Behind the Hunger Games – Drei aktuelle Fantasybücher für Kinder & Jugendliche

Eigentlich kann man sich mittlerweile schon fast den Kalender danach einrichten. Alle paar Jahre kommt ein Jugendbuch auf den Markt – der Beginn einer Franchise vornehmlich – und räumt so richtig ab. Auf Harry Potter folgte die Twilight-Saga und diese wiederum wurde dicht gefolgt von den Hunger Games, den Tributen von Panem, die jetzt das selbe Spiel durchziehen, wie die Bestseller davor: Fanatische Fans, ungewöhnlich hohe Verkäufe, Verfilmungen, Merchandising und zwischen drin die Hater, Feuilletonisten, die den Erfolg nicht erklären können, und natürlich auch die, die sich darüber freuen, dass die Jugend endlich mal wieder an schicker Belletristik interessiert ist. Und was findet dazwischen statt? Ne Menge. Zahllose Autoren versuchen sich an eben genau jenem Erfolg, schreiben fantastische Romane für ein jüngeres Publikum (in der Hoffnung zugleich ältere Leser zu erreichen) und präsentieren diese ebenfalls als Beginn einer ganzen Reihe. Also werfen wir doch einfach mal einen Blick auf drei (mal mehr, mal weniger) aktuelle Vertreter der fantastischen Jugendliteratur. Nicht mit der Frage, ob sie das Zeug zum Hype haben, sondern viel mehr, ob es sich lohnt in die Franchise einzusteigen. Bartimäus, Méto und Die Chroniken vom Anbeginn harren des Urteils einer kritischen Leserschaft.

Méto – Das Haus [Yves Grevet]

(Frankreich 2008)

Nicht mehr ganz frisch in Frankreich, dafür jedoch in Deutschland erst April 2012 veröffentlicht ist Yves Grevets parabolische Dystopie Méto – Das Haus, die weniger im fantastischen als viel mehr allegorischen und partiell surrealen Genre zu Hause ist. Der Trilogie-Beginn handelt von einem nicht näher erläuterten Haus, in dem 64 Jungen von der frühen Kindheit bis zur Jugend gehalten und erzogen werden. Ihrer natürlichen Namen beraubt leben die Jungs ein repressives, genau reguliertes Leben zwischen obskuren Ritualen, brutalen Spielen und obsessivem Kräftemessen sowie drakonischen Strafen, die ihnen immer dann drohen, wenn sie eine der zahllosen Regeln ihres vollständig kontrollierten Lebens brechen. Wer sie sind, was sie tun sollen, wo sie herkommen und wohin ihr Weg führt, wenn sie ab einem gewissen Alter das Haus verlassen müssen, weiß niemand von ihnen. Auch nicht der ruhige, nachdenkliche Méto, dem jedoch nach einer weiteren brutalen Strafe und einem verwirrenden Gespräch mit einem Außenseiter Zweifel an dem durchstrukturierten System kommen. Er beschließt Widerstand zu leisten und stößt dabei auf heftige Reaktionen sowohl von seinen Lehrern als auch Wächtern als auch Mitgefangenen.

Wie schon an der Kurzzusammenfassung ersichtlich bewegt sich Méto in Regionen, die Jugendbücher eher selten erblicken. Anstatt eine straighte, vielleicht auch düstere oder abgefahrene Fantasygeschichte zu erzählen, arbeitet Yves Grevet mit parabolischen und allegorischen Stilmitteln, spiegelt immer wieder aktuelle Topoi der Psychologie und Pädagogik in ihrer dystopischen Erzählung wider und tut alles, um ihre Leser zu irritieren und verstören. Dabei schwankt Méto etwas hölzern und ungelenk zwischen atavistischen Gesellschaftsbildern, Anspielungen auf die repressive Erziehungspolitik des beginnenden 20. Jahrhunderts und dunkler Entwicklungsprosa: Die Verwirrungen des Zögling Törleß in Ozeanien auf der Insel der Verdammten oder so ähnlich…. Schade, dass die Geschichte dabei oft ihren eigenen Faden verliert und über faszinierende Bilder nicht hinauskommt, die auch in ihrer Summe doch eher Fragmente bleiben.

