Die 90er Jahre: Die besten Progressive Metal Alben des Jahrzehnts II

Sorry @ all und vor allem sorry an Rinko: Einmal geht es noch durch die Prog-Hölle. Der Progressive Metal hat wohl vor allem das Problem, dass er nie populär, nie trendy war und damals in den 90ern in seiner “Frühphase” bereits antiquiert wirkte. Kein Wunder: Der Progressive Rock hatte zwar seine kurze Hochphase in den 70ern, wurde aber schnell zur Blaupause für pathetischen, anstrengenden, selbstverliebten Rock N Roll ohne coole Attitüde. Der Punk als Quasi-Gegenbewegung zog an seiner Antipode dementsprechend schnell vorbei, setzte Trends und verbannte die Progger auf die hinteren Bänke der Musikgeschichte. Dort wurde dann insbesondere in den 80ern eine Menge musikalischer Müll verbrochen. Auch der Metal gewann in den 90ern sukzessive den Ruf alles andere als cool zu sein: Eher überholt, konservativ, dogmatisch… Die trendbewussten Kids wanderten zum Hip Hop, die Geeks gaben sich dem Grunge und später immer mehr der elektronischen Musik hin. Logisch, dass die Fusionierung zweier eher unpopulärer Genres nichts weiter als ein weiteres unpopuläres Subgenre hervorbringen konnte, zumal der Progressive Metal bereits damals – wie schon im ersten Teil erwähnt – im Vergleich zum Extreme und Avantgarde Metal ziemlich brav und bieder klang. Anyway… er hatte seine Perlen. Vielleicht nicht als Trendsetter, vielleicht nicht als schicke Profilierungsmucke, aber allemal zum Genuss zu Hause oder aber auch auf diversen Metal-Festivals (zusammen mit den anderen Outsidern). Hier kommen sie: Noch einmal Proto-Prog-Pathetisches von Dream Theater, Düster-Pathetisches von Opeth, Pathetisch-Pathetisches von Symphony X und Ayreon sowie verquast Groovy-Pathetisches vom Liquid Tension Experiment und Pain of Salvation.

Pain of Salvation – Entropia

(Avalon, 1997)

Hatte ich gerade bieder gesagt? So klingen Pain of Salvation auf ihrem Debüt ganz und gar nicht. Statt klassischem Progressive Metal hagelt es disversifizierte Polyrhythmen, herzhafte Dissonanzen und eine nicht zu leugnende Punk-Attitüde, die trotzdem in ein festsitzendes Progressive Calculatet Concept eingebettet wird. Entropia ist ein opulentes Konzeptalbum, das keine Angst vor der Annäherung an Indie und Rock N Roll besitzt und damit den Prog auf einem erstaunlich trendigen Stadium präsentiert. Dank jazzy funky Interludes, wahnwitzigen Tempowechseln und viel Schmackes gestalten sich die drei Kapitel der Krieg- und Familiensaga nie zu theatralisch, nie zu cinemascopisch und können immer wieder ein fettes Grinsen aufs Gesicht zaubern. Eine direkte Blaupause für spätere Mars Volta Prog-Eskapaden und ein amtlicher Ritt durch Rock, Funk, Pathos, Jazz… und alles was danach kommt.

Opeth – My Arms, your Hearse

(Candlelight, 1998)

Opeth haben sich in den 00ern sukzessive zu Königen wenn nicht gar Göttern des Neo Progressive Metal aufgeschwungen. Auf ihrem Frühwerk My Arms, Your Hearse sind die unverkennbaren Trademarks ihres eigenständigen Dark Progressive Metal bereits vorhanden und werden trotz simpler Produktion in aller Pracht ausdefiniert. Harte Gitarrenriffs treffen auf folkloristischen Pathos treffen auf transzendentalen Erlösungseifer treffen auf mystische Black Metal Strukturen treffen auf einen subtilen, mitunter emporkletternden Gothic Touch. Dass das mehr ist als die x-te Version von Metal meets Progressive versteht sich von selbst. Opeth spielen in ihrer ganz eigenen dunklen, geheimnisvollen – aber auch pathetischen – Liga, zaubern, spielen, mystifizieren mit Klängen und treffen exakt die Balance von meditativer Folk-Symphonie und schwarzer, offensiver Härte. Nicht nur ein wegweisendes Album für die Band sondern für das gesamte Genre.

Dream Theater – Image and Words

(Atco, 1992)

