Günter Grass – Europas Schande (Eine kleine Analyse)

Er hat es schon wieder getan, und ganz Deutschland hält den Atem an. Nein, natürlich nicht. Nachdem Günter Grass am gestrigen Freitag sein Gedicht zum Griechenlandkomplex Europas Schande veröffentlicht bei der Süddeutschen veröffentlicht hatte, gab es zwar das zu erwartende Rauschen im Online-Blätterwald (Von Zeit bis Spiegel war die Veröffentlichung allen großen Onlinemedien zumindest eine Agenturmeldung wert), auf Twitter hielten sich die Benutzer allerdings vornehm zurück. Wenn überhaupt von einer Reaktion gesprochen werden kann, dann wohl am ehesten von kollektivem Kopfschütteln, von einem allgemeinen “Oh no, he did it again”. Die ersten Reaktionen ließen sogar darauf schließen, dass manche der eifrigen Kommentatoren den Text gar nicht gelesen hatten, zumindest waren Witze über das potentiell nächste Grass-Gedicht, über die Öffentlichkeitssucht und den Leidensdruck des greisen Autors sowie dessen Ähnlichkeit zu Thilo Sarrazin weitaus häufiger anzutreffen, als Direktbezüge auf den Text. Macht ja auch eigentlich gar nix, muss man doch nicht jede lyrische Ausgeburt zerfleddern, analysieren, interpretieren und damit natürlich auch in gewissem Sinne zumindest einem aktuellen Kanon zurechnen… Das gilt insbesondere dann, wenn der Autor des Werkes bei seiner letzten Lyrik so derbe daneben gehauen hat, wie Günter Grass mit seinem Israel-Gedicht (das ich hier auch schon kurz kommentiert habe). Anyway, ich mache das an dieser Stelle trotzdem, und sei es nur um vor den anstehenden Germanistik-Prüfungen noch einmal ein wenig fit zu werden in der Poetologie und Metrik. Let’s analyze Europas Schande.

Grass beschäftigt sich also wie schon im viel diskutierten “Was gesagt werden muss” mit einem aktuellen, politischen Thema: Die Griechenland-Krise, um konkreter zu sein, mit dem Verhalten Europas zur Griechenland-Krise. Um es inhaltlich auf den Punkt zu bringen: Griechenland, die Wiege Europas, wird von eben jenem Kontinent nun kaum noch geduldet, wodurch dieser wiederum früher oder später geistlich und kulturell verkümmern muss. Adressat des Gedichtes ist Europa selbst, dem Grass Griechenlands Leid klagt, das er beschwört und dem er dunkle Prophezeiungen macht. So viel in aller Kürze zum Grundsätzlichen, ohne ein wenig Poetologie kommen wir an dieser Stelle aber nicht weiter. Und so sehr ich es auch hasse (ehrlich!), muss ich mich früher oder später (und zwar jetzt) auf das gesamte literaturwissenschaftliche Instrumentarium stürzen, das mir zur Verfügung steht. Don’t panic, ich versuche es so kurz und schmerzlos wie möglich zu halten.

Was als erstes auffällt ist die Versform des Gedichtes, die sich doch deutlich vom letzten öffentlichkeitswirksamen Prosagedicht Grass’ abhebt. Die prosaische Form hat Grass zumindest in der äußeren Struktur komplett aufgegeben. Stattdessen folgen die Strophen einem strengen Aufbau, der sie in jeweils zwei Verse gliedert. Dieser strenge Aufbau schlägt sich allerdings nur partiell in der metrischen Form nieder. Wie schon zuvor in Was gesagt werden muss springt Grass in unregelmäßigen Versen und freien Rhythmen umher, baut sich selbst eine strenge Form auf, nur um sich immer wieder aus dieser zu befreien. Am ehesten erinnern die streng voneinander separierten Verspaare an Distichen, die teilweise auch in der traditionellen, strengen Form in dem prosaischen Gedicht auftauchen.

In der zweiten Strophe finden wir so zum Beispiel einen ganz klassischen Distichon, bestehend aus einem Hexameter im ersten und einem Pentameter im zweiten Vers:

Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt,
wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert.

