Die 90er: Die besten Pop-Alben des Jahrzehnts I

So, jetzt reißen wir die endgültig die Grenzen ein und machen uns keine Gedanken, ob wir einen Szene-Codex verletzen könnten. Denn: Pop ist alles, darf alles und jeder kann mitmachen. Flo hat ja schon bei den besten Pop-Alben der 00er klar herausgearbeitet, was ein gutes Pop-Album ausmacht. Ich bin jetzt nicht unbedingt der Meinung, dass die 90er ein besonders gutes Pop-Jahrzent waren, vielleicht auch weil die 80er diesen Begriff pervertierten und der Nihilismus der 90er keinen zweiten Michael Jackson mehr zuließ. Überhaupt verschwanden die meisten 80er Superstars in diesem Jahrzehnt in der Versenkung, während andere ein grandioses Comeback feierten. Wie zum Beispiel Madonna, die schon weg vom Fenster schien, plötzlich die Flucht nach vorne antrat und nicht mehr dem Zeitgeist hinter lief, sondern ihn gleich definierte. Auch die ehemaligen Poster-Boys Depeche Mode schafften endgültig den Durchbruch zu einem erwachsenen und ernstzunehmenden Act, auch wenn dafür einige  Tragödien nötig waren. Der ehemalige Klassenfeind Punk trank auch auf Verbrüderung und machte Green Day, Offpring und Blink 182 zu Hassfiguren ihrer Szene, gleichzeitig aber eben auch zu MTV-Idolen, und wenn es um guten Pop ging hatte dieses 80er Überbleibsel definitiv noch ein Wörtchen mitzureden.

Madonna – Ray of Light

(Maverick, 1998)

Madonna Ciccone hatte ihren großen Moment in den 80ern und wurde im darauf folgenden Jahrzehnt langsam zum müden Mitbringsel einer vergangenen Superstar-Ära, die von Techno und Grunge aufgeweicht und schwer beschädigt wurde. So jedenfalls war der einhellige Tenor kurz bevor Ray Of Light erschien. Die Single Frozen zeigt keine dralle Blondine, sondern eine mystische und ganz in schwarz gekleidete Frau, die über Zeit und Raum zu schweben scheint, großartig in Szene gesetzt von Chris Cunningham, der sich durch radikale und verstörende Videos zu unter anderem für Aphex Twin einen Ruf als krankes Genie gemacht hatte. Das war ein Paukenschlag und zugleich eine Kampfansage an die Kritiker, die sie schon weg vom Fenster sahen. Das die esoterische angehauchte Single nicht mal das beste Lied auf diesem Meisterwerk ist, ließ dann auch die Kritiker endgültig verstummen, für die Madonna davor immer ein seelenloses Pop-Produkt gewesen war.

Einen großen Anteil an diesem Erfolg hatnatürlich William Orbit, der Madonna behutsam an den Puls der Zeit führtund Psychedelica, Dance abseits des Mainstreams und sphärische Ambient-Effekte in ihren Sound einbringt, die zu keinem Zeitpunkt anbiedernd wirken, sondern für die damalige Zeit sogar innovativ. Auf Ray Of Light schillert Pop wirklich im besten Licht, in allen Farben. Wie Madonna selber, die auf dem Cover nicht wie ein pubertärer Marilyn-Monroe-Clone wirkt, sondern so entrückt und geheimnisvoll wie auf einem Botecelli-Gemälde lächelt. Pop aus dem Olymp und ein Klassiker, auch heute noch.

Fatboy Slim – You`ve come a long way, baby

(Skint, 1998)

Ja, den hatten wir schon bei den besten elektonischen Alben der 90er. Aber hey, Electro war nun mal der Pop der Dekade und Norman Cook hatte schon immer ein gutes Gespür für Sampling und eine gelungene Hookline. Große Kunst ist das nicht unbedingt, aber so verdammt effektiv, dass sich weder Nerds noch Club-Gänger dieser explosiven Mischung aus Rock, Funk, Electro und Hip Hop entziehen können. Eine große Party zum Ausklang zum Ende der 90er, zu der wirklich jeder getanzt hat oder es zumindest versuche. Das Ende des Big Beat bedeutete dieses Mammutwerk ebenfalls, denn so gekonnt schaffte keiner die Verbindung zum Mainstream wie der Londoner Dj und ehemalige Housemartins (Caravane of Love)-Sänger.

Pet Shop Boys – Behaviour

(Parlophone, 1990)

Warum nicht Very statt Behauviour?  Warum nicht Yes anstatt Release? Weil ich eigentlich immer die vergleichsweise ruhigen und edlen Pet Shop Boys-Momente vor den grellen Pop-Stampfern bevorzugte. Behaviour mag nicht die mitreißende Queer-Disco von Very sein und in der Discographie  der Synthie-Pop Legenden als eher typisches britisches Understatement herausstechen, aber es ist hochklassigster Pop-Sound mit diesem speziellen Upper Class Touch, den vielleicht sonst nur Hugh Grant gleichzeitig so gut blassiert spielen und persiflieren konnte. So britisch wie eine gute Tasse Morning Tee, so würdevoll wie der Buckingham Palace und so melancholisch wie der graue Londoner Nebel. Nein, wer die Pet Shop Boys bisher nur über Disco-Hymnen wie “Go West” definierte, wird hier eine angenehme Überraschung erleben oder sich irritiert abwenden: So wenig Hits hatte kein anderes PSP-Album.

