Die 90er Jahre: Die besten Progressive Rock Alben des Jahrzehnts III

Die Schublade ist weiterhin der Feind. Und so dürfen in diesem Artikel Radiohead vom Brit-Pop aus Richtung Progressive Rock schielen, wie es mit Sicherheit einige britische Rocker in den 90ern getan haben, wenn auch kein einziger so konsequent wie Thom Yorke und seine Mannen. Vom Art Pop und Postrock kommt Mark Hollis hereingeschneit und selbst Pallas, Robert Fripp und David Sylvian durchbrechen ihre Traditionen, während zumindest  Höyry-Kone den Banner des klassischen Progressive oben halten (Und wie sie das machen!). Achja, und ein klein wenig Jahre Reminiszenz an die 80er Jahre – oder wie ich sie nenne: “Die dunkle Ära des Prog” – hat sich auch hierher verirrt; mit Collage, die den Neo Prog Sound von Marillion gekonnt in die nächste Dekade  transferieren. Progressive Rock, Art Rock, Art Pop, Post- irgendwas? Die Schublade ist tot, es lebe die Schublade!

Radiohead – OK Computer

(EMI, 1997)

Schubladen-Dekonstruktion die Erste: Radiohead haben bereits auf The Bends ihrem Indie Rock / Brit-Pop Bastard ordentlich mit artrockigen Klängen eingeheizt. Vollends auf der progressiven Seite der Macht kommen sie schließlich mit OK Computer an: Mit einem dicht gewobenen Teppich einzelner, eingängiger Songs wandeln sie auf den Spuren der Beatles zu Sgt. Pepper’s Zeiten, greifen Pop-Hymnen auf und zersprengen diese im nächsten Moment mit elektronischen, epischen, atonalen Interruptionen. OK Computer ist der Rock N Roll Zwillingsbruder des Neo Prog, der experimentelle, avantgardistische Zwitterabkömmling des Art Pop und Postrock, irgendwie aus jeder Schublade gefallen und doch einfach nur bei grandioser Musik zu Hause. Ein Meisterwerk des musikalischen 90er Jahre Kinos, das nicht nur die Konkurrenz um Blur und Oasis aussticht, sondern nebenbei noch mehr als würdevoll den früheren Prog- und Krautrock-Größen Tribut zollt. Eklektisch, verwegen, einzigartig…. eines der besten Alben des Jahrzehnts überhaupt. Und ja verdammt: That’s Progressive!

Mark Hollis – Mark Hollis

(Polydor, 1998)

Schubladen-Dekonstruktion die Zweite: Talk Talk Frontmann Mark Hollis verabschiedet sich vom Postrock-Prototypen Talk Talk (deren Blaupause-Meisterwerk in einer anderen Genrekategorie noch ordentlich gehuldigt wird) und kreiert auf seinem Soloausflug ein ganz einmaliges, zurückhaltendes Neo Prog Meisterwerk zwischen Art Pop, Postrock und barocken Klängen. Quiet is not just the new loud, it’s the new progressive! Im Weglassen, im Auslassen, im Verzicht findet das minimalistische Solodebüt Mark Hollis seine eigene Monumentalität, wird zum Epos der stummen Klangfarben, angereichert mit Jazz-, Kraut- und Pop-Versatzstücken und dieser himmlichen einzigartig souligen Stimme seines Schöpfers. Das ist dann eigentlich zu leise für Rock, zu subtil für Progressive, zu unprätentiös für Art Pop… und eben genau in diesem himmlichen Hauch von Nichts die beste Revitalisierung, die diese Genres überhaupt erhalten konnten. Groß!

Sylvian / Fripp – Damage

(Virgin, 1994)

Schubladen-Dekonstruktion die Dritte. Und das kommt dabei heraus, wenn King Crimson Mastermind Robert Fripp und Klangexperimenteur David Sylvian zusammen arbeiten und etwas erschaffen, was Fans der beiden in der Form womöglich nicht erwartet haben. Auf dem Live-Album Damage, das so etwas wie eine Bestandsaufnahme ihrer in den 90ern sehr fruchtbaren gemeinsamen Arbeit darstellt, vermischen sie so unterschiedliche Pole wie Progressive Rock und Post Punk, Alternative und Glam, Free Jazz, Experimental und Pop zu einem wirkungsvollen, übermächtigen und atmosphärischen Art Rock Konglomerat. Da dürfen auch Einflüsse von Space Rock und Postrock nicht fehlen, gerade so als hätten die beiden fleißig ihre Kinder gehört und wollten es denen jetzt zeigen. Damage ist ein faszinierender musikalischer Trip nach, hinter und über den traditionellen Progressive Rock hinaus.

