Die 90er Jahre: Die besten Progressive Rock Alben des Jahrzehnts IV

Ich befinde mich gerade in so einer Art unheimlichem Progressive Rock Rausch, Dank dem ich die entsprechenden Artikel beinahe in einem Rutsch runter geschrieben habe. Ich hoffe mal, dass sich meine derzeitige Begeisterung für die Art Rock Nische auch ein wenig in den Texten Lobeshymnen auf die Genre-Alben der 90er Jahre niedergeschlagen hat. Wie bei jedem guten Rausch wird früher oder später der Kater folgen und diesen werde ich mit den Stooges, Ramones und Sex Pistols dann auch hoffentlich erfolgreich bekämpfen. Bis dahin gibt es aber noch einmal eine volle Ladung Prog-Rock der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts. Morte Macabre laden zum düsteren Tanz ein, Mats / Morgan versetzen dem Fusion neue Stromschläge, Tool weiden sich in Undertow in einer Mischung aus Stoner, Alternative und Art Rock, während Bondage Fruit und Simon Steensland den Zeuhl erfolgreich in eine neue Epoche transferieren. Auch Buckethead und Tenhi klingen alles andere als nach klassischem RetroProg und mixen stattdessen Ambient, Postrock, Gothic, Metal, Experimental und was ihnen sonst noch in den Kram passt in ihren originellen, ungewöhnlichen Sound. Schubladenzertrümmerung erfolgreich, würde ich sagen: Der Patient lebt.

Mats / Morgan – The Music or the Money

(UAE, 1997)

Wo beim Art Rock die Musik aufhört und der Kopschmerz beginnt ist Ansichtssache. Gerade im Zappaesken, im R.I.O. und im Zeuhl tummeln sich so manche atonalen Soundgeburten, die gerne als unhörbar bezeichnet werden. Das schwedische Duo Mats / Morgan ist mit seinem Fusion-Konstrukt zwischen Free Jazz, verquerem Prog und Experimental bestens dazu geeignet, die Grenzen der eigenen Wahrnehmung auszuloten. Dissoziative, dissonante Jazz-Vexierspiele, beinahe infantile Soundexperimente, konfuse Kompositionen, die weniger rote Fäden als viel mehr feuerrotes Gewirr bieten, und der Wahnsinn, der an jeder Ecke anklopft… das sind die Zutaten für einen wirklich außergewöhnlichen, kosmischen, ach was außeridischen Avantgarde Instrumental Bastard, der die Geduld der Hörer auf eine harte Probe stellt. Bekloppt? Ja, aber auch so genial dabei: Die Instrumente springen, die Atmosphären wechseln, die Melodien zerspingen und das alles in so herrlich unprätentiösem, ironischem Anti-Ambient-Stil, dass es dir vor Freude die Tränen in die Augen treibt. Ansgtrengend? Ohne Frage. Aber lohnenswert durch und durch. Nirgendwo sonst im Progressive Rock liegen Genie und Wahnsinn so dicht beieinander wie in dem abseitigen, abartigen antimusikalischen Kobold The Music or the Money.

Morte Macabre – Symphonic Holocaust

(Mellotronen, 1998)

Wir bleiben instrumental, werden aber wieder etwas klassischer. Als Sideproject der skandinavischen Genregrößen Anekdoten und Landberk darf Morte Macabre durchaus als nordische Supergroup des 90er Progressive Rock bezeichnet werden. Anhand von fragilen Klangteppichen entwickelt sich ein ganz eigener, atmosphärischer Ambient-Sound, der geschickt – aber nie großkotzig – mit den Dispositionen von Folk, Art Rock, Avantgarde und Postrock spielt. Symphonic Holocaust ist kein reinrassiges Progressive Fest sondern viel mehr ein düsterer und gediegener Veitstanz durch Tradition und Moderne, durch Ursprung und Ende, über den himmlischen Frieden, die nahende Apokalypse und direkt hinein ins Fegefeuer. Ein in seiner gewaltigen Kraft ebenso beeindruckendes wie bedrückendes und beängstigendes Instrumental Mammutwerk, dass perfekt progressiven Traditionalismus und postmoderne Horrorsounds vereint. Die europäische Arthaus-Variante von Fantomas und in seinem subtilen Grusel-Sound dabei weitaus effektiver als die affektive Psychomukke von Mike Pathon und Konsorten.

Tool – Undertow

(Zoo Entertainment, 1993)

Wo wir gerade bei Horrortrip sind. Tool hatten wir bereits mit Ænima in einem ganz anderen Genre, nämlich dem Avantgarde Metal geehrt. Ob Undertow die Klassifizierung zurück in den klassischen Progressive Rock verdient, darf durchaus bezweifelt werden. Und doch ist das 93er Werk noch weitaus konventioneller als sein großer, sarkastischer Bruder, weitaus stärker in klassischen Rock-Konventionen zu Hause. Traditionell soll es dabei aber keineswegs zugehen und so zelebrieren Tool eine düstere Mischung aus Alternative Rock, Metal, Stoner und auch gut verstecktem Prog, der immer wieder rhythmische Anleihen von King Crimson und diversen Krautrock-Veteranen der 70er Jahre aufgreift, um diese in seinem atmosphärischen Düstersound nieder zu walzen. Tonnenschwere Riffs, eine psychotische, paranoide alptraumhafte Atmosphäre und viel Rock N Roll Spucke runden diese Erneuerung des Genres von Grund auf ab. Alles andere als klassischer Prog, aber verdammt gut und so nahe an den progressiven Ursprüngen wie kein Tool-Album davor und danach, trotz Blues-, Metal- und Alternative-Attitüde.

