Die 90er Jahre: Die besten Progressive Rock Alben des Jahrzehnts I

Nachdem Rinko sich in Hip Hop Nischen herumgetrieben hat, wird es mal wieder Zeit für etwas populärere Genres (*hüstel). Dass Progressive Rock eigentlich ziemlich out of date ist, wahrscheinlich Zeit seines Bestehens out of date war, muss wohl nicht extra betont werden. Dürfte jeder wissen. Anyway, aktuelle und auch länger andauernde Trends sollten im Kanon keine Rolle spielen, und unabhängig von seinem Low Coolness-Faktor hat der Progressive Rock (oder Prog wie die Babyblauen liebevoll sagen) in den 90ern eine Menge toller Werke zwischen selbstverliebter Frickelei und bombastischem Monumentalismus abgeworfen. So begeistert Frank Zappa mit einem epischen Live-Doppelalbum, das auch  als einsteigerfreundliches Spätwerk funktioniert, King Crimson gelingt mit Thrak das kaum erwartete Comeback und mit Anekdoten, Porcupine Tree und The Gathering schießen die Progressive Rock Bands einer neuen Generation aus dem Boden. Die großen Unbekannten in dieser Runde bilden die Schweden Landberk, die mit atmosphärischem und trippigen Folk Post-Progressive begeistern.

Frank Zappa – The best Band you never heard in your Life

(Barking Pumpkin, 1991)

Frank Zappa: Genie, Wahnsinniger… einer der wenigen Künstler neben Monty Python und Franz Kafka, denen die Ehre zu Teil wurde, dass ihre Namen sich zur eigenen stilistische Beschreibung mit dem “eskes”-Suffix mauserten. Wie die anderen beiden großen Ikonen des 20. Jahrhunderts hat auch Zappa diese Adelung zweifellos verdient. Zappaeske Musik, irgendwo zwischen Jazz, Fusion, Progressive Rock, Spoken Words und Comedy, mit teils wahnwitziger Instrumentierung. Auf dem epischen Doppel-Live-Orgasmus The best Band(…) macht Zappa von seinen Talenten ordentlich Gebrauch und schafft es dennoch auch Leute außerhalb der Prog-Szene zu erreichen. Wie? Indem er den Bolero und Johnny Cashs Ring of Fire covert, indem er seine Instrumentals mit ätzenden politischen Kommentaren und viel Wortwitz begleitet, indem er überraschend songorientiert und authentisch daherkommt. Das perfekte Werk, um dem interessierten Hörer den Einstieg in den zappaesken Kosmos zwischen Wahn und großer Musik zu erleichtern.

King Crimson – Thrak

(Virgin, 1995)

Die Progressive-Klassiker schlechthin, King Crimson, haben in ihrer Geschichte zahllose Veränderungen durchgemacht: Von den Anfängen über die Spät-70er bis hin zum post-punkigen 80er Output, immer unter der Federführung von Robert Fripp, immer mit neuer Besetzung und neuen, frischen Sounds, die nicht jedem Fan der ersten Stunde schmeckten. Das 90er Comeback Thrak sticht dabei ein wenig heraus: Mit deutlich retrospektivem Sound, zahllosen Anleihen an die Frühwerke, aber auch mit den bereits bekannten 80er-Balladen von Adrian Belew ist Thrak sowohl das vielseitigste als auch zerfahrenste Werk der großen Band. Macht in diesem Fall nichts, da die Songs einfach herausragend, die Instrumentals schön experimentell verspielt und die atmosphärischen Brücken ungemein episch und abwechslungsreich sind. Ein Befreiungsschlag, mit dem in dieser Form nicht unbedingt zu rechnen war und ein wirklich herausragendes Spätwerk einer Band, die zu diesem Zeitpunkt schon von vielen abgeschrieben war.

