Hörenswertes März 2012 II: Grimes, Gazpacho, Islet, Xiu Xiu, Terry Malts

Jetzt habe ich doch noch ausführlich und mehrmals Grimes gehört, einfach um wirklich was aktuelles bei den zweiten Hörempfehlungen für März dabei zu haben. Denn ansonsten stammen die rezensierten Alben doch primär aus den Vormonaten (was deren Qualität freilich nicht im geringsten schmälert). Ob der hippe Electro-Pop auf Visions hält, was der Hype verspricht, könnt ihr nach dem Klick lesen. Ergänzt werden kann so viel Trendyness nur durch knallharte Anti-Trends: Obwohl Neo-Prog irgendwie ziemlich tot ist, hatte ich eine gute Zeit mit Gazpacho, die irgendwo zwischen Anathema, Porcupine Tree und Dredg nach den verlorenen Höhen des neoprogressiven Himmels suchen. Terry Malts spielen 70er Fuzzie-Punk, wie er traditioneller nicht sein könnte, Xiu Xiu besinnt sich ebenfalls auf seine Experimental-Wurzeln, während die einzig wirklich, wirklich – verdammt so was von wirklich – originellen Klänge dieser Hörnswert-Runde von den grandiosen Islet stammen. Aber auch Unoriginelles kann hörenswert sein, wie eigentlich alle folgenden Alben unter Beweis stellen. Achja, es ist März, die Sonne scheint und es wird echt mal wieder Zeit für großartige Musik. Das Folgende dürfte die notwendige Ladung sein, um den Frühling würdevoll zu begrüßen…

Grimes – Visions

(Indigo, 09.03.2012)

Von Pitchfork bis Spex… bei Grimes scheinen sich mal wieder alle einig zu sein. Wenn derzeit Electro-Pop, dann diese reduzierte und zugleich versponnene Variante mit der glockenhellen Stimme (auf die auch Björk neidisch wäre), den zahllosen R’n’B-Anleihen und der konfusen Mischung aus hipper Eingängigkeit und 80er Reminiszenz. Das schlimme: So scheiße, wie ich das gerade finden will, klingt das eigentlich gar nicht. Okay, Grimes kann schon mitunter ganz schön nerven, wenn die Beats sich in ihrer eigenen Reduktion überschlagen, wenn die Natur hier das Autotuning zu übernehmen scheint und wenn catchy Techno-Pop sich mit experimentellen Ethno-Sounds vermählt. Aber der Nervfaktor wird dann eben doch ein ums andere Mal von herrlichen bis grotesken Momenten untergraben.

Joa… das hat schon irgendwas. Klingt, als ob es für die nächsten Monate tatsächlich der heißeste Electro-Scheiß sein könnte, besitzt neben dem Fast Food Aspekt genug Genuinität, um nicht ganz nach vergessen zu klingen und ist echt mal netter, gut gelaunter Hype-Pop. Die Maschine läuft auf jeden Fall, und Mitwippen kann und will ich mir diesbezüglich nicht ganz verkneifen. Trotzdem scheinen mir die Heiligenscheine, die Visions aufgesetzt werden doch etwas zu viel des Guten. Grimes klingt zwar nicht austauschbar aber doch ein wenig beliebig, nicht trendgeil, aber doch ein wenig nach Verbrauchsprodukt. Wie gesagt, wenn es  versponnener, verquerer und vor allem hipper, pulsierender Electro-Pop für den März sein soll, ist Zugreifen nicht verkehrt. Aus der tänzelnden, wummernden Hypnose aufgewacht, sehne ich mich jedoch nicht unbedingt nach dieser zurück.

Gazpacho – March of Ghosts

(Edel, 16.03.2012)

Ich muss ehrlich zugeben, dass mir die Skandinavier Gazpacho bisher noch kein Begriff waren. March of Ghosts macht aber durchaus auch auf ihre anderen Alben neugierig. Auf der Speisekarte steht Art Rock der verträumten und ethnopoppigen Sorte. Vielleicht ein wenig die Lücke schließend, die Dredg hinterlassen haben, seitdem sie Coldplay nacheifern. Entsprechend wabernd, besonnen und auch ein wenig prätentiös weinend geht es hier zur Sache. March of Ghosts sucht sich anhand von entschlackten Postrock-Stücken (Die 6 Minuten Grenze wird nie überschritten) einen Weg durch progressive Soundlandschaften, die zwischen emotionalen Wilson-Stücken, pathetischem Neo-Prog der Marke Marillion und epischem Art Pop pendeln.

Dank eines gewissen düsteren Einschlags und versponnenen, feingeistigen Soundwelten klingt das immer erlesen und spannend genug, um trotz fehlender Originalität bei der Stange zu halten. Mitunter meine ich sogar, die Qualität der großen Art-Pop Anathema-Werke herauszuhören. Auch wenn Gazpacho alles in allem dabei doch zu brav sind und den Pathos hin und wieder etwas zurückschrauben könnten, kredenzt Der Marsch der Geister ordentliches, nahrhaftes Futter für ausgehungerte Neo-Progger.

Islet – Illuminated People

(Rough Trade, 23.01.2012)

Und dann kommt ein kleines, unscheinbares Debüt daher und besitzt das Potential, die gesamte Musiklandschaft 2012 ordentlich durchzuwirbeln. Das Quartett Islet bedient sich schamlos in der Pop-Geschichte und kreiert daraus einen ganz eigenen Sound zwischen 80er Jahre Synthies, Noise, Psychedelic, majestätischen Postrock-Eruptionen, minimalistischen Lo-Fi-Sounds und mysteriöser, stimmungsvollen Folk-Eskapismen. Dabei ist der Eklektizismus hier nicht nur Anheizer für ein referenzgeiles, heterogenes Werk, sondern ordnet sich brav dem ungemein stimmungsvollen Sound unter, der sich derart erfolgreich in der Quadratur des Kreises versucht, wie es schon lange nicht mehr zu hören war.

