Konzertbericht: Open Source Festival 2012

“Einfach mal selber besser machen”, zischt mein Nachbar in der ungewöhnlich großen Schlange vor dem Presse-Eintritt. Grund hierfür ist mein Genörgel über die gefühlt dreimal so lange Menschenansammlung vor dem normalen Eintritt. Das gute Wetter hat die Konzertbesucher in Scharen zu dem eher kleinen Open Source Festival gelockt, das mit dem Indie-Darling Beirut einen namhaften Headliner hat und ansonsten auf innovative Club-Acts und interessante Newcomer setzt.

Nachdem ich schon einen Disput erwartet habe, beruhigen sich die Gemüter doch überraschend schnell und man tauscht Erfahrungen  aus über Locations in der Region. Ein interessantes und spannendes Festival gab es in Duisburg ja auch mal, bis ein großer Konzern aus der Förderung ausstieg und die Stadt auch selber plötzlich erkannte, dass es mikroskopische kleine Formen von Kultur in der Stadt mit dem größtmöglichen Negative-Image gab und diese auch möglichst schnell aus dem Förderprogramm strich.

So weicht man entweder auf die großen Suff-Festivals aus, um den Beatsteaks oder Rammstein ihr nächstes Schrott-Album zu finanzieren oder sucht sich in der Umgebung eine kleine aber feine Alternative, die sich tatsächlich an Leute richtet, die ihre Aufmerksamkeit an einem Tag lieber auf spannende Acts legen, anstatt 3 Tage dauerbreit in der eigenen Kotze aufzuwachen.

Wo Haldern Open Air, das zweite große Festival in der Niederrhein-Gegend, eher ländlichen Charme versprüht, ist das Festivalgelände an Reitbahn und Golfplatz irgendwie so wie man sich Düsseldorf vorstellt: Ein wenig bieder, irgendwie an vergangene 80er Jahre BRD-Zeiten erinnernd und elitär. Nichtsdestotrotz ist der Ausblick auf das Geläuf von der Tribüne aus angenehm entspannend, auch das Areal drumherum mit viel Waldgebiet ist doch schöner als zwischen grauen Industrie-Bauten und Beton.

Während man also noch mit dem Blick umherstreift, findet dort unten (Bühne befindet sich am Fuße des Hangs) das Konzert von Perfume Genius statt, das ich aber zu leider 2/3 Drittel verpasst habe. Ist ohnehin einer dieser Acts, die auf größeren Bühnen komplett verloren wirken und die auch nicht unbedingt durch überwältigende Präsenz auffallen. Positiv ist zu bemerken, dass die meisten Festivalbesucher das aber nicht mit Langweile quittieren, sondern mit großen Interesse verfolgen. Der hier anwesende Typus an Konzertgängern wirkt eh wir ein Treffen von Familienausflug, Musikjournalisten und vor allem jungen Design-Studenten, was in der Stadt der Mode sicherlich auch nicht so extrem überraschend ist. Die auf anderen Festivals omnipräsente Heeeelgaaaaaaaa wird hier jedenfalls weder lauthals gesucht noch sehnsüchtig erwartet.

Der nachfolgende Act The Hundred In The Hands schafft es mit seinen treibenden Electro-Sound jedenfalls zum ersten Mal eine kleine Gruppe Leute vor die Bühne zu locken und spiegelt auch das den Tag bestimmende Wechselpiel zwischen kunstvollen Band-Musik und Electro wider.

Elektronisch ist auf jeden Fall Mouse On Mars, die hier in der Landeshauptstadt ihre Wurzeln haben und doch vor Jahren nach Berlin gewechselt sind. Auf den ersten Blick ergibt sich ein Bild, das man eben im Kopf hat wenn man an DAS Aushängeschild des sogenannten IDM denkt. Laptops und Kabelgewirr lassen auf nerdige Frickelkunst schließen, doch allein die Anwesenheit von Multi-Instrumentalist Dodo Nkishi, der schon seit längerer Zeit Teil von Mouse On Mars ist, bildet nicht nur optisch eine herausstechende Besonderheit zwischen den beiden Herren Jan Werner und Andi Toma. Im Hintergrund sind drei Lautsprecher postiert, deren Sinn sich mir als unwissender Laie nicht erschließt, die aber dennoch gut ins Gesamtbild des dröhnenden Electro-Sound passen, der  erstaunlich tanzbar gerät. Selbiges lässt sich über den Auftritt von Africa Hitech sagen, die hier kurz zuvor ihre groovende Version von anspruchsvoller Electronica präsentierten, aber mit solidem DJ-ing vielleicht doch eher ein Kandidat für das Nachtprogramm gewesen wären.