Was indes voll und ganz klar geht, ist die Atmosphäre. Und diese ist – vorsichtig ausgedrückt – nicht für alle Kinder und Jugendliche geeignet. Für ein Jugendbuch ist Méto bisweilen erschreckend düster, konsequent brutal und schöpft genüsslich aus seiner Fähigkeit, Bilder zu erzeugen, die verflucht viel Angst machen können. Dabei liegt dies noch nicht einmal an den konkreten Inhalten, mit denen die Bilder gefüllt werden, sondern viel mehr an der vagen Gesamtheit und vor allem an der Macht der Auslassung. Wir sehen wenig, wir hören wenig, und je weniger wir sehen und hören umso furchterregender scheint das, was von Erzähler und Umgebung verschwiegen wird. Die Geschichte selbst geht dabei relativ routiniert ihren Gang, begnügt sich mit Andeutungen und Mysterien, ohne auch nur eine einzige klare Antwort zu generieren. Klar, das ist irgendwie spannend, mitreißend und vor allem auch atmosphärisch. Für eine surreale Allegorie dann aber doch zu konkret und für einen spannenden Mysterythriller zu abstrakt und allegorisch. Besonders dadurch ärgerlich, dass die Geschichte tatsächlich genau dann abbricht, wenn sie Fahrt aufnimmt und auf den zweiten Teil vertröstet.

Alles in allem ist Méto eine spannende – für Jugendbuch-Verhältnisse ungewöhnlich drastische – Allegorie, die vor allem als atmosphärisches Fragmentstück hervorragend funktioniert. Für ein wirkliches Heißmachen auf die Nachfolger ist die Story um Erziehung, Repression und Widerstand dann aber doch zu vage und hypnotisch: Anspruchsvolle, dystopische Unterhaltung für alle, denen die Hunger Games zu plump sind.

Emerald – Die Chroniken vom Anbeginn [John Stephens]

(USA, 2011)

Da kommt Emerald, die erste von mehreren Anbeginn-Chroniken doch gleich viel geerdeter, konkreter und bekannter daher. Drei Waisenkinder (aha) werden in einem mysteriösen Ort (Hmmm) in einem Waisenhaus aufgenommen und finden dort ein magisches Buch (Ja), das sie in die Vergangenheit katapultiert (So). Dort treffen sie auf eine manipulative Hexe (ähmm), große Magier (öhh) und einen jahrhundertealten Fluch (phew), den offensichtlich nur sie als Auserwählte (…) brechen können. Okay, genug des Sarkasmus. Wenn es ein Fantasywerk gibt, dem der Preis für den dreistesten Eklektizismus des Jahrzehnts gebührt, dann ist es Emerald. Ohne Gnade verarbeitet Autor John Stephens alles, was in den letzten Jahren Jahrzehnten Jahrhunderten an Fantasy erfolgreich oder erfolgsversprechend veröffentlicht wurde. Und so stolpern die Waisenkinder aus Lemony Snicket in die Arme der weißen Hexe von Narnia, werden von Dumbledore gerettet, der ihnen sagt, dass sie mit Harry Potter verwandt sind und kurz darauf auf die Suche nach dem “Buch sie zu knechten” schickt, das sie mit Hilfe von Zwergen und Waldläufern dann auch tatsächlich finden. What the Fuck!?

Okay, es ist durchaus üblich in der Genre-Literatur, sich bei großen Vorbildern zu bedienen, aber das geht dann doch das ein oder andere Mal einfach zu weit. Auch darüber hinaus hat der Roman einige Schwächen, die das Lesevergnügen ganz schön hemmen. Die Größte davon – um es kurz zu machen – ist die beinahe penetrante Passivität, mit der er seine eigenen, eigentlich interessanten Protagonisten quält. So sind die drei Kids zwar ziemlich stereotype Fantasy Identifikationsfiguren, besitzen aber dennoch genug Charme und Vielschichtigkeit, um die Story tragen zu können. Tun sie aber nicht, sie ertragen sie nur. Ohne Ziel, ohne wirkliche Aufgabe werden sie in das Geschehen geschupst, stolpern wie an den Fäden des Autors gezogen durch die fantastische Welt von Emerald. Und als Leser kommt man einfach nicht an der Frage vorbei: Braucht es sie? Irgendwie läuft ja alles auch ohne ihre Hilfe, die Geschichte nimmt ihren Lauf, Kriege werden geschlagen, Schätze entdeckt und die Kinder – so auserwählt und tapfer blabla sie auch sein mögen – stehen primär staunend mit offenen Mündern nebendran. Neben dem dreisten Eklektizismus ist das der große Todesstoß für den Roman: Dieser ungewollte, unbekümmerte Fatalismus, diese Unfähigkeit, Protagonisten einfach verdammt nochmal handeln zu lassen.