Dabei spiegelt diese elegische Form auch den Inhalt der Verse wider. Der erste Vers der Strophe arbeitet sprachlich mit einer pathetischen Steigerung, mit einem chronolgischen Höhenflug, pointiert in den Begriffen “gesucht” und “gefunden”, die vom Komma getrennt das Zentrum des Verses bilden. Im zweiten Vers wird dieser Höhenflug konterkariert durch den sowohl metrischen als auch sprachlichen Abfall. Das Fünfmaß des zweiten Verses, das die emotionalen Höhen des ersten Sechsmaßes zurück zur Erde wirft, korreliert mit dem inhaltlichen Urteil (flankiert von kapitalistischen Begriffen), die Wiege Europas würde nun auf dem Markt abgetan und gar “unter Schrottwert taxiert”. Weitere Beispiele für klassische Distichen sind unter anderem die dritte, siebte und zehnte Strophe des Gedichts.

Grass benutzt an diesen Stellen bewusst den Rückgriff auf die antike Sprache. Das Distichon ist nicht nur ein metrischer Kniff um das – auch hier vorhandene – prosaische Moment seiner Lyrik aufzubrechen, sondern zugleich ein selbstreferenzielles Stilmittel: Griechenland als die Wiege der europäischen Kultur findet direkt Einzug in die Form der Lyrik, die sich selbst auf die Tradition des griechischen antiken Versmaßes stützt. Mit der Wahl des Distichon, das als Versmaß  in den Elegien der deutschen Klassik und Romantik wieder eine große Rolle spielte, schlägt Grass dadurch einen Bogen von der Wiege Europas (in der griechischen Kultur) über die frühe Neuzeit bis hin zur Kultur der Moderne und schließlich auch – durch seine eigene Referenz – zum hier und jetzt.

Grass spricht also über Europa, nicht nur das, er spricht Europa direkt an. Dazu benötigt es nicht einmal eine große quantitative Analyse (Pronomen in der zweiten Person Singular tauchen fast in jedem Vers – mitunter mehrmals – auf). Es genügt schon ein Blick auf den sprachlichen Pathos, mit dem Grass seine Verse verziert, um eine obsessive Subjektivierung von Staat und Kontinent festzustellen. So ist nicht nur Europa permanent “Du” sondern auch Griechenland wird zum “Schuldner nackt an den Pranger gestellt”, zu “Antigone” oder “Sokrates”. Diese omnipräsente Subjektivierung der Nation dient Grass nicht nur dazu, Griechenland alles andere als subtil in mythologische Metaphern zu kleiden, es ist auch ein Werkzeug der Emotionalisierung, der Kreierung von Empathie nicht einfach mit dem griechischen Volk sondern tatsächlich auch mit dem Staat als handelndes Subjekt. Grass stellt in einem Wehgesang das Leid dar, dem Griechenland ausgesetzt ist, indem es “den Gürtel enger und enger schnallt.” und schließlich gar in den Freitod getrieben werden soll: “Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure”, die Sokrates alias Griechenland den vergifteten Becher reichen, den dieser jedoch “zornig” zurückgibt.

In dieser Personalisierung des Staates wird “Europas Schande” endgültig zur Elegie, zum Klagegedicht: Grass beweint die Ausbeutung und das Leid Griechenlands, greift dafür selbst auf historische Exkurse zurück (“Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land
heimgesucht, trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister.”) und sieht das Land als beraubt, “dem Chaos nah” und “kaum geduldet”. Dieses Wehklagen über ein sterbendes Land kulminiert in der Trauermetaphorik der achten Strophe. Wenn Antigone schwarz trägt, ein ganzes Volk in Trauer versinkt, dann ist anscheinend der Punkt erreicht, an dem Europa zum Henker (mindestens aber zum Mörder durch Unterlassung) Griechenlands wird. Dabei fällt hier vor allem eins auf: Dies ist die einzige Strophe, in der tatsächlich direkt und unmissverständlich das Volk als leidend charakterisiert wird. Das gesamte restliche Gedicht über, ist es immer der Staat, die Nation oder die abstrakte, kulturelle Idee von dieser denen Grass’ Mitgefühl gilt. Und dies ist symptomatisch für das gesamte Gedicht. In der Solidarisierung mit Griechenland als Kultureinheit pflegt Grass einen merkwürdig unmenschlichen Humanismus. Seine Elegie betrauert nicht den Menschen sondern ein abstraktes kulturelles Gebilde. Der Staat Griechenland, die Kulturwiege Europas ist es, die leidet, nicht das Volk.

