Zum zehnten Todestag von Astrid Lindgren…

Die Brüder Löwenherz > Mio mein Mio > Ronja Räubertochter > Pippi Langstrumpf > Michel > Wir Kinder aus Bullerbü…

…zumindest meiner Meinung nach. Ich denke, ich kann auch ziemlich gut verorten, warum ich das so sehe. Astrid Lindgren war auf jeden Fall eine große Autorin, eine der talentiertesten, empathischsten und poetischsten Kinderbuchautoren des 20. Jahrhunderts und weit darüber hinaus. Die 1907 geborene und 2002 gestorbene Erzählerin hat mit ihren Büchern – und zum großen Teil auch deren Verfilmungen – das gesamte Jahrhundert geprägt. Kaum ein Kind, dass nicht schon mal von Pippi Langstrumpf (1945) und deren Verfilmungen aus den späten 60ern und frühen 70ern gehört hat, kaum ein “Lausbub” der sich nicht Michel aus Lönneberga (seit 1963) zum Vorbild genommen hat, und kaum jemand der nicht mit Wir Kinder aus Bullerbü (1947) wunderbar nostalgische Moment durchlebt, unabhängig davon, ob diese wunderbaren Erzählungen tatsächlich seine eigene Kindheit widergespiegelt haben.

Dabei gibt es offensichtlich zwei Sorten von Lindgren-Rezipienten: Die, die ihre “schlichten”, realistischen und nostalgischen Kindergeschichten wie eben Michel preferieren, und die, die Lindgren besonders als Märchenerzählerin schätzen (Die, die mit Astrid Lindgren gar nichts anfangen können, lasse ich mal außen vor. Denn das können nur böse Menschen sein). Ich zähle mich definitiv zur zweiten Kategorie, und das aus gleich mehreren Gründen: Im Gegensatz zu den sehr kindgerechten, mitunter fast naiven Geschichten um Bullerbü, Michel und Pippi leben die Märchen Lindgrens von einer omnipräsenten, dunklen Seite, die vor allem daraus resultiert, dass sie keine Angst davor haben, Kinder mit ernsten Themen zu konfrontieren. So wie mein Lieblingswerk, ein regelrechtes Spätwerk, Die Brüder Löwenherz (1973):

In diesem Werk geht es um den Tod. Verpackt in eine wundervolle Märchenhandlung, keine Frage, aber doch ohne Kompromisse, ohne den Lesern etwas vorzugaukeln. Der todkranke Karl verliert seinen Bruder Jonathan, als dieser ihm das Leben rettet, nur um ihm kurz darauf zu folgen, als er seiner Krankheit erliegt. Die folgende, im zuvor vom Bruder entworfenen Land Nangijala treffen sie sich wieder, erleben als Brüder Löwenherz Abenteuer und wechseln schließlich gar ihre Rollen. Dabei arbeitet das Märchen sowohl auf einer psychologisch symbolischen als auch transzendental, abstrakten Ebene und nimmt dabei die Ängste und Sorgen von Kindern (Krankheit, Tod, Schwäche) mehr als ernst, ohne sie in ein zuckersüßes Korsett zu kleiden. Ganz ähnlich funktioniert auch die dunkle parabolische Fantasy-Geschichte Mio mein Mio (1954). Mit unglaublichem Gespür für Poesie thematisiert Lindgren hier die Sehnsucht eines Kindes nach seinem Vater, nach fernen Welten, mit transzendentalen Erlösungsfantasien.

