Die 90er Jahre: Die besten Progressive Rock Alben des Jahrzehnts II

Wie schon im letzten Artikel mit der Aufnahme von The Gathering angedeutet, lässt sich durchaus darüber streiten, was zum Progresive Rock gezählt werden darf und was nicht. Aber das Streiten mit Dogmatikern nervt und Hand aufs Herz: Der Prog gehört zu den Genres mit den konservativsten Anhängern, ausgerechnet die Musik, deren Attribut vom lateinischen progressus = Fortschritt abstammt, hat Fans, die sämtliche Neuerungen am liebsten für nichtig erklären und sich in engen Genre-Grenzen am wohlsten fühlen, gerade wenn es um die Verteidigung der Nische gegenüber dem so genannten Mainstream geht. Insofern dürfte die Aufnahme von Muse für einiges Kopfschütteln unter den True Proggern sorgen. Auch dass The Tea Party hier reingehören, wird mit Sicherheit so mancher Prog-Jünger verneinen. Dagegen dürften sowohl The Flower Kings als auch Spock’s Beard und Änglagård einhellig Zustimmung ernten, während Happy Family mit ihrem what the fuckigen Zeuhl-Sound wiederum am anderen Ende des Spektrums angesiedelt sind und all jenen ans Herz gelegt werden können, die schon immer die freakigen, andersartigen und abseitigen Momente der Schublade bevorzugten.

Muse  – Showbiz

(Mushroom Records, 1999)

So here we go. Muse… Irgendwie gelang es der Alternative Ecke gegen Ende der 90er Jahre – vor allem Dank Radiohead – einen großen Teil des Progressive-Kuchens für sich zu beanspruchen, was von so manchen Hörern der Nische nicht gerade wohlwollend aufgenommen wurde. Aber hey, wenn epische Soundstrukturen, das Pendeln zwischen Song und Atmosphäre, selbstverliebte Artifizialität und wahnwitziges Spiel mit den Instrumenten Prog-Ingredienzen vergangener Zeiten waren, dann gilt das auch für die 90er und Muse passen einfach genau da rein: So übernehmen sie Mittel des Neo Prog und Space Rock der 80er Jahre und verbinden diese mit Alternative, Post Grunge und elektronischen Pop-Spielen zu einer ganz eigenen, eigenartigen und dennoch eingängigen Mixtur. Prog-Pop-Art-Rock whatever, auf jeden Fall epische, große Musik und verdientermaßen an dieser Stelle mit dem Attribut Progressive geadelt.

Happy Family – Toscco

(Cuneiform, 1997)

Wie schon gesagt, die andere Seite des Prog-Spektrums. Während Muse heftig mit Pop und trendigem Alternative Rock balzen, spielen Happy Family im besten Sinne des Wortes verqueren, nahezu unhörbaren Zeuhl, der mit der ganzen Gewalt des subversiven Chaos daherkommt: Atonale Klangteppiche, instrumentelle Vexierspiele, stilverliebte Disversivität und kaum zu fassendes musikalisches Chaos sind die Zutaten für diesen fragmentierten Cocktail aus Japan. Happy Family stehen in der Tradition der eruptiven, experimentellen Ausrichtung des Progressive Rock, Magma sind ihre Begleiter in das dissoziative Tal der Durchgeknallten. Aber verdammt nochmal macht das Spaß: Dank ironischen Blinzelns, Dank sich nie zu ernst nehmender Verrücktheit und hitziger Spielfreude gehören Happy Family mit zum Hörenswertesten, was es an unhörbarer Musik gibt. Nicht für jeden und doch sollte das jeder mindestens einmal im Leben gehört haben.

Änglagård – Epilog

(Private Label, 1994)

Und an dieser Stelle sollte dann erst einmal wieder Ruhe einkehren, zumindest für kurze Zeit. Mit ihrem schwelgenden, dunklen und philosophischen Instrumental-Sound geleiten die RetroProgger Änglagård ihre Hörer hinab in eine Welt, in der die Magie und die Mythen vergangener Zeiten noch lebendig sind. Beinahe wie eine sakrale, folkig, traditionell verspielte Instrumental-Version von Genesis, King Crimson, Yes und Pink Floyd kommt das sehr auf seine Tradition bedachte Epilog daher, das trotz Retro-Charme auch immer den Ausbruch in lautere und verquerere Parts findet. Änglagård bewegen sich famos zwischen Epik und Spiel, zwischen psychedelischer Traumtänzerei und gigantomanischer Monumentalität. Kein Wunder, dass sie neben Anekdoten mit zu den größten Prog-Reanimatoren der 90er Jahre zählen. Auch heute noch hat Epilog nichts von seinem faszinierenden Zauber eingebüßt.