Jepp, Experimentierfreude, Epik und Catchyness müssen sich keineswegs gegenseitig ausschließen, wie jeder einzelne der zehn Songs auf Illuminated People unter Beweis stellt: Mal dunkel, geheimnisvoll wabernd, mal offenherzig, mal nostalgisch schwelgend, mal stilverliebt und am Puls der Zeit… und durchgehend im besten Sinne des Wortes hipp und mitreißend. Indie Rock, Indie Pop, Dream Pop, in der schönsten disversifizierten, fragmentierten und erneut zusammengefügten Form. Bleibt zu hoffen, dass diese – immerhin schon vom NME geadelte – DWYW-Perle angesichts zahlloser Hype-Konkurrenten nicht untergeht. Islet haben es verdient, bei der Suche nach dem schönsten Debüt 2012 ganz vorne mitzuspielen.

Xiu Xiu – Always

(Universal, 24.02.2012)

Fast scheint es so, als wäre Jamie Stewart alias Xiu Xiu endgültig bei seinem Steckenpferd angelangt: Aggressiver, experimenteller Electro-Pop, der sich verspielten, eingängigen Rhythmen ebenso gerne hingibt wie verqueren, avantgardistischen Soundkonstruktionen. Doch halt, ganz so leicht macht er es uns auf Always dann doch nicht. Kurz bevor man sich mit dem Gedanken angefreundet hat, “nur” ein zweites Dear God, I hate myself! zu hören, treten auch schon wieder die Störfeuer auf den Plan. Und die bedeuten in diesem Fall, wieder etwas weniger Disco, weniger Tanzfloor und dafür mehr selbstdestruktive Verzerrungen. Dabei spannt Stewart mitunter den Bogen zurück zu seinen ganz frühen Werken, lässt den Electro Electro sein und flüchtet sich vor der Anbetung der Massen in dekonstruktivistische Klangeskapaden, Noise-Feuer und minimalistische Klavierakkorde, die von dem sich selbsthassenden Party-Gott nicht weiter entfernt sein könnten. Also wieder auf Anfang, zurück zur Konzeptlosigkeit als Konzept?

Nicht ganz… Fans der Pop-Xiu-Xiu dürfen an dieser Stelle erleichtert aufatmen. Auf der Suche nach neuen Klangwegen wird der Pop-Appeal der letzten Alben nicht geopfert, stattdessen wird deren Variation der Variation der Variation erneut variiert und es entstehen fragile Songs zwischen Schmerz, Sex und Hookline-Lust. Das reicht dieses Mal zwar nicht mehr für die Originalitäts-Medaille, ist aber wie schon auf den letzten Outputs höchst faszinierend und befriedigend. This way, the right way, wherever you go…

Terry Malts – Killing Time

(Slumberland, 21.02.2012)

Punk as Punk can… Auf Killing Time wird eine immer mal wieder für tot erklärte Subkultur auf konservativste Weise zum Leben erweckt. Roher, verpoppter Fuzz-Punk mit ordentlicher (Indie) Rock N Roll Attitüde und einem verschmitzten Grinsen Richtung 70’s basteln Terry Malts auf dem garagigen Debüt Killing Time zusammen. Das mag mit seinen Ramones- und Thermals-Anleihen nicht das Maximum an Originalität sein, beweist aber allemal, dass auch heutzutage Retro-Sound noch authentisch und echt klingen kann und nicht zwangsläufig als teure Downgrade-Veröffentlichung daher kommen muss.

Die Songs gehen ordentlich ins Ohr, werden in 2 bis 3 Minuten runtergefrühstückt und haben saubere, catchy Hooklines und coole, punkige Melodien mit an Bord. Wie gesagt, good old Punk, nicht mehr nicht weniger. Wer vom Revival-Rock noch nicht genug hat und zur Abwechslung mal was hören will, was wirklich ganz unverschämt einfach nur nach früher klingt (und eben nicht nach dem früher von heute… ihr wisst schon), sollte diesen unverbrauchten Straßenjungs eine Chance geben.

Ein Gedanke zu „Hörenswertes März 2012 II: Grimes, Gazpacho, Islet, Xiu Xiu, Terry Malts“

  1. Und schon wieder D.A.N.K.E. für den Hinweis auf Xiu Xiu, welche mir bis heute unbekannt waren. Das Video lassen wir mal (fast) so stehen… So sieht`s halt aus, wenn man daran glaubt, daß die DIY-Culture nur Positives hervorbringen kann. Artsy-fartsy.
    Die Musik ist toll!
    Wer sowas mag, sei mit Freuden auf ältere Bands wie FOYER DES ARTS (andere Schublade, aber kamen aus Berlin – müssen also gut sein!) oder den zahlreichen Nebenprojekten des WIRE Bassisten Edward Graham Lewis verwiesen. Dessen erfolgreichstes Projekt namens “He Said” fegt lässig so manchen heutigen Elektrokünstler aus dem mp3-Player. CDs : “He Said” (1986, Anspieltip: “I fall into your arms”) und “Hail!” (1989, Anspieltip: “Watch. Take. Care”).
    Ebenso seltsam versponnen sind oftmals die Werke von “Associates” (Zum Einstieg: “Club Country” von der 1982er LP “SULK”).
    Wer kennt noch sowas? Her damit…

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