Die 80er Jahre: Die besten Liebesfilme des Jahrzehnts I

Es musste ja irgendwann wieder so weit kommen… Das Genre, in dem ich immer Probleme habe, in dem ich mich oft, viel zu oft ein wenig unwohl fühle. Liegt es an meinem fehlenden Romantik-Gen, an der extremen Kitsch-Allergie oder daran, dass Liebesgeschichten im Kino für meinen Geschmack oft all zu peinlich und rosarot erzählt werden? Ich weiß es nicht, habe aber auch in den 80ern das Beste versucht, aus der riesigen Fülle an mittelmäßigen Romantik Flicks die Perlen herauszufischen. Hier kommt die erste Fuhre: Düster verkopftes Kunstkino in Black Out und Ein kurzer Film über die Liebe, episch Dekadentes in Gefährliche Liebschaften, sowie politisch und sozial Durchsetztes in Reds. Traditionell romantisch dagegen arbeitet Die Waffen der Frauen und findet dennoch originelle Ansätze, um sich von der durchschnittlichen Konkurrenz abzuheben. Um das zu erreichen kann man es auch gleich wie Woody Allen in Hannah und ihre Schwestern machen, indem man nicht nur eine, sondern gleich ein Dutzend (Liebes-)Geschichten erzählt und so unangestrengt Arthaus-Anspruch mit wohltemperierter romantischer Unterhaltung verbindet. Wie gesagt, nicht mein Genre… und dementsprechend sind meine Lieblingsfilme auch die, die aus den Grenzen des Herzschmerz ausbrechen.

Black Out – Geschichte einer Leidenschaft [Nicolas Roeg]

(Großbritannien, 1980)

Ein Unfall oder ein Selbstmordversuch, eine Frau in Lebensgefahr, ein Zeuge, der offensichtlich mehr war als nur ein Freund der Verheirateten und die Polizei, die darum bemüht ist die Geschehnisse zu rekonstruieren. Nicolas Roeg erzählt anhand dieser sehr basalen Disposition eine einerseits akribische, andererseits in Schein und Sein fragmentierte Liebesgeschichte, die sich durch schier unbändige Obsession zur menschlichen Tragödie entwickelt. Harter Stoff! Das sahen sowohl Kritiker als auch die verantwortlichen Produzenten so, die den “sick film for sick people”  kurz nach Release in den Giftschrank verfrachteten, von wo aus er erst im neuen Jahrtausend befreit werden sollte, um die ihm zustehende Aufmerksamkeit zu erhalten. Black Out ist tatsächlich ein düsterer und auch verstörender Film, jedoch auch ein unglaublich intensives Erlebnis, ein ästhetisch und inhaltlich höchst anspruchsvoll montierter Trip zwischen Leidenschaft und persönlichem Niedergang. Schlicht ein Meisterwerk des tragischen Liebskinos und ein Film, der auch heute nichts von seinem Reiz verloren hat.

Gefährliche Liebschaften [Stephen Frears]

(Großbritannien, USA, 1988)

Ebenfalls düster, jedoch weniger verstörend und krank als viel mehr edel und gediegen ist Stephen Frears Verfilmung von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos Briefroman Les Liaisons Dangereuses (1782). Diese adaptiert das Sittengemälde des ausgehenden 18. Jahrhunderts als üppige und epische Barock-Oper, die geschickt zwischen intensiver Romantik, bissiger Gesellschaftskritik und dekadentem Amusement pendelt. Die Geschichte um zwei erbarmungslose Verführer, deren Opfer und eine unerwartet aufkeimende Liebe ist ebenso bedingungslos bösartig wie zutiefst moralisierend romantisch, spielt mit ihren Charakteren und Dispositionen und findet immer genug Raum zu überraschen und über klassische Liebesfilm-Klischees zu triumphieren. Nicht zuletzt Dank der hervorragenden Darsteller einer der unterhaltsamsten und bewegendendsten Kostümfilme der gesamten Epoche.

Reds – Ein Mann kämpft für Gerechtigkeit [Warren Beatty]

(USA, 1981)

Politthriller, Historienfilm, Sozialdrama…? Nope, obwohl Reds sich der Geschichte des Journalisten und Sozialisten John Reeds in den USA des frühen 20. Jahrhunderts widmet, bewegt er sich doch mit der Konzentration auf die Beziehung zur Schriftstellerin Louise Bryant fast vollkommen auf dem Parkett des großen, epischen Liebesfilms. Natürlich geht es nebenbei auch um Politik, den Kampf um Gerechtigkeit und Wahrheit, Warren Beattys edel inszeniertes Drama lebt aber voll und ganz in der ausufernden und exakten Darstellung des Zwischenmenschlichen, der Romantik und Leidenschaft. Gekonnt verortet Reds immer wieder weniger das Subjekt in der Geschichte als viel mehr die Geschichte im Subjekt, das dadurch zu mehr wird als nur ein fatalistischer Protagonisten im Gefüge der Zeit. Die Ikone wird zum Menschen, das politische Geklüngel nur zum Hintergrund, vor dem ganz universellen Bedürfnissen nach Liebe und Geborgenheit nachgejagt wird. Ein herausragender Film, der unter Beweis stellt, dass Zeitgeschichte auch anhand persönlicher Schicksale und Emotionen perfekt gestaltet und erzählt werden kann.

