
Okay… ich stolpere mal wieder den aktuellen Veröffentlichungen hinterher. Und daher gibt es auch bei diesem Hörenswert-Artikel nur Material, das irgendwie so März 2012 ist. Macht aber nichts, da die kurzrezensierten Alben allemal hörenswert und zudem mit prominenten Namen besetzt sind. The Shins schielen schon mal Richtung Sommer, Meshuggah bolzen Richtung Herbst und Winter und The Mars Volta sind sowieso wieder komplett abgehoben irgendwo da oben im Weltraum. Etwas gediegener und für ein letztes Auskosten der Wintergefühle empfehlen sich die französischen Shoegazer Les Discrets, indem sie mit sphärischen, dunklen und mysteriösen Klängen ein letztes Mal gegen die Frühlingssonne rebellieren.
The Shins – Port of Morrow
(Sony, 16.03.2012)
Wenn es eine Indie-Pop-Band zum Liebhaben gibt, dann sind es die Shins. Mit ihrer gemütlichen Veröffentlichungspolitik – das letzte Album ist mittlerweile auch schon fünf Jahre her -, ihrer lässigen Non-Attitüde und der gewissen Lazyness, mit der sie an ihre Songs rangehen, eignen sich bestens für Indie-Pop Ikonisierungen jenseits einer größeren Popularisierungs-Chance am musikindustriellen Horizont. Und genau so unscheinbar, ein bissel schüchtern und doch lebenslustig kommt auch der neuste Output Ports of Morrow daher. Ich könnte gleich ein paar Leute aufzählen, die das Ganze als langweiligen, stagnierenden Indie-Pop bezeichnen würden (Oh, hi Rinko), widme mich aber stattdessen lieber den wunderbar knuddeligen, ein wenig spröden und doch immer eingängigen zehn Songs, die sich auf diesem Album einfinden.
Indie Pop im besten Sinne des Wortes, mit vorsichtigen Rock-Schlenkern, ein kleines bisschen Emo-Pathos und eingängiger Sommerstimmung. Auch wenn die Shins von Punk und Slackertum doch etwas zu weit entfernt sind, um jemals wirklich mit Protestnoten oder noisigen Störfeuern, um sich zu schmeißen, wird Ports of Morrow bei aller Nostalgie, Wehmut und emotionalen Hingerissenheit auch immer von einem Stück Libertarismus und Aufbegehren getragen. Das geht nie so weit, dass die Catchyness aufgebrochen werden würde, aber immerhin platzieren sich die Shins damit endgültig als unprätentiöse, coole Alternative zum Arcade Fire Pathos. Da stören auch Chöre, Klingklangereien und Elfen-Instrumentierungen nicht das runde Gesamtbild. Zuckersüß, gefangen nehmend… und immer ein wenig daneben: Lazy, nice and touching Indie Pop. Der Sommer kann kommen.
The Mars Volta – Noctourniquet
(Warner, 23.03.2012)
Na, immer noch auf dem abseitigen Prog-Trip? The Mars Volta haben bekanntlich mit Frances the Mute vollkommen frei gedreht und sich anschließend einmal munter durch die Progressive Rock Geschichte geplündert, um viel Grandioses aber ebenso viel Unhörbares zu Tage zu bringen. Auch auf Noctourniquet hat sich das prinzipiell nicht geändert, und doch gibt es vorsichtige Versuche von Omar und seinen Mannen, wieder in “anständigen” Consumer-Regionen zu landen. So viel Funk- und Space Rock wie auf diesem Bastard war auf den letzten Mars Volta Werken jedenfalls nicht zu hören. Die nach Frances the Mute verloren gegangene Hookline scheint wieder zurückgekehrt und vor allem klingen The Mars Volta nicht mehr ganz so nervenzerfetzend nostalgisch, nicht mehr ganz so referenzgeil und dadurch um einiges frischer und hipper als auf den direkten Vorgängern.
Konfus und proggig ist das zusammengeflickte Material trotzdem noch… “Und das ist auch gut so”, würde zumindest der hartgesottene Mars Volta Verehrer erwidern. Ich sehe mal wieder eher das Problem der fehlenden Konsistenz, die sich angesichts der abgehetzten Sprünge zwischen Postrock, Punk, Progressive, Zappaeskem, Hard Rock, Space whatever ängstlich unterm Tisch verkrochen hat. Ja, ja, ja… The Mars Volta waren nie um einen Fokus, um eine gestalterische Klarheit bemüht. Wie schon auf den letzten Alben kann der wüste Eklektizismus aber ganz schön nerven, gerade wenn unter ihm die zahllose vorhandenen grandiosen Sound-Ideen begraben werden. Spaß macht Noctourniquet trotzdem, insbesondere in seinen unverblümt pathetischen Space Rock Momenten, die fast schon Muse-Eingängigkeit erreichen. Fans wissen was sie kriegen und können bedenkenlos zugreifen… und auch Skeptiker und “At the Drive-in”-Nachweiner dürften eine ganze Zeit lang Spaß mit dem wieder einmal zügellosen, wilden und strukturlos strukturierten Progressive-Rock-Rausch haben.
