
Es gab viele interessante Artikel auf die wir dieses Jahr bei unseren allwöchentlichen, samstägigen Linksammlungen verwiesen haben. Hier nochmal kompakt zusammengefasst die, die mir am liebsten waren:
Lobo – Der Wolf vom Zentralplatz
Eine wunderbar empathische, herausragend geschriebene Reportage über den Alltag eines obdachlosen Berbers, die so ziemlich jede Reportage in den Schatten stellt, die ich im letzten Jahr lesen durfte. Über 11 Seiten erzählt Hartmut Wagner von seinen Erlebnissen mit Lobo: Er war dabei, beim Saufen, beim Betteln, beim Platte machen. Eine ganze Woche hat er ihn begleitet und berichtet lebhaft von dieser Erfahrung. Heraus gekommen ist ein großartiger Artikel, der ordentlich Beifall erhalten, zu dem sich gar der Chefredakteur der Rhein-Zeitung noch einmal zu Wort gemeldet hat. Und tatsächlich stellt dieser Artikel für eine Regionalzeitung ein Musterbeispiel an Qualitätsjournalismus dar.
Mehr als abenteuerliche Geschichte der Domain www.sex.com, die in den 90er Jahren von einem Trickbetrüger geraubt und finanziell ausgeschlachtet wurde, während der ursprüngliche Besitzer der Adresse vor Gericht – und auch darüber hinaus – um sein Recht kämpfte, was schließlich gar in einer Kopfgeldjagd endete.
Wie ich Stalins Badezimmer erschuf
Andreas Kopiez über die erschreckend schnelle Verbreitung eines an den Haaren herbeigezogenen Wikipedia-”Faktes”.
Jörg von 4Players über aktuelle Rollenspiel-Derbys, die Vielschichtigkeit des Genres und das, was aktuellen Genrevertretern fehlt. Inklusive nostalgischem Rückblick auf die gute alte Pen&Paper-Zeit. Signed!
“Ein goldener Moment in der Geschichte des deutschen Feuilletons”
Der Umblätterer in einem sehr ausführlichen, mehr als lesenwerten Interview mit dem Geisteswissenschaftler und Feuilletonisten Hans Ulrich Gumbrecht.
Auf Kaffeefahrt – Ein Erlebnisbericht
Poppe twittert live von einer Kaffeefahrt und hat die Zusammenfassung seiner Erlebnisse nun auch in sein Blog gestellt. Irgendwie ganz schön gruselig das.
Die Werbeagentur Jung von Matt fragt bei den Helden an, ob sie nicht – für die mittlerweile sattsam bekannte Plakatwerbung – Testimonials für die BILD werden wollen. Und Judith Holofernes reagiert mit einem wunderbaren Rantoffenen Brief.
Ethan und Joel Coen: Wir wollen doch nur spielen
Die Drehbücher stecken voller sophistication und sind so kunstvoll, so perfekt komponiert, dass sich bei Kritikern der Verdacht eingeschlichen hat, das Coensche Werk sei leere Artistik – wie die Sphinx, nur ohne Rätsel. (…) Keine Frage, wer die Filme so sehen will, der mag sie so sehen – und wird dem Katz-und-Maus-Spiel, all den Stilisierungen und Manierismen, leider auf den Leim gehen. Tatsächlich drehen die Coen-Brüder metaphysische Filme. Sie forschen nach der Wahrheit, und noch ihre Komödien sind wie trojanische Pferde, mit denen sie große, schwere Fragen ins Publikum schmuggeln.
Superber Artikel von Andy Baio über von ihm gesammelte Metagames: Gemeine “Abusive Games”, minimalistische Spielerlebnisse, komplett durchdrehende Spielmechaniken, Gameverarbeitungen des Gewaltdiskurses und natürlich die obligatorischen selbstreferenziellen Metagames… VonBasted über Super PSTW Action RPG bis hin zu Wario Ware ist alles dabei. [via]
Wie Filme der digitalen Realität hinterherhinken
Interessanter Artikel auf netzwertig zu der im Film tatsächlich weit verbreiteten technischen Rückständigkeit.
Jenseits allen guten Geschmacks – New New Age
Uli von Auftouren über New Age Musik und die Angst, dass dieses unbeliebte Genre ein Revival erleben könnte… aber auch mit der Erkenntnis, dass es durchaus Hörbares aus der Ecke der Meditativen und Esoterischen gibt.
In wie vielen Wiederholungen musste Bill Murray eigentlich den Murmeltiertag ertragen?
Auch 2011 wurde der Groundhog Day zelebriert… schon wieder. Was liegt da also näher, als einfach mal den gleichnamigen Film komplett durchzuexerzieren, um auf die Anzahl der darin stattfindenden Murmeltiertage zu kommen? Simon Gallagher hat genau das getan: Akribisch recherchiert, mit sinnvollen Multiplikatoren versehen, das nicht zu Sehende in die Rechnung integriert… und kommt damit auf eine Zahl, die weit von den Regisseur Harold Ramis geschätzten 10 Jahren entfernt liegt. Die Mühe hat sich gelohnt: Ein großartiger Filmnerd-Artikel.
Wikipedia: Kuriositätenkabinett
Zum Zehnjährigen der beliebten Onlineenzyklopädie eine kleine Sammlung vollkommen irrelevanter Fakten und Lexeme. Zeitkiller!