20:30 ist es dann soweit und Beirut, wegen denen wohl der Hauptteil der Besucher gekommen ist, sind der finale Abschluss des Tag-Programms. Wer im Besitz eines Kombitickets ist , darf sich dann im Anschluss reichlich umständlich in Richtung Stahlwerk bewegen. Auch hier wird es später zu einer Überlastung der Shuttle-Busse kommen, aber wie schon anfangs erwähnt, hatte man wohl nicht mehr mit so einem Andrang gerechnet und wer mal gerne quer durch das noble Viertel um die Rennbahn hin zu der 15 min entfernten Straßen-Bahn-Haltestelle wandern wollte, bekam so dazu außerplanmäßig Gelegenheit…

…Zumindest diejenigen, die nach dem Auftritt überhaupt noch gewillt waren, auch das Nachtprogramm in Anspruch zu nehmen. So schön diese Musik auch zu lauen Sommerabenden auf dem Balkon passen mag, live ist da eine gewisse Monotonie zu erkennen. Den vielen weiblichen Zuschauern scheint das aber eh egal zu sein, diese schauen schwer verliebt Wuschelkopf Zach Condon an, der sich immer leicht schüchtern durch selbigen fährt. Bilder vom Haldern habe ich plötzlich wieder im Kopf, wo Familien mit ihren Kleinen zu der Musik schunkeln und Indie-Mädchen entrückt im Gras sitzen. Der charmante (Tages-)Abschluss eines sehr netten Festivals, wenn auch stellenweise etwas  spannungsarm geraten, aber das wusste man ja bereits auch vor dem Auftritt der Balkan-Folk-Band.

Der Weg zum Stahlwerk ist wie gesagt schwierig, aber irgendwann kommt dort trotzdem an. Das Gebäude sieht überraschendweise genau so aus wie es geschrieben wird und teilt sich in Strandparty im Innenhof, Clubraum im oberen Stockwerk und einer Halle im unteren auf. In letzterer sollten eigentlich um 0:00 Uhr Stabil Elite, nach Kraftwerk und Mouse On Mars die nächste Generation der Düsseldorfer Elektronik-Szene, auftreten, aber irgendein Soundbrei aus Grime-Geboller und Hip Hop Geshoute lässt darauf schließen dass der Plan nicht so ganz aufgeht. Die Combo auf der Bühne, die so schön durcheinander schreit, dass man eh kaum was versteht nennt sich Antilopen Gang, diese muss man sich für Live-Auftritte nicht weiter merken. Irgendjemand sagte mir zwar, dass man deren Rapper Danger Dan genauer beobachten sollte und der Mann auf Youtube eine richtig große Fanbase habe, aber auch der ragt nicht hörbar  aus dem Bassgewummer, das durch die Halle dröhnt, heraus. Durch diese Änderung im Zeitplan kann ich den Auftritt der momentanen Kritikerlieblinge Stabil Elite nur noch eine Viertelstunde genießen, bin aber von dem coolen und souveränen Auftreten der Band mehr als angetan. Ein mehr als mitreißender Auftritt einer jungen Truppe, inklusive schick aussehen, dabei cool eine Zigarre qualmen und Moog-Synthies bedienen.

Von dem Festival mehr als zufrieden und in Duisburg angekommen, empfangen mich pöbelnde Rave Kids, auf dem Bahnhofsvorlplatz ertönt irgendein klebriger David Guetta-Sound und ein Paar streitet sich derart laut, dass ein vorbei fahrender Autofahrer anhält und sofort Hilfe anbietet, nur um Sekunden später selber in diesen Streit verwickelt zu werden. Wie ich später erfuhr kamen diese fröhlichen Menschen von dem Ruhr In Love 2012. Willkommen zurück auf der dunklen Seite.

4 Kommentare zu “Konzertbericht: Open Source Festival 2012

  1. Mist, da wohnt man nur 30 Minuten entfernt und bekommt wieder nichts mit.
    Beirut hätte ich gern mal Live erlebt.

  2. beirut kommen doch gefühlt jedes jahr, denke da wird sich immer mal wieder ne gelegenheit bieten.:)

  3. Hehe :D Ja, ich werden den Jungs bei Gelegenheit noch ne Chance geben.

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