Jamiroquai – Emergency on Planet Earth

(Columbia, 1993)

Stevie Wonder, keiner erinnert sich mehr an deine Großtaten oder daran dass du mal Motowns Wunderkind warst. Ich kannte dich auch nur als bizzaren Typen, der so grauenhafte Songs wie Happy Birthday komponierte. Du warst in den 90ern sowas von tot,… Aber nach seinem Debütalbum brachte uns Jamiroquai-Sänger und Mastermind Jay Kay deine besten Funk-Ideen zurück und prangerte gleichzeitig sozialkritisch die Misstände dieses Planeten an. So gekonnte bediente sich bis dahin kein Weißer aus dem Fundus der schwarzen 70er Jahre-Musik.

The Cardigans – Grand Turismo

(Stockholm Records, 1998)

Hach, was waren die süß. Eine nette kleine Band aus Schweden, die netten Easy Listening-Sound der 1960er spielte und damit voll den Britpop-Nerv traf. Doch die wollten plötzlich gar nicht mehr niedlich sein, sondern nachdenklich und anspruchsvoll. Solche Kurskorrekturen bekommen nur wenige hin, die Cardigangs schafften es ohne Mühe, weil sie immer noch eine tolle Pop-Band waren, nur nicht mehr so naiv wie früher sondern deutlich gereifter. Hätte sich Madonna zu Ray Of Light Zeiten eine Band ins Studio geholt, wären es die Cardigans geworden, die auf Gran Turismo ihren Sixties beeinflussten Pop hinter sich lassen aber auch keine Angst vor elektronsichen Experimenten haben. Nina Perrson wirkt dementsprechend auch nicht mehr wie Doris Day sondern strahlt wie das ganze Album die unterkühlte Erotik einer Catherine Deneuve aus.

Stereo MC`s –  Connected

(Polygram, 1992)

Huh, wieso tanzt da Boris Becker zu so einem komischen Acid Jazz Groove rum? Nee, auch wenn man sich äußerlich an den Tennis-Star aus Leimen erinnert fühlte, hatten Rob Birch und Nick Hallam wahrscheinlich wenig mit Ballsportarten am Hut, sondern bevorzugten eher die Vermischung von Hip Hop, Dub und angesagten Sounds aus den britischen Clubs, die noch gewaltig unter dem Einfluss von Acid-House standen. Auch wenn diese Musikrichtung doch ziemlich an Strahlkraft verloren hat, ist das dennoch ein ordentlicher grooviger Einblick in die frühen 90er und bis heute ein Dance-Klassiker, auch wenn Connected von den Mainstream Radios weiter totgedudelt wird.

Blink 182 – Enema Of The State

(MCA, 1999)

So subtil wie Flunkyball und eigentlich so sehr Punk wie Silbermond. Wer sich irgendwann den Punk Idealen verschrieben hatte, musste gleich mehrfach kotzen, als die Endzwanziger Mark, Tom und Travis DEN Sound für den Sommer 1999 schrieben und spätestens mit der Kult-Komödie American Pie für die Teens rund um den Globus unsterblich wurden. Aber so sehr man auch durch aufrichtige Punk-Bands wie Pennywise sozialisiert ist, kommt man an diesem Album voller catchy Pop-Punk Hymnen einfach nicht vorbei. In der Liste meiner meisteghörten heimlichen Alben dürfte Blink 182 den Spitzenplatz einnehmen. Ja, wir waren Verräter und hatten trotzdem eine Menge Spaß.

The Offspring – Americana

(Columbia, 1998)

So subtil wie… naja, sagen wir die Toten Hosen? Denn irgendwie gelang es den Jungs von The Offspring immer den Anschein zu waren , dass sie eben doch zumindest so quasi Punk wären. Mit diesem – nennen wir es mal – Gerücht räumte die Band in einem Interviews vor einiger Zeit selber auf, indem sie dementierte sich je in irgendeiner dieser Szenen heimisch gefühlt zu haben. Wer gegen Ende der 90er Pop-Punk hören und sich dabei doch etwas rebellisch fühlen wollte, hörte dennoch Americana, das mit bissigen Texten zum Mitgröhlen dem amerikanischen Lifestyle ans Bein pinkelt. Das ganze aber natürlich in einem Rahmen, der  Offspring aufgrund der verdammten Hits zusätzlich auch Geld in die Kassen spülte… Der zweite große Wurf nach Smash: Less Punk, more Pop, more Fun.

Green Day – Dookie

(Reprise,1994)

Natürlich dürfen auch die Dritten im großen Pop-Punk Bundle nicht fehlen, Green Day haben mit ihren pompösen letzten Alben klar gemacht, wie sehr sie sich zurück in miefige Punk-Schuppen der Anfangstage wünschen und was sie auf Anti-Mainstream Ideale geben. Nach dem noch etwas rohen Album Kerplunk unterzeichnten sie auf einem Major-Label und ließen sich von Produzenten Rob Cavallo einen verträglicheren Sound produzieren. Doch bei aller Pop-Affinität ist Dookie mit ein Grund für das Punk-Revival der 90er das auch den kredibleren Bands wieder mehr Aufmerksamkeit schenkte.

Depeche Mode – Songs Of Faith and Devotion

(Mute,1993)

So, weg von den kalifornischen Spaß-Punkern hin zu der dunkelsten Seite des Pop. In keiner Phase, abgesehen von Playing The Angels, haben Depeche Mode so tief in den Abgrund geschaut wie zu “Songs Of Faith and Devotion”. Die Album-Aufnahmen eine zermürbender Prozess, der Sänger ein Drogen-Wrack mit Rockstar-Ambitionen und eine desatröse Welt-Tour, die fast die Auflösung der Band bedeutet hätte. Doch trotzdem enstanden dabei die wohl ehrlichsten und besten Songs der britischen Kultband, wie der dunkle Soul-Song “Comdenation” oder manisch-verstörende “In Your Room”, über denen stets die traurige und gequälte Stimme von Dave Gahan liegt.

 

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