Die 80er Jahre: Die besten Epen und Historienfilme des Jahrzehnts II

Nachdem wir uns im letzten Artikel doch primär in mittelalterlichen Gefilden und archaischen Gefilden bewegt haben, geht es nun mitten hinein in die Historie der Neuzeit. Angefangen bei der Genie-Epoche und bei den großen klassischen Musikern Wolfgang Amadeus Mozart und Niccolò Paganini, die sehr eigenwillige nichtsdestotrotz mitreißende Biografien spendiert bekommen -, über den Freiheitskampf in Indien von Gandhi, den Kampf gegen die Apartheid in Schrei nach Freiheit bis hin zum Leben von Pu Yi, Der letzte Kaiser Chinas. Und einen kleinen Schlenker in die Antike gibt es dann auch noch: Die letzte Versuchung Christi als eigenständige, originäre Interpretation des Martyrium von Jesus Christus. Es wird eigenwillig, anders, stilverliebt… und vor allem episch. Nach dem Klick.

Amadeus [Miloš Forman]

(USA, 1984)

Wolfgang Amadeus Mozart als Punk? Antonio Salieri als intriganter Mörder? Der Wiener Hof als Rockkabarett? Passt…. NICHT! Zumindest aus historischer Sicht. Was aber an Miloš Formans Mozart-Interpretation jenseits von historischer Exaktheit herausragend funktioniert ist die Dynamik, die Leidenschaft mit der der Film sein Sujet erzählt. Amadeus ist ein gigantischer, epischer Kostümfilm irgendwo zwischen verquerem Sittengemälde, postmoderner Reinterpretation und hollywood-affinem Pathos. Das hat relativ wenig mit dem tatsächlichen Leben Mozarts gemein, ist aber ein großartiger Monumentalfilm, der mit berauschender Dekadenz, großem Pathos und ner Menge Energie seine geschichtswissenschaftlichen Defizite mehr als wett macht.

Gandhi [Sir Richard Attenborough]

(Großbritannien, USA, 1982)

Auch Attenboroughs Verfilmung des Lebens Mahatma Gandhis muss sich wohl oder übel den Realitätscheck gefallen lassen. Auch wenn dieser dabei weitaus besser weg kommt als Formans eigenwillige Mozart-Interpretation, findet der eifrige Zuschauer hier ebenfalls eine Menge Ungenauigkeiten und Stilisierungen. In diesem Fall wird der Film vor allem durch seine universelle Aussage mehr als nur gerettet und geht den direkten Weg Richtung zeitloses Meisterwerk. Die Darstellung des indischen Freiheitskampfes ist ein Manifest für Gewaltlosigkeit, für zivilen Ungehorsam, der ohne Blutvergießen auskommt, für das Festhalten an humanistischen Visionen gegen jeden erdenklichen Widerstand. Gandhi ist ein prachtvolles, monumentales Epos und zugleich ein menschliches allzu menschliches Drama um all das wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Schrei nach Freiheit [Sir Richard Attenborough]

(Großbritannien, 1987)

Fünf Jahre später durfte Sir Richard Attenborough erneut unter Beweis stellen, wie einfach es sein kann, politische Zeitgeschichte zu erzählen, universelle moralische Botschaften zu verbreiten und zugleich prächtig zu unterhalten. Cry Freedom erzählt die Geschichte von Steve Biko, dem Gründer des Black Consciousness Movement (BCM) und dessen Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Dabei bedient er sich eines raffinierten Kunstgriffs, indem er die Unterdrückung der Schwarzen durch die Augen eines Weißen schildert, der nicht nur peux à peux seine journalistische Distanz aufgibt sondern auch immer mehr selbst hineingezogen wird in den Kampf um Freiheit und Wahrheit gegen ein repressives Regime. Dabei ist Schrei nach Freiheit ebenso engagiert wie komplex, ebenso intelligent wie dramatisch und mitreißend. Das perfekte Beispiel für ein rundes Politdrama und auch heute noch ein erschütterndes, explosives Meisterwerk.