Hier ist Grass erstaunlich nah an der Universalisierung der Romantik, der Beschwörung einer abstrakten Kultureinheit, die in den Nationenbegriff mündet und diese beinahe metaphysische Einheit über den einzelnen Menschen stellt. Ganz in der Tradition der frühen Romantiker und einiger Vertreter des jungen Deutschlands arbeitet Grass mit einem holistischen und transzendentalen Nationenbegriff. Das Griechenland von heute ist ebenso das Griechenland von damals, politische und historische Veränderungen, die Entwicklung Europas, die Entstehung der modernen Nationalstaaten spielen praktisch keine Rolle. Was zählt ist der universelle Gedanke “Griechenland”, die transzendentale Rolle der griechischen Idee als “Wiege Europas”. Grass nutzt die aktuelle politische Situation für den Rekurs auf einen sehr traditionellen Nationenbegriff, der den Staat nicht einfach als gesellschaftliches Gefüge, sondern als subjektive Entität im Wandel der Zeit begreift, der Staat als Individuum im ursprünglichsten Sinne des Wortes, als unteilbare Einheit, deren “Geist” sich im Laufe der Geschichte nicht verändert.

Durch diesen Konservatismus gelingt es ihm dann auch, zu seinem pointierten Fazit zu kommen:

Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land,
dessen Geist Dich, Europa, erdachte.

Aus dem Wehgesang über Griechenland und der Anklage Europas wird plötzlich eine beinahe apokalyptische, allemal kulturpessimistische Prophezeiung. Europa wird sterben, wenn es den griechischen Geist sterben lässt. Grass überträgt den Gedanken einer unteilbaren, ewigen kulturellen Identität Griechenlands auf eine ewig kulturelle Identität Europas. Dabei wird in diesem letzten Bild Europa nicht einfach nur zum Kind Griechenlands sondern sogar zu dessen Schöpfung. Die Universalisierung und Personalisierung Griechenlands ist mit diesem letzten Akt endgültig abgeschlossen. Griechenland ist nicht nur Mensch sondern auch Schöpfer, nicht nur leidendes Subjekt sondern historischer Akteur, mit unglaublichem kulturellen Einfluss auf ganz Europa. Grass beweint hier nicht mehr nur ein Subjekt sondern eine Gottheit. Fast scheint es so als würde er rufen “Gott ist tot. Wir haben ihn getötet! Wir sind dabei ihn zu töten!” Seine logische Konsequenz ist allerdings nicht, dass der Mensch (in diesem Fall Europa) selbst zum Gott wird, sondern dass er dadurch untergehen muss. Die griechische/europäische Kultur wird zur sakralen Entität, die potentielle Säkularisierung indes bedeutet für Grass nicht die Befreiung von Ketten sondern das eigene Sterben, durch Abreißen der kulturellen Wurzeln.

Hat Grass ein gutes Gedicht geschrieben? Ich würde sagen “Näääh!”. Der Rückgriff auf elegische Distichen, die Funktionalisierung der Sprache der Klassik und Romantik mag in diesem Kontext ein nettes, stimmiges Spiel sein, geschieht allerdings all zu hölzern und forciert, um wirklich zu zünden. Und sie verleiht der Sprache Grass’ ein beinahe unangenehm anachronistisches Moment, einen mitunter schmerzhaft übertriebenen Pathos, der jede Reflexion im Ansatz vernichtet. Dazu kommen die viel zu unsubtilen, hölzernen Metaphern, die weinerliche Grundhaltung und die alles andere als originelle Pointe. Gerade inhaltlich mag Grass an mancher Stelle recht haben: Die Solidarisierung mit Griechenland ist ein ehrenwertes Ziel, die Betonung der Bedeutung Griechenlands für die Geschichte Europas ein nachvollziehbares Argument und das sich stark Machen für eine unpopuläre Position – die in diesem Fall tatsächlich nicht nur human sondern auch rational geboten ist – sympathisch. Einen Bärendienst erweist Grass diesen hohen Zielen allerdings mit seiner vollkommen überzeichneten Transzendentalisierung und Subjektivierung des Nationenbegriffs, mit seinem konservativen Rückgriff auf metaphysische Nationenbilder und seinem unreflektierten Hochgesang auf die Idee als solche. Naja, Grass hat schon Schlimmeres geschrieben (zum Beispiel sein letztes in der SZ veröffentlichtes Gedicht), aber auch “Europas Schande” kommt nicht über Mittelmaß hinaus und verleitet zusätzlich noch Dank seines unbedarften Pathos zu gründlichem Fremdschämen.

Bildnachweis: Günter Grass, Buchmesse, Frankfurt am Main von Florian K via Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Textnachweis: Alle Zitate aus Europas Schande von Günter Grass. 