Anekdoten – Nucleus

(Virta, 1995)

Und plötzlich hatte RetroProg zu Mitte der 90er wieder einen kleinen Höhenflug. Einer der schillerndsten Vertreter des konservativ progressiven Sounds (Oxymoron ahead!) ist die schwedische Progressive-Kapelle Anekdoten. Mit furiosen Soundscapes, atmosphärisch dichten Frickeleien und stilverliebten, disversifizierten Epen sind sie so dicht an den King Crimson der 70er Jahre wie keine andere Band der 90er. Und der Blick zurück funktioniert durch und durch. Nucleus ist ein mitreißendes, knisterndes Meisterwerk, das sich auf die alten Tugenden des Prog-Genres besinnt und zugleich neue, spannende Akzente setzt. Eine ungemein berauschende Verbrüderung von traditionellen und experimentellen Sounds, ein heißkaltes Wechselpiel zwischen Song und Komposition und ein dicht gesponnenes Netz aus progressiven Offenbarungen. Was 90er Progressive Rock betrifft, führt kein Weg an diesem Meisterwerk vorbei.

Porcupine Tree – Up the downstair

(Delerium, 1993)

Während Anekdoten mit den Kompositionen von King Crimson flirten, orientiert sich Steve Wilson in seinem Quasi-Soloprojekt Porcupine Tree – das später peux à peux zur echten Band wachsen sollte – ziemlich klar am Pink Floyd’schen Klangkosmos. Zwischen Psychedelic und klassischer Komposition ist Up the downstair ein verdrogtes, supranaturalistisches Meisterwerk des Neo Progressive, das abgehoben zwischen den Wolken schwebt und die Erdung maximal in breitwändigen Gitarrensounds findet. Porcupine Tree etablieren sich mit diesem Album vollends als Antwort der 90er Jahre auf den Prog der 80er, indem sie dessen schwelgerischen Eskapismus aufgreifen und mit dem anarchischen surrealen Moment des frühen 70er Psychedelic versöhnen. Episch, gediegen, mitreißend und zugleich schräg zur Seite fallend, irgendwo zwischen himmlicher Erleuchtung und giftigen Substanzen.

Landberk – Riktigt Äkta

(Record Heaven, 1992)

Das psychedelische Moment, das Bombastische und Experimentelle hätte der RetroProg damit abgefrühstückt. Was fehlt? Der Folk natürlich. Diesen bedienen die etwas in Vergessenheit geratenen Landberk, die sich im Laufe der 90er Jahre auch unangenehm zum melancholischen Hard Rock entwickelt haben. Auf Riktigt Äkta indes ist die traditionelle Progressive Welt noch in Ordnung. Unter exzessivem Einsatz von Mellotron und zahllosen weißen Flecken entstehen fragile Soundgerüste, die geschickt zwischen sphärischer Transzendenz und melancholischer Psychedelic oszillieren. Landberk sind sowohl abgehoben als auch sensibel, schüchtern, zurückhaltend und dennoch episch. Eines der ganz großen subtilen Meisterwerke des 90er Jahre Prog, das gerade wegen seines zurückhaltenden Charmes zu verzaubern und betören weiß.

The Gathering – How To Measure A Planet

(Century Media, 1998)

Jedes Mal, wenn die Frage gestellt wird, ob das eben Gehörte denn noch wirklich Progressive Rock sei, stirbt irgendwo auf der Welt ein kleiner Nachwuchs-Robert-Fripp. The Gathering sind dementsprechend für eine Menge Tode verantwortlich und können doch am wenigsten dafür. Ihr von der fantastischen Stimme von Anneke van Giersberge dominiertergroßartig eklektischer Klangrausch zwischen Progressive, Psychedelic, Gothic und Alternative Rock spielt mit den Grenzen der Genres, greift zurück auf traditionellen RetroProg, bedient sich frei bei den Sounds der 90er und findet dadurch einen ganz eigenen faszinierenden und spannenden Klang, dessen Prog-Reinheit gar nicht erst bestätigt werden muss, um festzustellen, dass hier große Kunst am Start ist. How To Measure A Planet ist ein gewaltiges Potpourri aus hier und da, aus nah und fern… ein episches Meisterwerk, das den Sound des 90er Jahre Rock-Mainstream mit seiner Vergangenheit und seinen untergründigen, subversiven Nischen verbrüdert und dadurch ganz eigene, unkonventionelle und originelle Farben findet.

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