Die 90er Jahre: Die besten Groove Metal Alben des Jahrzehnts

Ganz bin ich noch nicht durch mit meiner Metal-Retrospektive… Bei den Thrash-Metal-Alben habe ich ja schon auf die Entwicklung des Groove Metals hingewiesen und dort auch unverschämterweise ein paar Bands genannt, die man guten Gewissens der postmodernen Nische des Thrash zuordnen könnte. Während Machine Head und Pantera mit ihren frühen Album noch mit mindestens einem Bein in der Slayer-Ecke standen, entwickelten sie sich gegen Mitte der 90er Jahre immer mehr in Richtung Groove und hin zu Vorreitern für den kommenden Neo und Nu Metal. Bei Prong indes ist die Sache klar: Die haben schon immer gerockt wie Sau und mit ihrem Bastard-Sound dem Nu Metal so einiges vorweggenommen. Life of Agony dagegen turnen mit ihren Alben munter zwischen Alternative Rock, Hard Rock, und ja, eben auch dem gewissen Groove, um sie hier ohne Bedenken einzuordnen. Und mit Exhorder gibt es dann auch noch die richtigen Pioniere, die bereits 1992 das spielten, was das Genre auszeichnet und dem Thrash Metal mit Punk, Blues, Doom und Hardcore-Einflüssen neues Leben einhauchten.

Exhorder – The Law

(Roadrunner, 1991)

Damn it! The Law von Exhorder hätte ich eben so gut bei den besten Thrash Metal Alben einordnen können. Okay, die Grenzen sind ohnehin fließend, und gerade frühe 90er Alben wie dieses kleine fiese Monster atmen noch weitaus mehr den Geist der 80er Jahre Slayer als den von den folgenden Machine Head- und Pantera-Taten. Was solls. Irgendwie hat sich die Musikgeschichte dazu entschieden, Exhorder zur Protoband des Groove Metal zu erklären. Und falsch ist diese Entscheidung nicht. Weniger Punk, mehr Blues, weniger Hardcore, mehr Groove… so könnte sich die Entwicklung der New Orleanser vom Vorgänger zu diesem psychedelisch verrauchten Metalbastard zusammenfassen lassen. Das ist natürlich amerikanisch wie Hölle, massiver und vor allem auch cooler als alles, was die direkten Konkurrenten von Pantera davor und danach produzieren sollten. Alles in allem wahrscheinlich wirklich so etwas wie ein Protoalbum, sowohl proto-groovy als auch prototypisch für das Genre und dabei auch heute noch verdammt heiß nach vorne rockend.

Life of Agony – River Runs Red

(Roadrunner, 1993)

Streitfall, Streitfall, Streitfall und so weiter… Auf der Suche danach, was Life of Agony eigentlich machen, stolpert man gleich über ein Dutzend Genres: Alternative, Alternative Metal, Crossover, maybe sogar so etwas wie Proto-Emocore… whatever. River Runs Red ist eine amtliche Mischung aus klassischen Thrash Metal Einflüssen, Punk und ziemlich melodischem Alternative Rock, die sich vor allem durch das disversifizierte Wechselspiel von Keith Caputo und seinen Mannen auszeichnet. Dem staubigen, coolen Sound ihres Debüts gelingt es durch das zusammenwerfen und zerschießen der Gegensätze sowohl groovy als auch emotional, gelassen und aufgewühlt zu klingen… Vielleicht sogar in seiner Alternativität, seiner Ambivalenz und seiner chaotischen Ruhelosigkeit der spannendste Grenz- und Nischengang des Groove-Metal, und in seinem hemmungslosen Eklektizismus, seiner Umarmung der Heterogenität ohnehin über jede Schublade erhaben.

Pantera – Far beyond Driven

(East West, 1994)

Pantera sind ja auch so ein Streitfall, grundsätzlich. Wahrscheinlich DIE Liebe- oder Hass-Band des modernen 90er Jahre Metal. Und als wäre das nicht schon genug, ist Far beyond Driven auch noch DAS Liebe- oder Hass-Album der Texaner, über dessen platinschwere Qualität sich selbst Fans der Band schnell in die Haare bekommen. Fest steht, Far Beyond Driven ist für seine Härte ein fast schon erschreckend erfolgreiches Album, ein Chartstümer, ein Bestseller… ach was… einfach auch ein Hype-Werk. Aber hinter seinem Charterfolg steckt ein ziemlich wagemutiger, progressiver Befreiungsschlag, der sich nicht mit den früheren wohl kalkulierten Southern Rock Konstruktionen begnügt, sondern seinen Hörern mit voller Härte ins Gesicht schlägt, kratzt, beißt, spuckt und die Flucht im puren anarchischen Krach sucht. Das ist technisch nicht so ausgereift wie die Vorgänger, dafür aber ein verzweifelter – und erfolgreicher Befreiungsschlag, der seltsamerweise direkt ins Establishment bricht, um von dort mit massig Gold in den Armen weiter zu wüten. Der atavistische Vorstoß des Genres, nicht zurück zu den Wurzeln, sondern tiefer, schmerzhafter, darwinistischer, mitten hinein ins dunkle Herz des Atavismus… und dabei seltsamerweise bei einer obskuren Form von brutalem Pop ankommend.

