Die 80er Jahre: Die besten Liebesfilme des Jahrzehnts II

Nachdem ich im letzten Artikel ordentlich auf die Arthaus-Kacke gehauen habe, folgen nun die weitaus traditionelleren, romantischeren und auch prototypischeren Liebesfilme, sowohl in Gestalt der Screwball Komödie, als auch in Gestalt des poetischen Liebesdramas, aber auch in Gestalt des abstrakten Kunstfilms. Und ja verdammt, diese Schnulzen können auch heute noch alle ungemein unterhalten. Keine Scham für das entzückte Seufzen zum Balztanz Dirty Dancing, keine Reue über das Lächeln und die Träne im Auge zu den romantischen Komödien Roxanne, Mondsüchtig und Harry und Sally. Und kein schlechtes Gefühl beim Erschlagenwerden von den pathetischen Liebsreflexionen in Liebe bis in den Tod und Vorname Carmen. There will be Kitsch, there will be Romance, there will be Love, Baby!

Vorname Carmen [Jean-Luc Godard]

(Frankreich, 1983)

Anfangen will ich aber dennoch mit komplexem Arthaus-Kino, trotz Dirty Dancing Titelbild. So viel Zeit muss sein. Jean-Luc Godard widmet sich auf sehr freie Weise dem Stoff von Georges Bizets Oper Carmen (1875). In der Verbindung von cineastischer Narration und klassischer Musik erzählt er die Geschichte einer Räuberbande und eines Polizisten, der sich in die Verbrecherin Carmen verliebt. Angereichert wird das exquisite Schauspiel um Liebe, Leidenschaft und unterschiedliche Lebensentwürfe mit Streichquartetten von Beethoven und launigen Reflexionen über Kunst und Geschäft des Kinos. Prenom Carmen ist mehr als nur ein Alterswerk, es ist eine Liebeserklärung an die Musikalität des Kinos, an die Möglichkeiten einer originellen Bildsprache und auch an die Kunst als höchstes Gut des Menschen. Insofern ist diese Carmen-Geschichte nicht nur eine Romanze zweier Menschen sondern ebenso eine Romanze zwischen Mensch und Topos, zwischen Motiv und Menschlichkeit. Ein wunderschöner, eleganter – manchmal schräger – und mitreißender Kunstfilm, der wie so vieles von Godard weit aus dem üblichen Kinoprogramm herausragt.

Dirty Dancing [Emile Adrolino]

(USA, 1987)

Und da ist er also… DER Liebesfilm der 80er Jahre. Fast scheint es müßig, über Dirty Dancing viele Worte zu verlieren. Die Romanze zwischen der 17jährigen Göre Baby und dem verwegenen Tanzlehrer Johnny ist einfach legendär, zahllose Szenen sind Kult, mittlerweile längst zum vielzitierten Mem geworden. Und doch ist Dirty Dancing mehr als nur ein nostalgischer Kultfilm. Tatsächlich kann der im Grunde genommen unglaublich brave Film auch heute noch auf perfekte Weise unterhalten. Wie nur selten sonst im romantischen Kino der 80er Jahre treffen Coming-of-Age-Themen, pathetische und kitschige Romantik, leichte subversive Grundstimmung und netter Humor aufeinander. Klar, Dirty Dancing hat seine albernen, blöden Momente, ist oft viel zu handzahm, harmlos und pseudorebellisch… Aber Hölle, er funktioniert, sorgt immer noch für zahllose Seufzer, feuchte Augen und zufriedenes Lächeln. Einfach dazu stehen: Das beste Romantikprogramm für einen einsamen oder zweisamen Filmabend, ausgerüstet mit einem großen Bottich Eis und vielen Taschentüchern.

Mondsüchtig [Norman Jewison]

(USA, 1987)

Große Gefühle, leichtfüßig erzählt… Nur wenigen Filmen ist dies in den 80ern so grandios gelungen wie der versponnenen Liebeskomödie Mondsüchtig, die ihre Handlung mit zahllosen Sujets vollpfropft und trotz der mitunter schweren Topoi gemütlich, lebendig und stilverliebt vom Leben und Lieben erzählt. Entlang der Romanze zwischen einer 30jährigen Witwe (Cher) und dem Bruder ihres Verlobten (Nicolas Cage) entwickelt Mondsüchtig einen gediegenen, originellen und voll mit Überraschungen durchsetzten Plot, der sich nicht mit albernen Genre-Stereotypien aufhält sondern mitten hinein greift in die großen Themen des Liebesfilms. Heraus kommt eine wundersame Tour durch Nächte und Tage, inklusive Erwartungen, Enttäuschungen und neuen Mutes. Ein Wohlfühlfilm durch und durch, aber auch eine verflucht bissige, unglaublich lebendige und gewitzte Screwball RomCom, die geschickt aus den Traditionen ausbricht und damit großes Kino zaubert.

