Hörenswertes Juni 2012 II: Patti Smith, 2:54, dEUS, King Tuff, The Future of the Left

Fetzen muss es! Immerhin ist Sommer, Schluss mit den netten Pop-Hymnen, rein ins Leben. Naja, bevor das hier zum Manifest für den Vitalismus wird, ich bin gerade einfach auf der Suche nach Rock, nach heftigen, schrammeligen, noisigen Klängen, nach fetziger und dennoch tanzbarer, nach wilder und dennoch eingängiger Musik. Ob ich sie gefunden habe? Zumindest partiell. King Tuff rocken und poppen ordentlich durch sommerliche Garage Sounds, 2:54 revitalisieren die sphärische Schrammel-Seite des Post Punk und The Future of the Left drehen komplett am Noise-Rad. dEUS dagegen wissen noch nicht genau wohin, produzieren dabei aber wieder eines ihrer besseren Alben, und dann gibt es noch Patti Smith. Und die ist ja jetzt alt und weise und geerdet… und verdammt nochmal, vermisse ich ihr junges, ungestümes, einfach mal fetzendes Ich! Was solls! Es ist Sommer und zum Nörgeln ist der Herbst da. Also fünfmal hörenswerten Rock/Pop der Marke zum Anfassen und Genießen. Viel Spaß.

King Tuff – King Tuff

(Sub Pop, 29.05.2012)

Yeah, das fetzt! Garage Rock wurde ja eigentlich schon vor ein paar Jahren für tot erklärt, dann beerdigt, dann wieder ausgegraben und mittlerweilen fürchten nicht wenige Hörer der neuen Indie-Schunkelware den angegrauten, schimmeligen Lo-Fi-Zombie. Aber wie soll man sich diesem entziehen, wenn er so charmant wie bei King Tuff rüberkommt, zumal noch ohne jegliche Pseudopunk-Attitüde oder ungesunde Überunterproduktion? Nope, King Tuff mögen die niedrige Klangtreue im Blut haben, abgesehen davon haben sie aber wenig mit den zahllosen Garagen-Epigonen der 00er gemein. Stattdessen rocken sie einfach mal, frei Schnauze, in einem wohlig psychedelischen sommerlichen Timbre, zwischen Glam Rock, Hard Rock, Garage POP (So whath!? Das Pop muss an dieser Stelle groß geschrieben werden!) und schamlosen 60’s, 70’s und 80’s Zitaten. Da fegen die Beach Boys durch den Raum, da werden Jefferson Airplane zur gemeinsamen Hitzertrümmerung eingeladen und dann schunkeln eben auch doch noch die eingängigen Pop-Ikonen von damals vorbei.

King Tuffs Zweitwerk  ist ein wahres Hookline-Monster, reiht Sunshine-Song an Sunshine-Song und ist sich bei seiner ganzen Amerikanität  nicht zu schade auch ordentlich in den Sounds vom südlichen Teil des Doppelkontinents zu wildern: Salsa-Rhythmen, satte Tribal-Pop-Sounds, Waikiki-Rhythmen? Klar doch, so lange es rockt und poppt und tanzbar ist, muss das alles erlaubt sein. Wie weit sich King Tuff dabei von Rock Roots entfernen, ist zweitrangig. Es fetzt, trotz Eingängigkeit, trotz Spaß, trotz luftiger Sommerlichkeit… und ist damit die optimale Rererevitalisierung des Garage Rock, der auch als schlecht riechender Zombie einfach mal einen gemütlichen Urlaub in der Karibik verdient hat.

The Future of the Left – the plot against common sense

(Soulfood, 15.06.2012)

Und das fetzt erst! … … Und ist dabei so fragmentiert, dass ich mir gerade auch nicht anders zu helfen weiß, als mit Schlagworten und Satzfragmenten um mich zu werfen. Actio -> Reactio, oder so. Hölle! Ist das schräg. Noise, ich meine Krach, aber nicht durchgehend. Durchgehend ist ihr ohnehin nichts. Stakkato-Rhythmen, Indie Schrammeln. Punk. Pixies, yeah, Pixies Baby! Und plötzlich harmoniesüchtige Melodien. Kurz zumindest. Ganz kurz. Dann… einmal alles komplett zertrümmert. Und ordentlich durchgeschrammelt. Vollkommen durch! Wo war ich stehen geblieben? Ich glaube ich brauche Drogen. Ba, ba, ba, ba…. Rockt ohne Ende. Und eine Eskapade nach der andern. Inkonsistent? Drauf geschissen. Help? Yes! Und erstmal kurz durchatmen.

