Happy Birthday, Akira Kurosawa

Wohl kaum ein anderer Regisseur konnte so geschickt westliche Narration mit östlicher Stilistik verbinden, wie der großartige japanische Regisseur Akira Kurosawa (* 1910; † 1998). Aus Klassikern der europäischen Kulturgeschichte wie Maxim Gorkis Nachtasyl (1901), Fjodor Dostojewskis Der Idiot (1868) und William Shakespeares Macbeth (1623) inszenierte er verwobene, verspielte Filme, große Epen und kleine, menschliche Geschichten. Dabei verbanden seine Filme immer historische Ereignisse mit aktuellen, zeitgeschichtlichen Fragen und universellen Topoi: So wie im Klassiker Die sieben Samurai (1954), in dem Eastern und Western eine fantastische Melange eingehen, während im Hintergrund Themen wie Ehre, Stolz und kriegerische Mentalitäten abgehandelt werden. Es ist kaum ein Zufall, dass dieser Film vom Westen nicht nur zahllos rezipiert sondern auch gleich adaptiert wurde, am stärksten wohl in dem Quasi-Remake Die glorreichen Sieben (1960).

Aber auch neben diesem viel beachteten Klassiker hat Kurosawa in seiner stolzen und üppigen Filmographie großartige Werke zu bieten. Wo beginnen? Bei dem düsteren Gesellschafts-Vexierspiel Rashomon (1950)? Beim großartigen Shakespeare-Transfer Das Schloss im Spinnwebwald (1957), das bis heute zu den besten Literaturverfilmungen des englischen Klassikers überhaupt gehört? Bei seinen 80er Jahre Epen wie Kagemusha (1980) oder Ran (1985)? Oder vielleicht sogar bei seinem surrealen – ziemlich atypischen und nichtsdestotrotz genialen – Spätwerk Akira Kurosawas Träume (1990)? Eigentlich bleibt es gleich: Bis heute habe ich jedenfalls noch keinen Ausfall erlebt, wenn ich mich einem Film dieser Regie-Legende gewidmet habe.

Jedes Werk von Akira Kurosawa steht in einer spannenden Linie und eröffnet zugleich neue Horizonte und Sichtweisen. Der Spagat zwischen West und Ost ist nie ein fauler Kompromiss, nie ein launiges Mashup, sondern offenbart immer das Bemühen, universelle Entwicklungslinien, Gemeinsamkeiten und Spannungen nachzuzeichnen. Das selbe trifft auch auf seine Kontrastierungen von Tradition und Moderne zu: Kurosawa modernisiert nicht einfach die Themen, derer er sich bedient: Er transferiert modernes und postmodernes Denken ebenso in traditionelle, kulturelle Topoi, wie er klassische Fragestellungen in ein modernes Licht rückt. Das macht die entstandenen Werke im besten Sinne untrendy, zeitlos, universell und dennoch immer aktueller Fragestellungen bewusst.

Und last but not least sollte nicht unterschlagen werden, dass seine Filme verdammt unterhaltsam sind, dass es ihnen gelingt, einen Bogen zu spannen von anspruchsvollem, geschichtsbewusstem Kunstfilm zu einer spannenden, actionreichen Blockbustertauglichkeit: Die epischen Kameraeinstellungen, die simultanen Erzählmechanismen, die perfekt choreographierten Kämpfe und die wunderbaren, emotionalen dramaturgischen Momente… all das qualifiziert Kurosawa eben auch zum Filmemacher für ein breites Publikum, das sich großen eskapistischen Fantasien hingeben will. Kurosawa ist einfach ein Brückenbauer des Kinos: Von West nach Ost, von Tradition zu Moderne, von Anspruch zu Unterhaltung, ohne dass dabei eines der Elemente verloren gehen würde. Ein Talent, dass er nur mit wenigen großartigen Regisseuren des 20. Jahrhunderts teilt.

Akira Kurosawa wäre heute 102 Jahre alt geworden, sein Werk indes ist ebenso jung und zugleich altersweise wie zur Zeit seines Entstehens.

——


Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>