Beide Märchen strahlen eine ungemein, poetische, fast schon sakrale Ruhe aus und besitzen dennoch in ihren dunklen Momenten eine unfassbare Spannung. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Kind von den Geschichten um die Brüder und den tapferen Mio begeistert, verzaubert aber auch verängstigt wurde. Ich habe sie nicht einfach nur gelesen, sondern regelrecht verschlungen und auch die – die Atmosphäre der Bücher erstaunlich gut einfangenden – Verfilmungen zitternd, strahlend, weinend erlebt. Das besondere ist nicht nur die Ernsthaftigkeit der Themen, mit denen Lindgren arbeitet, sondern auch die Art, wie sie Kinder direkt anspricht… respektvoll. Ihre Märchen gehören zu meinen wenigen literarischen Kinderbuch-Erlebnissen, bei denen ich mir in jungen Jahren nicht verarscht oder herablassend behandelt vorkam. Astrid Lindgren bringt sowohl ihren Protagonisten als auch Lesern ungemein viel Empathie entgegen und beweist mit jeder Zeile, dass sie spürt, dass Kindern weitaus mehr zuzutrauen ist, als Erwachsene gemeinhin glauben: sowohl inhaltlich als auch atmosphärisch als auch thematisch als auch sprachlich.

Es ist gerade dieser Umstand, der sie von zahlreichen Kinderbuchautoren ihrer und unserer Zeit abhebt. Wie oft versuchen sich Schreiberlinge an die Sprache der Jugend anzubiedern, wie oft scheitern sie dabei, indem sie entweder eine seltsame Mischung aus ihrer Kindersprache mit aufgeschnappten, aktuellen Klischees kreuzen. Wie oft werden Kinderbücher herablassend, jovial, respektlos, weil sie ihr Publikum ansprechen, als halte es sich bei diesem um retardierte Dreijährige. Es ist ein Unding, wie oft Autoren von Kinderbüchern – aus Angst davor, ihr Publikum zu überfordern – zu nervtötenden, Pädagogen werden, erhobener Zeigefinger und respektlose, Dumm-Didaktik inklusive. Bei Astrid Lindgren war das nie der Fall. Auch das wirkliche Spätwerk Ronja Räubertochter (1981) scheut keine dunklen, unheimlichen Momente und ernste Themen. Der Konflikt zwischen den Räuberbanden wird dort aus der Sicht der Kinder geschildert, allerdings nicht als kopfschüttelnder, nicht verstehender Blick auf die Erwachsenenwelt, sondern als versöhnende, universell gültige Auseinandersetzung mit irrationaler Kriegstreiberei schlechthin.

Dieser Mut zum Dunklen, Parabolischen und auch Anspruchsvollen hebt alle Märchen Lindgrens von dem nostalgischen, mitunter allzu naiven Optimismus ihrer Michel/Pippi/Bullerbü/Karlsson Erzählungen deutlich ab. Auch wenn diese ebenfalls ohne Zweifel ihre Qualitäten haben, auch wenn ich mich noch so gerne – verbunden mit der obligatorischen Wehmut – an Pippi Langstrumpf und Konsorten zurückerinnere, ziehe ich die “reifen” Fantastereien von Mio, den Brüdern und Ronja diesen doch jederzeit vor. Astrid Lindgren ist in ihren Märchen nicht einfach Kind geblieben, sondern setzt sich auf einer hohen Reflexionsebene mit Themen der Kindheit und des Alters auseinander. So erlangen die erwähnten Märchen einen universellen Status, einen Zauber, der sich jedem Alter erschließen kann, ein Zauber der in ihren symbolistischen, parabolischen Märchen am besten zum Ausdruck kommt. Über ihr Œuvre schrieb Astrid Lindgren:

Das einzige, was ich hier auf Erden zustande gebracht habe, sind eine Menge Einfälle, und es ist mir selber rätselhaft, wie man so unentwegt mit lauter, zum Teil überdies noch recht verschrobenen Einfällen leben und fast sterben kann.

Ein viel zu bescheidener Kommentar einer Autorin, deren Werk die Kindheit und Begeisterung für Literatur vieler maßgeblich geprägt hat, die vollkommen zurecht Namensgeberin für einen der angesehensten Literaturpreise ist und deren Werke – insbesondere die Märchen – generationsübergreifend und hoffentlich auch Zeiten überdauernd wirken und verzaubern können.


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