52 Games, #7: Thema ‘Sex’ – Die Versuchung – Tender Loving Care (PC CD-Rom, 1997)

Gar nicht so einfach, ein Game zum Thema Sex in Spielen zu finden… Um ehrlich zu sein: Computer- und Videospiele sind im Grunde genommen ziemlich unsexy,: Die Babys werden meistens – wie in Super Mario World 2 – vom Klapperstorch gebracht, weibliche Protagonisten dürfen zwar wie in Tomb Raider sexy aussehen (zumindest wenn man von gewissen Klischeevorstellungen ausgeht), ein Sexleben wird ihnen in den meisten Fällen aber auch nicht zugestanden, und dann gibt es natürlich noch die klassischen Sex-Games, wie Leisure Suit Larry oder diverse Amiga Strippoker-Variationen, die sich aber auch gerade mal auf den verklemmten, pubertären Aspekt des Motivs konzentrieren und bestenfalls für pubertäres Gekicher gut sind. Klar, in neueren Games mag Erotik oder Sexualität hier und da eine kleine Rolle spielen, aber ein richtiger Vertreter der Marke Erotik-Game lässt sich auch heutzutage nicht finden.

Dabei teilt sich das Medium Spiel dieses Problem durchaus auch mit anderen Medien. Da nützt es dem Film auch nicht, dass er fast 100 Jahre Vorsprung hat. Auch die wirklich guten cineastischen Perlen mit Fokussierung auf Sex und Erotik lassen sich an ein paar Händen abzählen… selbst in der altehrwürdigen Literatur gibt es nur wenige monothematische Sex-Werke, die mich wirklich begeistern können: Miller zu öde pornografisch, Nabokov zu kitschig, Roche zu platt, und so weiter und so fort. Aber hier soll es ja um Games gehen und nicht um die generelle Problematik des Sexualitäts-Topos, und so krame ich ein wenig in meinen Erinnerungen und entdecke doch noch ein Spiel, das zwar kein Meisterwerk vor dem Herrn ist, das Thema aber doch recht spannend und intelligent umsetzt.

Tender Loving Care (1997), das mittlerweile immer noch als interaktive DVD durch diverse Online-Shops geistert stammt aus der kurzen – äußerst kurzen – Hochzeit des interaktiven Realfilms und hat im Gegensatz zu zahllosen seiner Genre-Kollegen nicht nur eine okaye Story zu bieten, sondern auch eine Form der Interaktivität, die sich wohltuend vom “Drücke den richtigen Knopf zur richtigen Zeit”-Prinzip abhebt. Geadelt wird der interaktive Erotik- und Psychothriller schließlich durch Sir John Hurt (1984, Der Elefantenmensch), der grandios spielend als Psychiater durch die Geschichte um Geheimnisse, Begehren und Verbrechen führen darf. Das besondere an Tender Loving Care ist, dass es keine Spielaufgaben im eigentlichen Sinne bietet. Neben dem Genuss der fortlaufenden Filmhandlung um eine attraktive Pflegerin, ein traumatisiertes Ehepaar und sexuelle Obsessionen hat der Zuschauer/Spieler die Möglichkeit, Hintergrundinformationen rund um die Handlung zu sammeln. Dies geschieht in einem dreidimensionalen Adventure-Szenario, das voll und ganz darauf ausgelegt ist, voyeuristische Bedürfnisse des Zockers zu befriedigen: Schubladen öffnen, in der Unterwäsche der Protagonisten stöbern, Tagebuch lesen, Fotos betrachten… all das offenbart peu à peu die gesamte Tragweite der Filmhandlung und befriedigt nebenbei noch den in uns wohnenden Spanner.

Neben diesem kontemplativen Moment, wird der voyeuristische Zuschauer aber auch mit sich selbst und seiner eigenen Position konfrontiert. Jedes Filmkapitel schließt mit – doch recht simplen – Psychotests ab, in denen der Spieler, Fragen zu seinen eigenen sexuellen Präferenzen beantwortet, Quasi-Rorschachtests entschlüsselt und Bilder interpretiert. So arbeitet im Hintergrund eine feingliedrige psychologische Studie, deren individuellen Ergebnisse den Verlauf der Handlung zumindest rudimentär beeinflussen, bis hin zum Ende des Films, von dem es gut ein Dutzend Variationen gibt.

Heutzutage mag Die Versuchung mit ihrem 90’s Erotikthriller-Charme, ihrem interaktiven Filmprinzip und ihren geringen Variationen etwas antiquiert wirken. Wem Heavy Rain zu wenig Spiel und zu viel (flache) Story ist, der wird auch mit diesem Thriller nicht glücklich werden, aber als Schaukasten der Ideen und Variationen eines mittlerweilen – Gott sei Dank – beinahe toten Genres eignet sich Tender Loving Care allemal, zumal es zu den besseren Vertretern seiner Zunft gehört. Ich hatte damals auf jeden Fall durchaus ein paar vergnügliche Stunden mit dem Psychotest/Erotikthriller/Adventure Hybriden, die Story war auch nicht flacher als zum Beispiel bei – dem völlig überhypten – Basic Instinct, und Schauspielleistung, Ambiente und Atmosphäre waren für ein Spiel dieser Art mehr als okay. Wie gesagt, kein Meisterwerk, aber angesichts der anhaltenden Dürre, was erotische, sexuelle Games betrifft, durchaus einen Blick wert.

Dieser Artikel ist ein Teil des 52-Games-Blogprojekts von Zockwork Orange: Jede Woche wird ein neues Thema gestellt, zu dem sich die teilnehmenden Schreiber einem speziellen Spiel ihrer Vergangenheit oder Gegenwart widmen können.

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