Die 80er Jahre: Die besten Horrorfilme des Jahrzehnts VI

Die besten Horrorfilme der 80er Jahre… Klappe die Sechste und Letzte. Wir verabschieden das Jahrzehnt mit einer ganz hochkarätigen Riege an wirklich, wirklich, wirklich abgefuckten Filmen. So dürfen nun auch die Surrealisten vorbeischauen, so zum beispiel Alejandro Jodorowsky, der sich bei Santa Sangre munter bei Hitchcock, Giallo, sich selbst und wahrscheinlich unzähligen LSD-Fantasien bedient. Oder Bigas Luna, der in Angustia die vierte Wand und die selbstzufriedene Sicherheit der Zuschauer komplett einreißt. Für weitere WTFs ist auch Pfui Teufel – Daddy ist ein Kannibale gut, der sich nicht so ganz für ein Genre entscheiden kann und deswegen gleich ein Dutzend davon in einem satirischen Horrortrip für sich vereinnahmt. Ebenfalls diffus, nicht nur im Hinblick auf die Genrewahl, ist Već viđeno, der gemeinhin als Klassiker des serbischen Horrorfilms rezipiert wird (was auch durchaus Sinn macht, weswegen er hier ebenfalls auftaucht), dabei aber in seiner politischen Mischung aus Kafkaeskem Wahn, Satire, Psychodrama, Psychothriller und Gore-Alptraum weitaus mehr ist als bloßes Genrekino. Zu guter Letzt gibt es mit dem Horror-Alligator doch noch etwas bodenständigeren, nichtsdestotrotz grandiosen, Tierhorror zu sehen. Also noch einmal Atem anhalten, Klicken und demnächst wieder in die Videothek rennen. Nicht nur die besten, sondern auch die ungewöhnlichsten Horrorfilme der 80er Jahre folgen nach dem Break.

Angustia – Im Augenblick der Angst [Bigas Luna]

(Spanien, 1987)

Im Kino läuft ein Film über einen langsam erblindenden Augenarzt, der von seiner kranken Mutter mittels Hypnose zum Mörder und (perversen) Sammler erzogen wird. Im Kino sitzen Zuschauerinnen, zumindest einer von den beiden setzt die Filmhandlung ziemlich zu: Hypnosespiralen, die die ganze Leinwand ausfüllen, psychotische Mordfantasien, krude Szenarien… es ist einfach zu viel. Und dann sitzt da noch ein Mann im Kinosaal, der offensichtlich von der Filmhandlungen begeisterter ist, als er sein sollte… Angustia oder Anguish ist ein wirklich abgefuckter, düsterer Horrorfilm, der geschickt mit den Ebenen des Fiktionalen und dessen Rezeption spielt, diese vermengt und dadurch einen postmodernen, rezeptionsästhetischen Horrortrip generiert, in dem fiktiver Horror und vermeintlich reelle, persönliche Betroffenheit zusammenfallen. Das Kino wird zum Ort des Schreckens, das Filmische zum eigentlichen Horror an und für sich, und die Zerfließung von Kunst und Realität zum greifbaren Alptraum. Ein großartiger Film, der geschickt Grenzen aufhebt und dadurch verdammt lange in Erinnerung bleibt.

Santa Sangre [Alejandro Jodorowsky]

(Italien, Mexiko, 1989)

Und es geht immer noch ein wenig abgefuckter… zumindest, wenn Surrealismus-Pionier Alejandro Jodorowsky ins Spiel kommt. Im Gegensatz zu seinen früheren, eindeutig surrealen, symbolistischen und metaphysischen Trip-Filmen, geht Santa Sangre tatsächlich als astreiner – wenn auch ziemlich grotesker – Horrorfilm durch, der irgendwie, irgendwo zwischen Giallo, Hitchcock und surrealem Alptraum pendelt. Die Geschichte eines traumatisierten Jungen, der als Arm-Ersatz seiner Mutter zusammen mit dieser Frauen tötet, zu denen er sich hingezogen fühlt, ist ein schriller, abgründiger und visuell beeindruckender Alptraum zwischen kafkaeskem Wahn, pythonesker Farce und abstrusen Horror. Dario Argento wäre mindestens ebenso stolz auf diesen abseitigen Trip wie Luis Bunuel, Salvador Dali oder ein mutierter Bastard Alfred Hitchcocks. Alles andere als gewöhnliches Terror-Kino… und dabei so verdammt gut, dass man Jodorowsky am liebsten ein Denkmal bauen würde.

