Dramatik im 18. Jahrhundert: Versuch einer allgemeinen Strukturierung

Also wie angedroht, nutze ich – während ich gleichzeitig die normale Bloggerei auf ein Minimum zurückschraube – Seite360 jetzt einfach mal kurz, um meine eigene Prüfungsvorbereitung in klare Bahnen zu lenken. Gleich zwei Vorwarnungen zu diesem Artikel: Erstens, das ist ein Experiment. Keine Ahnung, ob das funktioniert, ob es Sinn macht, ob sich überhaupt irgendjemand dafür interessiert. Wenn es nicht klappt, kann es sein, dass das der einzige Artikel zum Thema bleibt und ihr – falls Interesse besteht – auf andere Literatur ausweichen müsst. Zweitens, das ist wahrscheinlich der egoistischste Text, den ich je auf diesem Blog veröffentlicht habe und je veröffentlichen werde. Ich reflektiere hier ziemlich rough meine Recherche, sprich germanistische/literaturwissenschaftliche Fachtexte. Ich will zwar, gerade im Hinblick auf den Zweck als Vorbereitung für die einstündige mündliche Prüfung, versuchen, das alles auch für Laien verständlich und interessant zu gestalten, werde aber nicht um Fachtermini drumherum kommen und an der ein oder anderen Stelle so schreiben, dass ein wenig Backgroundwissen vorausgesetzt wird (auch wenn ich das zu vermeiden versuche).

Trotzdem, wie gesagt, das soll dennoch nicht ganz ohne Mehrwert für euch bleiben. Sprich, wenn ihr Interesse an ein wenig Literaturgeschichte habt, falls ihr vielleicht selbst Literaturwissenschaften studiert oder gerade in der Abi-Vorbereitung seid, kann es durchaus sein, dass ihr hier die ein oder andere nützliche Info hier rausnehmen könnt. Kommentare, Ergänzungen, Kritik etc. eurerseits wären natürlich auch cool. Also viel Spaß oder fröhliches Ignorieren…

Bei einer Klassifizierung des Theatergeschehens im 18. Jahrhundert kommt man an zwei großen Diskrepanz-Erscheinungen nicht vorbei:

1. Die Diskrepanz zwischen der dramatischen und theatralen Praxis

2. Die Diskrepanz zwischen Dichter-Vorstellungen und Publikumswünschen

Harlekin

Beide Diskrepanzen stehen in einem engen Zusammenhang, bedingen sich geradezu und spiegeln sich auch in der Rezeptionsgeschichte. Während die Literaturwissenschaft heutzutage wie selbstverständlich primär die Big Names Gottsched, Lessing, die Stürmer und Dränger (allen voran Goethe, Schiller und Lenz) sowie Vertreter der Empfindsamkeit wie Klopstock analysiert, verbirgt dies oft ganz gut, dass die zeitgenössische Rezeption völlig anders aussah. Die theatrale Praxis des 18. Jahrhunderts war weder von einem aufgeklärten Theater als moralische Anstalt noch von der Errichtung eines universellen Nationaltheaters dominiert. Was die Zuschauer wollten, war damals wie heute, Unterhaltung. Dementsprechend waren die Wanderbühnen – feste Schauspielhäuser stellten ebenfalls eine Ausnahme dar – geprägt von albernen Lustspielen, Harlekinaden und Hans-Wurst-Stücken, in denen auf geistlose Effekte und publikumswirksamen Humor zwischen Klamauk, Slapstick und Wortakrobatik gesetzt wurde. Dementsprechend hart fiel auch das Urteil der “aufgeklärten” Dichter über das Theater ihrer Zeit aus: So unterschiedlich mitunter ihre Ansätze für eine Reformierung des Theaters waren, so einig waren sie sich doch alle in der Ablehnung des ihrer Meinung nach überkommenen höfischen Theaters, der Oper, des Barock sowie der zahllosen lustigen Harlekinaden und Hanswurstiaden.

Tatsächlich lassen sich die Reformationen des Theaters im Zuge der allgemeinen Aufklärungstendenzen auch eher auf die zweite Hälfte des Jahrhunderts eingrenzen, von wo aus sie sukzessive stärker wurden und sie schließlich gegen Ende des Jahrhunderts rapide beschleunigten. Nicht ganz zu Unrecht zählen dann auch die Jahre 1770 bis 1810 als Hochzeit der deutschen Dramatik.

