Tropes vs. Women in Video Games – Kickstarter-Projekt über Sexismus in Videospielen und die misogynen Reaktionen der Gamer-Szene

Um ganz ehrlich zu sein, bis zu diesem Wochenende war mir der Name Anita Sarkeesian nicht geläufig. Um so mehr freue ich mich jetzt darüber, diesen Schatz an analytischen, akribisch recherchierten und unterhaltsamen Schatz an YouTube-Filmen vor mir zu haben. Schon seit einiger Zeit analysiert Sarkeesian auf großartig pointierte Weise Sexismus und Misogynie in Kultur und Medien, von den Schlümpfen über LEGO bis hin zum großen Blockbuster-Kino. Auch ihr neustes Projekt ist eine ambitionierte Angelegenheit. In der Serie Tropes vs. Women in Video Games möchte sie Stereotypien, Klischees und Sexismus anhand von Videospiel-Charakteren untersuchen.

Geplant ist eine Reihe von zwölf Videos, in denen sie dem alltäglichen Sexismus in Videospielen auf den Grund gehen will.

I love playing video games but I’m regularly disappointed in the limited and limiting ways women are represented.  This video project will explore, analyze and deconstruct some of the most common tropes and stereotypes of female characters in games.  The series will highlight the larger recurring patterns and conventions used within the gaming industry rather than just focusing on the worst offenders.  I’m going to need your help to make it happen!

Da sowohl Recherche als auch Produktion bei einem solchen Projekt nie ohne sind, sammelt Sarkeesian seit Mai auf Kickstarter. Dass sie mit diesem Vorhaben auf Gegenwehr aus einem großen Teil der Gaming-Szene stoßen würde, war abzusehen. Allerdings übersteigen die Reaktionen auf ihren Spendenaufruf bei YouTube doch noch die schlimmsten Befürchtungen: Von Gewaltfantasien (bis hin zu Vergewaltigungsaufrufen) ist alles dabei, was kein gutes Licht auf die Gamer-Szene wirft. Den Vogel hat allerdings der (mittlerweile von Twitter verschwundene) @bendilin abgeschossen, der doch tatsächlich ein Spiel programmierte, bei dem der Gamer dazu eingeladen wurde, auf Anita Sarkeesian einzuprügeln.

Man stelle sich das vor: Eine Feministin beschäftigt sich mit medial tradiertem Sexismus und erhält als Reaktion nicht nur übelste Beschimpfungen, sondern wird darüber hinaus selbst unfreiwillig zum Mittelpunkt eines misogynen Spiels der übelsten Sorte gemacht. Umso erfreulicher, dass der sexistische Shitstorm sowie die aggressiven Reaktionen auf das Projekt nicht folgenlos blieben. Zahllose Feministen, Gamer, Journalisten spürten der Geschichte nach. Auf Twitter wurde @bendilin mit heftigen Reaktionen konfrontiert, versuchte sich mit Kunstfreiheit herauszureden (Der klassische Zensur-Pappdrache, wenn sexistische oder rassistische Scheiße als solche bezeichnet wird) und verstrickte sich dabei noch mehr in seine krude Weltsicht. Bezeichnend dafür dürfte wohl dieser Tweet sein:

It’s funny; People are calling me a misogynist for making a game where you hit a person, just because the person is a woman.

Der klassische Rückzug in die Opfer-Rolle, der Umkehr-Sexismus, der hysterische Versuch, den eigenen Sexismus zu rechtfertigen… jepp, alles dabei. Wer die Diskussion auf Twitter weiter verfolgen will, sollte sich diesen Storify (Why is this conversation necessary?) anschauen. Er macht noch einmal ziemlich gut deutlich, wie eine bestimmte Ausprägung des Sexismus – gerade im kulturellen Diskurs – funktioniert. Manchmal muss man sich fast dafür schämen Gamer und Videospiel-Liebhaber zu sein…