Der Horror-Alligator [Lewis Teague]

(USA, 1980)

Bodenständiger ist da schon der ziemlich prototypische Tierhorrorfilm Alligator, der neben Der weiße Hai (1975) mit zu den Hauptverantwortlichen für die Tierhorror-Welle der frühen 80er Jahre gehört. Babyalligator wird Abfluss hinuntergespült, entwickelt sich in der Kanalisation Dank genmutierter Nahrung (Hallo Ökobotschaft!) zum Monster und tritt schließlich wieder mordend und fressend an die Oberfläche. So weit so unspektakulär. Der Horror-Alligator ist aber abseits dieser unoriginellen Disposition ein verflucht spannender, mit schwarzem Humor gebrochener Monsterhorror-Film, in dem urbaner Schrecken und atavistischer Natur- und Tierterror perfekt zusammenfließen. Eine der wenigen positiven Ausnahmen, was die Verwurstung von Tieren im 80er Jahre Horrorkino betrifft, und trotz gewisser Altersfalten auch heute noch ein sehenswerter, geerdeter Horrorfilm.

Pfui Teufel – Daddy ist ein Kannibale [Bob Balaban]

(USA, 1989)

Dämliche Titelübersetzung für einen wirklich grandiosen Crossover-Bastard: Von der Gesellschaftssatire über das Drama über den Psychothriller über den Mystery-Flick bis hin zum handfesten Kannibalen-Horror darf Parents wild durch die Genres hüpfen und am Ende eben doch einen ganz und gar großartig, grotesken Alptraum fabrizieren. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der seine Eltern des Kannibalismus verdächtigt, steckt voller abstruser Ideen, inhaltlicher Daumenschrauben, dramaturgischer Brückenschläge & Überraschungen und fließt so angenehm unberechenbar, mal deprimierend langsam und düster,  mal sau komisch und verrückt, mal furios wild und mitreißend vor sich hin. Auch alles andere als ein gewöhnlicher Horrorfilm, eine permanente Gratwanderung zwischen Farce, abstraktem Psychologismus und Over the Top Carnivore Comedy und dabei stets mitreißend und unterhaltsam.

Već viđeno [Goran Marković]

(Jugoslawien, 1987)

Goran Marković zählt zu den großen Regisseuren des serbischen Kinos. Obwohl das Genre-Kino eigentlich nie sein Fall war, drehte er mit Već viđeno einen der wenigen Filme, die sich mit Fug und Recht als osteuropäische Horrorfilme bezeichnen lassen. Mit einem seltsamen, unangepassten Genre-Hybriden haben wir es hier trotzdem zu tun. Unangepasst in seiner politischen Aura, eingefangen in dunklen, pessimistischen Grau- und Brauntönen. Unangepasst in seinem Flirt mit dem amerikanischen Psychothriller, unangepasst in seinem Hitchcock-Momentum, aber auch unangepasst in der merkwürdigen, horrordramaturgisch erzählten Abwärtsspirale, die ihn vom Gesellschaftsporträt über das Psychodrama langsam hin zum paranoiden Alptraum – inklusive Gorefinale – führt. Viel mehr muss dazu auch eigentlich nicht gesagt werden, nur das hier schlicht Anschaupflicht gilt, nicht nur um eines der seltenen Exemplare des osteuropäischen Horrorkinos zu Gesicht zu bekommen, sondern auch weil Već viđeno ein faszinierender, abgründiger Trip in den Horror der sozialistischen/postsozialistischen Gesellschaft darstellt.


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