The Future of the Left zelebrieren mit höchstem Genuss eine radikale Attacke auf ihre Hörer und schlagen dabei nach allen Seiten aus. the plot against common sense (konsequent klein geschrieben) ist ein Berserker von einem Indie Rock Album, ein kleiner dreckiger Bastard, der kongenial die große Zeit des Indie Rocks der Spät-80er zurückruft, kurz bevor dieser durch Nirvana in den Mainstream katapultiert wurde. Dabei ist die Zukunft zur Linken einfach mal Gott darin sich beim nicht selbst ernst Nehmen verdammt ernst zu nehmen. Nicht schlauer? Macht auch nix. Über diesen wüsten Noise-Mix ist eigentlich jedes Wort zu viel gesprochen, und Sätze werden diesem fragmentierten Zerrspiegel ohnehin nicht gerecht. Das ist nicht nur Antithes zu sondern auch Karikatur auf den Indie Pop, die Zerstörung des Geläufigen durch gezielte Attacken und Soundeskapaden. Klingt nicht nur groß, sondern ist es auch einfach. Und fetzt, fetzt, fetzt! Die Entdeckung dieses Sommers, ein episches Noise Rock Album, von dem man gar nicht genug haben kann und Songs die dir Eingeweide zusammenziehen, auseinanderreißen und in der Luft zerpflücken. Das hat dir der Teufel gesagt!

2:54 – 2:54

(Cooperative, 08.06.2012)

Jau, das fetzt auch, wenn auch nicht im ureigensten rocknrolligsten Sinne. 2:54 zelebrieren coolen, zeitgemäßen Post Punk, der irgendwo zwischen 80er Reminiszenzen und 00er Shoegaze-Pop pendelt und dabei doch seine ganz eigene Kraft und Energie entfaltet. Die vierminütigen Semi-Hymen haben das Herz am rechten Fleck, lassen die Gitarren auch mal gedankenverloren vor sich hin schrammeln und kommen so Gott sei Dank nie zu hochglänzend daher, wodurch sie zumindest von ihrer Attitüde immer knapp am und im Punk entlang schlendern.

Das ist dann trotz sphärisch hippen Frauengesangs nicht Pop genug, um in Dauerration On Air zu laufen, folgerichtig aber exakt Punk genug, um nicht in Garbage-Langeweile abzurutschen. Stattdessen liefern sich herausragend konzentriertes Songwriting und traumtänzelnde Monotonie einen erbitternden Zweikampf, finden in ihrer Zwiesprache einen ganz eigenen romantischen Verve, der die Düsternis der poppigeren PJ Harvey ebenso im Gepäck hat wie die schludrige Komplexität der Cocteau Twins und den Popcharme der Dum Dum Girls. Wie gesagt damit wird der Dream Pop zwar nicht revolutioniert, aber einen derart amtlichen Hybriden zwischen fetzendem Anti-Pop und wohltemperiertem Barock durfte man schon länger nicht mehr hören. Geht gut.

Patti Smith – Banga

(Sony, 01.06.2012)

Hmmm… fetzt nicht so. Ach Patti, warst du dabei nicht mal Punk? Ich meine mich zu erinnern, an die Zeit als ich mit feuchten Augen vor deinen alten Longplayern saß und mit runtergeklapptem Kinn plötzlich erkannte, wie du – ja ganz allein DU – mit deinen schloddrigen Hymnen gut versteckt im Folk-Gewandt für die Erfindung des Punk Rocks verantwortlich warst. Die Welt hat sich seitdem gleich mehrmals um die Sonne gedreht, die Zeit ist weiter gelaufen und auch die Rolling Stones machen im Grunde genommen schon lange keinen Rock N Roll mehr. Wahrscheinlich muss ich mich analog dazu auch daran gewöhnen, dass du wohl nie wieder Punk sein wirst. Also arrangiere ich mich mit diesem – mehr als traurigen – Gedanken und lausche dem, was du als altgewordene (*schüttel) Folksängerin zu bieten hast. Und um ehrlich zu sein, auch wenn ich deiner rauen Vergangenheit mehr als eine Träne nachweine, so verkehrt ist das gar nicht.

