Die 90er Jahre: Die besten deutschen Alben des Jahrzehnts VI

Zwei Rückblicke zu den besten deutschen Alben der 90er habe ich noch in petto. Im vorletzten Teil unserer Retrospektive dominiert wieder die deutschsprachige Musik… aber nicht nur. Ganz ohne Vocals kommen die Doom Jazzer von Bohren & der Club of Gore aus, die bereits vor ihrem Meisterwerk Black Earth die Schönheit der Stille entdecken, während The Notwist für den gewissen angelsächsischen Touch sorgen. Deutschpunk darf natürlich nicht vergessen werden, in diesem Fall vertreten durch Slime, die amtlichen 80er Punk Rock von der Straße zelebrieren, diesen aber mit Metal und Noise gehörig in die Mangel nehmen. Auch die Boxhamsters spielen keineswegs klassischen Deutschpunk und schielen stattdessen lieber Richtung Hamburger Schule und Postrock-Euphorie mit Pop-Attitüde. So etwas wie die Hamburger Vorschule (ähmmm) gibt es dann auch noch, und zwar von der grandiosen, prophetischen Kolossalen Jugend. Und wirklich klassische deutsche Musik hat der Barde Konstantin Wecker im Gepäck, wenn er auf famose Weise Berthold Brecht interpetiert.

Slime – Schweineherbst

(Indigo, 1994)

Achja… Deutschpunk… wie könnten wir dich vergessen? Hast du den 90ern doch zahllose Alben beschert, eines versoffener und trashiger als das andere. Und so war nix gut genug, während wir die Kapitulation Bonns feierten über dicke Polizisten herzogen und unsere Dritte Wahl in der Fahnenflucht fanden… Aber Deutschpunk empfiehlt sich dann doch tatsächlich nicht nur für nostalgische Rückblicke in die unbeschwerte/beschwerte BRD-Jugend. Er hat auch ein paar Meisterwerke im Gepäck, die nicht vergessen werden sollten. Wenige, das gebe ich gerne zu, aber sie existieren, wenn man nur genau hinhört. Slimes letztes Album Schweineherbst gehört definitiv dazu. Nicht nur, weil hier noch einmal, ein letztes Mal die großen Trademarks des aggressiven Deutschpunks der 80er aufgefahren werden, sondern auch weil erstaunlich offen mit Noise- und Metal-Einflüssen experimentiert wird und die Hamburger gar ein bisschen mit Pop-Melodien flirten. Dass das immer noch Punk ist, dafür sorgen schon die unbekümmerte Rotzigkeit, die Fuck Off Attitüde sowie die harschen, Fleisch aufreißenden Polittexte. Subtil ist das nicht, feingeistig noch weniger, dafür aber ein ordentlicher, heftiger Schlag in die Fresse des Establishment und dabei dennoch überraschend hörenswert und experimentierfreudig. Genre-atypisch alles andere als konservativer Punk Rock, den man sich heute noch auch ohne Iro, Springerstiefel und zerrissene Jeans geben kann.

Konstantin Wecker – Brecht

(BMG, 1998)

Hmmm… ja… die großen deutschen Liedermacher hatten in den 90er Jahren nicht gerade ihre Glanzzeit. Reinhard Mey konnte zwar mit seinem Spätwerk überraschen und bewegen, aber sonst lief nicht viel für die einst mal großen Barden der Republik. Und dann kommt doch plötzlich dieser Konstantin Wecker und veröffentlicht kurz vor der Jahrtausendwende ein Bündel Songs, die besser sind als… als alles was er davor geschrieben hat. Dass die Lieder auf diesem folkig verspielten Album aus fremder Feder stammen, sollte hier kein Wehrmutstropfen sein, ist doch seine Vermählung mit dem Geist der 20er und 30er Jahre so etwas wie die Traumhochzeit der deutschen Liedermacherlandschaft. Konstantin Wecker interpretiert Brecht… und wie er dies tut. So werden aus den klassischen Balladen des berühmten Dichters locker, leichtfüßige Songwriter-Hymnen zwischen Folk, Volksmusik (im einzig positiven Sinne des Wortes), Kabarett- und Varieté-Kunst. Wecker hat sichtlich Freude an den Arrangements des sehr sehr klassischen Materials und klingt bei deren Umsetzung so lebendig und frei wie schon lange nicht mehr zuvor. Mal vital und frisch, mal düster und poetisch, mal trunken vor Glück… aber immer wunderschön: Eine beispiellose Neuentdeckung großer Lyrik des 20. Jahrhunderts.

Leider nix zum Einbetten. Aber hört euch unbedingt Das Schiff hier bei Simfy an. Groß!