Höyry-Kone – Huono Parturi

(APM, 1997)

Die Schublade soll gerettet werden? Die unbekannten Großen von Höyry-Kone leisten ihren Teil dazu, und das mehr als eindrucksvoll: Heftige Riffsalven, die an die King Crimson der 70er Jahre erinnern, verzerrte Geigen, das Spiel mit Klassik, Folklore, Jazz und weiß der Geier was… Jepp, Ladies and Gentlemen, das ist herrlich traditioneller Progressive Rock, der jedoch nie nach nostalgischem und uninspiriertem Regress klingt, sondern die Ideen und den Wahnwitz der Pionierzeit perfekt in die Endzeit der 90er Jahre transferiert. Selbst heute noch klingt der avantgardistische Sound von Huono Parturi außergewöhnlich frisch in seinem Wechselspiel aus E- und U-Musik in seiner Fusionierung des Kalkulierten, psychedelischen, romantischen und psychopathischen, in seinem Kampf zwischen Himmel, Erde und Hölle, zwischen Höhenflügen und alles niederwälzender Härte. Es ist so traurig, dass diese Band – mit gerade mal zwei Studioalben – in Vergessenheit geraten ist, denn was sie hier abliefern, ist nicht weniger als die Larks Tongues in Aspic der 90er Jahre… Und jeder Prog-Liebhaber weiß, was das für dieses Album bedeutet: Meisterhafte Klangkunst weit über dem Niveau der Konkurrenz.

Pallas – Beat the Drum

(InsideOut, 1999)

Schubladen-Dekonstruktion, die … vorsichtige. Mit ihrem Comeback-Album Beat the Drum orientieren sich Pallas wieder an ihren Wurzeln, die in diesem Fall nicht im klassischen Progressive sondern viel mehr im pathetischen Hard Rock der 80er Konventionen liegen. Ganz kommen sie freilich nicht aus den zuvor gesetzten progressiven Genre-Stilistiken hinaus, und so werden die catchy Rock Hooklines und epischen Refrains geschickt von Gitarren-Soloausflügen und atmosphärischen Soundkonstruktionen durchbrochen. Beat the Drum ist dabei die Prog/Stadion-Fusion, die den späteren Genesis nie so recht gelingen wollte, ein selbstständiger, vitaler Hybrid aus Adult Rock Eingängigkeit, monumentalem Pathos und poppiger Stadion-Attitüde. Ja, das ist auch nicht so wirklich klassischer Prog und darf vielen Genreveteranen zu flach und uninspiriert sein. Im Wechselspiel von Erwartung und Durchbrechung finden Pallas jedoch ihren ganz eigenen, seiltanzenden Sound, der Harmonie und Subversion, Schwelgerei und Straightness perfekt zusammenführt. Progressive Rock, der auch Hörern gefällt, die keinen Prog mögen und sich gerne mal ungeniert, ungefiltertem emotionalen Pathos hingeben.

Collage – Moonshine

(Rhombus, 1997)

War Neoprog bereits in den 80ern eine Totgeburt? Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich mit Marillion und Konsorten recht wenig anfangen kann, weswegen auch deren 90er Jahre Nacheiferer (von denen es viel zu viele gibt) in dieser Reihe nicht sonderlich berücksichtigt werden. Irgendwas ist bei Collage anders… und ich kann noch nicht einmal genau sagen was. Der eingängige Pathos, die cheazy 80’s Sounds, die beinahe synthetisch wirkende Überambitioniertheit… eigentlich besitzen Collage alles, was sie dazu prädestiniert, von mir gehasst zu werden. Aber im Gegensatz dazu stehen diese fantastischen Kompositionen, dieses songwriterische Genie, das einem aus jedem einzelnen Ton ins Gesicht springt. Gott, sind das fantastische Kompositionen zwischen Kalkül und Eruption, zwischen Affekt und mathematischer Genauigkeit. Die Größe der Collage-Songs überwalzt bereits in den ersten Sekunden… und dann ist es um mich geschehen: Verspielt, verträumt, majestätisch, brennend… Collage sind die großen Konstrukteure des NeoProg, die spielen, kämpfen und vor allem erobern: Herz, Verstand und Geist des Hörers. Moonshine ist ein Meisterwerk durch und durch und  lässt mich temporär gar meine 80er Neo Progressive Abneigung vergessen.

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