Ich streiche einfach Subversion, Rebellion und musikalische Experimentierfreude aus meinem Kritiker-Wortschatz und konstatiere dir einfach mal, dass du echt schöne, sehr traditionelle und angenehm unzeitgemäße Folk-Pop-Hymnen schreiben kannst. Dass du dich dabei mit einem Requiem für Amy Winehouse und die Opfer vonFukushima voll in die Kitsch-Nesseln setzt, ich bin bereit es dir nachzusehen. Auch deinen Hang zum Eso-Schmu, zur verlorenen Seelenwanderung will ich dir verzeihen. Einfach, weil deine Hooklines funktionieren, weil deine Songs vor Lebenskraft sprudeln, weil deine Stimme einfach perfekt ist, weil du immer noch bestens Emotionen wecken und bedienen kannst, mir ein Lächeln auf die Lippen zauberst und dabei immer noch so authentisch wie einst klingst. Ja, ich gebe es zu, die rosarote Fanbrille sitzt fest auf der Nase, wenn ich bereit bin auch Banga zu mögen und zu herzen, so wie es mich mag, umarmt und herzt. Du hast mit Banga ein magisches, verzauberndes Blues/Folk-Werk geschaffen und das tut gerade mehr als gut. Also bin ich bereit dir den Weg auf dem Pfad der Gerechten, Braven und wenig Lauten zu folgen… zumindest dieses eine Mal. Schauen was die Zukunft bringt.

dEUS – Following Sea

(Rough Trade, 15.06.2012)

Dass dEUS nochmal fetzen würden, davon war nach den letzten eher braven Alben eigentlich nicht auszugehen. Vorbei die Zeit der Lo-Fi Worst Case Scenarios und Bars under the sea. Vorbei die Zeit der verschwurbelten, experimentellen Noise-Attacken. Die Belgier um Tom Barman waren im netten, belanglosen Indie Pop angekommen. Auf Following sea, um das gleich vorweg zu nehmen, ist das Fetzige nicht zurückgekommen, und doch macht die dichte Ausgeburt der düsteren dEUS-Seite einiges besser als die letzten seichten – zu seichten – Outputs. Zum ersten Mal seit langer langer Zeit klingen die Götter aus Belgien nicht mehr so, als würden sie nach dem perfekten Popsong suchen. Ganz im Gegenteil, sie scheinen diesen hier zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Der Opener in betörendem französisch, mit düsterem Sprechgesang und instrumental schwerfälliger Monotonie gibt zumindest schon eine bestimmte Richtung vor, auch wenn diese in den kommenden Songs durch Verzweigungen und Abbiegungen immer wieder unterminiert wird.

Kein Pop, kein Rock, kein Indie? Ja, was zur Hölle machen dEUS denn dann? Die Antwort auf diese Frage kann nur partiell gegeben werden, denn weder Band noch Musik scheint sich darauf einigen zu können, was sie denn nun genau sein will. Gut so! Following Sea gehört mit zum mysteriösesten was dEUS jemals aufgenommen haben: Schwerfällig dunkle Hymnen, errichtet auf einem Hauch von Pop-Nichts, verlorene Refrains, bittersüße Songkonstruktionen, die nie 100% eingängig und dementsprechend schwer zu greifen sind, und eine ungewöhnlich zäh fließende Monotonie, durchbrochen von himmlischer Leichtigkeit bilden den Rahmen dieses disversifizierten sommerlichen Indie Rock Gespensts. Klar, die süßen Melodien und die Coolness der letzten zehn Jahre sind nicht verloren gegangen, werden aber unter einem mitunter unheimlich minimalistischen Gesamtfluss begraben. Hat man sich an diesen gewöhnt, findet man auch die Eingängigkeit, die Liebe zum Song wieder… und doch, bleibt da ein kleines Unbehagen, ein genau richtiges, wohltuendes Unbehagen, das auf früheren Outputs noch stärker war, für gerade das man dEUS früher vergöttert hat. Following Sea ist eine inkonsequente Rückbesinnung auf die einstige Tollheit, nicht komplett überzeugend, aber doch den richtigen Weg vorgebend. Good Job!


Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>