“KLASSIKER” schreien sie alle… und haben damit natürlich recht. Image and Words gehört nicht nur zu DEN prototypischen Alben des Progressive Metal Genres sondern wird auch regelmäßig bei Best-Of-Listen der härteren 90er Jahre Musik weit, weit, weit nach oben gepackt. Und auch wenn ich Awake Dank seiner Catchyness vorziehe, und auch wenn mir der Pathos des traditionellen Traumtheaters oft zu viel ist, kann ich dieses Album hier nicht unerwähnt lassen. Image and Words kreuzt das verspielte Moment des 70er Progressive Rock mit Folk sowie traditionellem Metal und Hard Rock der 80er und 90er Jahre. Hinzu kommt ein ordentliches Gespür für den Pathos des Neo Prog und für die Möglichkeiten des epischen, musikalischen Arrangements. Das schwingt dann zwischen Konzert, Musical, Musik-Epos und großen – wirklich großen – Brüchen, die das ganze Potential der Band offenbaren. Manchmal zu selbstverliebt, zu verquast, manchmal zu bieder, zu harmonisch, aber alles in allem ein verdienter Klassiker des Genres, an dem man als Progressive Metal Hörer nicht vorbei kommt und der auch heute noch mindestens als Einführung in die Welt des Progressiven Metal perfekt geeignet ist. Und an dieser Stelle sei noch ganz kurz – um die 90er Dream Theater Essentials zu komplettieren – die wirklich großartige EP A Change of Seasons (1995) erwähnt, die ich mir beizeiten weitaus lieber anhöre als Image and Words und die zusammen mit der Awake und eben diesem Klassiker eine Dream Theater Sammlung für die 90er Jahre perfekt vervollständigt.

Symphony X – The Divine Wings of Tragedy

(Zero Corporation, 1997)

Trotz seines noch jungen Alters ist The Divine Wings of Tragedy so etwas wie ein Musterbeispiel konservativen, traditionellen Progressive Metals der 90er Jahre. Das muss allerdings keineswegs was Schlechtes sein, und ist es in diesem Fall auch nicht. Symphony X spielen eine aufgebauschte, theatralische, pathetische und dennoch mitreißende Mischung aus Power Metal, Space Rock und Neo Prog, der mitunter wie eine metallene Version von Marillion klingt. Dabei steht vor allem die Opulenz immer im Mittelpunkt, bis zum großen Drama, bis zum Schmerz. Das dürfte so manchem Hörer zu viel sein, wenn ohne Unterlass große Gefühle und cinemascopische Welten heraufbeschworen werden. Aber es funktioniert: Symphony X sind so etwas wie die Disney- und Hollywood-Version des klassischen Progressive Metals: Alle Trademarks werden bedient, alle Klischees werden ausgeschlachtet und in ein homogenes, episches Gesamtkonzept gebunden. Das muss man nicht mögen, Respekt hat diese Finalisierung des traditionellen Genres aber allemal verdient.

Ayreon – Into the Electric Castle

(Transmission, 1998)

Noch so ein Hollywood Progressive Metal Album der späten 90er Jahre… vermutlich sogar noch konsequenter als Symphony X mit ihren tragischen Flügeln. Multiinstrumentalist und Multitalent Arjen A. Lucassen begnügt sich bei seinem Ayreon-Projekt nämlich keineswegs mit den Grenzen des Progressive Metal sondern wagt immer Schlenker Richtung Space Rock, Opera Rock, Fusion, Blues und Alternative. Das klingt dann trotz epischer Länge und stetigem Fluss mitunter nach Queen, die zusammen mit Muse und Dream Theater nach der Quadratur des Kreises suchen und irgendwie alles und jedes Genre im Progressive Metal Geschenkpapier verpacken wollen. Bei so viel sakraler Epik dürfen große Namen natürlich auch nicht fehlen. Mit an Bord sind unter anderem Fish (Marillion) und Anneke van Giersbergen (The Gathering). Into the Electric Castle ist ein überambitioniertes Space Metal Epos, das gerade wegen seiner unverfrorenen Opulenz bestens unterhält, unglaublich viel Spaß macht und perfekt für große Rock N Roll- und Metal-Gottesdienste geeignet ist. Allzu ersnt nehmen sollte man es allerdings nicht, sonst fällt man ehe man sich versieht hinein in den Pathos des progressiven Selbstgerechtigkeits-Sumpfs.

Liquid Tension Experiment – Liquid Tension Experiment

(Magna Carta, 1998)

Attention please… Progressive Metal Supergroup ahead. im Liquid Tension Experiment tummeln sich Mike Portnoy, Jordan Rudess und John Petrucci (Dream Theater) sowie Tony Levin (King Crimson)… Any questions still? Okay, vielleicht sollte doch noch erwähnt werden, dass hier keinesfalls 90er Progressive Metal Pathos mit 70er Crimson ergänzt wird. Stattdessen ist das Experiment der flüssigen Spannung (WTF!?) eine instrumentelle Fusion-Oper, bei der Zappaeskes in Kombination mit Clowneskem und ja!, auch Pathetischem einen ganz eigenen Post-Progressive Metal Soundtrack ergibt. Für Leute, die nix mit klassischem Fusion-Jazzrock anfangen können wahrscheinlich zu gewöhnungsbedürftig. Und für die traditionsbewusste Dream Theater Anhängerschaft zu durchgeknallt. Für alle dazwischen – und dahinter und darüber und so weiter – eine wunderbare Instrumental Metal Erfahrung zwischen nervösem Geschwurbel, hektischer Music-Masturbation und überdrehtem Jazz-Irrsinn. Vielleicht das ungewöhnlichste Progressive Metal Experiment der damaligen Zeit, gerade weil so traditionsbewusst, das es sowohl Dream Theater als auch all die anderen 90er Prog-Epigonen gnadenlos ausbremst und sich mit knackiger Metal-Attitüde im klasischen Fusion und Instrumental-Rock der 70er Jahre suhlt.

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