Eine gute Sache hat aber die ganze Geschichte dennoch: Die Solidarität mit Sarkeesian, die sich im Laufe der Debatte entwickelte ist beispiellos. Von den anfänglich anvisierten 6000$ hat sie mittlerweile fast das dreißigfache zusammen: Beinahe 160.000 Dollar finden sich auf der Kickstarter-Seite, mehr als genug, um für einige Zeit an dem Sujet zu forschen. Vielleicht wäre ja auch – als Reaktion auf die Anfeindungen – ein Zusatz-Feature “Sexismus in der Gamer- und YouTube-Szene” drin, verdient hätten es wohl mehr als genug Leute, mal einen Spiegel vorgehalten zu bekommen. Aber allein das mediale Feedback und vor allem auch die Unterstützung eines Großteils der Netzgemeinde und der vernünftigen Gamer gibt Anlass zur Hoffnung. Wer die Diskussionen auf Twitter verfolgt hat, dürfte doch zu der Erkenntnis gekommen sein, dass sich der Großteil der Diskutanten auf die richtige Seite schlugen und unter Beweis stellten, dass Sexismus auch im Web2.0 erfolgreich bekämpft werden kann. Manchmal kann man eben auch ein bisschen stolz sein, zu dieser Kultur dazu zu gehören…


4 Kommentare zu “Tropes vs. Women in Video Games – Kickstarter-Projekt über Sexismus in Videospielen und die misogynen Reaktionen der Gamer-Szene

  1. schön, dass das thema hier auch angesprochen wird! eine kleine kritik habe ich aber…

    “Zahllose Feministen, Gamer, Journalisten spürten der Geschichte nach.”

    gerade bei “feministen” stört mich das generische maskulinum schon sehr. frau ist es ja leider gewohnt sich mitgemeint zu fühlen, aber bei diesem wort find ich es schon etwas dreist nicht von feministinnen und deren männlichen alllies zu reden. wem gender gap und binnen i nicht zusagen, kann ja wenisgtens bei so einer aufzählung etwas abwechslung einbringen?

  2. Danke für deinen Kommentar… Bin lustigerweise beim Schreiben auch über die generischen Formen in dieser Aufzählung gestolpert. Hatte dann kurz Feministinnen da stehen und fand das aber auch irgendwie unschick, weil ich dabei so eine merkwürdige Geschlechts-Stigmatisierung empfunden habe (Die männlichen Gamer & Journalisten und die weiblichen Feministinnen).

    Ähmmm ja, du hast natürlich recht. Im Nachhinein betrachtet, wäre die Lösung “Zahllose Feministen, Gamerinnen und Journalistinnen” wohl am elegantesten gewesen. Ertappe mich auch viel zu oft dabei, dann eben doch aus Bequemlichkeit (lahmes Argument) auf das generische Maskulinum zurückzugreifen, obwohl ich mir der Problematik dahinter bewusst bin.

  3. Sie haben auch immer was zu meckern, Herr oder Frau V. ;)

  4. @Florian Bayer: danke für deine antwort. ich kann deine überlegung nachvollziehen, finde es aber nach wie vor problematisch gerade “feministen” zu schreiben. frauen werden überall unsichtbar gemacht, und nun verschwinden sie auch noch als feministinnen (wie gesagt, männer werden schon länger lieber als allies bezeichnet denn als feministen)? es ist einfach ziemlich absurd, das hast du ja selbst gemerkt. wär nur sinnvoll, wenn man draus dann eben konsequenzen zieht.

    @Rinko Heidrich: konstruktive kritik ist also nicht erwünscht? oder vielleicht hälst du meine kritik nicht für konstruktiv wenn du denkst, dass ich ‘meckere’?
    ich schreibe eben meistens nur, wenn ich etwas zu kritisieren habe. ganz nach dem motto: net gschimpft is a scho globt! zwinkerzwinker!

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