Die 90er Jahre: Die besten deutschen Alben des Jahrzehnts V

Rinko hat in insgesamt vier Artikeln ja ganz schön gewütet in der deutschen Musiklandschaft der 90er Jahre. Ein paar kleine Perlen hat er mir aber dennoch übrig gelassen. Und so setze ich erstmal meine Unterschrift unter die meisten von ihm genannten Alben (außer Rammstein) und trage meinen Teil zu den besten deutschen Alben der 90er Jahre bei. Und wenn Rinko sich schon zu den Till Lindemanns bekennt, darf ich hier auch gegen alle möglichen Bedenken der Geschmackspolizei zwei Bands erwähnen, die wohl für viele 80er Jahrgänge lange gleichbedeutend mit “deutschsprachiger Musik” überhaupt waren. Jepp, auch die Mainstream-Punkrocker Die Toten Hosen und Die Ärzte haben in den 90ern verdammt starke Alben aufgenommen, die hier ohne Scham genannt werden dürfen. Daneben gibt es wunderbar e- und u-musikalisches von den Einstürzenden Neubauten, die von Rinko bereits erwähnt wurden sowie zum Krautrock der alten Schule formerly known as Avantgarde. In den 90ern vertreten durch die nicht tot zu kriegenden Faust. Und dann gibt es auch noch Jazzkantine sowie Such a Surge, die – trotz gelegentlicher Kritikerhäme – mit amtlichem Crossover begeistern können und – wie könnte man ihn vergessen – Reinhard Mey, der mit Flaschenpost mit einem nachdenklichen und bescheidenen Statement daherkommt und dabei angenehm reflektiert und unkitschig klingt.

Jazzkantine – Jazzkantine

(Sony, 1994)

Heiß und fettig soll es sein… zumindest wenn es nach der Aussage der Jazzkantine geht. Gott sei Dank hält sich die Bigband nicht im Geringsten an diese Vorgabe und spielt stattdessen eine ordentliche Mischung aus Funky Beats, entspanntem Jazz und poppigem Sprechgesang. Im Gegensatz zu US-Vorbildern wie Guru und US3 spielt der Jazz hier auch tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle, dient praktisch primär als Vorwand, um elegante, eingängige Rap/Funk/Pop-Hymnen auf das Publikum los zu lassen. Das Ergebnis ist ein angenehm leichtfüßiger und auch leichtmütiger Hybrid aus chartkompatiblem Pop, Rock N Roll, Funkjazz und deutschsprachigem Hip Hop, der wunderbar undeutsch daherkommt. Das ist zwar nicht so ausgereift und experimentell wie andere Fusion-Alben der 80er und 90er, hat dafür aber das Herz am rechten Fleck, die Tanzlust in den Beinen und die entspannte Philosophie der frühen 90er im Geist. Crossover der Marke “relaxed”, wie er in der Dekade viel zu selten vorgekommen ist.

Die Toten Hosen – Opium fürs Volk

(JKP, 1996)

Mit dem Vorgänger Kauf MICH! (1993) haben sich die Toten Hosen erfolgreich um die Prollrock-Krone beworben sowie auf den Thron für erhobenen Zeigefinger Sozialarbeiter-Punk gehievt. Dabei hatten die Jungs zuvor eigentlich vieles richtig gemacht (wie sich auch auf dem ersten Best-of Reich & Sexy (1993) nachhören lässt). Lausbuben-Attitüde und Pop-Punk-Frechheit hatten sie ebenso zu bieten wie trashigen Punk und epischen Deutschrock. Auf Opium fürs Volk sind sie offensichtlich dann doch (Achtung Floskel!) endlich erwachsen geworden. Der 96er Dämon ist so etwas wie ein postspirituelles und zugleich zutiefst spirituelles Ausnahmewerk, das geschickt zwischen den Polen von Deutschrock, Punk und stilverliebtem Pathos oszilliert. Die Sauf-Hymne wird konsequent ans Ende verbannt und statt Anarchowitz gibt es kafkaeske Hymnen, hedonistische Verzweiflung, viel Kirchen- und Ideologiekritik sowie eine überraschend aggressive Grundausrichtung. Das ist zwar dank der catchy Hooklines und dem hymnischen Habitus immer noch 100% radiokompatibel, hat aber eben auch das gewisse Etwas um auch 15 Jahre später keineswegs unangenehm oder peinlich zu klingen. Ehrlich, wenn ihr die Hosen Dank ihrer Aussetzer nur mit Prollrock und nervig belehrender Polit-Didaktik assoziiert, gebt euch dieses Opium… Es ist schlicht das Beste, was die Band je produziert hat… und weitaus besser als sein Ruf bei der Indie-Polizei.

