Empathie und Neugierde als Konzept – Alexander Kluge zum Achtzigsten

Ich würde gerne behaupten, dass mein erster Kontakt zu Alexander Kluge im Schauen des Meisterwerks Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos (1968) bestand, oder im Lesen des Klassikers Öffentlichkeit und Erfahrung (1972). Ich befürchte aber, dass ich wie so viele andere meiner Generation auf Kluge zum ersten mal im Fernsehen gestoßen bin. Und sei das nicht schlimm genug auch noch im Privatfernsehen, irgendwann im Nachtprogramm beim Zappen zwischen Tutti Frutti und Schulmädchen-“Reportagen”… und wahrscheinlich ebenfalls verbunden mit der Frage: “Was soll das? Ich will Stoff für meine frühpubertären Hormone, keinen Mann, der im Mönchskostüm zum fünften Evangelium befragt wird!” Der Mann im Mönchskostüm war Peter Berling, und Alexander Kluge existierte seinerzeit für mich nur als Stimme hinter der Kamera, die mit skurrilen und intelligenten Nachfragen den Historiker in seiner Rolle immer wieder ordentlich in die Bredouille brachte.

Dank dctp hat sich Alexander Kluge – auf so vielen verschiedenen Ebenen der große Unbekannte des deutschen Kulturbetriebs – in das Gedächtnis einer ganzen Fernsehgeneration eingeschrieben. Ich gehe mal davon aus, dass ich nicht der einzige bin, der ihn lange Zeit nur auditiv wahrgenommen hat: Als intellektueller Fragesteller, als dekonstruktiver Interviewer, als verspieltes, neugieriges Sprachrohr und Brückenbauer zwischen bürgerlicher Hochkultur, Frankfurter Schule und postkultureller Sprengkraft. Und irgendwie ist er genau das lange für mich geblieben. Auch wenn Alexander Kluge an seinem 80. Geburtstag von diversen Feuilletons – auch angesichst seines neuen Buches Das fünfte Buch: Neue Lebensläufe. 402 Geschichten – primär als Schriftsteller gefeiert wird, verknüpfe ich ihn doch bis heute vor allem mit dem Medium Fernsehen.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass ich nach anfänglicher Ablehnung und späterer – länger anhaltender – Irritation an dctp dran geblieben bin, an diesem wunderbaren Störfaktor im Privatfernsehen, der gar nichts, aber wirklich gar nichts mit dem klassischen Programm von RTL, Sat1 und VOX gemein hat, auf denen er regelmäßig im Nachtprogramm ausgestrahlt wird. Die Formate 10 vor 11, News & Stories, die Musikmagazine, die Interviews und natürlich auch die kruden Rollenspiele mit Peter Berling und Helge Schneider sind Bildungsfernsehen par Excellence, mehr als das: Sie sind leidenschaftliche Aufklärung, kulturelles Spiel, interdisziplinäre Wissenschaftsreise und ästhetisches

Die dctp-Sendungen leben zu großem Teil von der Neugier Alexander Kluges, der in seinen Interviews weder kulturelle noch gesellschaftliche noch akademische Schranken kennt. So gehören zu dem unfassbaren Themenpool der einzelnen Sendungen sowohl akademische als auch profane, humoreske und ernste Inhalte. Wo sonst wird schon in einer Folge die Macht der Viren analysiert und in der nächsten über verschiedene Sorten Mineralwasser fabuliert, während im folgenden Beitrag das antike Griechenland oder die Detroider Techno-Szene im Mittelpunkt steht. In Alexander Kluges gewitzten, Brücken schlagenden Interviews lösen sich die Grenzen zwischen Intellektualität und Banalität auf, Pop- und Hochkultur fusionieren und spitzfindiger Witz trifft auf existenzielle Themen.

Nachdem mein Kontakt mit dieser großartigen Form von intelligentem und dennoch unterhaltsamem Fernsehen lange Zeit in der Rezeption bestand, bin ich derzeit in der glücklichen Lage, hinter den Kulissen zu arbeiten und damit zumindest einen kleinen Einblick in die Welt Alexander Kluges zu erhalten. Bei schneevonmorgen arbeite ich technisch und redaktionell an dctp.tv mit, und auch auf die Gefahr hin, dass das hier dadurch wie eine schamlose Werbeoffensive rüberkommt: Es ist einfach großartig zu sehen, wie auf diesem webTV-Kanal die verschiedensten Filme aus der mittlerweile 24jährigen Existenz von dctp zusammenkommen.

Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte: Bei den großartigen Sendungen zu Ländern und Kontinenten? Die Hinterfragung des Kannibalismus-Mythos des Afrikas des 20. und 21. Jahrhunderts, die Untersuchung von 5000 Jahren chinesischer Kultur und die Auseinandersetzung mit den Japanischen Samurai? Oder doch die historischen Beiträge? Jesus in der Hölle, Mord als machtpolitisches Instrument im alten Rom und die Erschließung der Sprache im Mittelalter? Oder die naturwissenschaftlichen Beiträge: Sexualität der Bienen, Lernen aus neurowissenschaftlicher Sicht, die Poesie der evolutionären Mimikry? Vielleicht auch ein wenig Astronomie, Kapitalismusanalysen, Sport-Poesie oder Opern-Interpretationen? Es ist schon beeindruckend, wie die verschiedenen dctp.tv-Sendungen vom Großen zum Kleinen und wieder zurück finden.

Mit seiner Art Fernsehen zu machen inszeniert Alexander Kluge die Quintessenz der menschlichen Neugier als mediales Gesamtkonzept. Dank seiner Empathie und seinem Interesse, die dazu führen, dass er Manga-Cosplayerinnen ebenso ernst nimmt wie Mathematiker und Roboterfreunde, finden die Interviews immer die Richtige Balance zwischen dem Eintauchen in die Welt des Interviewten und dem Brückenschlag zu anderen Disziplinen. Natürlich könnte man hin und wieder versucht sein, es als prätentiös zu bezeichnen, wie Kluge darum bemüht ist Verbindungen zwischen den Künsten und Wissenschaften herzustellen, juristische Fragen dazu nutzt, über religiöse Themen zu philosophieren oder bei einem Sommelier zur politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts wandert… wenn es nicht immer so unglaublich gewitzt, tiefsinnig, hintersinnig und vor allem erhellend wäre.

Ja, es gäbe zu Alexander Kluge noch weitaus mehr zu schreiben als nur der Freude an seinen dctp.tv-Sendungen Ausdruck zu verleihen: Die Bücher, die Filme, den Einfluss auf die Kultur des 20. und 21. Jahrhunderts… Man würde zu keinem Ende kommen. Und so verbleibe ich an dieser Stelle bei einer tiefen Verbeugung vor dem großartigen Konzept und der fantastischen Umsetzung der dctp-Sendungen. Herzlichen Glückwunsch Herr Kluge, beschenken sie uns bitte weiter mit vielen tollen Interviews, faszinierenden Musikmagazinen und natürlich auch abstrusen Rollenspielen mit ihren Freunden.


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