Liebe bis in den Tod [Alain Resnais]

(Frankreich, 1984)

Achtung, Achtung! Wir unterbrechen den Hollywood-Reigen kurz durch einen weiteren Arthaus-Kandidaten aus Frankreich. Alain Resnais, wie Jean-Luc Godard einer der Überlebenden der Nouvelle Vague erzählt in Liebe bis in den Tod eine ungewöhnliche Geschichte von Leidenschaft, vom Sterben und der Leidenschaft für das Sterben. Der Tod nimmt in dem dunklen, leicht surrealen Kammerspiel eine ganz exponierte Stellung ein, wenn ein Liebender von den Toten zurückkehrt, nur um sich wieder nach eben jenseitigen Gefühl zu sehnen. Dies stürzt nicht nur seine Geliebte in eine Sinnkrise sondern ist auch der Aufhänger für eine schwermütige Reflexion über Transzedenz, Dies- und Jenseits, über Glauben und Nichtglauben und das tiefe Bedürfnis nach Sinn im Leben und Sterben. Die Liebe ist in diesem Fall immer eine latente Option, ein kleines, makaberes Spiel des Lebens, über das letzten Endes der Tod (oder die Liebe zu diesem) eben doch triumphiert. Schwere Kost, wie gesagt, aber auch ein ungewöhnliches, intelligentes, philosophisches Arthaus-Drama, das als späte Nachgeburt der Nouvelle Vague für Freunde des französischen Films zum Pflichtprogramm gehört.

Harry und Sally [Rob Reiner]

(USA, 1989)

Back to Hollywood. Und noch ein prototypischer Genrefilm. Harry und Sally ist wohl die Screwball-Blaupause der 80er Jahre schlechthin. Die Fragen, ob Männer und Frauen befreundet sein können, wie oft man sich im Leben sehen muss, um Sympathie füreinander zu empfinden oder um sich gar zu verlieben, beantwortet Rob Reiner mit einer augenzwinkernden Komödie, die wie Dirty Dancing zum Kultfilm und zur Mem-Fabrik geworden ist. Aber reden wir an dieser Stelle nicht von simulierten Orgasmen, denn Harry und Sally funktioniert auch ohne diese Kultszene als großes Ganzes, als herrlich anekdotisch erzählter Kampf der Geschlechter, als großes Screwball Dialog-Schlachtfest, als muntere Liebeskomödie, die perfekt arrangiert und komponiert ist. Fürwahr ein Kultfilm, und einer, der diesen Status mehr als verdient hat. Selbst Meg Ryan war damals noch niedlich und nicht nervig, Billy Crystal war damals noch lustig und nicht nervig, und sogar Rob Reiner gehörte noch zu den Guten… ohne dabei nervig zu sein.

Roxanne [Fred Scheipsi]

(USA, 1987)

Romantic Comedy… Next Please. Jepp, ich liebe Steve Martin, auch in seinen braven RomCom-Rollen. Fred Scheipsis Adaption von Edmond Rostans romantischem Drama Cyrano de Bergerac (1897) ist eine beschwingte Liebeskomödie, die die Themen der französischen Romantik  perfekt ins Hollywood-Kino der 80er Jahre transferiert. Es ist einfach eine unglaubliche Freude, Steve Martin dabei zuzuschauen, wie er sich als Feuerwehrmann mit riesiger Nase durchs Leben schlägt, elegant, gewitzt, intelligent und mit einem poetischen Talent und einer edlen Sprache gesegnet, die zwar nicht in die Zeit passen will, dafür aber bestens geeignet ist, die Herzen der Frauen dahin schmelzen zu lassen. Die Dreiecksbeziehung mit seinem tumben Freund und der wunderschönen Roxanne erzählt der Film immer mit einem Augenzwinkern, aber auch mit dem richtigen Gespür für sprühende Romantik und hingebungsvolle Lebensfreude. Das gelingt ihm überraschend kitschfrei und dennoch optimistisch und visuell atemberaubend schön. Bleibt nicht viel zu sagen außer: Eine der besten Liebeskomödien der damaligen Zeit und ein zeitloser Klassiker des Genres, der auch heute noch bestens funktioniert.


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