Ein Kommentar zu “Günter Grass – Europas Schande (Eine kleine Analyse)

  1. Interessante Ideen, allerdings examensmäßig aufpassen:

    1. Hexameter und Distichon

    Es liegt kein Hexameter vor, auch kein Pentameter und somit auch kein (elegisches) Distichon gefolgt von vielen Disticha.

    Schema des Distichons und Beispiel:
    I -v(v) I -v(v) I -v(v )I – v(v) I –vv I -v I
    I -v(v) I -v(v) I – I – vv I -vv I – I

    Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein.
    Im Pentameter drauf lässt er ihn wieder hinaus.

    (a) Die jeweils erste Zeile in einem Distichon besteht in der Idealform aus fünf Daktylen und einem Zweisilber-Ende. So entsteht ein Sechs-Takter, ein Hexa-Meter. Die zweite (kürzere Zeile) besteht aus vier Daktylen und zwei halben Daktylen. So entsteht ein Penta-Meter, ein Fünf-Takter.

    (b) Zunächst zur ersten Zeile, dem Hexameter:

    o Die Normalverteilung in einem deutschen Vers ist der regelmäßige Wechsel von betont-unbetont (Trochäus) oder unbetont-betont (Jambus). Oberbegriff: alternierend. Ein Daktylus ist eine typische, aus dem Alternieren herausfallende Dreisilben-Kombination: -vv (betonte Silbe, unbetont, unbetont). Die andere typische aus dem Alternieren herausfallende Kombination ist der Anapäst: xxX
    (gewiss: es gibt auch eine ständige Folge etwa von Daktylen, wir fassen den Begriff “alternierend” enger)
    o Normalerweise hat ein Hexameter sechs Daktylen. Der sechste Daktylus ist immer verkürzt, also zweisilbig, das heißt trochäisch (oder zweisilbig spondeisch). Abwandlung: Jeder der ersten vier Daktylen in einem Hexameter kann durch einen Trochäus (Zwei Silben): -v (betont, unbetont) oder – sehr selten – durch einen Spondeus (auch zwei Silben): – – (betont/ nebenbetont) ersetzt werden.
    o Der fünfte Daktylus wird fast nie ersetzt, vor den zwei letzten Silben findet sich also fast immer ein Daktylus.

    (c) Nun zur zweiten Zeile eines Distichons, dem Pentameter, einem Fünftakter.

    o Der Pentameter beginnt mit zwei Daktylen, die beide durch Trochäus (oder Spondeus) ersetzt werden können, es folgt eine Hebung und dann eine merkliche Cäsur. Der zweite Teil dieser Verszeile hat wieder zwei Daktylen, die aber nicht ersetzt werden können. Am Schluss steht eine Hebung.

    o Die dritte und die letzte Einheit bestehen jeweils nur aus einer (betonten) Silbe, die dritte und die letzte Einheit füllt daher jeweils nur einen halben Takt/Metrum. Insgesamt hat der Pentameter vier “normale, gefüllte” Takte und zwei halbe Takte. Zählt man alles zusammen, kommt man “sozusagen” auf fünf Takte, den “Pentameter” (Fünftakter).

    (d ) Fazit:
    o Hexameter und Pentameter haben jeweils sechs Hebungen. Der Hexameter hat ein eher gleitendes Metrum: jeder Hebung folgt mindestens eine Senkung. Der Pentameter dagegen hat in der Mitte einen “Break”, eine Cäsur, zwischen den zwei aufeinanderfolgenden Hebungen.

    o Je mehr Distichen aneinandergereiht werden, desto deutlicher wird in dem dabei entstehenden Langtext das kontrastierende Prinzip in einem “unendlichen” System von Gleiten und Break/Cäsur “aufgehoben”: also konserviert, überwunden, auf eine höhere Ebene gebracht.

    2. Was aber vorliegt

    Also kein antikorientiertes Distichon. Wohl aber – oft mit Auftakt – eine antikisierend wirkende Struktur daktylischer Vierheber. Mit trochäus befüllt, manchmal.

    Vgl
    Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein (Uhland)

    Ich hab’ Euch niemals geliebt, Ihr Götter!
    Denn widerwärtig sind mir die Griechen,
    Und gar die Römer sind mir verhaßt.
    Doch heil’ges Erbarmen und schauriges Mitleid
    Durchströmt mein Herz,
    Wenn ich Euch jetzt da droben schaue,

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