Die 80er Jahre: Die besten Epen und Historienfilme des Jahrzehnts I

Was einen guten Film zu einem guten Historienfilm macht, liegt ja eigentlich so ziemlich auf der Hand: Das historische Sujet. Der Schritt zum Epos ist da schon etwas diffiziler. Natürlich könnte man es sich leicht machen und einfach von Monumentalfilmen sprechen, doch damit bekommt man letzten Endes auch nur eine sehr eingeschränkte Genreschublade geboten, die automatisch primäre Assoziationen zu dem großen Monumentalfilm der 50er und 60er Jahre à la Ben Hur weckt. Gerade historisch akkurate oder aber auch fantastische, parabolische und surreale Werke mögen da kaum so richtig ins Bild passen. Also ganz kurz ein wenig Schubladenkunde, um meinen Begriff des Epos – des epischen Films – einigermaßen zu rechtfertigen.

Ich halte es da eigentlich recht gerne mit Georg Lukacs, der in Die Theorie des Romans (1916) das Epos als dem Menschen eine “ursprüngliche Heimat” generierend beschreibt, als universelles, ganzheitliches Werk, das die Frage beantwortet: “Wie kann das Leben wesenhaft werden?”

Es ist von alters her als Wesenszeichen des Epos betrachtet worden, daß sein Gegenstand kein persönliches Schicksal, sondern das einer Gemeinschaft ist. Mit Recht, denn die Abrundung und die Geschlossenheit des Wertsystems, das den epischen Kosmos bestimmt, schafft ein zu organisches Ganze, als daß darin ein Teil sich so weit in sich abschließen, so stark auf sich gestellt sein könnte, um sich als Innerliches zu finden, um zur Persönlichkeit zu werden.

Damit lässt sich auch sehr gut beim epischen Film arbeiten: Wir sprechen hier von Filmen, die gewaltig, von moralischer Schärfe und transzendentalem Eifer sind, von Werken, die den Geist der Gemeinschaft als solchen darstellen oder zumindest im Individuum zum Ausdruck bringen, das sich dann wiederum dem geschlossenen System unterordnet. Prototypisch dafür steht Akira Kurosawas letztes großes Epos Ran, in dem sich der Niedergang eines Reiches im Niedergang seiner Protagonisten widerspiegelt. Aber auch im fantastischen Excalibur, im düsteren Flesh and Blood und im gewaltigen Der Flug des Raben wird der Einzelne immer auch zum Symbol – sei es der Größe, sei es der Verkommenheit – einer ganzen Epoche. Und in Der Name der Rose gereicht dies gar zu moralischen Abhandlungen weit über die Historie hinaus, hinein in die Gegenwart bis zur universellen, humanistischen Fragestellung…

Der Name der Rose [Jean-Jaques Annaud]

(Deutschland, Frankreich, Italien, 1986)

…Womit wir auch schon zum ersten Film kommen. Die Verfilmung von Umberto Ecos postmodernem Kultroman Der Name der Rose (1980) ist ein spannender, atmosphärisch unglaublich dichter Historienthriller um ermordete Mönche, vergiftete Bücher und den mittelalterlichen Kampf zwischen Glauben, Vernunft und Atavismus. Dabei erschlägt der Film die zahllosen Sujets aus Ecos Vorlage mit visionären Bildern, treibt sie im düsteren Höllen-Vexierspiel voran und pendelt stets zwischen Eskapismus und philosophisch überfrachtetem Sittengemälde. Das mögen dann manche Zuschauer als zu viel, zu ambitioniert, zu groß oder aber auch zu dünn im Vergleich zur Vorlage finden, dies ändert aber nichts daran, dass Der Name der Rose ein gewaltiger, gewalttätiger, beinahe fanatischer Trip in die Abgründe der menschlichen Seele und eine epische humanistische Abhandlung zwischen Himmel und Hölle ist.

