Christmas Content: Die Sache mit dem Weihnachtsmann…

Ich hatte als Kind keine Möglichkeit an den Weihnachtsmann zu glauben, schlicht und ergreifend weil es bei uns keinen Weihnachtsmann gab. Stattdessen kam, wie es in katholischen Familien üblich ist, der Nikolaus, und zwar nicht an Heilig Abend, sondern – wie es ebenso in katholischen Familien üblich ist – am 6. Dezember, dem Nikolaustag. Dieser trug eine große Bischofsmütze, hatte einen Bischofsstab in der Hand und einen riesigen Sack auf dem Rücken, in dem sich ein gigantisches Buch sowie diverse Geschenke befanden. In dem Buch standen penibel aufgelistet die guten Taten sowie die Verfehlungen von mir und meinen Geschwistern. Nachdem diese verlesen wurden, einer von uns ein Gedicht vorgetragen und meine Schwester angesichts dieses großen, unheimlichen Mannes geheult hatte, gab es eine Minibescherung, quasi als Vorboten für den Geschenkeregen am heiligen Abend. Soweit ich mich erinnere, habe ich als beinharter Skeptiker auch nicht an den Nikolaus geglaubt, wusste, dass sich hinter dem Kostüm mein Vater – oder einer seiner Arbeitskollegen – verbarg und dass in dem Buch nichts über uns geschrieben stand, sondern dass meine Mutter den Fotoband über die Nuba von Kau (von Leni Riefenstahl) in goldenes Papier eingewickelt hatte und uns dieses nun als allwissendes Nikolaus-Buch verkauft wurde.

Diese obskure Mischung aus christlicher Nikolaus-Ikonizität und dem modernen Weihnachtsmannkult ist schon ein wenig bezeichnend dafür, wie in unserer Familie mit der katholischen Tradition und dem säkularisierten Weihnachtskult umgegangen wurde. Dass der Weihnachtsmann sowohl in der Familie als auch in der Schule Tabu war, hängt nicht zuletzt mit dessen schlechtem Ruf als kommerzialisiertes Weihnachts-Mem zusammen. Ist natürlich Blödsinn. Die Behauptung, der Weihnachtsmann sei eine Erfindung von Coca Cola wird nicht richtiger, egal wie oft man sie wiederholt. Stattdessen ist der Mythos des Geschenkebringers mit weißem Rauschebart nichts anderes als die säkularisierte Transformation des Nikolaus-Mythos in den angelsächsischen Raum. Europäische Einwanderer importierten diesen in die USA, wo er peux à peux der Kultur des neuen Kontinents angepasst wurde. Eine der ersten schriftlichen Quellen, die diesen Wandel zeigt, stammt von dem anonymen Gedicht The Night before Christmas (1823), in dem vom Weihnachtsmann, seinem Schlitten und den diesen ziehenden Rentieren die Rede ist. 1823 wohlgemerkt, gute 70 Jahre vor der Gründung der Coca Cola Company durch Asa Griggs Candler.

Obwohl alle Trademarks des Weihnachtsmanns knappe 200 Jahre alt sind – unter anderem auch in Bildern, Gedichten und Texten von Heinrich Hoffmann, William Gilley, Clement Clarke Moore und Thomas Nast vorkommen – eignet sich der säkularisierte Geschenkebringer bestens für kleine und größere Kulturkämpfe, inklusive verbissenem Antiamerikanismus und Coca-Cola-Legenden. So verweist GWUP auf eine gerade aktuelle bayrische Debatte um die Frage Weihnachtsmann oder Nikolaus. An dieser ist unter anderem auch Maite Kelly – Spross der 90er Jahre Folkbande “The Kelly Family” – beteiligt. Diese wirft dann auch die mehr als amüsanten Worte ein:

Ich muss meinen Kindern keine Lügen vom Weihnachtsmann erzählen. Ich kann ihnen eine wahre Geschichte erzählen.

Soso… die wahre Nikolausgeschichte… Welche denn? Die, in der Nikolaus wie durch ein Wunder auf einem Schiff erscheint, dieses navigiert und den Sturm still legt, der zuvor noch die Mannschaft bedrohte? Oder die von der wundersamen Kornvermehrung? Oder eine von gleich mehreren, in denen der Gute Tote wieder zum Leben erweckt?