Ein kurzer Film über die Liebe [Krzysztof Kieslowski]

(Polen, 1988)

Gegen Ende der 80er Jahre arbeitete der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski an einem Mammutprojekt, das universelle ethische Themen aktuell sozial und politisch aufbereiten sollte. Dekalog, nichts weniger als die zehn Gebote galten als Vorlage der für das polnische Fernsehen produzierten Reihe. Neben Ein kurzer Film über das Töten (1988) sticht vor allem die Kinobearbeitung des kurzen Films über die Liebe aus den Einstündern hervor. Kieslowski erzählt hier eine dunkle, mitreißende Geschichte um Voyeurismus sowie einseitige Leidenschaft, die sich zur gemeinsamen Liebe entwickelt und schließlich wiederum in einsame Leidenschaft mündet. Der Fokus auf die Einsamkeit, die Verlorenheit des Menschen in der Gesellschaft lassen das Werk zum Kontrapunkt romantischer Narration werden. Die Liebenden sind immer auch die Leidenden und eben auch die Alleinigen, die durch ihre Gefühle scheinbar aus jedem zwischenmenschlichen Sein herausgerissen werden. Entsprechend bedrückend existenzialistisch und nachdenklich entfaltet der Film seine Narration und Dramaturgie und wird somit fast zu etwas wie einer Antithese des Liebesfilms. Ein schweres und einsames Meisterwerk, dessen  deprimierend deprimierter Blick auf das zwischenmenschliche entzweite Sein auch heute nichts von seiner Faszination verloren hat. Ein bedingungsloser Meilenstein des osteuropäischen Films, ein Juwel für alle, denen die Liebe nicht frustrierend und hoffnungslos genug dargestellt werden kann.

Hannah und ihre Schwestern [Woody Allen]

(USA, 1986)

Woody Allen erzählt launig episodisch Geschichten von reifen und unreifen Frauen, von vielversprechenden und kaputten Beziehungen, vom Leben, Lieben und Leiden und inszeniert damit so etwas wie seine eigene Version des Ingmar Bergmann’schen Blicks auf das Leben. Hannah und ihre Schwestern entwirft episodisch einen großen familiären Kosmos, in dem unfassbar schwere und bedrückende Themen auf angenehm leichte, humoristische und bürgerlich vergnügte Art und Weise be- und verhandelt werden. Woody Allen inszeniert hierbei einen komplexen, schwermütig nachdenklichen aber auch lebensfrohen und optimistischen Film, der nicht einfach nur die unterschiedlichsten Facetten des Lebens und der Liebe ausbreitet, sondern über das Alltägliche hinaus zu großen Topoi und Motiven findet. Einer der besten Filme des (großen, großen, großen!) Regisseurs und eine unvergleichlich charmante, wunderschöne Verbrüderung der RomCom mit dem europäischen Arthaus-Kinos.

Die Waffen der Frauen [Mike Nichols]

(USA, 1989)

Hah, also doch! Zwischen den ganzen anspruchsvollen, komplexen, düsteren und artifiziellen Stoff konnte sich schließlich tatsächlich noch eine ganz klassische RomCom einschmuggeln. Und das “klassisch” darf in diesem Fall wörtlich genommen werden. Die Waffen der Frauen ist eine romantische Screwball-Comedy, die in der Tradition des Hollywoods der 50er Jahre steht, aber auch mit gesellschafts- und kapitalismuskritischen Dispositionen Topoi der 80er Jahre aufgreift. Dabei funktioniert die Geschichte um eine aufstrebende Maklerin und ihren Kampf gegen eine mächtige Konkurrentin sowohl als muntere Seifenoper um kapitalistische Machenschaften und Intrigen als auch als sympathische RomCom über die Liebe an Orten, an denen man sie am wenigsten erwartet. Perfekt inszeniert, engagiert gespielt und charmant erzählt, ist Working Girl die perfekte Liebeskomödie für einen gemütlichen, märchenhaften und entspannten Filmabend.


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