Die Ärzte – Das Beste von früher bis Jetze

(Sony, 1994)

Auf zu den nächsten Pop-Punk-Ikonen… Ich mochte damals übrigens die Ärzte und die Hosen und fand wie viele andere auch die zurechtkonstruierte Konkurrenz der beiden Bands ziemlich albern. Natürlich ist es ein wenig feige die Berliner Maintream-Punker mit einer Best-Of-Compilation hier reinzunehmen, aber ganz im ernst: Wer wissen will, was die Band von ihren ersten Aufnahmen bis heute auszeichnet, braucht diesen großartigen Doppelschlag: Von wütendem Punk über tanzbaren Gaga-Pop über kindlichen Deutschrock bis hin zu merkwürdigen WTF-Hymnen ist auf dieser Best-Of wirklich alles Wesentliche und schlicht das Beste vertreten. Das ist manchmal genial, manchmal debil, manchmal bescheuert, manchmal einfach nur göttlich… aber fast immer eingängig und zaubert automatisch ein breites Grinsen in das Gesicht der Hörer. Und ob das jetzt noch Punk ist oder whatever… Fuck off! Die Ärzte rocken, die Ärzte fetzen… und das ist doch schließlich alles, was zählt.

Einstürzende Neubauten – Ende Neu

(EMI, 1996)

Den auf Tabula Rasa beschrittenen Weg gehen die Einstürzenden Neubauten auf dem Nachfolger Ende Neu konsequent weiter. Zu schrägen, avantgardistischen Experimental-Sounds und noisy Interludes gesellen sich sanfte Pop-Hymnen, wahre Rhythmus-Monster und dunkle Vexierspiele. Wunderbar spielen sie auf der Platte mit ihren Einflüssen aus den Bereichen Kraut, Electro, Minimal und experimentellem Krach, verweben E-Musik mit poppiger Leichtigkeit, als gäbe es nichts einfacheres und kreieren ihre ganz eigene Bastardisierung der Hochkultur und gleichzeitig ihre ganz eigene Stilerhöhung der Popkultur. Greifbare, verschlingbare und dennoch alles andere als anspruchslose Pop-Avantgardisierung, dekonstruktivistische Klangexperimente, die bei Sound, Song und Hookline landen und eine herrlich verspielte, ungezwungene Attitüde zwischen Intellektualismus und breitflächigem Popular-Gestus heraufbeschwören. Meisterhaft.

Faust – Ravvivando

(Klangbad, 1999)

Keine Frage, gegen Ende der 70er Jahre war der Krautrock tot. Ohnehin von der hiesigen Musikpresse eher mit Missachtung gestraft entwickelten sich die meisten Vertreter des sehr speziellen, avantgardistischen und progressiven Rock Made in Germany dann seltsamerweise lieber Richtung Ethno und klebriger World-Music, anstatt den grandiosen psychdedelischen Sound ihrer Frühwerke weiter zu entwickeln. Zu den wenigen Überlebenden, zu den wenigen, die tatsächlich weiter in E-Musik und LSD-Gewässern fischten, gehören die Krautrock-Ikonen Faust, die auch heute noch mit spannenden Neuveröffentlichungen am Puls der Zeit werkeln. Ravvivando klingt auch nach allem anderen als Stillstand, stattdessen vermählt sich klassischer, nostalgischer Psychedelic Kraut mit postmoderner E-Musik mit Electro-Beats und 90er Jahre Soundscapes. Das klingt manchmal retro, manchmal unfassbar frisch und ist in seiner Dichte, in seinen verwobenen Ambient-Arrangements bereits ein erstes Vorzeichen der späteren Postrock-Orientierung der Band. Fernab jeglicher zeitlicher Zuordnung feiert Ravvivando eine eigene, außerirdische, epische und zugleich introspektive Apokalypse. Avantgarde aus dem Schattenreich, fern von jeder möglichen Kategorisierung. Wir feiern gerne mit.