Kolossale Jugend – Leopard II

(Lado, 1990)

Hmmmm… Hamburger Schule… waren das nicht Tocotronic? Nope, es gibt nur ein wahres Hamburger Urgestein, und das ist die Kolossale Jugend. Gitarrengeschrammel, flüchtige Worte, Sprachgeschrammel, lyrische Texte zwischen Gesellschaftskritik und schroffer postpubertärer Melancholie… All das, was fünf bis zehn Jahre später der heißeste Scheiß in Sachen deutschsprachiger Musik sein sollte, bereits auf diesem einzigartigen, wegweisenden Album vorhanden. Vielleicht war die Zeit damals noch nicht reif… aber Hölle, dieses Album funktioniert auch heute noch perfekt. Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass Leopard II 20 Jahre alt sein soll. Der Sound sitzt, die Wechsel zwischen Anspruch und harschem Indie Atavismus hauen ordentlich rein, sorgen für ständige Überraschungen und Kristof Schreuf ist ohnehin Gott, auch heute noch. Perfekte Antiperfektion, gehüllt in den Rausch des zweifelnden Aufbruchs, verkopft, phlegmatisch, hedonistisch, subversiv… und die Studenten können doch rocken!

Boxhamsters – Tupperparty

(Indigo, 1996)

Achja… Deutschpunk, wie könnten wir dich vergessen…? …Vielleicht mit diesem Album? Lebendige Ska-Instrumentals brechen über dir ein, verprügeln dich mit scharfen Metall-Gitarren, reißen dich herunter in Pop- und Indie-Melancholie, spielen mit dir den phlegmatischen Veitstanz aus Hamburg und schleudern dich in epische Post Punk Abgründe. Da darf ein Song dann auch mal opulente Spielzeiten von bis zu sechs Minuten erreichen und so darf das Punk Geschrammel und Genöle von experimentellen Instrumentals unterbrochen werden… Okay, okay,… natürlich bist du trotzdem noch da, und vergessen wollen wir dich ja gar nicht. Und so gibt es heftige Arschbomben, es werden keine Geiseln genommen und im Irrenhaus wird um das Selbst gekämpft. Und doch sind da die Pixies, sind da The Smiths, sind da Tocotronic und sind da …And you will know us by the Trail of Dead. Alle in bester Gesellschaft auf diesem wirklich großen, punkigen, anti-punkigen, eklektischen und postmodernen Rock N Roll Ungetüm.

Bohren & der Club of Gore – Midnight Radio

(Epistrophy, 1995)

Bevor Bohren & der Club of Gore auf Black Earth die Langsamkeit für sich entdeckten – und damit ein Meisterwerk des Doom Jazz ablieferten – spielten sie bereits in den 90ern Lounge-orientierten Doom Jazz, der die Dunkelheit der langsamen Selbstzerstörung fest im Visier hatte, zugleich aber von atmosphärischen, jazzigen Bar-Interludes aufgebrochen wurde. Midnight Radio stellt so etwas wie die perfekte Verbindung von Postrock, Doom, Down Tempo und elegantem Noir-Jazz dar, verirrt sich in den 30er und 40er Jahren, flirtet heftig mit Cool Jazz und relaxtem Lounge-Sounds und findet immer wieder zurück zur puren Einsamkeit des gedrosselten Tempos. Jazz an der Schwelle zum Noir an der Schwelle zum Ambient an der Schwelle zum seligmachenden Nichts. Der leere Platz zwischen den Tönen, der Freiraum für Musik und die Sehnsucht der Langsamkeit als radikale Waffe. Erhaben und einzigartig.

The Notwist – 12

(EMI, 1995)

Auch The Notwist haben sich entwickelt: Vom Postcore und Alternative Rock der Anfangszeit über diverse Jazzeinflüsse bis hin zum elektronischen Indie Rock, den sie heute spielen. Das Album 12 schlägt fast einen negativen, dafür aber umso intensiveren Haken auf diesem ohnehin schon alles andere als geradlinigen Weg. Jazz findet wenig statt, der Punk ist auch zurück gedrosselt, und beim Indie Pop sind die sympathischen Weilheimer auch noch nicht ganz angekommen. Stattdessen gibt es einen spannenden Hybriden aus Postrock mit deutlichem Kuschelfaktor, Indie Rock Melancholie und einer subtilen, dafür aber umso einnehmenderen Electro-Punk-Leidenschaft. 12 spielt mit den Dispositionen der Aggression, um sie in puren, anschmiegsamen Pop zu verwandeln, schichtet Soundschichten übereinander, um doch ganz mit diesen ganz fragil, zurückhaltend traumzutänzeln, abzuheben, Leidenschaft in der Vernunft zu finden. Twelve ist ein Seiltänzer-Album, das hoch in den Lüften tanzt, die Konzentration doch immer ganz auf dem nächsten Part, dem nächsten Schritt liegen hat und dadurch nie Gefahr läuft abzustürzen. Wunderbare Wohlfühlmusik, die gerade durch ihre latente Widerborstigkeit so gut tut und weder Angst vor Gefühlen noch vor noisigen Ausreißern hat.

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