The Flower Kings – Stardust we are

(InsideOut Music, 1997)

Ach, eigentlich tut ja so ein bisschen Konservatismus und Traditionalismus doch ganz gut. Die Skandinavier The Flower Kings bedienen sich vollkommen ungeniert bei ihren großen Vorbildern der 70er Jahre und spielen RetroProg der so verdammt stark an Genesis, Yes und Camel (jeweils in ihren guten Zeiten) erinnert, dass dem nostalgischen Progressive-Hörer so gleich die Tränen in die Augen schießen. Verspielte, verfrickelte Songfragmente vereinen sich zu monumentalen Kompositionen und bilden mittels Brücken und Vernetzungen ein dichtes atmosphärisches Epos, ein Konzeptalbum der ganz ganz alten Schule mit allen Stärken und Schwächen. So führt die Gigantomanie des Projekts mit schier endlosen Hymnen, permanenten Verzweigungen und Verzahnungen zu einem Brocken, der nicht einfach nur gehört sondern auch erlebt werden will. Klar, zu viel für punkverwöhnte Zweiminüter-Ohren, aber genau das Richtige für alle Fans der kraftvollen, pathetischen, technisch anspruchsvollen Classic Progressive Tradition.

The Tea Party – Transmission

(EMI, 1997)

Okay… also wieder ein wenig Subversion Richtung Rock und Pop. Natürlich kann man The Tea Party vorwerfen, dass sie ihren (btw. fetten und ordentlich harten) Blues Rock ziemlich lazy mit ein wenig Ethno und World Music aufpeppen und das Ganze dann als Kunst verkaufen wollen… tun sie ja auch. Aber wie sie das machen, verdient schon Beachtung. Im Spiel mit verschiedenen waghalsigen Genre-Ausbrüchen entstehen gewaltige, druckvoll produzierte Alternative Blues Rock Hymnen, die sich nicht zu schade sind, immer wieder auch Ausflüge Richtung Retro- und Neo Progressive zu unternehmen. Das ist ebenso sphärisch wie eingängig, die Fortführung des Mainstream Rock N Roll mit Prog-Stilistiken, oder eben die Fortführung des Progressive Rock mit Stadionrock-Variationen. Hinzu kommt diese verdammt mitreißende Düsternote, der Hang zum epischen Pathos und die Zersetzung des Sounds mit elektronischen Störfeuern. Kein klassischer Prog, aber ein dichtes Art Rock Universum, ein Vorbote späterer artifiziell rockender Bands wie Dredg und ein konsequentes Genre-Crossover, das sich nicht darum schert, ob es in irgendwelchen starren Progressive Genre-Schubladen zu Hause ist… And therefore progressive music at it’s finest.

Spock’s Beard – The Light

(Metal Blade, 1995)

Phew… zum Abschluss noch ein wenig Stoff für die Traditionalisten. Spock’s Beard eifern ebenso wie The Flower Kings großen britischen Vorbildern aus den 70er Jahren nach. Epische, stilverliebte, verspielte Epen, die mit viel Pathos und Leidenschaft vorgetragen werden, komplexe Kompositionen und mannigfaltig musikalisch erzählte Geschichten… und doch steht jederzeit die Freude an der Musik im Vordergrund. Das hört man jedem einzelnen dieser fantastischen Longplay-Songs an, die geschickt zwischen RetroProg, Art Rock und klassischem Progressive Metal pendeln. Wem Dream Theater zu metallastig und pathetisch sind, wem The Flower Kings nicht eingängig genug und wer sich schon immer in den theatralischen, zirkusartigen Hymnen der ganz frühen Genesis und Yes am wohlsten fühlte, der wird mit diesem fantastischen Album sehr viel Spaß haben. Nicht nur für ein Debüt ein großes Werk und einfach ein zeitloser Klassiker des Genres.

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