Excalibur [John Boorman]

(Großbritannien, USA, 1981)

Gewaltig ist auch John Boormans Interpretation der Artus-Legende, insbesondere wenn es um die Arbeit mit eskapistischer Größe und berauschendem Pathos geht. Angepeitsch von den Chorälen Carmina Buranas von Carl Orff ziehen die Ritter der Tafelrunde in episch bebilderte Schlachten, kämpfen um Gerechtigkeit, um Ruhm und Ehre im mythischen Spiel der Natur, verlieben sich, verlieren sich, suchen und finden… und lassen am Ende einen erschöpften und zufriedenen Zuschauer zurück. In diesem monumentalen Fantasyfilm wird geklotzt ohne Ende, treffen Zauberer auf Krieger auf Drachen auf mythologische Wahrheiten und Irrwege. Das mag dann auch hin und wieder einfach nur zu viel, zu gewaltig, zu pathetisch sein, summa summarum ist Excalibur aber ein großes, größenwahnsinniges großartiges Meisterwerk, das den Film als Erfüller menschlicher Fantasien und Träume in seiner besten Form zeigt.

Flesh and Blood [Paul Verhoeven]

(Spanien, USA, Niederlande, 1985)

Auf der anderen Seite des historischen Filmspektrums – in jeder erdenklichen Bedeutung des Wortes –  steht Paul Verhoevens schmutzig realistisches Spätmittelalter-Epos Flesh and Blood. Die Handlung um raubende, mordende, vergewaltigende und brandschatzende Söldner, um Liebe und Verrat ist ein herrlich unkonventionelles, ganz in der Tradition der obszönen Verhoeven-Inszenierungen stehendes Anti-Epos, dessen universeller Anspruch besonders aus seiner Amoralität seiner Fokussierung auf die atavistische, animalische Seite menschlichen Handelns rührt. So chargiert der Film auf geradezu unanständige Weise sein dunkles Sujet sowie seine ambivalenten Charaktere, badet sich in seiner eigenen Verkommenheit und spielt auf herausragende Weise mit den Erwartungen seiner Zuschauer. Ein dreckiges, fieses und gehässiges Meisterwerk und die optimale Abwechslung zum oft zu sauberen Mittelalter-Kino.

Ran [Akira Kurosawa]

(Japan, 1985)

Immer den Brückenschlag zwischen West und Ost wagend, gehört Akira Kurosawa ohne Zweifel zu den einflussreichsten und angesehensten Regisseuren Asiens. In seinem Spätwerk Ran wagt er sich an eine freie Interpretation von William Shakespeares King Lear (1605), dessen Motive er ins Japan des 16. Jahrhunderts verpflanzt. Die Geschichte eines gealterten Fürsten, der sein Königreich unter seinen Söhnen aufteilt, oszilliert auf grandios ausbalancierte Weise zwischen epischem Sittengemälde, universeller Parabel und persönlichem Drama und theatralischer Tragödie. Immer wieder das große Ganze suchend, immer wieder komplexe Zusammenhänge ausführend aber auch immer wieder auf einzelne Schicksale und Lebensentwürfe blickend ist Ran eine einzigartige Versöhnung von Subjektivität und Epos, von Weltgeist und Individuum: Ein visionärer, tragischer und voller Hoffnung steckender Monumentalfilm, der Bildgewalt mit philosophischem Subtext und apokalyptischer Größe kreuzt und dadurch zum zeitlosen Meilenstein des japanischen Kinos wird.

Der Flug des Raben [Hrafn Gunnlaugsson]

(Island, 1984)

Wenn ein Regisseur mit Akira Kurosawa verglichen wird und sich selbst heutige Regisseure wie die Coens auf die Kraft seines Meisterwerks berufen, muss da ja schon etwas dran sein… Und tatsächlich ist es unglaublich, wie zeitlos der dunkle, langsam erzählte und komplexe Wikingerfilm Der Flug des Raben ist, wie er im besten Sinne des Wortes aus der Zeit gefallen wirkt, gerade so dass er ebenso aus dem letzten Jahrtausend wie aus einer fernen Zukunft stammen könnte. Die Familientragödie um einen Krieger und seine Gefolgschaft, familiäre Intrigen und Glaubensirrwege ist eine düstere Abrechnung mit Mythologie, Heldenwahn und gesellschaftlichen Zwängen, eine emotional und intellektuell tiefschürfende Parabel, die auf perfekte Weise heidnische Symbolik mit Western-Narration und epischer Dramaturgie kreuzt, ihre Geschichte nicht nur erzählt sondern auch lebt und transzendiert und somit zu einem originären Spiegelbild des menschlichen Schicksals als solches wird.


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