Johann Christoph Gottsched

Der erste Reformator in dieser Reihe war Johann Christoph Gottsched (1700–1766), der vor allem mit seinem Versuch einer critischen Dichtkunst (1729) theoretische Maßstäbe für die Entwicklung eines neuen Theaters im Geiste der Aufklärung setzte. Gottsched steht auch stellvertretend für die erste Tendenz der aufgeklärten Theaterpraxis, die ich als Entwicklung einer normativen Ästhetik bezeichnen will. Während Motive und Stoffe der von ihm geforderten Dramen mit ihren mythologischen und historisierten Themen noch ganz in der Tradition der französischen Klassik sowie der barocken Schauspiele und Opern stehen, z.B. Der sterbende Cato (1731), ist das dezidiert moderne seiner Dramentheorie primär in der grundlegenden Konzeption von Aufgabe und Ziel des Theaters zu finden. Nach Gottsched sollte der Rationalismus mit einer klaren Systematisierung und Zielsetzung auch in der ästhetischen Dramenpraxis seinen Widerhall finden. So forderte er von der kritischen Dichtkunst, dass sie sich einen allgemeinen Lehrsatz, ein moralisches Fundament zum Ausgangspunkt nehmen und diesen anhand eines “fabelhaften” Schauspiels exemplifizieren sollte. Ebenfalls von einer Vorstellung einer klaren Ordnung geprägt waren seine Vorgaben für die Konzipierung dieser parabolischen Stücke. Hierbei bediente er sich bei Normativen der aristoteleschen Dramatik und französischen Klassik: Einhaltung der drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung, eine normierte Sprache in strengen Alexandrinern sowie eine psychologische und physiologische Ordnung auf der Bühne, die sich in der Ablehnung jeglicher Improvisation sowie der anarchischen Entität des Harlekins äußerte. Die hieraus entstandenen Regeldramen sollten weder naturalistisch noch nah am Bürger sein, sondern viel mehr durch ihre Parabelhaftigkeit universelle moralische Grundsätze vermitteln.

Gotthold Ephraim Lessing

Im Gegenzug dazu steht die Bewegung, die ich als Entwicklung eines bürgerlichen Theaters bezeichnen will. Während Gottsched vor allem vom Rationalismus der Philosophie der Aufklärung inspiriert war, ist die Hauptinspiration dieser Bewegung in einer Forderung nach einer Emanzipation des Bürgertums zu finden. Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781) dürfte der exponierteste Vertreter dieser Dramengattung sein. Inspiriert unter anderem vom bürgerlichen Trauerspiel Der Kaufmann von London (1731) von George Lillo forderte Lessing ein Theater, dessen Protagonisten “von gleichem Schrot und Korn” wie das Publikum sein sollten. War die Tragödie bis dahin adligen Protagonisten und Helden vorbehalten (auch in den historischen und mythologischen Schauspielen Gottscheds) wollte Lessing den Bürger selbst zum Mittelpunkt des Theaters machen. Dementsprechend ätzte er ordentlich gegen Gottscheds formelle Dramen, die weder in Sprache noch Stil noch Inhalt die Lebenswirklichkeit der Bürger repräsentierten. Bei ihm löste das Prosaische die lyrische Sprache der Alexandriner ab, er setzte auf realistische, naturlaistische Darstellungen sowie (zumindest durch die ethische Prägung definierte) Bürger als handelnde Personen. Exemplarisch dafür stehen seine Tragödien Miss Sara Sampson (1755) und Emilia Galotti (1772). Ebenfalls in diesen bürgerlichen Rahmen fällt Friedrich Schillers Kabale und Liebe (1784), das gemeinhin als Höhe- und Endpunkt des bürgerlichen Trauerspiels kategorisiert wird. In Folge von Lessings dramatischer Theorie, die u.a. in der Hamburgischen Dramaturgie (1767 – 1769) kolportiert wurde, entstanden zahllose bürgerliche Trauerspiele, die äußerst formelhaft auf stereotype Topoi wie der zärtliche Vater, die unschuldige Tochter, der höfische Intrigant etc. setzten.

