Die 90er Jahre: Die besten Progressive Metal Alben des Jahrzehnts I

Achja… der Progressive Metal: Die Verbindung von klassischem Prog und Heavy Metal hat sich tatsächlich erst Ende der 80er Jahre etablieren können und anschließend Dank Bands wie Dream Theater die gesamten 90er Jahre mal mehr mal weniger erfolgreich beglückt. Dabei wirkte diese Nische des Metal damals schon merkwürdig antiquiert, nicht zuletzt auch weil die 90er Jahre die Geburtstunde des Extreme und Avantgarde Metal bedeuteten, gegen den der Progressive Metal schon ein wenig traditionell – beinahe konservativ – daherkommt. Aber große Werke hat er nichtsdestotrotz hervorgebracht: Natürlich Klassiker wie Psychotic Waltz, Threshold und wahrscheinlich am prominentesten Dream Theater, aber auch so manche Ausreißer aus anderen Genres, wie Devin Townsend, der mit Biomech dem Industrial Speed Metal den Rücken kehrte, oder aber auch Agalloch, die Gothic Metal mit Folk und Postrock ergänzten und die etwas in Vergessenheit geratenen Voivod, die mit der Fusion von Prog und Post Punk selbst in dieser Nische einen gewissen Sonderstatus innehatten. Auch dieses Mal reichen die Highlights für zwei Artikel, und die erste Fuhre folgt nach dem Klick.

Psychotic Waltz – A social Grace

(Sub Sonic, 1990)

Neben Dream Theater und Pain of Salvation zählen Psychotic Waltz zu den Pionieren des 90er Jahre Progressive Metal. Ihr noch stark vom 80er Jahre Heavy Metal inspirierter Sound bedient sich geschickt bei zahllosen progressiven Stilrichtungen, insbesondere der frühen 70er Jahre. So schielen die zahllosen Tempowechsel sowohl der Groove in zahllosen Songs immer ein wenig Richtung Led Zeppelin, während die Folk- und Klassik-Einflüsse auf frühe King Crimson sowie Jethro Tull verweisen. Das aus diesen Wurzeln entwachsene Debüt A social Grace ist ein roher, mitunter noch unentschlossener und gerade deswegen so großartiger Hybrid aus Heavy Metal, technischen Frickeleien und tiefgreifender, mitreißender Atmosphäre. Das perfekte Album um den Übergang vom zaghaften Progressive Metal der 80er Jahre zum experimentierfreudigen Prog der 90er zu markieren und trotz einiger Jahresringe auch heute noch ein Meisterwerk vor dem Herrn.

Dream Theater – Awake

(East West, 1994)

Okay… zugegeben, ich bin nicht der größte Dream Theater Fan auf Gottes Erde. Der Vorwurf der musikalischen Masturbation? Mitunter berechtigt, aber geschenkt. Was mich tatsächlich am meisten an der Speerspitze des 90er Jahre Progressive Metal stört, ist dieser stellenweise unerträgliche Pathos, der sich ungeniert bei Power- und Heavy Metal Größen bedient und gerne auch mal ins Peinliche abdriftet. Awake ist trotzdem groß, richtig groß. Mag es daran liegen, dass der progressive Narzissmus auch mal links liegen gelassen wird und stattdessen eingängige, chorale Hooklines die Ohren ihrer Hörer umschmeicheln. Mag es an der etwas härteren, düsteren Auslegung des Sounds im Vergleich zum Vorgänger “Image and Words” liegen… Ich glaube letzten Endes liegt es primär daran, dass Awake wohl tatsächlich mein erstes Progressive Metal Album überhaupt war: Ein Album, das mir damals in noch jungen Jahren einen ganz neuen Horizont an komplexer und dennoch rockender Musik eröffnete, das seitdem mindestens einmal im Jahr herausgekramt werden muss, um mich mit pathetischen Hymnen und verfrickelten Metal-Masturbationen zu verzaubern. Dream Theater mögen während ihrer Karriere ne Menge Mist fabriziert haben, aber Awake fetzt… auch heute immer noch.

Agalloch – Pale Folklore

(The End, 1999)

Arghhh… Schubladen zu viele Schubladen… Gut und gerne hätte ich Agalloch auch zum Gothic Metal, vielleicht sogar zum Avantgarde packen können. Egal, jetzt sind sie hier drin und fühlen sich zwischen den anderen Progressive Metal Bands auch sichtlich wohl. Auf Pale Folklore spielen die mysteriösen, mythologieverliebten Amerikaner eine spannende Mischung aus Doom, Folk, Gothic und reichen diese mit einem gehörigen Schuss Metal-Pathos, Death und Black Aggressivität sowie postrockigen Spannungskurven an. Das ist elegisch groß, düster, in sich selbst schwelgend und dabei immer wieder Grenzen überschreitend. Eine monolithische, opulente Progressive Wundertüte, die auch Dream Theater Verweigerern gut schmecken dürfte.