Dann bleibe ich doch lieber beim säkularen Weihnachtsmann-Kult. Dieser ist nämlich – allein durch seine alljährlichen Wunder – so absurd, dass er bereits im Ansatz als nettes Märchen enttarnbar ist. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass vom modernen Mythos von Santa Clause nicht die geringste Gefahr für Ratio und Logik ausgeht, einfach weil er mit Verfallsdatum ausgestattet und in Fantasywatte gehüllt ist. Dazu passt natürlich wunderbar der ebenfalls alljährlich auftauchende Brief der kleinen Virginia an die New York Sun mit der brennenden Frage: Is There a Santa Claus? (1897)

DEAR EDITOR: I am 8 years old.
Some of my little friends say there is no Santa Claus.
Papa says, ‘If you see it in THE SUN it’s so.’
Please tell me the truth; is there a Santa Claus?

VIRGINIA O’HANLON.
115 WEST NINETY-FIFTH STREET.

Die rührende Antwort von Francis P. Church in der Zeitung ist ebenso wie die Frage in die Geschichte eingegangen:

(…) Yes, VIRGINIA, there is a Santa Claus. He exists as certainly as love and generosity and devotion exist, and you know that they abound and give to your life its highest beauty and joy. Alas! how dreary would be the world if there were no Santa Claus. It would be as dreary as if there were no VIRGINIAS. There would be no childlike faith then, no poetry, no romance to make tolerable this existence. We should have no enjoyment, except in sense and sight. The eternal light with which childhood fills the world would be extinguished. (…)

In diesem Fall gibt es – bereits vom vergangenen Jahr – eine sehr schöne, modernisierte, rationalisierte Antwort bei den Skeptikern:

(…) Wenn du an einen Weihnachtsmann glaubst, kannst du genauso gut an Feen glauben, oder an rosarote Grashüpfer mit Pantoffeln. Das alles sind tolle Ideen, und es macht Spaß, so zu tun, als wären sie echt, aber sie sind es nicht. Was echt ist, sind die Gefühle, die deine Freunde und deine Familie für dich haben, und die du für sie hast. (…)

Und denk immer dran: Die Welt ist wunderbar genug, da muss man keinen Weihnachtsmann erfinden.

Ich habe ja noch keine Kinder, denke aber dann doch, recht genau zu wissen, wie ich die Weihnachtsmann-Frage handlen würde. Ich würde wahrscheinlich nicht mal im Traum daran denken, meinen Kindern zu erzählen, es gäbe einen Weihnachtsmann. Stattdessen würde ich – einfach weil es für Kinder toll ist – die ganze Inszenierung, inklusive Kostümierung, Geschenkeübergabe etc… mitmachen. So lange das “Rollenspiel” läuft, würde ich das auch nicht brechen, würde ingame bleiben. Wichtig wäre mir allerdings schon, dass mein Kind davor und danach weiß, dass es sich um ein Spiel handelt, um ein “als ob”, vergleichbar mit Filmen, Büchern und Theater. Der Ritus wird ja nicht dadurch abgewertet, dass er als fiktional enttarnt ist. Bei den evidenzbasierten Ansichten gibt es noch einen sehr schönen Text darüber, wie man mit wissenschaftlichem Ethos mit der kindlichen Neugier nach der Echtheit des Weihnachtsmanns umgehen kann…

(…) Ich versuchte zu vermeiden, geradeheraus zu lügen oder mich als Gott gleiche Autorität aufzuspielen, da ich entschlossen war, ihn das selbst herausfinden zu lassen. Und als er mich schließlich im Alter von neun Jahren, auf einem verschneiten Parkplatz zu den Klängen einer Heilsarmeekapelle, geradeheraus fragte, ob es den Weihnachtsmann wirklich gäbe – hielt ich ihn ein letztes Mal hin.

„Was glaubst Du?“, fragte ich ihn. (…)

Finde ich ebenfalls sehr sympathisch, gerade auch weil mir nicht vorstellen kann, irgendwann mal meinem Kind zu sagen “Ja es gibt ihn.”, zugleich aber auch dem Kind die Suche nach der “Wahrheit” nicht dogmatisch, autoritär abnehmen will.

Und damit erstmal genug zum Weihnachtsmann und den damit verbundenen Topoi. Wenn man anfängt sich damit zu beschäftigen, stellt man jedenfalls fest, dass das Thema weitaus spannender ist, als man vielleicht auf den ersten Blick vermuten könnte: Sowohl als mythologisches als auch kulturwissenschaftliches als auch kommunikationswissenschaftliches als auch metawissenschaftliches Phänomen. Dieses Jahr sind wir erst einmal wieder durch damit, die Weihnachtsfeiertage sind so gut wie überstanden und Silvester lacht am Horizont. Da können wir uns dann dem Sinn und Unsinn des Bleigießens widmen. Bis dahin, ein letztes Mal Frohe Weihnachten!

Ein Gedanke zu „Christmas Content: Die Sache mit dem Weihnachtsmann…“

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>