Prong – Cleansing

(Epic, 1994)

Von den Atavisten zu den Technoiden des Genres… Prong spielen auf ihrem fünften Studioalbum eine heftige Mischung aus heftigen Thrash-Metal-Attacken, auf die auch Slayer stolz wären, kräftigem arschtretenden Groove und mischen diese Trademarks mit düsteren elektronischen Strukturen und einer höllischen Rhythmusmaschine, die so manches Industrial-Metal-Album der kommenden Jahre beeinflussen sollte. Cleansing ist die Angstmaschine des Groove Metal: Industriell verzahnt, mechanisch, aber auch melodieverliebt und asskicking bluesig, stylish und cool. Prong gelingt es auf herausragende Weise die lässige Attitüde des amerikanischen Groove Metal mit düsteren und apokalyptischen Soundscapes und hammerharten Electro-Tribals aufzubrechen, die den Metal-Sound weniger dekonstruieren als viel mehr mitzureißen und dadurch einen höllischen Noise/Metal-Bastard zu kreieren. Verwoben, experimentierfreudig, dunkel, hart… und vor allem, trotz eklektischen Schaulaufens, homogen, rund und stimmig.

Machine Head – The Burning Red

(Roadrunner, 1999)

Wenn es eine Band gibt, die eine Klammer um das Thrash/Groove-Metal-Jahrzehnt schließt, dann sind es die Dekaden-Vorreiter von Machine Head. Während der Thrash-Metal-Klassiker Burn my Eyes noch tief im Sound der 80er steht, hat sich The Burning Red vollkommen frei gespielt, hat keine Angst vor zahllosen Einflüssen aus Punk, Hardcore, Pop, Industrial und sogar Nu Metal, was bis hin zur Verwendung von rap-verwandten Vocals führt. Das darf dann gerne immer wieder Richtung Crossover schielen und eben doch zum klassischen harten Sound zurückfinden. The Burning Red ist auch ein Album, das beweist, wie sehr der Thrash in Groove-Form sich dem Pop, dem Radio annähern kann, ohne seine Credibility zu verlieren. Es das Black Album des Groove Metal zu nennen, wäre wahrscheinlich zu viel gesagt, allein schon, weil Machine Head hier eben keine komplette Neuorientierung vornehmen, sondern konsequent das weiterführen, was sie in den 90ern etabliert haben. Haters gonna hate… The Burning Red ist ein Meilenstein des Groove Metal und ein Aufbegehren gegen die Schranken, Grenzen und Dogmatismen der konservativen Metal-Landschaft.

Slayer – Diabolus in Musica

(American, 1998)

Zum Abschluss eines der missverstandendsten Alben des Genres und eines der unterschätztesten Metal-Alben der 90er überhaupt. Vielleicht haben Slayer mit Diabolus in Musica ihr Black Album produziert, nur eben mit dem Unterschied, dass im Gegensatz zu Metallica der Erfolg komplett ausblieb. Diabolus in Musica sucht den Groove und findet ihn auch, sucht den melodischen, eingängigen, coolen Sound für das kommende Jahrtausend und gelangt auch dort hin… und doch wurde es verschmäht wie kein Slayer-Album davor und danach. Warum? Die Songs sind catchy, die Modernisierung des Thrash-Metal-Sounds wirkt weder anbiedernd noch fehl am Platze, die Riffs sitzen, die Strukturen schlagen ein… und über allem liegt ein Gefühl von Aufbruch, von Wagemutigkeit, von Experimentierfreude… Ich verstehe einfach nicht, warum dieses Album sowohl von Slayer- als auch Metal-Fans derart vehement gemieden wird. Ist es zu nah am Zeitgeist? Zu experimentierfreudig? Zu groovy für die einstigen Thrash-Heroen? Egal, woran es liegt, Diabolus hat diese Missachtung nicht verdient, es ist ein großes, dunkles und dennoch hitzig rockendes Meisterwerk, ein Bastard aus Dark und Thrash und Alternative, ein Monolith von einem Groove Metal Album.


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