Die letzte Versuchung Christi [Martin Scorsese]

(USA, 1988)

Erschütternd war auch Martin Scorseses freie Interpretation des Neuen Testaments… insbesondere für die katholischen Cineasten. Ein Jesus der an seiner Berufung zweifelt, mit den Römern kollaboriert und schließlich gar von einem familiären Leben inklusive Kinder und Geschlechtlichkeit träumt, war vielen konservativen Christen einfach zu viel. Klar, dass Die letzte Versuchung Christi gerne auch noch mal an späterer Stelle bei den kontroversen Filmen des Jahrzehnts auftauchen darf. Bis dahin gilt es aber seine visionäre Kraft zu loben, seine epische, exquisite Bebilderung, seinen raffinierten, dekonstruktivistischen und zugleich würdevollen Umgang mit seinem Sujet und natürlich auch seine Monumentalität, die Größe mit der er sich nicht nur an christliche sondern ganz allgemein menschliche Themen heranwagt. The Last Temptation of Christ ist ein gigantisches, episches Meisterwerk zwischen Glauben und Existenzialismus, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Eskapismus und kritischer Auseinandersetzung mit mythologischen Topoi.

Kinski Paganini [Klaus Kinski]

(Italien, Frankreich 1989)

Wo wir gerade beim postmodernen, dekonstruktiven Kino sind, darf einer nicht fehlen… Klaus Kinski spielt den wohl größten Pianisten aller Zeiten Niccolò Paganini… und auch irgendwie sich selbst, den größten Schausp… ach lassen wir das! Das Mammutwerk, dessen Inszenierung Werner Herzog ablehnte, da er das Skript für unverfilmbar hielt, ist ein Paradebeispiel des Kinski’schen Größenwahn, ein zutiefst persönliches Projekt, das zum fragmentierten Schaulaufen eines exaltierten, exzentrischen Mimen verkommt und gerade dadurch an wahnwitziger, verquerer Größe gewinnt. Zwei Jahre vor seinem Tod spielt hier Kinski nicht einfach nur, er lebt die Rolle des abgefuckten Musikers, in Dekadenz, Verzweiflung, Lebensgier und innerer Zerrissenheit. Wie schon beim Projekt Jesus Christus Erlöser wird dies zum Monument des Scheiterns im Großen, zum tragischen Epos, sowohl was das Sujet als auch den Film selbst betrifft und damit beinahe zu so etwas wie einem postmodernen Referenzwerk des monumentalen Meta-Films.

Der letzte Kaiser [Bernardo Bertolucci]

(Großbritannien, 1987)

Dagegen wirkt dann Der Letzte Kaiser fast schon konservativ… allerdings im besten Sinne des Wortes. Nach der Epos-Definition des letzten Artikels, passt dieser Film in die Schublade wie kaum ein anderer: Obwohl der letzte Kaiser vermeintlich voll und ganz auf seinen Protagonisten Pu Yi (1906 – 1967) fokussiert ist, bleibt die Figur des letzten großen chinesischen Herrschers nicht nur passiv, geradezu ohnmächtig gegenüber den politischen Verhältnissen seiner Zeit, er wird auch erschlagen von den historischen Umständen, angefangen bei seiner kindlichen Krönung bis hin zur bürgerlichen Existenz als einfacher Gärtner. Dabei wird das Epos, als Verortung des Individuums in einen universellen Kontext, sowohl zum Werkzeug als auch eigentlichen Sujet des Films. Die Welt ist größer, als du es jemals sein kannst, die Dynamik der Geschehnisse findet auch ohne dich statt und überhaupt bist du nichts weiter als ein kleines Staubkorn im Meer der Zeit. Eine gewaltige, selbstreferenzielle epische Offenbarung, die zum gewaltigen menschlichen Drama und zum Porträt einer gesamten Epoche wird.


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