Friedrich Gottlieb Klopstock

Als dritte Strömung ist die Entwicklung eines euphorischen, sinnlichen Subjektbegriffs zu nennen, in der ich die Dramatiker der Empfindsamkeit sowie die Dichter des Sturm und Drang subsumieren möchte. Diese Kategorisierung ist durchaus streitbar, ich bin aber der Meinung, dass beide Strömungen ähnliche Vorgaben und Inspirationsquellen haben. Beide sind primär geprägt vom Subjektbegriff der Aufklärung, vom selbstbestimmten Menschen, dessen Darstellung bis hin zur heroischen Glorifizierung führt. Bei den Empfindsamen ist es Friedrich Gottlieb Klopstock (1724 – 1803), der in der literaturhistorischen Aufarbeitung gemeinhin den höchsten Stellenwert einnimmt. Mit seinen irrationalen, mythologischen Themen, seiner Entwicklung des “deutschen Hexameter” sowie der Betonung auf Empfindung und Leidenschaft entfernte er sich sowohl vom rational, klassiszistisch strukturierten Drama eines Gottsched als auch vom realistischen Drama Lessings. Vielen Vertretern der Aufklärung muteten vor allem die biblischen Topoi in seinen Dramen wie Der Tod Adams (1757) und David (1772) eher suspekt an.

Friedrich Schiller

Im Gegensatz dazu setzten die Stürmer und Dränger auf eine Verbindung ihrer radikalen Freiheits- und Subjektivitätsvorstellung mit Motiven der bürgerlichen Tragödien. Friedrich Schiller (1759 – 1805) griff auf familiäre Strukturen des bürgerlichen Trauerspiels zurück, um diese kritisch zu reflektieren wie in Kabale und Liebe (1783) oder gleich zu zerstören wie in Die Räuber (1781). Ebenfalls zu nennen sind hier noch Jakob Michael Reinhold Lenz (1751 – 1792) und Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832). Gerade in der Literatur der letzten drei zeigt sich bereits der Übergang von der Aufklärung zur Klassik, den Lob des Genies, die Entdeckung Shakespeares sowie die Universalisierung des Ästhetikbegriffs, der geradewegs in die Romantik des 19. Jahrhunderts führt. Aber das soll eine andere Epoche sein, und die soll an anderer Stelle untersucht werden…

Ich nehme also als Basis die grundsätzliche Unterteilung der aufgeklärten Theaterpraxis in drei Strömungen:

1. Entwicklung einer normativen Ästhetik

2. Entwicklung eines bürgerlichen Theaters

3. Entwicklung eines euphorischen und sinnlichen Subjektbegriffs 

Anhand derer will ich mich durch das Jahrhundert hangeln (um sie dann zum späteren Zeitpunkt eventuell wieder zu verwerfen). Natürlich ist das nur eine strukturelle Hilfe. Zahllose andere Einteilungen wären denkbar, ebenso ein stärkerer Fokus auf die damaligen Mainstreamer und heutigen Außenseiter. Diese werde ich in späteren Artikeln mit Sicherheit stärker berücksichtigen. Als Einstieg in die Epoche empfehle ich den ersten Band von Erika Fischer Lichtes hervorragendem Überblick “Geschichte des Dramas”, Christian Rochows “Das bürgerliche Trauerspiel” sowie Manfred Braunecks “Die Welt als Bühne”. Ebenfalls ganz interessant “Das deutsche Drama von Gottsched bis Lessing” auf das ich im nächsten Artikel, wenn ich mich dezidierter mit dem Frühaufklärer Gottsched auseinandersetze, mit Sicherheit nochmal erwähnen werde. Bis dahin muss erst einmal dieser grobe Überblick genügen. und für heute ist Feierabend…

3 Kommentare zu “Dramatik im 18. Jahrhundert: Versuch einer allgemeinen Strukturierung

  1. Ich fänd`s super, wenn da noch mehr kommt!
    Ist meiner Meinung nach echt interessant und einer der Gründe weshalb ich ab Oktober ein Literatur- und Geschichtsstudium beginne.
    In der Schule hat man ja leider nicht die Zeit so intensiv auf das Thema einzugehen.

    Noch mehr solcher Artikel – auch außerhalb der Prüfungsvorbereitungen – kämen zumindest bei mir gut an. :-D

    Übrigens bin ich erst durch euren Artikel zu Saramagos “Eine Zeit ohne Tod” auf eure Seite gelangt und anschließend geblieben.

    Ansonsten wünsch ich viel Erfolg bei den Prüfungen!

  2. Danke für deinen Kommentar…
    Ja im Moment macht es echt Spaß ein wenig in der Literaturgeschichte abzutauchen, wobei ich spätestens nach den Prüfungen wahrscheinlich wieder als Ausgleich die volle Pop-Ladung brauche. ;)

  3. Ich kann nur sagen vielen lieben Dank für diese geballte Information! Ich bereite mich gerade auf das Staatsexamen in NDL vor und lese begierig alle Artikel zum Drama! Schön, verständlich geschrieben und auf das Wichtigste reduiziert! Echt super DANKE!

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