Simon Steensland – Led Circus

(UAE, 1999)

Zurück nach Skandinavien… Dass die Schweden für außergewöhnlichen Progressive Rock in den 90ern das ein oder andere Mal gut waren, dürfte mittlerweile klar sein. Bei Led Circus geht es wieder um maximale Artifizialität, maximale Komplexität und eben auch maximales Kopschmerzrisiko. Der Multiinstrumentalist Simon Steensland fühlt sich nämlich in den Ländern des Zeuhl, R.I.O und Avantgarde Rock am wohlsten und zaubert in diesen eine obskure, verquere Mischung aus Magma und Univers Zero, die sich in instrumentellen Spiralen windet, zwischen Dissonanz und düsterer Filmmusik, Folktraditionen und synthetischem Alptraum verlorene Seelen einfängt und diese auch nicht wieder gehen lässt. Led Circus ist wie der Name bereits vermuten lässt eine verstörende musikalische Freakshow, die dem klassischen Prog immer wieder durch avantgardistische Störgeräusche entfleucht, einmal durch die Hölle des Burlesken und Dekadenten irrt und dann doch wieder bei Vorbildern wie King Crimson herauskommt. Ein anspruchsvolles, verstörendes, beschwörendes und beinahe dämonisches Meisterwerk, dem der Schalk im Nacken, das Genie im Geist und der Sadismus in den Händen sitzt. Neben Morte Macabre das beste progressive Spukkabinett der 90er Jahre.

Bondage Fruit – II

(Maboroshi No Sekai, 1996)

Habt ihr noch ein bisschen Kraft für ein wenig mehr musikalischen Wahnsinn? Dachte ich mir. Bondage Fruit gehören zu einer ganzen Riege an japanischen Zeuhl-Bands, die in den 90er Jahren dem sperrischen, prophetischen Sound Magmas nacheiferten. Dabei gehören die versklavten, gefesselten und ausgepeitschten Früchte (jetzt geht echt mal die Fantasie mit mir durch) wohl zu den härtesten und zersprengtesten Vertretern des mantrischen Avantgarde-Sounds. Die Instrumente scheppern durch groteske Klanglandschaften, zwischen sakraler Beschwörung und verspultem Sarkasmus können die konfusen Vocals kaum an sich halten, und hinter jeder Ecke wartet der nächste Tempowechsel, die nächste aggressive Interruption, der nächste Schuss vor den Bug. Das zweite Album der zeuhlschen Free Jazzer, Fusion-Künstler und Prog-Dekonstruktivisten ist musikalischer Wahnsinn, wie er chaotischer und zersplitterter nicht sein könnte. Fragmentarische Musik für fragmentierte Subjekte, dissoziativer Sound für die ganz Harten und alles in allem vollkommen Over the Top kämpfende Anti-Musik. Geht fast nie, aber wenn, dann so richtig.

Tenhi – Kauan

(Prophecy, 1999)

Puh… durchschnaufen. Und das geht eben doch am besten bei sphärischen, elegischen, halb sakralen, halb romantischen und immer auch ein wenig transzendentalen Klängen. Auftritt Tenhi. Die finnischen Folk Progger spielen eine gediegene Mischung aus atmosphärischem Instrumental Rock, verträumtem Folk (mit finnischen Lyrics) und gotischem Progressive, der sich weniger an den bombastischen 70er Jahren orientiert als viel mehr am wiedergefundenen Minimalismus der mittleren 90er. Damit heben sich Tenhi nicht nur von den Freaks sondern auch den prog-missverstehenden Pathosmonstern ab. Kauan ist so etwas wie ein Destilat des Neo-Prog-Gedankens, der vorsichtig verträumt angeschlichen kommt und den Hörer verzaubert, bevor dieser überhaupt bemerkt, wie ihm geschieht. Progressive Rock als sanftes und dennoch anspruchsvolles Kopfkino… meisterhaft.

Buckethead – Giant Robot

(Sony, 1994)

Und zum Abschluss noch einmal einen echten Multikönner und Workaholic des Genres. Avantgarde-Soundkünstler Buckethead hat schon mit zahllosen anderen Künstlern zusammen gearbeitet, hat sich in Hard Rock, Experimental, Crossover und Metal versucht, immer wohltuend ein wenig neben der Spur, immer flexibel und durchgeknallt genug, um es sowohl mit Guns N Roses als auch den Red Hot Chili Peppers als auch System of a Down aufzunehmen. Sein Solo-Zweitwerk Giant Robot ist ein wüster Fusion-Mix aus Funk, Rock N Roll, Jazz, Avantgarde und Progressive… schön verschwurbelt, zappaesk und futuristisch…. und damit die optimale Revitalisierung des in den 90ern eigentlich ziemlich toten Fusion-Genres. Denn genau dessen Geist zwischen What the Fuck und cooler Eleganz rettet Buckethead perfekt in seinen nerdigen, abgedrehten Sound. Zu entdecken gibt es so manches auf dieser musikalischen Achterbahnfahrt, die mit zum originärsten Stück Prog der 90er überhaupt gehört.


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