Such a Surge – Agoraphobic Notes

(Epc, 1996)

Sich mit der deutschen Indie-Polizei anzulegen, ist gar nicht so schwierig. Man muss neben den Toten Hosen und den Ärzten einfach noch Such a Surge erwähnen, und darf die Frage nach dem eigenen Geschmack damit als gelutschten Drops betrachten. Dabei wird oft und gerne übersehen, dass die Braunschweiger Crossover-Combo mit ihrem Frühwerk Under Pressure (1995) und dem Nachfolger Agoraphobic Notes mindestens zwei satte Crossover-Scheiben zwischen Punk, Hardcore, Hip Hop und Metal aufgenommen haben. Das mag die späteren Ausrutscher Richtung Mainstream-Core nicht vergessen machen, trotzdem tobt auf diesen Platten noch das wahreLeben, inklusive der notwendigen Street Credibility. Dazu gehören dann selbstverständlich auch ein wenig pubertäre Subversion, rebellische Plattitüden und stereotype Phrasen… aber die haben auch Ton, Steine, Scherben nicht davon abgehalten eine große Band zu sein. Agoraphobic Notes pendelt zwischen jugendlichem Leichtsinn, düsterem Pathos, phatem Hip Hop Gepose und viel Leidenschaft, die sich in aggressiven Metalcore-Hymnen nach vorne kämpft. Alles andere als subtil, aber im richtigen Moment in der richtigen Stimmung genau der richtige Arschkick… und sei es nur, um sich selbst an die eigene wilde Jugend zu erinnern.

Reinhard Mey – Flaschenpost

(EMI, 1998)

Nach der Jugend, die volle Reife des Alters. Reinhard Mey ist auch so ein Phänomen, oszilliert permanent zwischen großartigem, minimalistischem Liedermachergut, ostentativen Schlagern und schlichtweg langweiligen Nummern, die dazu führen, dass er von Kritikern oft  für seine brave Biederkeit belächelt und unter “ferner liefen” eingeordnet wird. Flaschenpost ist so etwas wie ein Alterswerk des Barden: Die Schlager sind so gut wie nicht vorhanden, der Kitsch ist auf ein erträgliches Maß zurückgeschraubt und die einzelnen Songs entwickeln eine unglaublich, meditative Kraft zwischen bescheidenen Chansonnier-Tönen und einfachen Gitarrenarrangements. Damit schafft er es zwar nicht ganz zum deutschen Johnny Cash, überrascht aber mit viel Reflexionsvermögen und einer nachdenklichen, subtilen Melancholie, die seinen anderen Alben mitunter abgeht. Eine kleine Perle in der deutschen Singer/Songwriter-Landschaft, und selbst seine Bravheit wirkt in diesem Fall nicht ärgerlich naiv sondern angenehm abgeklärt, beinahe altersweise. Schade nur, dass er eben jenes Album danach noch gleich fünfmal aufgenommen hat und damit selbstverschuldet wieder bei biederer Vorhersehbarkeit gelandet ist. Anyway, Flaschenpost ist hörenswert, auch heute noch.

Ein Gedanke zu „Die 90er Jahre: Die besten deutschen Alben des Jahrzehnts V“

  1. “Jeden Tag stirbt ein Teil von dir” finde ich immer noch großartig und Opium fürs Volk ist noch das letzte gute Album der Hosen, die Ärzte sind dagegen vollkommen belanglos. :P

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