Hörenswertes Mai/Juni 2012: Sigur Ros, Die Toten Hosen, Laurel Halo, Japandroids, Maximo Park

by Rinko Heidrich on 11. Juni 2012

in Hörenswertes

Ich verzichte mal auf einen größeren Einstieg zu einem der leider momentan seltenen Hörenswert-Artikel und nutze die Pause zwischen dem hochklassigen Spanien/Italien Spiel und trabe danke akuter Biernot für einen Ausflug zur nächsten Tanke (Anmerkung des Lektors: Das kommt davon, wenn man die Einleitung zu früh schreibt und den Artikel erst einige Zeit nach dieser veröffentlicht ;- ) ). Ich wünsche viel Spaß mit den nicht mehr irdischen Sigur Ros, den ungestümen Japandroids, der wunderlichen Laure Halo und den bodenständigen Hosen. Selbst Maximo Park haben sich leicht verändert, was allerdings in diesem Fall weniger das Album selber betrifft.

Sigur Ros – Valtari

(EMI, 25.05.2012)

Ach Mensch, ich will das doch genial und großartig finden! Ehrlich! Sigur Ros sind eine geniale Band und zumindest für mich auf einer Stufe mit Radiohead, aber mehr als diese gefühlte Ansammlung von B-Seiten hätte es nach der auch nicht mehr überragenden Með suð í eyrum við spilum endalaus (2008) schon sein können. Sigur Ros klauen nun bei sich selbst und verlieren dadurch den Kampf gegen die Genialität und Einzigartigkeit. So unnspiert wie auf diesem Album hat man die ehemals Großen selten erlebt und mehr als einmal fragt man sich, ob die Bands tatsächlich im Studio war oder einfach nur alte Tapes von Takk komplett übernommen und mit als damals zu schlecht befunden Überbleibseln aus den nachfolgenden Sessions zusammengeschnitten hat. Valatri war für mich potentieller Anwärter auf das Album des Jahres und rasselt dann beim Hören eben aus dem Olymp nach weit unten. Immerhin, die einst unnahbaren Götter sind nun menschlich und nicht mehr dazu verpflichtet übermenschliches zu leisten, vielleicht eröffnet das eine neue Perspektive für kommende Alben, auch wenn hier alles danach klingt als ob sie sich selber überdrüssig und gelangweilt sind.

Japandroids – Celebration Rock

(Cargo, 08.06.2012)

An alle die jung und süchtig nach dem Leben sind. Hier ist euer Soundtrack! An alle die nicht mehr ganz so jung sind: Schließt eure Augen und überlegt wie das war als ihr diese total dumme Aktion gestartet habt, die sogar geklappt hat und ihr euch durch irgendeinen banalen Scheiß endgültig unsterblich gefühlt habt. Hier in diesem Album steckt soviel Euphorie, Testeron und Rebellion dass man anfangen könnte zu weinen. Der Überraschunsgeffekt vom Debut ist zwar weg, aber das habt ihr blöden Ignoranten doch eh nie gehört oder ihr wart bei diesem total beschissenen Gig im Luxor, das sich damit endgültig als Kölns schlechteste Location qualifiziert hat. Die Japandroids sind momentan einer der besten Rockbands und ihr habt gefälligst das Album zu kaufen, so geil wie jetzt wird es erst wieder auf der nächsten LP dieser Hoffnungsträger!

Laurel Halo – Quarantine

(Cargo, 250.05.2012)

Meine Güte, ist das verspult. Folk auf Drogen, die alles um einen herum in Slo-Motion erscheinen lassen und das Gefühl geben als ob man Töne tatsächlich sehen könnte. Das war bestimmt mal irgendwann im tiefen Grunde als Folk gedacht, endet aber als spannendes Electronic-Experiment, was einem aus irgendeiner merkwürdigen Parallel-Welt zugeschickt wurde, wo Talk Talk noch immer weiter existieren und die ganzen Jahre an einem verdrogten Neuaufguss Spirit Of Eden gebastelt haben. Eines der, ich wiederhole mich gerne nochmals, spannendsten Pop-Entwürfe des Jahres. Björk, deine Zeit ist abgelaufen.

Die Toten Hosen – Ballast der Republik

(JKP, 04.05.2012)

OK, von juvenilem Indie und Kunst zu den Toten Hosen. Da spielt bei mir einfach der Nostalgie-Bonus mit, weil ich die als Kind schlicht geliebt habe, in letzter Zeit allerdings einfach nur nur extrem beliebig fand. Umso erstaunter bin ich über die ersten Songs von Ballast der Republik: So frisch, angriffslustig und motiviert habe ich die Hosen lange nicht mehr erlebt. “Tage wie dieser” ist ja mittlerweile bekannt, badet tief im U2 Pathos und doch funktioniert in diesem Fall die Symbiose aus Fußball-Prosa und Lebenswirklichkeit. Unendlichkeit und Freundschaft sind ja schon länger Themen von Campino, der mittlerweile beide Elternteile verloren, sich aber anscheinend von den Trauma und der Midlife Crisis befreit hat. Ballast der Republik kann jedenfalls mit einer Mischung aus Nostalgie und wiedergewonner Freude doch viel mehr Punkte einfahren, als ich das für möglich gehalten hätte. Das reicht zwar im Gegensatz zu dem Lieblingsverein Düsseldorf mal wieder nicht für die erste Liga, vor allem da sich auch hier oberpeinliche Mitschunkel-Nummern wie “Das ist der Moment” und “Vogelfrei” eingeschlichen haben, aber der sich abzeichnende Abstieg in die dritte Liga des Deutschrocks bleibt aus. Experimente kann und konnte man eh nicht mehr erwarten und mit Opel-Gang und Opium fürs Volk waren die Hosen ja mal immerhin irgendwann in grauer Vorzeit Meister. Klassenerhalt geschafft.

Maximo Park – The National Health

(Universal,08.06.2012)

Was ist denn hier passiert? Zum Einstieg keine hektischen Post-Punk Gitarren und Paul Smith Stimme überschlägt sich nicht gleich, sondern klingt eher nach Cigarettes & Alcohol? Das steht ihm überraschend gut und ist schon die erste Änderung im mittlerweile etwas aus der Puste gekommenen Maximo Park Sound, der gerade auf Quicken The Heart zur wenig inspirierten Verwaltung sattsam bekannter Sounds wurde. The National Health erlaubt sich sogar einen hardrockigen Titeltrack und nach dem gelungenen Einstieg gewinnt man Eindruck als ob MP wieder fokussierter ans Werk gehen, was sich in der Folge leider nicht 100%  bestätigt. Vor allem der Synthie-Sound von Lukas Wooler, der einstmals eine wichtige Stütze war, wirkt seltsam deplaziert und macht aus vielen Songs einen unnötig aufgeblasenen Soundbrei. Die besten Momente auf dem doch wieder durchschnittlichen Album sind die überraschend folkigen Ausreißer wie Unfamiliar Places oder die Rückbesinnung auf den druckvollen Punk-Sound des Debüts in Waves Of Fear. Die intimen Acoustic-Versionen am Schluss zeigen wohin die Reise in die richtige Richtung gehen könnte, wenn nicht für die Band dann doch wenigstens für ein zweites Solo-Album von Paul Smith.

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