Les Discrets - Ariettes oubliées
(Prophecy, 10.02.2012)
Wenn ein musikalisches Hybrid-Genre im Moment äußerst vital ist, dann der Post-Shoegaze von unseren französischen Nachbarn, und Les Discrets können mit ihrem Zweitwerk Ariettes oubliées beinahe schon prototypisch für diesen Umgang mit verschiedenen Genres herangezogen werden. Im Zentrum von allem steht der Mystifzismus, um sich selbst, um die eigene Musik und um die Referenzen, die in einen homogenen Gesamtkontext geschmolzen werden. So ganz lässt sich dann auch nicht greifen, was Les Discrets genau sagen, genau spielen wollen: Entlang hochkultureller Flirts (Claude Debussy stand hie rnicht nur titelgebend Pate) vermengen sie Postrock mit Post Punk mit sphärischem Ambient und gewaltigem, beinahe sakralen Silent Black Metal…
…Immer noch nicht schlauer? Macht nichts. Jenseits der Schubladen zählt doch am meisten die Qualität des gelieferten Materials. Und das kann sich hier durch die Bank sehen lassen. Ganz vorsichtig schleichen sich die Song-Monolithen des Albums an, fast schüchtern kokettieren sie mit ihrer eigenen Mystik und brechen dann doch in gewaltige, erhabene Shoegaze-Hymnen aus. Das hat trotz des atmosphärisch passenden Black Metal Labels wenig mit Metal gemein, erinnert ein wenig an die Ambient-Ausflüge Devin Townsends, ein wenig an den sphärischen Metal Alcests, ein wenig an die dunklen Psychedelic Gothic Landschaften Anathemas. Ein wenig Postrock-Affinität und Freude am monotonen, unspektakulären Mäandern sollten beim Hörer schon vorhanden sein, sonst wird er sich bei diesen sphärischen Sound-Reisen schnell langweilen; und passende Frühlingsmusik sollte man auch nicht zu doll erwarten…Dann jedoch kann man mit diesem kleinen Juwel sehr glücklich werden.
Meshuggah – Koloss
(Nuclear Blast, 23.03.2012)
Ein Pessimist würde jetzt sagen, dass es zwei Sorten von Avantgarde Bands gibt: Die einen, die es immer weiter, immer weiter und irgendwann zu weit treiben, oder die, die irgendwann ins gemütliche Selbstkopieren übergehen und die Kategorisierung als Avantgarde sukzessive einbüßen. Lange sah es bei Meshuggah so aus, als ob sie zur ersten Kategorie gehören könnten, produzierten sie doch LP-Monster um LP-Monster, wurden immer jazziger, frickliger, vertrackter und… und dann begann im letzten Jahrzehnt doch noch die Zeit der vorsichtigen Konservierung, die auch auf dem neusten Output Koloss eingehalten wird. Aber ich verzichte an der Stelle mal auf den Pessimismus und halte einfach fest, dass Meshuggah immer noch zu fetzen wissen. Wenn auch mit Einschränkungen.
Koloss liefert zu Beginn genau jenen verqueren, spröden und trockenen Avantgarde und Progressive Metal, den die Fans von der Band wohl erwartet haben. Die Geschwindigkeit wird im Vergleich zu den Vorgängern etwas zurückgeschraubt, die harten Dissonanzen und die aggressiven Shouts zwischen den Snare- und Jazz-Metal Attacken verhindern jedoch, dass der Koloss Richtung Doom Metal abgleitet. Stattdessen strömen Meshuggah wieder einmal in einem treibenden, noisigen und verspielten Thrash/Progressive-Metal Bastard-Fluss dahin, schreien, keifen, keilen, sind hart und spröde wie eh und je und sorgen doch für Stimmung bei jedem, der die Vorgänger schätzt. Wie eh und je bedeutet in diesem Fall leider nicht nur Positives. Zum ersten Mal, zumindest so weit ich mich zurückerinnern kann, ertappe ich mich bei einem verschämten Gähnen beim Genuss der Free Metal Eruptionen, beim nervösen Blick auf die Songliste, während das Album wie aus einem Guss über mir niederwalzt.
Trotzdem reicht es auch in diesem Fall für eine Hörempfehlung… allerdings nicht für eine absolute. Freude des polyrhythmischen, atonalen Experimental Metals der Schweden werden auch von Koloss nicht enttäuscht sein, wer mit Meshuggahs Härte oder Jazzyness bis dato nichts anfangen konnte, sollte auch hiervon die Finger lassen… und Avantgarde Freunde werden vielleicht auch ein wenig über die Stagnation jammern. Das ist dann zwar immer noch Jammern auf höchstem Niveau, ändert aber dennoch nichts an dem Wermutstropfen, den der etwas festgefahrene Klang dieses Albums auslöst. Nächste Station Bedeutungslosigkeit? Wollen wir hoffen, das nicht.