Jan Wiele über Bob Dylans „Theme Time Radio Hour“, die nicht nur so etwas wie den Kanon einer uns bisweilen fremden Musikkultur darstellt, sondern zudem selbst ein Kunstwerk an und für sich ist.
Der Freitag über die gigantomanische Humboldt-Box, die Berlin-Mitte seit neustem ziert, und zumindest temporär so etwas wie ein Berliner Wahrzeichen sein soll.
Spannendes Interview mit den Machern von “Legend of Zelda – A Link to the Past”, entnommen einem Guidebook, das 1991 von Shogakukan produziert wurde.
Der Herr ist sehr zufrieden mit seinem sechstägigen Werk und präsentiert das Ergebnis der Community. In dieser wiederum tummeln sich Fanboys, Trolle, Kritiker und Klugscheißer. Wie im echten Leben…
Polemischer, überspitzter offener Brief zur Rolle der Geisteswissenschaftler in der digitalen Welt. Enthält durchaus einige Wahrheiten, vor allem die hiesige Kulturwissenschaft betreffend.
Heise erinnert an das wunderbare, minimalistische Betriebssystem, das weder grafisches Interface noch Multitasking-Optionen benötigte, um seine Benutzer zu verzaubern.
Christoph Schlingensief antwortete im Jahr 2000 mit den Worten “Hätte Lust mich mit dir zu unterhalten” auf die begeisterte Reaktion eines 19jährigen auf 100 Jahre Adolf Hitler. Dieser erinnert sich bei einestages an den gemeinsamen Spaziergang durch Berlin.
Makaberes, poetisches, informatives und zugleich ungemein spannendes Projekt, in dem kurz und knapp Henkersmahlzeiten und deren Besteller präsentiert werden.
Verschwörungstheorien oder strukturelle Analyse des 11. September
Das Thema lässt mich noch nicht los. Und gerade im Hinblick auf die zahlreichen hervorragenden Widerlegungen der obskuren Nanothermit-, Cruise Misile- und False Flagg-Theorien versetzt es mich doch immer wieder in Erstaunen, wie hartnäckig Verschwörungstheoretiker an ihren längst widerlegten in sich zusammenfallenden Gedankengebäuden festhalten. Michael Albert und Stephen R. Shalom lieferten bereits 2002 im Zmag eine gute Erklärung für das Verhalten der Truthseeker und vergleichen das Prozedere der Verschwörungstheorie mit wissenschaftlichen, strukturellen Analysen. Trotz des Alters immer noch lesenswert, gerade weil auch ein eleganter Bogen zu den Gefahren geschlagen wird, die von VTlern ausgehen. Um diesen entgegen zu wirken gibt es selbstverständlich auch nach wie vor aktuelle und ständig aktualisierte Links: Auf Mosaik9/11 habe ich ja schon bei den letzten Links fürs Wochenende verwiesen. Wer noch tiefer eintauchen will, sollte unbedingt bei Debunking9/11 vorbeischauen. Und wer ein wenig zu dem Thema lachen will, dem empfehle ich: Neue Verschwörungstheorie: Stecken Verschwörungstheoretiker hinter den Anschlägen vom 11. September? Ich habe an dieser Stelle erstmal fertig mit dem Thema.
Kritik am “Gutmenschen”: Friedlich, edel und an allem Schuld
Es wäre wirklich mal an der Zeit für eine politisch Studie zum pejorativen Gebrauch des Wortes “Gutmensch” im politischen Diskurs… dieser Artikel liefert allemal einen interessanten Ansatz dazu.
Postmoderne, Peinlichkeiten und die allmächtige Ironie
Nina Pauer untersucht für die ZEIT unter dem Titel “Wenn Ironie zum Zwang wird” die Mechanismen der Peinlichkeit und Ironie im postmodernen Diskurs und macht einen Schlenker von aktuellen Casting-Shows zum 80er- und 90er Trash-Revival. Dies veranlasst Lukas Heinser zu einer ziemlich interessanten, ausführlichen und angenehm abschweifenden Antwort unter dem Titel Auf der Straße zur Ironie-Hölle.
Großartige Browservariante des klassischen Lemmings. Nur zeichnen und löschen, um die suizidalen Grünschöpfe zum Ausgang zu begleiten. Rockt.
Sehr, sehr lesenswerter Artikel von Sascha Lobo, dessen Inhalt jeder “Digital Native” nur zu gut nachvollziehen dürfte. Ich habe sowieso das Gefühl, dass Lobo von Kolumne zu Kolumne besser wird. Also falls noch nicht damit in Berührung gekommen (sofern es das überhaupt noch gibt) unbedingt auch die anderen großartigen Artikel der Mensch-Maschine-Reihe bei SPON lesen.
Jürgen Tietz betrachtet interessiert die historischen und aktuellen Veränderungen des Kurfürstendamms in Berlin, der mittlerweile stolze 125 Jahre auf dem Buckel hat.
Grundsätzliche Überlegungen zu Sexismus und genereller Diskriminierung in der deutschen Sprache:
Sprache „kann“ nicht nur diskriminieren, Sprache diskriminiert. Und wir diskriminieren durch Sprache, jedes Mal, wenn wir den Mund aufmachen.
Der Umblätterer blickt auf die zehn besten feuilletonistischen Texte des letzten Jahres zurück…