Devin Townsend – Ocean Machine: Biomech

(HevyDevy, 1997)

Devin Townsend? Den habe ich ja mit seinem damals noch irgendwie als Hauptprojekt angesehenen Strapping Young Lad Album City bei den Extreme Metal Alben ordentlich abgefeiert. Mit Ocean Machine betritt der Speed-Metal-Virtuose neue Pfade und nimmt damit nach eigener Aussage eines seiner persönlichsten Alben überhaupt auf. Und wie klingt es, wenn der harte, industrielle Sound seiner Combo von Ambient und Hard Rock aufgeweicht wird? …Fast wie klassischer Progressive Metal. Naja, wie gesagt fast. Irgendwie schwebt Townsend dann doch in seinen ganz eigenen Sphären, begleitet von opulenten Walls of Sounds, getragen von elegischen Riffs und mit seiner beeindruckenden Stimme musikalische Gottesdienste zelebrierend. Jepp, Ocean Machine klingt, als ob es in einer verdammten Kirche aufgenommen worden wäre; nicht einfach nur elegisch sondern geradezu sakral, wie eine stilverliebte, experimentierfreudige Progressive Metal Predigt. Ein erhabenes, großes und überdimensioniertes Album, dessen Megalomanie es über ein “nur persönliches Werk” weit hinaushebt, über die Wolken bis hin zu einem eskapistischen, postprogressiven Sound, der mit zum Besten gehört, was die 90er Jahre an opulenter, größenwahnsinniger Musik zu bieten haben.

Voivod – Angel Rat

(MCA, 1991)

Vom Prediger zu den Anarchos des Progressive Metal. Voivod kredenzen mit Angel Rat eine ganz und gar originäre Mischung aus Post Punk, Heavy Metal, Progressive und Industrial Space Rock, der sie zu der perfekten Beschallung von jeder Cyberpunk-Fete werden lässt. Im Gegensatz zu vielen, vielen anderen progressiven Metal Bands der 90er Jahre reicht ihr Blick nicht nur zu Pink Floyd, King Crimson und Led Zeppelin sondern weit über diesen Tellerrand hinaus. So meint der verblüffte Hörer mitunter plötzlich The Cure, The Smiths und The Clash im Sound der Kanadier wieder zu entdecken, während die dichten Soundlandschaften des Metals den Indie-, Gruftie- und Synthie-Pop der frühen und späten 80er Jahre umgarnen. Das Ergebnis ist ganz und gar atypischer Progressive Metal, der auch dem Indie Hörer und Hipster um die Ecke gefallen dürfte, obwohl dieser für metallische Progressive Masturbation ansonsten nicht viel übrig hat.

Threshold – Extinct Instinct

(InsideOut, 1997)

Progressive Power Metal der Marke UK… Ähnlich wie Psychotic Waltz sind die Briten Threshold tief in der Vergangenheit der progressiven Musik verankert. Der Pathos ihrer verträumten Songs erinnert nicht selten an den Neo Progressive der 80er Jahre, um dann immer wieder den Schlenker Richtung Proto Prog Metal zu finden, wie er von Queensryche praktiziert wurde. Und sonst? Verschwurbelte, spielfreudige Keyboard-Versatzstücke, glockenheller Power Metal Gesang, schwere Riffs… Threshold gehören beileibe nicht zu den Innovatoren des Genres. Wie sie aber die Einflüsse ihrer Vorbilder interpretieren, verdient Beachtung. Die elegischen, meditativen Passagen verschmelzen perfekt mit den harten, nach vorne peitschenden Metal-Riffs, machen 70er Fusion-Spielereien Platz, präsentieren sich folkloristisch und versinken anschließend wieder im atmosphärischen Wechselbad der Gefühle. Extinct Instinct ist nicht das originellste, dafür aber eines der homogensten Progressive Metal Alben der 90er Jahre überhaupt. Kein Ton nervt, keine Spielerei wirkt abwegig, kein Bruch störend. Threshold wissen aus verschiedensten Zutaten etwas rundes ganzes zu zimmern und machen von diesem Talent auch fleißig Gebrauch… womit sie wiederum in der ersten Liga des 90er Prog problemlos mitspielen können.

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