche damit gefühlte 1000 Jahrhunderte an sogenannten philosophischen Gottesbeweisen. Die Menschheit war nun „transzendental obdachlos“ geworden, wie der Literaturwissenschaftler Georg Lukács es formulierte und prägte.

Als nächstes kam Sigmund Freud mit seiner Theorie vom Unbewussten und erklärte, dass der Mensch nun nicht mehr Herr seiner selbst war, sondern Spielball von in ihm unbewusst wirkenden Kräften und Trieben. Schließlich tat die einsteinsche Relativitätstheorie (1905) ihr Übriges. Mit dieser zeigte Einstein auf, dass Wahrheitserkenntnis abhängig war von der Position des Beobachters und damit also relativ.

Neben diesen geistesgeschichtlichen Geschehen, ereignete sich im Deutschen Reich (das 1871 gegründet wurde) außerdem noch mehr nie Dagewesenes und zwar war es Schauplatz einer äußerst schnellen und heftigen Industrialisierung und damit einhergehend entwickelte sich eine beinah unkontrollierte Urbanisierung und soziale Differenzierung. Innerhalb von 30 Jahren verdoppelte sich die Einwohnerzahl Berlins auf 1,9 Millionen im Jahre 1900. Die letzteren Phänomene bezeichnet man auch als soziologische Moderne.

Wie man sieht ist in kurzer Zeit viel Neues passiert. Diese Erfahrungen (der transzendentalen Obdachlosigkeit, des Wirken des Unbewussten und der Großstadt) erschütterten das Selbst- und Sendungsbewusstsein und das Erkenntnisvermögen (Relativitätstheorie) des Menschen. Die sogenannte Ismenvielfalt zu beginn des 20. Jahrhunderts zeugt von dem Wunsch und dem Streben nach neuen Sinngebungen, neuen Welterklärungsmodelle und neuen Handlungsrichtlinien, da das alte christlich-religiöse Weltbild weitgehend an Wirkung und Einfluss verlor. Die Welt ist aus den Fugen und in Bewegung geraten.  In der Literatur dieser Zeit spiegelt sich dies wieder. Das beschreibe ich im nächsten Text.

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