Versteht mich nicht falsch, Emerald ist alles in allem recht unterhaltsam, Fantasy Fast Food ohne neue Ideen, aber immerhin. Durch diese plumpe Geisterbahn-Narration bleibt er aber als ärgerliche, passive Nicht-Geschichte viel zu oft unangenehm im Halse stecken. Uninspirierte, simple Fantasy-Unterhaltung für sehr junge Leser und alle, die beim Lesen gerne an die besseren Vorbilder erinnert werden.

Bartimäus – Das Amulett von Samarkand [Jonathan Stroud]

(Großbritannien, 2003)

Bartimäuse dagegen tanzt vollkommen aus der Reihe und gerade deswegen muss ich den Beginn dieser – Dank Prequel mittlerweile zur Tetralogie angewachsenen –  Trilogie unbedingt hier aufnehmen. Denn obwohl der Roman fast zehn Jahre auf dem Buckel hat, gehört er einfach mal mit zum Besten, was ich in den letzten Jahren an fantastischer Literatur lesen durfte. Und das liegt primär an seinem Protagonisten, einem Dschinn, einem Dämonen, der in anderen Sphären lebt, nur um in der Menschheitsgeschichte immer mal wieder von mächtigen Magiern beschworen zu werden. Sein aktueller Herrscher ist aber nicht gerade das, was Bartimäus erwartete: Der junge, schmächtige Lehrling eines mittelmäßigen Zauberers, ein kleiner Wicht, ein Schüler, der die Beschwörungsformel für mächtige Dämonen noch gar nicht beherrschen dürfte. Zum Unmut von Bartimäus wird er von diesem Dreikäsehoch nicht nur beschworen sondern zudem auf einen der mächtigsten Magier des gegenwärtigen London angesetzt… und zu allem Überfluss auch noch einzig aus dem Grund, dass der Jungspund sich an dem verschlagenen Meister-Magier für geschehenes Unrecht und Demütigung rächen will. Aber ein beschworener Dämon muss nun mal seinem Herrn gehorchen und so macht sich Bartimäus missgelaunt auf, seinen Auftrag auszuführen… mit verheerenden Folgen.

Angesiedelt ist Bartimäus in einem Paralleluniversum unserer Erde, in dem Magie an der Tagesordnung ist. Diese besteht primär genau aus jener Dämonenbeschwörungen, wie die, die zu Beginn des Romans stattfindet. Mächtige Magier rufen Wesen aus anderen Sphären und machen sich diese mittels komplizierter Rituale zu Untertan. Die Dämonen, Geister, Dschinn und Kobolde können nicht anders als den Befehlen ihrer menschlichen Gebieter zu folgen, auch wenn sie halb mit Amusement halb mit Abscheu auf die selbstverliebten Magier hinabblicken, die alle irdische Macht in ihren Händen halten, Politik und Wirtschaft des mächtigen britischen Königreichs dominieren. Genau von diesem Spannungsverhältnis lebt der Roman und insbesondere vom intelligenten, zynischen und gehässigen Blicks Bartimäus auf die Menschenwelt. Dieser Dämon ist einfach der perfekte Anti-Held: Gewissenlos, gehässig, großmäulig, herablassend und dabei sau komisch und voller verblüffender Talente und gewitzter Intelligenz. Mit viel Verve und Esprit begleitet er den Leser durch die Geschichte, trumpft mit sarkastischen Fußnoten auf und umgarnt den Leser ebenso, wie er sich über ihn lustig macht und ihn beleidigt.

Dagegen kann der zweite Protagonist, der Nachwuchsmagier Nathanel nur abstinken. Tatsächlich sind die auktorialeren Abschnitte, die sich dem Schicksal des Kindes widmen beinahe so etwas wie Störungen in der herrlich makaberen Erzählung aus der Sicht des Dämonen. Auch, weil die Geschichte letzten Endes ziemlich routiniert und überraschungsarm runter erzählt wird. Ist aber auch nicht so schlimm, Bartimäus lebt von anderen Stärken: Dem packenden Zweikampf zwischen dem Jungen und dem beschworenen Dämonen, der interessanten Welt, die entworfen wird, den gesellschaftskritischen, parabolischen Spitzen gegen Machtverhältnisse in unserer Welt, dem genialen Humor, dem tollen Wechselspiel zwischen den einzelnen Dämonen und der fantastischen Dynamik, die den gesamten Roman trägt und viel Energie voran peitscht.

Bartimäus ist einfach mal ein episches, gehässiges Vergnügen, perfekte Fantasy-Unterhaltung: Lebendig, originell, ungemein komisch und einfach nur grandios. Die perfekte Unterhaltung sowohl für Jugendliche als auch Erwachsene, die auf gehässige, humorvolle und dennoch spannende und temporeiche Fantasy stehen.

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